Wesel: Karl Leisner in der St. Martinikirche

Wesel St. Martini Kreuzweg 2

 

Seit 1989 ist in der St. Martinikirche in Wesel ein Kreuzweg, den der Künstler Bert Gerresheim unter dem Gedanken des „Aggiornamento“, des „Heutigwerden“ geschaffen hat. Bei der fünften Station hat er Simon von Cyrene durch den Seligen Karl Leisner ersetzt.

 

 

 

Auch bei den weiteren Stationen hat der Künstler als Begleitfiguren Personen aus dem 20. Jahrhundert gewählt, wie Mutter Teresa, Gerhard Storm, Heinz Bello, Edith Stein, Maximilian Kolbe, Clemens August Kardinal von Galen und Papst Johannes Paul II. Sie übersetzen die Kreuzigung in die heutige Zeit.

Die 5. Station: Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

Wesel St. Martini Kreuzweg 5Wesel St. Martini Kreuzweg 4

Die Gestalt Jesu wirkt erschöpft, mit hängenden Armen, den Blick nach unten gerichtet, beinahe teilnahmslos. Karl Leisner, in Häftlingskleidung, stützt mit seinem rechten Arm den Balken, in den seine Häftlingsnummer 22356 aus dem KZ Dachau eingearbeitet wurde. Über dem Balken ist Stacheldraht als Symbol für die Gefangenschaft zu sehen. Den linken Arm hat Karl Leisner als Gegengewicht in die Hüfte gestemmt. Sein Gesicht ist ernst und gezeichnet, und doch wirkt er trotz der langen KZ-Haft nicht gebrochen, er trägt sein Kreuz, folgt Jesus bewusst nach. Gegürtet ist Karl Leisner mit einem Zingulum[1], das an seiner linken Seite herunterhängt, und auf dem Boden liegt ein Birett[2], Attribute, die auf das einmalige Geschehen in einem KZ, seine heimliche Priesterweihe am 17. Dezember 1944 und seine Primiz am 26. Dezember 1944, seiner ersten und einzigen heiligen Messe, die er in seinem Leben feierte, hinweisen. Daneben hat Pfarrer Heinrich Pauen eine Muschel anbringen lassen, Sinnbild für das Heilige Grab und die Auferstehung Christi sowie Pilgerzeichen. Die Muschel erinnert an eine Wallfahrt einer St. Martini-Pilgergruppe nach Santiago de Compostela im Jahr 1989, zeigt aber auch die Verbindung zwischen dem Seligen Karl Leisner und dem Heiligen Jakobus.[3]

[1]  Zingulum von cingulum (lat.) = Gürtel: Gürtel zum Schürzen der Albe

ZingulumElisabeth Ruby schenkte Karl Leisner zum Namenstag ein selbstgewebtes Zingulum. Das Zingulum sollte zum 4. November 1939, dem Fest des hl. Karl Borromaeus, in St. Blasien ankommen, wo sich Karl Leisner zur Ausheilung seiner Krankheit im Lungensanatorium Fürstabt-Gerbert-Haus befand. Auf Grund seiner Verhaftung am 9. November erhielt er das Päckchen erst im Gefängnis von Freiburg.
Mangels eines Tagebuchs schrieb er in sein Missale:
Freiburg/Br., Donnerstag, 23. November 1939
Clemens, Namenstag unseres Bischofs [Cle­mens August Graf von Galen]. Ore­mus!
Wieder ein Prachtwetter. Paket von Für­stabt[-Gerbert-Haus] da! Hier zum ersten Mal wie­der selbst rasiert! – Nach dem Mittag bringt mir ein al­ler­liebstes Rotkehl­chen ein Ständ­chen. Elisa­beth [Ruby] schickte mir ein Zingu­lum zum Na­menstag. Es kam mit aus St. Blasien. So­viel Freude!

siehe Link zu Aktuelles vom 4. November 2013

[2] Birett von birrus (lat.) Mantelkragen, kurzer Mantel mit Kapuze Þ barettum (mlat.)

