Eine Ausstellung, die Karl Leisner sicherlich besucht hätte

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Zum Thema „Einmal Niederlande und zurück“ findet im Haus der Niederlande in Münster, Alter Steinweg 6/7, bis zum 8. Februar 2014 eine Ausstellung statt. Es geht um die Annektierung deutscher Gebiete als Wiedergutmachung für die Kriegsschäden in den Niederlanden im Zweiten Weltkrieg. Dabei wurde Elten am Niederrhein am 23. April 1949 niederländisch und am 1. August 1963 wieder deutsch.
Foto: Repro: Sabine Müller

Link zur Ausstellung

Für Karl Leisner und für viele Niederrheiner war und ist die Grenze zwischen Deutschland und Holland, wie man in  grenznahen Gebieten die Niederlande nennt, weder damals noch heute eine wirkliche Grenze. Sprachlich verständigen kann man sich vor allem im Klever Raum gut, denn das Klever Platt ist fast mit dem „Holländischen“ identisch.

Mutter Amalia Leisner war als Mädchen in Maria Roepaan kurz hinter der deutsch-nie­der­län­dischen Grenze in einer Haushaltsschule. Von daher stammte ihre lebenslange Freundschaft mit der Nieder­länderin Cornelia Anna Maria (Corry) Paanakker.

Als im Nationalsozialismus u. a. Jugendlager verboten waren, „flüchtete“ Karl Leisner 1934 als Diözesanjungscharführer kurzer Hand ins benachbarte niederländische Groesbeek und hielt mit den Jugendlichen dort, unbeschattet von den Nationalsozialisten, ein großes Lager ab.

Elten mit dem Eltenberg und Hochelten waren Karl Leisner sehr vertraut. Seine Tagebuchaufzeichnungen geben davon Zeugnis:

Kleve, Donnerstag, 30. August 1928
Willi [Leisner] und ich blieben freiwillig zu Hause und vertrieben uns die Zeit durch Spielen, während die andern mit Ferdinand [Falkenstein] aus Neuß, der vor­gestern ge­kommen war, nach Elten fuhren.

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Der Erwerb der Äbtis­­sinnen­wohnung der 967 von Graf Wichmann gegründeten und 1811 aufgehobenen Abtei mit Damenstift auf dem Eltenberg durch die Niederdeutsche Jesuiten­provinz erfolgte 1921. Das Haus diente zuerst als Jugendbegegnungshaus und als Unterkunft für die Novizen von ’s-Heeren­berg, außerdem als „Villa“, d. h. als Erholungshaus für die Jesuiten. 1936 wurde es Noviziat, da ’s-Heeren­berg aufgrund der Devi­senbestimmungen von Deutschland aus nicht mehr unterstützt wer­den konnte. Nach dem Krieg baute P. Hans Sträter SJ das stark zerstörte Haus wieder als Jugend-Begegnungsort auf. Im Laufe der Jahre entwickelte es sich immer mehr zum Exer­zitienhaus. Heute hält die Deutsche Provinz der Jesuiten das Haus als ihr letz­tes Werk in der Diözese Münster mit der klaren Zweckbestimmung eines Exerzitien- und Tagungshauses.

Während Karl Leisners Studienzeit in Münster fand 1934 ein Gautreffen der Sturmschar in Hochelten statt. Willi Leisner nahm daran teil und notierte in seinem Tagebuch:

Samstag, 24. November 1934
Gautreffen der Sturmschar
Um 17.30 Uhr trafen wir Klever uns an der Emmericher Straße und dann gings los über Emmerich nach Hochelten, wo wir um 19.00 Uhr als erste landeten. Das war im Exerzitienhaus [Jugendbegegnungshaus] der Jesui­ten. Um 20.00 Uhr setzten wir uns zusammen zu ei­nem Niederrhein­abend. In Ge­dichten, Erzählungen und Liedern wurden die Eigenheiten des Nieder­rheins wiedergegeben. Um 22.30 Uhr verkrochen wir uns in die Betten.[1]
[1] Tagebuch Nr. 5: 75

