Die KZ-Priester Hermann Scheipers und Karl Leisner

Hermann Scheipers, der letzte lebende Priester, der Karl Leisner im KZ Dachau bei der Priesterweihe die Hände auflegte, ist 75 Jahre Priester

 

Am Sonntag, dem 5. August 2012, begeht Prälat Hermann Scheipers in seiner Heimatgemeinde St. Lambertus Ochtrup sein 75jähriges Kronjuwelen-Priesterjubiläum.

Zum 75. Jahrestag seiner Priesterweihe am 1. August 1937 im Bistum Dresden-Meißen schrieb er eine Erinnerung, die der Einladung zum Festhochamt beiliegt.

„Der weihende Bischof kommt aus dem Gefängnis und der Geweihte geht in das Gefängnis“

An meinem Weihetag feiert die Kirche mit dem Fest „Petri Kettenfeier“ die wunderbare Befreiung des Apostels Petrus aus dem Gefängnis des Königs Herodes.

Für den weihenden Bischof – er hieß auch noch Petrus – war es die erste Priesterweihe nach achtmonatiger Gefängnishaft. Er kam aus dem Gefängnis, ich aber kam am 4. Oktober 1940 ins Polizeigefängnis Leipzig und wurde Ende März 1941 ins KZ Dachau überführt.

(nomen est omen)

Diese doppelte Bedeutung meines Weihetages wird mir unvergesslich bleiben.

Der mich weihende Bischof Petrus Legge musste vorher (obwohl völlig unschuldig) in einem Devisenprozess 8 Monate Untersuchungshaft und dazu eine systematische Diffamierung als untragbarer „Devisenschieber“ in den Nazi-Medien ertragen.

Wegen dieser Diffamierung ließ Rom den Caritasdirektor von Berlin, Heinrich Wienken (aus dem Bistum Münster) vom Bischof weihen und ernannte ihn für Bischof Legge zum Coadjutor mit dem Recht der Nachfolge.

Auf Druck vom Vatikan veranlasste dann Mussolini seinen Freund Hitler zur Beendigung der Diffamierung und Bischof Petrus Legge konnte unbehelligt seinen Dienst als Bischof antreten. Jetzt wurde der Coadjutorbischof Wienken überflüssig und ging nach Berlin zurück.

Die Fuldaer Bischofskonferenz ernannte ihn daraufhin zum Sprecher für die katholische Kirche bei der damaligen Reichsregierung (wegen seiner Verhandlungen mit den Nazibehörden bekam er den Titel „der braune Bischof“). Als 1945 alle katholischen Geistlichen außer Wienken aus dem Sowjet-Sektor in Berlin flohen, wurde Wienken zum „roten Bischof“ als Sprecher für die katholische Kirche bei den Sowjets. Nach dem Tod von Bischof Legge wurde er an seiner Stelle zum Bischof von Meißen ernannt.

Hermann Scheipers aus Ochtrup an Hans-Karl Seeger:

„Victor quia victima“, so steht es auf meinem Primizkelch. Er – nämlich Chri­stus – wurde Sieger, weil er sich opferte. „Victores quia victimae“ – Sie [die KZler] wurden Sieger, weil sie geopfert wurden. So steht es in der Gaskam­mer des Schlosses Hartheim auf der Gedenktafel für unsere dort ermordeten Mitbrüder. Denn Hingabe in der Freiheit selbstloser Liebe – das ist Fülle des Lebens – „Geheimnis des Glaubens – im Tod ist das Leben“.

 

 

Prälat Hermann Scheipers am 13. Mai 2010 auf dem Gelände des ehemaligen KZ Dachau

Fotos: Birgit Kaiser

 

Wie Karl Leisner seine Priesterweihe im KZ Dachau, bei der ihm Hermann Scheipers die Hände auflegte, und seine Primiz erlebte dokumentieren, folgende Briefe:

Karl Leisner aus Dachau, Block 26/3, am 30. Dezember 1944 an Bischof Clemens August Graf von Galen in Münster und an seine Familie in Berlin und Niedermörmter:

Exzellenz, hochwürdigster Herr!