Birett viereckige Kopfbedeckung katholischer Geistlicher – Be­standteil der kle­ri­ka­len Amts­tracht in der entsprechenden Farbe des Amtes

 

[3] siehe Link zu „Karl Leisner und Jakobus“

Wesel St. Martini Kreuzweg 7

Die Bronzetafeln befinden sich an der Wand des südlichen Seitenschiffes der St. Martinikirche. Der „Weseler Kreuzweg“ besteht aus 15 Stationen. Seit dem 17. Jahrhundert bestanden die Kreuzwege in der Regel aus 14 Stationen, heute gibt es häufig eine 15. Station mit einer Darstellung der Auferstehung Jesu.

 

Bert Gerresheim hat Karl Leisner bisher sieben Mal als Simon von Cyrene dargestellt: Als Zeichnung in der Kapelle der Katholischen Hochschulgemeinde im Carl-Sonnenschein-Haus in Düsseldorf und aus Bronze im St.-Paulus-Dom in Münster, in der St. Antoniuskirche in Kevelaer, in der St. Johannes-Baptistkirche in Mönchengladbach, in St. Josef in Hamborn und seit 2013 in der Deutschen Kapelle in Krakau-Lagiewniki.[1]

[1] Die Beiträge zu diesen Kreuzwegen werden nach und nach unter Erinnerungsstätten abgelegt.

Wesel St. Martini außen 4Wesel St. Martini Jakobus

Ebenfalls 1989 schuf Bert Gerresheim für das Paradies, die Vorhalle der St. Martinikirche, eine Bronzeskulptur „Heiliger Jakobus im Aufbruch“.

 

Mit der Stadt Wesel wird Karl Leisner besonders seine Verwandten väterlicherseits, Familie Johannes Leisner[1], die sogenannten „Weseler“, verbunden haben, die die Jungen immer mal wieder auf ihren Fahrten besuchten. Darüber hinaus Menschen, die er aus Kleve kannte wie Kaplan Heinrich Oomen oder die er durch seine Arbeit als Diözesanjungscharführer kennenlernte. Hermann Becker und Wilhelm Elsemann aus Wesel traten gleichzeitig mit ihm in das Collegium Borromaeum in Münster ein, um Priester zu werden. Auf den Fahrten kamen die Jungen auch durch Wesel oder die zugehörigen Ortsteile Bislich, Ginderich, Büderich und Obrighoven.

[1] Familie Johannes Leisner:
1. Generation:
Johannes (Hans) Leisner (* 3.11.1888 in Goch, † 27.9.1968 in Wesel) (Justizoberinspektor) u. Clara Leisner, geb. Land­wehr­johann (* 12.5.1894 in Oberhausen, † 15.2.1965 in Wesel) – Heirat 3.6.1919 – Beamter beim Gericht in Wesel – 1919 Wesel, Bau­str. 22 – 1936 Caspar-Baurstr. 32 – während des Krieges in Goch
2. Generation:
2a. Hans Peter Karl Leisner (* 29.6.1920 in Wesel, † 24.12.2002 ebd.) – Heirat mit Margot N. – Wesel, Jüli­cher Str. 32 – 1 Tochter Ingrid; 2b. Kurt Leisner (* 29.6.1920 in Wesel, † 5.8.1978 ebd.)

Das früheste schriftlich erhaltene Zeugnis von Karl Leisner ist ein Schulaufsatz. Darin beschreibt Karl Leisner einen Ferienausflug mit seinem Vater und seinem Bruder Willi, der sie auch nach Wesel führte.

Mittwoch, 26. Mai 1926
Unser Ferienausflug.
[…] und stiegen dort [Bahnhof Birten] in den Zug [über Menzelen-Ginderich – Büderich] nach Wesel. Hier gingen wir zu Onkel Hans und aßen zu Mittag. Am Nach­mit­tag spazierten wir zum Rhein; hier sahen wir viele Schiffe und die Weseler Rhein­brücken. Vom Rhein gingen wir zu den Kasematten, wo die 11 Schill­schen Offiziere[1] fast ein Jahr gefan­gen waren. An der Wand konnte man noch ein paar Namen, welche die Offiziere einge­zeichnet hatten, lesen. Jetzt gings zur Schillschen Wiese, wo das Schill­sche Denk­mal steht. Von der Schill­schen Wiese gingen wir wieder nach Hause [zu Familie Hans Leisner, Baustraße 22]. In Wesel war auch das Berliner Tor.
Am anderen Morgen gingen Papa, Willi und ich zum Bahnhof [in Wesel] und fuhren nach Spellen.