Sonntag, 25. November 1934
Um 6.00 Uhr gings raus! Frühsport, Waschen. Um 7.00 Uhr war Gemein­schaftsmesse in der Pfarrkirche [St. Martinus in Elten]. Dann gab’s Kaf­fee. Um 9.00 Uhr war Stunde der Jungführer. Die Scharführer gaben kurze Berichte. Dann sprach Franz [Steber] über unsere Aufgabe, be­son­ders in der Jungschar. Um 13.00 Uhr gabs Mittagessen (Ein­topf). Inzwi­schen traf die Jungen­schaft ein. Wir machten in dem großen Park der Patres ein Kriegsspiel und sonstige Sachen. Um 15.30 Uhr trat alles an, 180 an der Zahl zum Appell vor unserem Reichssturmscharführer Franz Steber. Er kritisierte das Schlechte des Tages und gab uns allen Richtung. Das Treffen schloß um 17.00 Uhr mit einer Andacht. Dann fuhr alles heimwärts per Rad, per Lastauto, per Bahn und per pedes. Wir Klever lande­ten um 19.00 Uhr zu Hause an.[1]
[1] a. a. O.: 75f.

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St. Martinus

 

 

 

 

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St. Vitus

 

 

 

Zu Franz Steber siehe Aktuelles vom 12. Oktober 2013 – Beginn der Jugendbewegung vor 100 Jahren.

Im Frühjahr 1939 machte Karl Leisner einen Besuch auf dem Eltenberg.

2014_01_18_Elten_KurhausAuf dem 82 m hohen Eltenberg liegt die ca. 1050 Jahre alte Kirche St. Vitus. Sie gehört zur ehemaligen Abtei. Außerdem gab es dort das Kurhaus Eltenberg.

 

 

Karl Leisner schrieb in sein Tagebuch:
Donnerstag, 16. März 1939
Bei [Gerhard] Alsters![1] Nachmittags 14.00 Uhr mit Elektrische [Straßen­bahn] bis Offenberg-Kellen und Griethausen – Spyck – übergesetzt [mit der Fähre über den Rhein] – Elten­berg – im Kurhaus [Hotel Café Restaurant KURHAUS ELTENBERG] Kaffee – (Kaplan St. [Fer­dinand Stegemann], Schm. [Leo Schmitz], Huyg. [Heinrich Huyeng], Jupp R.[2], Delbeck[3], Rehm[4], Dornbusch[5]) – Blick auf Montfer­land – Emmerich – 20.00 Uhr Kleve. Bis 23.00 Uhr bei Ebbens.
[1] Gerhard Alsters war vom 8.2.1935 bis 1939 Kaplan in Materborn.
[2] vermutlich Joseph Ranneberg, ab dem 13.6.1938 Kaplan in Kellen
[3] vermutlich Wilhelm Delbeck, gebürtig aus Kleve-Hau
[4] vermutlich Wilhelm Rehm, Studienrat in Kleve
[5] vermutlich Sonderschulrektor Michael Dornbusch aus Kleve

In einem Brief vom 16. Oktober 1944 berichtet Willi Leisner aus Berlin seinem Bruder Karl ins KZ Dachau, was der Krieg in Kleve angerichtet hat:
Ein­zelheiten über die Zerstörung unseres Hauses und der Stadt weiß ich noch nicht. Dazu fanden die Unsrigen gewiß noch keine Zeit. Man kann jetzt oben von der Linde[nallee 40] bei [Werner] Pannier den Eltenberg sehen.