Die großen, heili­gen Tage sind vorüber. Noch ist das Herz voll des neuen Glücks. Am Gaudete­sonntag, 17.12., empfing ich hier in unserer Kapelle [im Block 26] die heilige Priesterweihe. Nach über fünf Wartejahren eine selige Gnadenstunde der Erfüllung. Aus ganzem Herzen danke ich nächst Gott Ihnen, daß Sie mir durch Ihr Jawort dies ermöglichten. Bischof Gabriel [Piguet] von Clermont weihte mich. Der Hochwürdigste Herr Kardinal [Michael von Faulhaber] hatte alles Nötige ge­sandt. Archidiakon war Reinhold Friedrichs. Von 8.15 bis 10.00 Uhr früh dauerte die heilige Hand­lung. Alle Confratres waren mit mir tief ergriffen und voll heiliger Freude. Am Stefan­stag[, dem 26.12., von] 8.30 bis 10.00 Uhr früh war die heilige Primizfeier, voll seliger Weih­nachtsfreude und Stimmung. Ihnen, dem Hochwürdigen Herrn Regens [Ar­nold Francken] und allen Dank und gutes Neujahr! In treuer, gehorsamer Sohnesliebe

Ihr Karl Leisner

Meine Lieben alle!

Am Heiligabend kam Willis Brief vom 15.12. mit den in aller Not erfreulichen Heimatnachrichten. Ich danke Euch allen für Eure lieben Weih­nachts- und Weiheglückwünsche. Sie sind erfüllt. Kinder, was bin ich glück­lich und Ihr mit mir. Ich kann es noch immer nicht fassen, daß Gott unser jahrelanges Beten und Warten so einzigartig und gnädig erhört hat. Aus dem Brief an den Bischof seht Ihr die Daten. Es waren die herr­lichsten Stunden und Wochen meiner gan­zen Haft, voll unbegreiflich hohen Glücks. Gleich nach der Handauflegung gab ich still Euch, viellieben El­tern, als ersten den Priestersegen. Am Abend des 17. je­dem von Euch feierlich einzeln den Primizsegen; Fränzl und ihr Kleines waren be­sonders mit dabei. Am 18. abends von Opa [Friedrich Fal­kenstein] angefangen allen Verwandten und den großen Wohltätern der Studienjahre. Am Stefanstag brachte ich allein das erste heilige Opfer dar. Nach der Wandlung war ich tief gerührt. Ihr wart als erste beim Gedenken der Lebenden dabei. Beim Geden­ken der Toten die lieben Tanten [Maria und Julchen], alle Verwandten, die Groß­eltern [Karl und Anna Leisner und Marianne Falkenstein], bis zum Hoch­wür­digen Herrn Propst [Jakob Küppers], Peiffers [Franz und Urban, Sophie und Elisabeth] allen, Herrn [Eduard] Bettray, [Wilhelm] Hendriksen, allen gefallenen Klevern. Am Altar war ich sehr ruhig und andächtig kon­zentriert. Keine Spur aufge­regt und voll unbeschreiblicher Freude. Jetzt sind wir also zu drei Schwä­gern[, Karl Leisner sowie Karl und Burkard Sauer,] Priester des Herrn. Hans [Otto Pies] wird sich mit uns allen selig freuen.

Karl Leisner aus Dachau, Block 26/3, am 30. Dezember 1944 an Heinrich Tenhumberg:

Für Obergefreiten Heinrich Tenhumberg, M 63898 Marinepostamt Berlin.

Lieber Heinrich!

Am Stefanstag [26.12.] von 8.30 bis 10.00 Uhr früh habe ich Primiz gefeiert. Zum ersten Mal allein das heilige Opfer am Altar, in unserer Kapelle hier [in Block 26]. Ihr wart alle im Geiste mit dabei. Nach über fünf Jahren Betens und Wartens Stunden und Tage selig­ster Erfüllung. Daß Gott uns auf die Fürsprache Unserer Lieben Frau so über­aus gnädig und einzigartig erhören würde, – ich kann es noch immer nicht fassen. Seit 14 Tagen kann ich nur noch er­griffen beten: Gott, was bist Du groß und gut. Für uns alle waren es Stun­den unbe­greiflichen Glückes und hoher, hellster Freude, die uns für viele dunkle Stun­den reich entschädigten. – Nach der heiligen Wandlung war ich für einige Sekunden tief ergriffen und gerührt, sonst sehr ruhig und konzen­triert. Stun­den seligster Weihnachtsfreuden und feinster, innigster Stim­mung.

Der belgische Zeichner Didgé hat im Comic Victor in Vinculis – Sieger in Fesseln Karl Leisners Priesterweihe im KZ Dachau in folgenden Szenen dargestellt: