Brot für den Tag 35

Impuls von Hans-Karl Seeger

Samstag 28.5.2005

… stammt es [das Werk] aber von Gott, so könnt ihr sie [die Anhänger Jesu] nicht vernichten (Apg 5,39)

Der Pharisäer Gamaliël war ein kluger Mann und daher beim ganzen Volk angesehen. Ihn trieb nicht blinde Wut gegen die Anhänger Jesu um. Seine Überlegungen führten zu dem Schluß, alles, was sich nach dem Tode Jesu getan habe, könne ein Werk Gottes sein.

Davon waren die verfolgten Christen aller Zeiten überzeugt. Selbst als es den Christen unter den Nationalsozialisten sehr schlecht ging, vor allem den in den Konzentrationslagern inhaftierten Menschen, waren sie dennoch von der Sieghaftigkeit ihres Glaubens überzeugt.

Für die Priester im KZ Dachau war Karl Leisners Priesterweihe  am Gaudetesonntag 1944 ein Zeichen der Hoffnung auf den Sieg der himmlischen Mächte über das Böse. Daß sie möglich war, kam ihnen wie ein Wunder vor.

Der französische Bischof Gabriel Piguet (1887-1952), der Karl Leisner geweiht hat, schrieb später:
„Im Block der Priester erreichten die Freude und die Dankbarkeit gegenüber Gott ihren absoluten Höhepunkt. Genau dort, wo das Priester­tum gedemütigt worden war und wo es ausge­löscht werden sollte, war die göttliche Vergel­tung deutlich sichtbar geworden: Ein Prie­ster mehr war zum Priesterstand Christi geboren. War dies nicht das Vorzeichen eines Zusammenbruchs, den wir nahe ver­muteten und erwarteten? Schien die Anwesenheit eines Bi­schofs, die für die gefangenen Priester so tröst­lich war, dort nicht wie eine göttliche Bestätigung ihres Wertes und ihrer Zweckmäßigkeit inmitten so vieler Prüfungen?“

Karl Leisners Seligsprechung war 1996 im Olympiastadion in Berlin. Dort hatte Adolf Hitler 60 Jahre zuvor die Jugend der Welt zu­sammengeführt und in ihrem Idealismus verführt und mißbraucht, dort sollte das Tausendjährige Reich immer wieder be­schworen werden. Schon die Priesterweihe im KZ Dachau war ein großes Contra gegenüber dem Größenwahn Adolf Hitlers; die Seligsprechung an diesem Ort aber stellte die Krönung dieses Contra dar. So empfanden es vor allem die Mithäftlinge von Karl Leisner, Hermann Scheipers und Johannes Sonnenschein. Sie äußerten nach der Seligsprechung: „Das war das I-Tüpfel­chen auf dem, was wir bei der Priesterweihe im KZ Da­chau erlebt haben.“

Absicht der Nationalsozialisten war es, aus den Menschen, die sie ins Lager gebracht hatten, gebro­chene Gestalten zu machen. Um das zu errei­chen, hatten sie mehrere Methoden und Mittel be­reit. Hunger und Entbehrung waren wesentliche Fakto­ren, um aus Menschen „Muselmanen“ zu ma­chen, so nannte man in der Lagersprache Menschen im KZ, Schicksalsergebene, die durch die un­menschli­che Behandlung und Ernährung so abge­magert waren, daß sie nicht mehr in der Lage waren zu arbeiten. Gläubige Menschen, wie zum Beispiel Karl Leisner, hatten etwas dagegenzusetzen.