Die Dachauer Messe ist jetzt digitalisiert

Gottesdienst auf Block 26 zu Ostern am 1. April 1945

Gottesdienst auf Block 26 zu Ostern am 1. April 1945    Quelle des Fotos: Karl Leisner-Archiv

P. Gregor Schwake OSB:
Der 1. April [1945] und das heilige Osterfest fielen zusammen. Pontifikalamt. Abt Hondet zelebrierte. Choralproprium etwas lahm, weil gute Sänger entlassen. Ordinarium mehrstimmig. Ich orgelte. Abt Hondet predigte. Lateinisch. Lang. Für manche Aufgeregte viel zu lang, so daß sie die Kapelle verließen, obschon sie Zeit genug hatten. Das Amt wurde illegal photographiert; zu sehn in dem Buch von Sales Hess „Dachau, eine Welt ohne Gott“. Der breite Rücken des Organisten und Schreibers dieser Zeilen ist entzückend drauf gekommen.[1]
[1] Schwake, Gregor: Vor zehn Jahren. April 1945, Ostern und Freiheit, in: Singt dem Herrn. Sängerblatt des ACV für Deutschland, Österreich und die Schweiz 6 (1955): 14

Pater Dr. Gregor (Theodor) Schwake OSB (* 15.4.1892 in Emmerich am Rhein, † 13.6.1967 in Dülmen) – Eintritt bei den Benediktinern in Gerleve – Profeß 8.9.1912 in Ger­leve – Prie­sterweihe 25.7.1917 – Veranstaltung von Volkschoral­wochen im gesamten deutsch­spra­chi­gen Raum und in Jugoslawien 1929–1943 – Am 6.10.1943 wurde er in Öster­reich im Dom zu Linz von den Na­tionalsozialisten ver­haftet und kam am 2.1.1944 ins KZ Da­chau, wo er bis zu seiner Entlassung am 10.4.1945 zur Arbeit in der Plantage eingeteilt war.

Er leitete den Priester­chor und kompo­nierte u. a. die „Dachauer Messe“ als „Missa antiphonaria” mit Blech­bläsern. Diese widmete er seinem französischen Mithäftling Bischof Gabriel Piguet von Clermont. Sie erklang zum er­sten Mal mit dem Priesterchor am Sonntag, dem 24.9.1944, dem Fest der allerselig­sten Jungfrau Maria vom Loskauf der Ge­fange­nen (Festum B.M.V. de Mercéde), in der Lager­kapelle. Seit der liturgischen Kalenderreform 1969/1970 gibt es dieses Fest nicht mehr.[1]
[1] Das Fest „Mercedes“ bzw. „Barmherzige Maria“ wurde zuerst im Orden der Mer­ceda­rier gefeiert, dann von Papst Innozenz XII. (1615–1700) Ende des 17. Jh. für die ganze Kirche eingeführt. Der Name „Maria vom Loskauf der Ge­fangenen“ geht zurück auf den Orden der Mercedarier, der Geld sammelte, um damit ge­fan­gene und versklavte Christen aus der Hand der Sarazenen freizukaufen (s. Schwake, Gregor: Vor zehn Jahren. Dezember 1944, Priesterweihe. In: Singt dem Herrn. Sängerblatt des ACV für Deutschland, Österreich und die Schweiz 5 1954: 34).

