Brot für den Tag 34

Impuls von Hans-Karl Seeger

Freitag 27.5.2005

Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apg 5,29b)

Die Juden von Jerusalem waren durch das Leben und die Verkündigung der Apostel beunruhigt. Sie hofften deren Einfluß durch Kerkerhaft zu unterdrücken Aber da hatten sie sich getäuscht; denn Gott und nicht den Menschen galt der Gehorsam.

Mancher Christ mag zur Zeit des Nationalsozialismus ähnlich gedacht haben. Daher waren die Nationalsozialisten bestrebt, diesen Gehorsam Gott gegenüber zu erschweren. So gab es im Dritten Reich neben den Gefängnissen noch die Konzentrationslager und neben der Polizei noch die Gestapo. Viele, so auch der mit Karl Leisner in Berlin seliggesprochene Propst Bernhard Lichtenberg, kamen nach Abbüßung einer Gefängnisstrafe sofort in ein KZ, wenn zu erwarten war, der Gefangene werde nach wie vor seinen Glauben verkünden, Gott also auch weiterhin gehorsam sein.

Karl Leisner kam nach seiner Gefängnishaft in Freiburg und Mannheim ins KZ Sachsenhausen und später ins KZ Dachau. Ob man ihn auch gedrängt hat, seinen geistlichen Beruf aufzugeben und damit seinen Glauben zu verraten, um dadurch frei zu werden, ist nicht bezeugt, aber denkbar.

Der Priester und KZ-Häftling Alfred Berchtold (1904-1985) schrieb in „Meine Ankunft in Dachau“:
„Nachdem der SS-Mann die anderen in die Zellen verwiesen hat, kommt er noch einmal zurück. Also Pfaff, paß auf, Du hast jetzt drei Möglichkeiten. Bis morgen lasse ich Dir Zeit, Du kannst Dich dann entscheiden. Lege Deinen Beruf nieder. Es hat ja doch keinen Zweck. Lebend kommst Du ja nie mehr heraus. Und wenn Du wirklich heraus kommst, nach Jahren, bis dahin haben wir mit den Pfaffen aufgeräumt. Dann gibt´s keine Kirchen mehr in Deutschland. Also gib Deinen Beruf auf. Wenn Du unterschreibst, bist Du morgen draußen. Wenn nicht, dann hängst Dich auf. Die Chance will ich Dir noch lassen. Ich will sehen, ob Du Schneid hast. Hast einen Hosenträger? Da oben ist ein Haken, der ist stark, da hängst Dich auf. Das ist das Beste, was Du tun kannst. Wenn Du zu feige bist, dann schieße ich Dich morgen über den Haufen. Hast mich verstanden? Also sei vernünftig, gib Deine Pfafferei auf oder häng Dich auf.“

Der Sozialpolitiker und Publizist Joseph Joos (1878-1965), ebenfalls KZ-Häftling, schrieb in einem Artikel „Religion und kirchliche Seel­sorge im K.L. [Konzentrationslager]“:
„Prinzipiell wurden in den Jahren nur solche Geist­lichen aus dem Lager entlassen, die sich bereit er­klärten, auf Ausübung ihres geistlichen Berufes zu verzichten und keinerlei kirchliche Funktionen mehr auszuüben. Von dieser Möglichkeit ist in einem lächerlich geringen Maß Gebrauch gemacht worden. Auf keinen Fall durfte ein aus dem Lager frei gewordener Priester wieder zurück in seine Pfarrgemeinde.“