Presseberichte zur Ausstellung im Haus der Niederlande:
Bericht in den Westfälischen Nachrichten vom 8. Januar 2014 von Johannes Loy:
Die Stimmung nach dem Zweiten Weltkrieg war aufgeheizt. Es verwunderte nicht, dass viele Niederländer vom großen Nachbarn, der sie 1940 brutal überfallen und bis 1945 besetzt hatte, eine Entschädigung verlangten. Ein Plakat aus jener Zeit am Eingang der Ausstellung im Haus der Niederlande zeigt dem Gast, an welches Reparationsgebiet die Niederlande dachten: Die Grenze wäre östlich von Osnabrück, Münster und Dortmund verlaufen.
Münster und das Münsterland als Teil der Niederlande? So weit kam es dann doch nicht. „Von den Gebietsansprüchen blieben mit Zustimmung der alliierten Siegermächte einige kleinere Grenzveränderungen im Umfang von 69 Quadratkilometern übrig“, erläutert Simon Hopf. Er schrieb seine Magisterarbeit über einen Teilbereich der Grenzregion zwischen Deutschland und den Niederlanden zwischen 1945 und 1963. 10000 Bewohner der hiervon betroffenen deutschen Dörfer und Orte lebten folglich zwischen 1949 und 1963 etwa 14 Jahre lang unter niederländischer „Auftragsverwaltung“, bis langwierige Vertragsverhandlungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Niederlanden die Rückkehr nach Deutschland ebneten. Betroffen waren die sogenannten Selfkant-Dörfer bei Geilenkirchen und Heinsberg sowie Elten am Niederrhein und Suderwick-West im Münsterland.
Manuela Friedrich, Projektleiterin und Kuratorin der Wanderausstellung, hat rund 100 Ausstellungsobjekte zusammengetragen. Natürlich vor allem Plakate, Pamphlete und Pässe aus der Zeit, in der aus Deutschen plötzlich zugleich Niederländer wurden. Aber auch Straßenschilder, Zeitungsausschnitte und Fotos von Protestaktionen. Das alles wird in Holzvitrinen und mit Hörstationen auffällig, anschaulich und natürlich zweisprachig präsentiert.
Peer Boselie, Vorsitzender der Stiftung „Cultuur en Grensgeschiedenis“, welcher die sehenswerte Ausstellung initiierte, zitiert im Gespräch mit unserer Zeitung den erhellenden Satz: „Tulpen, Rosen, Nelken – der Selfkant will zwei Kühe melken.“ Will heißen: Sowohl die Niederlande wie die Bundesrepublik förderten die Grenzregion mit Zuschüssen, was den Grenzlandbewohnern natürlich gefiel.
Es war NRW-Ministerpräsident Karl Arnold, der die Rückführung der Gebiete nach Deutschland vorantrieb. 50 Jahre nach der Rückkehr wird der Ausstellungsgast über die Aufregung der damaligen Zeit schmunzeln und dankbar sein, dass wir heute in einem freien Europa leben, in dem die Grenzen verbinden und nicht mehr trennen.
Zum Thema
„Einmal Niederlande und zurück“ im Haus der Niederlande, bis 8. Februar; Mo bis Fr von 12 bis 18 Uhr, Sa und So von 12 bis 16 Uhr.

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Haus der Niederlande, Münster, Alter Steinweg 6/7

Online-Version des Artikels unter Westfälische Nachrichten vom 8. Januar 2014 – „Einmal Niederlande und zurück“ – Ausstellung zeigt Geschichte deutscher Gebiete unter niederländischer Verwaltung

Bericht in der Münsterschen Zeitung vom 9. Januar 2014 von Sabine Müller
Als Münster beinahe niederländisch geworden wäre
Deutsch spricht man in Münster schon lange nicht mehr, bei Fußballspielen winken die Fans mit Oranje-Fähnchen und auf ihren König Willem-Alexander sind alle stolz. Genau so sähe es heute aus – wäre es nach dem Zweiten Weltkrieg nach den Niederländern gegangen. Die Ausstellung „Einmal Niederlande und zurück“ in Münster zeigt, was damals geplant war und was 1949 dann tatsächlich passierte.