[1] Ferdinand von Schill (* 1776, † gefallen 31.5.1809 im Straßenkampf in Stralsund) – Preußischer Offizier und Führer des 2. Brandenburgischen Husaren-Regimentes – Er rief 1809 vergeblich zum Kampf gegen Napoleon I. auf. 11 seiner Offiziere wurden in Wesel am 16.7.1809 von den Franzosen standrechtlich erschossen. Die auf dem Gelände des Außenwerks der Zitadelle gebauten Straßen sind nach ihnen benannt. Man hatte die Offiziere in einem heute noch erhaltenen Raum in der dortigen Zitadelle (Kasematten) gefangen gehalten. Ab 1937 diente die ehemalige Kaserne als „Schill-Jugend­herberge“.SchilldenkmalIn Wesel-Fusternberg befindet sich heute die Schillwiese mit dem Schill-Denkmal.

 

Eine der ersten Fahrten führt die Jungen nach Westfalen. Am ersten Tag besichtigen sie Wesel.

Freitag, 3. August bis Samstag, 18. August 1928
Auf der Fahrt wurden fol­gende Städte und Stätten be­sucht:
1.
Wesel, 3.8. von 10.00 bis 13.00 Uhr

Kleve, Freitag, 3. August 1928
Nachdem wir am Freitag, dem 3. August, morgens 8.00 Uhr von Cleve schwer be­packt abgefahren und auf der Fahrt (un­freiwilliger Aufenthalt) Wesel besich­tigt hatten, langten wir um 14.30 Uhr nach vieler Umsteigerei in Bul­dern an.

Pfingsten trifft sich die Familie Wilhelm Leisner mit den Verwandten aus Goch und Wesel im Reichswald.

Kleve, Sonntag, 19. Mai 1929, Pfingstsonntag
Um 8.00 Uhr brachen wir alle mit Sack und Pack auf. […] Bei [Hauptgestell] D trafen wir uns mit den Weselern und den Gochern[1], mit denen wir uns verab­redet hat­ten. Auf Umwegen gelangten wir nach Kessel, wo wir bei Stoffelen ein­kehr­ten. Wir tranken Kaffee und aßen die mitgebrachten Butterbrote. In den zwei Stun­den, wo wir bei Stoffelen blie­ben, spielten wir Kinder im Gar­ten der Wirtschaft, während Onkel Hans, Tante Maria und Papa Trommeln und Pfeifen spielten. Onkel Hans trom­melt fünfmal hintereinander.[2]

[1] Mit „Goch“ und „die Gocher“ sind oft die Verwandten von Familie Wilhelm Leisner ge­meint. Goch ist der Geburtsort von Karl Leisners Eltern und blieb der Wohnort der Tanten Maria und Julchen Leisner, zeitweise auch von deren Bruder Fritz.
[2] In dem Landsknechtslied „Vom Barette schwankt die Feder“ heißt es in der 5. Strophe: „Mit Trommelspiel, Pfeifen viel, sollt ihr mich begra­ben!“ Zu einem Spiel mit Pfeifen und Trommeln gab es eine Trommel- und Pfei­fen-Ta­bu­latur, die die Zahl der Trommelschläge (Rechter Schlag, Linker Schlag, Dop­pel­schlag, Dreischlag, Wirbel und Pause) angab und die Tonhöhe der Pfei­fen­töne.
In der Familie Leisner erinnert sich niemand mehr an dieses Gesellschaftsspiel.

Link zum Karl-Leisner-Haus in Wesel

Text und Fotos: Christa Bockholt und IKLK-Archiv