Wie fanden „Mann und Frau“ zueinander?

Eiche_BucheMann und Frau im Reichswald
Eine Eiche und eine Buche waren im Reichswald im Jagen 150 zusammengewachsen, daher nannte man sie „Mann und Frau“. Die Eiche ging später (vor 1933) ein, dann sprach man von „Witwe Buche“. Inzwischen sind beide Bäume abgestorben. Heute gibt es noch in der Abteilung 98 des Forst­be­triebsbezir­kes Kranenburg eine mit einer Buche zusammengewachsene Eiche, die der ehemali­ge Forstbetriebsbeamte Werner Kruck auf einer Tafel als „Jan en Grit“ bezeichnet hat.

„Jan en Gritt“ 2004

Foto privat

Für Karl Leisner und seine Jungen war der Reichswald um Kleve ein beliebter Erlebnisort. Zu den dortigen Treffpunkten gehörten auch „Mann und Frau“. Vermutlich wußten die Jungen nicht, wie das Zusammenwachsen von Eiche und Buche geschehen war. Peter Wohlleben erklärt den Vorgang in seinem Buch „Das geheime Leben der Bäume“ im Kapitel „Die Eiche – ein Weichei?“ (Seite 66 bis 69), und es wird klar, warum man ab 1932 nur noch von „Witwe Buche“ sprach.

Wohlleben

 

 

 

Wohlleben, Peter
Das geheime Leben der Bäume. München 2015

 

 

 

Peter Wohlleben:
Eichen haben es in mitteleuropäischen Wäldern schwer, denn hier ist die Heimat der Buche. Diese ist zwar unglaublich sozial eingestellt, allerdings nur gegenüber Artgenossen. Fremde Bäume werden massiv bedrängt, damit sie weichen. Das fängt ganz langsam und harmlos an, indem ein Eichelhäher eine Buchecker am Fuße einer mächtigen Eiche vergräbt. Da er genügend andere Depots angelegt hat, bleibt sie unberührt und keimt im kommenden Frühjahr. Ganz langsam wächst sie über viele Jahrzehnte still und heimlich nach oben. Zwar fehlt dem jungen Baum die Mutter, doch zumindest Schatten kann die Alteiche spenden und hilft damit, den Buchennachwuchs schön langsam und gesund aufzuziehen. Was oberirdisch harmonisch aussieht, entpuppt sich unterirdisch als beginnender Existenzkampf. Die Wurzeln der Buche drängen sich in jede Lücke, die die Eiche nicht nutzt. So unterwandert sie den alten Stamm und schnappt sich Wasser und Nährstoffe, die der große Baum eigentlich für sich reserviert hatte. Das bewirkt eine schleichende Schwächung. Nach rund 150 Jahren hat der kleine Baum sich so weit gestreckt, dass er langsam in die Krone der Eiche hineinwächst. Hinein, und nach weiteren Jahrzehnten hindurch und vorbei, denn im Gegensatz zur Konkurrenz kann er praktisch lebenslang seine Krone ausbauen und weiter wachsen. Nun bekommen die Buchenblätter direktes Sonnenlicht, sodass der Baum jede Menge Energie hat, um sich breitzumachen. Er bildet eine prachtvolle Krone, die artentsprechend 97 Prozent des Sonnenlichts einfängt. Die Eiche findet sich in der zweiten Etage wieder, wo ihre Blätter vergeblich nach Licht schnappen. Die Zuckerproduktion geht drastisch zurück, die Reserven werden verbraucht, und langsam verhungert der Baum. Er merkt, dass er sich nicht mehr gegen die starke Konkurrenz durchsetzen kann, dass es ihm nie wieder gelingen wird, lange Höhentriebe zu bilden und doch noch einmal über die Buche zu kommen. In seiner Not, vielleicht sogar aufflammender Panik, macht er etwas, was gegen jede Regel verstößt: Er bildet neue Zweige und Blätter tief unten am Stamm. Diese Blätter sind besonders groß und weich, sie vermögen mit weniger Licht auszukommen als jene aus dem Kronenbereich. Dennoch sind drei Prozent zu wenig, eine Eiche ist eben keine Buche. Folglich verdorren diese Angstreiser wieder, und die wertvolle verbleibende Energie ist nutzlos verpulvert. In diesem Stadium des Verhungerns kann die Eiche weitere Jahrzehnte verharren, doch irgendwann gibt sie auf. Ihre Kräfte erlahmen, doch manchmal erlöst sie der Prachtkäfer.[1]

[1]    Wohlleben, Peter: Das geheime Leben der Bäume. München 2015: 66f.

