Brot für den Tag 19

Impuls von Hans-Karl Seeger

Donnerstag 9.10.2003

Ihr aber macht daraus [aus dem Tempel] eine Räuberhöhle (Mt 21,13)

Nicht nur das Leben in der Kirche als lebendige Gemeinde war für Karl Leisner sehr wichtig, sondern auch die Kir­che als Raum gewann für ihn besondere Bedeutung. Oft suchte er Kirchen auf, um darin zu beten, allein oder mit anderen Menschen. Getauft wurde er in seinem Ge­burtsort Rees am Rhein in der Kirche St. Mariä Himmel­fahrt. Die wohl bescheidenste Kirche erlebte er im KZ Dachau, wo man den Priestern erlaubt hatte, einen Teil von Block 26 als Kapelle zu gestalten. Hier erlebte er seine Priesterweihe und Primiz. Danach wurde am 25. Juli 1945, am Fest des heiligen Jakobus, sein Krankenzimmer zum Tempel Gottes. Hier nahm der Bettlägerige zum letz­ten Mal an der Feier der Eucharistie teil.

Im KZ Dachau erlebte Karl Leisner nicht selten, daß die Kapelle zur Räuberhöhle wurde, wenn während der Meß­feier SS-Männer die heilige Handlung störten. Der KZ-Häftling Franz Zeuch schilderte folgende Situation:
„Der polnische Pfarrer Paul Prabutz­ki trat an den Altar, angetan mit einfa­chem Meßgewand, das wir aus [dem KZ] Sachsenhausen mitge­bracht hatten, zwei Mitbrüder in blauweiß ge­streifter Häft­lingskleidung wa­ren die Mini­stranten. ‚Hintreten will ich zum Altare Gottes, der mich erfreut von Jugend auf’, erklang; wehmütig, aber doch froh, be­teten wir es mit ihm. Da ging die Tür auf, drei SS-Scharführer traten ein; denn das mußten sie doch gesehen haben. Einer schritt während des Gottesdienstes mit knallenden Stie­feln, zigarrerauchend auf und ab vom Tür­eingang bis zum Altar. Bei der Heiligen Wandlung brüllte er im Kommando­ton: ‚Fenster auf’. Wir knieten im eisigen Durchzug. Aber was verschlug’s, gleich sollte doch die Heilige Kommunion sein. Je­der der priesterli­chen Teilnehmer hielt in seiner eigenen flachen Hand die Hostie. So konnten wir den Hei­land empfangen und seine Speise uns selbst reichen. Der Celebrant hatte zu Anfang be­kanntge­geben, daß er das Brot in der Hand der Priester mitkon­sekrieren werde und nicht nur die Hostie auf dem Altar. Denn wir muß­ten dafür Sorge tragen, daß das Hei­ligste nicht verunehrt wurde durch irgendwelche Überra­schungen von Seiten der SS.“