Brot für den Tag 31

Impuls von Hans-Karl Seeger

Dienstag 24.5.2005

Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele (Apg 4,32)

Die ersten Christen fielen in ihrer Umgebung auf. Ungewohnt war ihr Umgehen miteinander und ihr Einsatz für andere. Und doch blieb die Liebe ein Ideal.

Karl Leisners Gemeinde war viele Jahre die Gemeinschaft der Häftlinge im KZ Dachau, die 1944 sogar von Michael Kardinal Faulhaber in München als kirchenrechtliches Dekanat mit einem Dekan unter den Priesterhäftlingen errichtet wurde. In der Extremsituation der Gefangenschaft zeigte sich, was es bedeutet, einander zu lieben und aufzurichten.

Der ebenfalls inhaftierte Benediktinerpater Martinus Schiffer (*1908) aus Trier schrieb Karl Leisner am 22. Dezember 1944 im KZ einen Glückwunsch zur Priesterweihe:
„Als ich um Weihnachten 1942 auf Block 3 im Revier lag und ich sehr viel Hunger hatte, ließest Du mir ein Stück Brot zukommen. Noch weiß ich immer nicht, wie Du damals von mir erfahren hast. Aber Dein Schenken in der Not tat mir so wohl, daß ich es nie vergessen habe.“

Am 21. April 1977 sagte der Niederländer und Karmelitenbruder Raphael Tijhuis (1913-1981) in deutscher Sprache im Seligsprechungsprozeß aus:
„Ich erinnere mich Karl noch so, als ob er mich soeben noch ein freundliches Wort sagte und Mut einflößte. Wie oft hat er z. B. meine, in mehrere Scherben zerschlagene Brille, wieder provisorisch geflickt, und als ich ihm danken wollte, reichte er mich heimlich noch ein Stück Brot hin, weil er wußte, daß das noch lebenswichtiger war als eine geflickte Brille! Wie oft winkte er mich heimlich zu – ein Zeichen, daß ich ihm unauffallend begegnen solle – um dann schnell „ein Viertel Brot“ zu geben. An­scheinend kleine Begebenheiten, aber von größter Wichtigkeit für den Bescherten und für Karl galt das als eine Pflicht der Nächstenliebe, die der liebe Herrgott ihn si­cher reich belohnt hat!“

Brot war im KZ wichtig. Wichtig aber war auch jede Art von Aufmunterung. Karl Leisner hatte schon als Jugendführer viel Gitarre gespielt. Am 9. März 1941 bittet er seine Familie, sie ihm ins KZ zu schicken: „Auch meine Gitarre mit Spielmann und Schott könntet Ihr senden (mit Ersatzsaiten).“ Am 21. März 1941 schreibt er: „Auf die Klampfe freue ich mich.“ Am 6. April 1941 bestätigt er: „Die Gitarre macht uns allen seit 10 Tagen Freude.“ Am 13. November 1943 schreibt er aus dem Krankenrevier: „Meine Klampfe erfreut die Kameraden. Ich spiele zur Zeit selbst allerdings nicht.“

Wie oft hatte es Karl Leisner in seiner Jugendarbeit erlebt, daß Musik und Gesang Menschen zusammenführt und Spannungen unter ihnen abbaut. Im Konzentrationlager war es nicht anders.