Durch den Artikel wird deutlich, warum die als so stark bekannte Eiche als erste einging und man ab 1932 nur noch von „Witwe Buche“ sprach.

Gruppenchronik

Freitag, 10. Juni 1927
Um 9.00 Uhr trafen wir uns am Gymnasium. Von hier zogen wir zum Aus­sichts­turm. Dann durch die schöne Materborner Schweiz in den Wald. Durch den Wald zu einem Puhl im Reichswald. […] Nun gings durch den schönen Reichswald nach Mann und Frau, dort sind zwei Bäume, eine Eiche und eine Buche zusammen verwach­sen. Als wir uns Mann und Frau ange­schaut hatten, gings auf herrlichen Waldwegen zum Forsthaus Streepe, dort wurde abge­kocht.

Tagebucheinträge

Kleve, Dienstag, 27. August 1929
Heute gings wieder mit Papa, Maria, Fräulein Lieschen [Drove] und Lud­wig Koenig um 9.00 Uhr los. Es ging über Ranzow und bei Villa „Wald­frieden“ (Rogmann) in den Wald. Bald trafen wir dort Herrn [Wilhelm] Schü­rings mit seinen zwei Kleinsten und andern Kindern. Es ging zusammen nach „Mann und Frau“. Hier rasteten wir und gingen dann zum Neunuh­renberg.

Kleve, Sonntag, 26. Januar 1930
Großes Kriegsspiel (mit den Quickbornern)
Um 10.00 Uhr trafen wir uns mit den Quickbornern […] es ging in gemütlichem Marsch zu den fest­ge­setzten Jagen (in der Nähe von „Mann und Frau“). Als wir zum Kriegs- und Schlachtfeld kamen, suchten wir uns – ganz im „Tömp­ken“ [Eckchen] des Jagens 151 – ein Lager.
Wir ließen eine Lagerwache […] zurück und „gon­delten“ in verschiedenen Richtungen los. […] Nun wurde das Ge­lände abgesucht, aber niemand von den Feinden wurde gese­hen. – End­lich gingen [… wir] zum Lager, um die Wa­che abzulösen. […] Aber wir paßten auch gut auf, ob der Feind herannahe. Um 15.00 Uhr war Schluß, und sofort bra­chen wir […] zum Treffpunkt „Mann und Frau“ auf. – Hier wieder ei­nen unge­heu­ren Ulk […] Bald kam auch der „haß­er­füllte Feind“ und „versöhnte“ sich mit uns. – Natürlich wurde, wie das ge­wöhnlich nach ei­nem Kriegsspiel ge­schieht, „genöhlt“. Aber schließlich wurde unser „Sieg“ aner­kannt.

Kleve, Donnerstag, 8. Mai 1930
Wandertag mit der Klasse. Reichswald (Mann und Frau). Über Streepe und Stoppelberg. Rückkehr 12.30 Uhr.

Kleve, Sonntag, 17. April 1932
Erste Gruppenfahrt. Nach der 6-Uhrs-Messe in der Oberkirche [Stifts­kir­che St. Mariä Himmelfahrt] marschieren wir über Hau in den Reichswald. Es geht quer durch auf Fras­selt zu. Bei „Witwe Buche“ (früher „Mann und Frau“), sahen wir ‘n Reh. Wir spannten ein Tau und spielten Faustball.

Kleve, Sonntag, 28. Mai 1933
Um 9.30 Uhr los auf Fahrt mit Singen. Neue Jungens „en masse“ [in Fül­le]“! Nach „Mann und Frau“ (Witwe Buche). Dort nach dem Kriegs­plan verteilt. 10.45 Uhr da.

Kleve, Donnerstag, 29. Juni 1933, Heilige Peter und Paul
Auf der Orgel[empore] in der 8.00-Uhr-Schulmesse gesungen. – 14.00 bis 18.00 Uhr auf Fahrt, zum Hochstand bei Mann und Frau.