P. Gregor Schwake OSB:
Außer dem großen Orchester ist plötzlich eine starke Blechmusik da, die an einigen Sonntag­aben­den Platzkonzert und eine Zeitlang zu den Appellaufzügen Marschmusik bietet. […] Schon Ende August, nach den Friedenschören, wurde ich von priesterlichen Kameraden gebeten, eine Da­chauer Messe zu komponieren. Karl Schram­mel gab mir Notenschreibpapier und über­nahm nach Fertigstellung meiner Nieder­schrift alles an­dere, die Vervielfältigung der Noten mit Licht­pause und das Einüben. Ich kompo­nierte keine Konzertmesse für Chor allein, wodurch die kost­bare, einzigartige, aktive Opfer­gemeinde des Dachauer Heilig­tums zum Schweigen und Zu­hö­ren gebracht wor­den wäre. Es wurde eine „Missa antipho­naria“, eine Messe im Wechselge­sang hin und her zwischen vierstimmigem Chor und einstimmigem Volksgesang, genau wie wenn wir ein gregorianisches Ordinarium san­gen. Aber die Tatsache, daß wir in der Kapelle nur ein kleines Harmonium, im Lager aber eine Menge von besten Blech­bläsern hat­ten, brachte mich auf den Gedanken, alle Volks­sätze von vier Bläsern begleiten zu las­sen. So wurde die Kom­position von mir in der heim­lichen Tischecke un­seres Planta­genbü­ros zu Papier gebracht. Sonntag, den 24. September [1944], erklang sie zum ersten Mal. Es war das an sich sehr kleine, aber für uns außerordentlich große „Fest Mariens vom Loskauf der Ge­fangenen“. Ehe das Hoch­amt begann, konnte ich die Mitbrüder aus al­len Nationen in einer einfachen lateinischen Predigt über den Sinn unseres Vorha­bens belehren. Dieses Hoch­amt ließ die arme Baracke in ande­rer Weise erzittern, als es bei dem Donnern der Flak­geschütze geschah. Nach Beendigung herrschte eine Freude, die über das halbe La­ger zu fluten schien. Die vier Bläser aus vier Natio­nen, ausge­sucht vom Hilversumer Ka­pellmei­ster, wurden vom Pfarrerblock reich­lich mit Le­bensmitteln beschenkt. Die SS, die sich sonn­tags kaum blicken ließ, hat nichts von dem Hochamt erfahren (Schwake, Gregor: Vor zehn Jahren. Dezember 1944, Priesterweihe. In: Singt dem Herrn. Sängerblatt des ACV für Deutschland, Österreich und die Schweiz 5 1954: 34; Albert, Marcel (Hg.): Gregor Schwake. Mönch hinter Stacheldraht. Erinnerungen an das KZ Dachau, Münster 2005: 106).

Lange galt die Messe als verschollen. Eleo­nore Philipp vom Verein „Zum Beispiel Dachau“ fand eine Abschrift, die P. Gregor Schwake OSB für die Fran­ziskanerinnen in Reute bei Bad Waldsee ange­fertigt hatte. Er hatte die Messe für Frauenstimmen mit Orgelbe­gleitung umgeschrieben. Am 18.10.1997 erklang die Messe in dieser Fassung – zurück­transfor­miert für Männerstimmen – erstmals in Ettenkirch bei Friedrichs­hafen, wo P. Gre­gor Schwake OSB von 1945–1947 Pfarrer war, anläßlich einer Gedenkfeier sei­nes 30. To­des­tages. Weitere Auf­führungen in dieser Fassung erfolgten am 18.1.1998 in Dachau Hei­lig Kreuz, am 25.3.2000 in Emmerich am Rhein St. Aldegundis und wiederum am 2.11. 2003 in Dachau Heilig Kreuz.

Aus der Zeitschrift Stimmen von Dachau:
Josef Helmus feierte sein Goldenes Priesterjubiläum am 11.6.1961 in Gladbeck-Rent­fort. Höhepunkt dieses Festtages war das Jubelhochamt, in dem der große Kirchenchor von St. Josef die „Dachau-Messe“ von P. Gregor Schwake OSB in neuer Bearbeitung für Chor und Orchester zum Vortrag brachte (s. Stimmen von Dachau 1961 – Nr. 12: 10: Aus unserer Priestergemeinschaft).

Hans-Karl Seeger:
Beim Durch­blättern der Stimmen von Dachau stieß ich auf die Bemerkung, daß am 11.6.1961 zum Goldenen Priesterjubiläum des ehemaligen KZ-Priesters Pfar­rer Josef Helmus die Dachauer Messe in der Origi­nalfassung gesungen wurde. Helmut Färber, Chormitglied in St. Josef Gladbeck-Rentfort, fand im Notenschrank Originalexemplare der Messe, von denen er mir freundlicherweise eines überließ. In dieser Fassung wurde die Messe am 1.11.2004 nach 60 Jahren zum ersten Mal im Kloster Gerleve, dem Hei­mat­kloster des Komponi­sten, auf­geführt.
Irmgard Reichl, Kirchenmusikerin der Pfarrei Heilig Kreuz in Dachau und Dekanats­mu­sikpflegerin hat die Da­chauer Messe für vierstim­migen gemischten Chor bearbeitet. Dabei blieb die Komposition weitgehend unangetastet. Durch Austeilen von Noten­hef­ten war auch ansatzweise ein chorunterstützender Wechselgesang mit Ge­meinde mög­lich. Anhand der Orgelstimme wurde nur eine Tenorstimme hinzuge­fügt. In dieser Fas­sung erklang die Messe am Kirchweih­sonntag 2004 das erste Mal in der Pfarr­kir­che Heilig Kreuz nur 500 m vom Entste­hungsort entfernt und ein zweites Mal im gro­ßen Festgottesdienst am 19.12.2004 anläßlich des 60. Weihetages der Priesterweihe (17.12.1944) von Karl Leisner.

Nun sind die Noten der Dachauer Messe digitalisiert und auf dieser Homepage unter Archiv gespeichert.