Am 1. August 1963 ist Elten nach 14 Jahren niederländischer Verwaltung wieder deutsch. Repro: Sabine Müller

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Im Lebensmittelladen in Elten gab es im Jahr 1957 fast nur noch niederländische Produkte. Der Ort stand unter niederländischer Verwaltung. Auch Münster hätte holländisch werden können nach dem Zweiten Weltkrieg. Repro: Sabine Müller

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In der Ausstellung »Einmal Niederlande und zurück« (v.l.): Friso Wielenga vom Haus der Niederlande sowie die Ausstellungsmacher Peer Boselie, Manuela Friedrich und Simon Hopf. Foto: Sabine Müller
Die niederländische Regierung forderte im Jahr 1945 nach den verheerenden Kriegsschäden nicht nur Münster und das Münsterland als Wiedergutmachung. Tausende Quadratkilometer Land im Westen sollten annektiert werden, darunter die Städte Köln, Neuss, Mönchengladbach, Aachen, Osnabrück, Meppen, Vechta und Aurich.
Der Kölner Karneval wäre niederländisch geworden. Auch in Steinfurt, Ahaus und Coesfeld spräche man heute Holländisch, die Deutschen wären zum großen Teil vertrieben worden.
Unfrieden im Osten
Neben diesen weitreichenden Annexionsplänen gab es noch zwei etwas abgespecktere Varianten. Doch mit keiner konnten sich die Niederländer bei den Alliierten durchsetzen. „Es gab schon genug Unfrieden im Osten um die Ostgebiete, da wollten die Alliierten den Westen nicht auch noch schwächen“, erklärt Peer Boselie, Vorsitzender der „Stichting Cultuur en Grensgeschiedenis“. Der Verein beschäftigt sich mit der Grenzgeschichte und hat die Wanderausstellung unter der Regie von Manuela Friedrich auf die Beine gestellt.
Annexion im Mini-Format
Im Zentrum der Schau im Haus der Niederlande steht das, was 1949 geschah: eine Annexion im Mini-Format. Im Frühjahr wurden die Grenzen zwischen Deutschland und den Niederlanden neu gezogen. 69 Quadratkilometer wurden niederländisch, 10 000 Deutsche standen von einer Sekunde auf die andere unter niederländischer Verwaltung.
Betroffen waren die Bewohner von Suderwick-West im Münsterland, Elten am Niederrhein und im westlichsten Zipfel Deutschlands, dem Selfkant-Gebiet. Ein Foto in der Ausstellung zeigt, wie der von der Königin eingesetzte Landdrost Hubert Dassen am 23. April 1949 in Selfkant die niederländische Fahne hisst. Die Fahne ist auch im Original zu sehen.
Widerstand in NRW
Im Schaukasten daneben liegt das passende Protestplakat. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Karl Arnold war die Speerspitze des Widerstands: Freundschaft mit den Niederlanden Ja, Annexion Nein. Doch Kritiker und Befürworter gab es auf beiden Seiten der alten und neuen Grenze. In den neuen holländischen Gemeinden blieb das Schulwesen deutsch, die Amtssprache, die Berufsausbildung, das Postwesen wurden niederländisch. Auch die Fußball-Liga.
Zur Armee mussten die niederländischen Deutschen nicht, sie durften aber auch nicht wählen. In die Kindergarten kam nicht mehr der Nikolaus, sondern Sinterklaas. Und auch die Händler passten sich an. In den Lebensmittelläden wurden fast ausschließlich niederländische Waren verkauft.
Seit 1963 wieder deutsch
14 Jahre blieben die Gebiete niederländisch. Im Jahr 1963 wurden sie an Deutschland zurückgegeben. „Die meisten Orte wären wohl gerne niederländisch geblieben, vor allem der Selfkant“, vermutet Simon Hopf, Schatzmeister des Vereins zur Grenzgeschichte. „Wenn die Mentalitäten zueinander passen, dann verschieben sich schnell die Begriffe von Nation und Heimat.“
Ein kurioses Kapitel deutsch-niederländischer Geschichte. Mit kuriosen Überbleibseln. Eine Straße mitten in Selfkant gehörte bis zum Jahr 2002 keiner Nation an. Sie war quasi exterritorial.
„Einmal Niederlande und zurück“, bis 9. Februar, Haus der Niederlande, Münster, Mo bis Fr 12-18 Uhr, Sa/So 10-16 Uhr.