Dionysos und Apoll im Leben Karl Leisners

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Karl Leisner hätte sicher die Ausstellung „Dionysos – Rausch und Ekstase“ im Bucerius Kunst Forum Hamburg besucht.

 

Die F.A.Z. vom 12. Oktober 2013 berichtete über die Ausstellung, die noch bis zum 12. Januar 2014 zu sehen ist.

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Teufel? So glaubte das Mittelalter. Doch als Christof Angermair d. Ä. um 1630 diesen Elfenbeinsatyr schnitzte, waren Eselsohren und Hörner wieder als Attribute der trinkfreudigen Gesellen des antiken Dionysos bekannt. Foto Museum
Lebt sich’s besser ungeniert
Ekstasen sind zeitlos: Das bezeugt die Faszination, die Dionysos, der Weingott im antiken Griechenland, bis heute ausübt. Das Bucerius Kunstforum in Hamburg widmet sich ihm.
Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein, deutscher Gesang: Als 1841 auf dem Hamburger Jungfernstieg erstmals Hoffmann von Fallerslebens Deutschlandlied erschallte, war von Bier nicht die Rede. Der Dichter sprach lieber dem Wein zu. So schrieb er:
„Und wenn’s meine größte Schwäche wäre, ich verdanke ihm mit die schönsten und heitersten Stunden. Der Wein ist eine verkörperte Idee der Liebe.“ Statt Wotan hing Hoffmann von Fallersleben dem Dionysos an, als er Wein statt Bier zum Nationaltrank kürte.
Wenige Meter vom Erstaufführungsort entfernt, zeigt nun das Hamburger Bucerius Kunstforum in einer Koproduktion mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden die taumelige Lebenswelt des griechisch-römischen Weingottes. Dionysos nannten ihn die Griechen, Bacchus die Römer. Vasen, Skulpturen, Reliefs, Bronzen, Kupferstiche, Zeichnungen und Gemälde bieten Weinschläuche, dicke Bäuche, ekstatische junge Frauen, Männer mit kräftigen Phalli, Kinder mit Locken und Efeukränzen, alle Wein kostend und vergessen machend, dass Dionysos auch generell Gott der Vegetation war.

Der Outlaw unter den Göttern
Dionysos, der Ausnahmegott: Erst spät gelangte er als Sohn des Göttervaters Zeus und einer Sterblichen in den Olymp. Kein anderer hatte eine so bewegte, zwischen Abstürzen und Triumphen schwankende Kindheit wie er. Einen „Outlaw“ nennt ihn Ortrud Westheide, die Direktorin des Kunstforums, der, anders als die anderen Götter, eine große Gefolgschaft besaß. Der alte Silenos, ein wackerer Zecher, war sein Ziehvater, sein Motto verkündete der antiken griechischen Tragödie Euripides: „Denn wer am Trinken sich nicht freut, der ist ein Narr.“ Dionysos’ Geliebte ist Ariadne, die verlassene Königstochter, in die er sich auf der Insel Naxos verliebte. Die Mänaden, „Rasende“, begleiteten den Gott auf seinen nächtlichen orgiastischen Streifzügen durchs Gebirge, umschwärmt von den Satyrn, wilden Männern mit Dauererektion. Weil Esel neben Stieren der griechischen Antike Inbegriff von Geilheit waren, malten die Künstler den Satyrn Eselsohren.
Kein anderer Gott der Antike wurde so oft gemalt und gemeißelt wie er samt seinem Gefolge. Doch anders als der meist athletisch-stählerne ApolIon war Dionysos ein Jüngling mit weiblichen Zügen und damit auch in geschlechtlicher Sicht ein Grenzgänger. Um das göttliche Ideal nicht allzu sehr anzukratzen, überließ man die zügellose Lüsternheit seiner Begleitung; Dionysos’ Begierde stellten die antiken Künstler nicht dar.
Der Großteil der neunzig Exponate stammt aus den drei Museen mit den bedeutendsten Dionysos-Sammlungen: Der National Gallery London, dem Kunsthistorischen Museum Wien und den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden: Letztere stellten allein dreißig Werke zur Verfügung, darunter die weltberühmte „Dresdner Mänade“, eine römische Skulptur, die sonst nicht ausgeliehen wird.
Dionysos’ Menschenähnlichkeit, sein Grenzgängertum und sein enthemmtes Gefolge faszinierten und inspirierten, worauf die Schau ein Schwergewicht legt, auch die Künstler der Renaissance und des Barock. Andrea Mantegna revitalisierte um 1470 in seinen Kupferstichen die antiken Darstellungen; dafür hatte er einen der drei damals in Rom öffentlich zugänglichen Sarkophage mit Dionysos-Darstellungen studiert. Folgerichtig findet sich nahe bei Mantegnas Fries „Bacchanal vor der Weinkufe“ ein römischer Sarkophag mit dem Relief eines Triumphzugs des Dionysos, geschaffen um 210 nach Christus. Auch Peter Paul Rubens nutzte antike Vorbilder. Seinem in Farben und Lichteffekten geradezu überbordenden „Silen, an einem Baumstumpf lehnend“ stand um 1600 eine römisch antike Brunnenfigur Pate. Erstmals seit der Meister den Trunkenbold malte, sind Zeichnung und Brunnen in Hamburg wieder vereint.

Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert
Solche Jahrhunderte überspannende Treffen sind verblüffende Höhepunkte der Ausstellung. Etwa dann, wenn das kreisrunde Gemälde „Eroten bei der Kelter“ aus dem Umkreis von Raffael oder das von Jusepe de Ribera um 1635 geschaffene Bildnis des Dionysos als Adaptionen antiker römischer Reliefs erkennbar werden. Das Relief, das Ribera anregte, zeigt Dionysos, wie er samt Gefolge das Symposion eines Sterblichen heimsucht. Hier alt und bärtig, verhindert der durch Prüfungen und Niederlagen gereifte Gott, dass seine Gefährten allzu wild wüten. Die jüngsten Werke dagegen, wie das Gemälde „Faun und Nixe“, 1918 von Franz von Stuck gemalt, flirren vor erotischer Spannung mit dem Rückgriff auf legitimierte klassische Sujets konnten Künstler der Wilhelminischen Kaiserzeit die prüden bürgerlichen Moralvorstellungen unterlaufen.
Es sei die erste Ausstellung, die Werke dieses Themas von der Antike bis zum 20. Jahrhundert zu einer übergreifenden Schau versammele, sagt Ausstellungskurator Michael Philipp. Der Blick auf den Gott „als ein wirkungsmächtiges Symbol, das von der Antike bis in die Gegenwart präsent ist“, unterscheide die Hamburger Ausstellung von anderen erfolgreichen Dionysos-Schauen der vergangenen Jahre in Berlin und München. Man wolle die „lebenspralle, ausgelassene Sphäre des Dionysischen“ verdeutlichen, erklärt er weiter. Schwierig vielleicht in einer Stadt, die gerade mal fünfzig Weinstöcke oberhalb der Landungsbrücken an der Elbe ihr Eigen nennt. Doch im Bann der unwiderstehlich ekstatischen Kunstwerke vergisst man rasch, dass nahe beim Bucerius Kunstforum lediglich reichlichst Alsterwasser fließt.
THOMAS BROCK

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Dresdner Mänade

 

 

 

 

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Bacchanal vor der Weinkufe

 

 

 

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Eroten bei der Kelter

 

 

 

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Faun und Nixe von Franz von Stuck

 

 

Über die Beschäftigung mit Friedrich Nietzsche kam Karl Leisner der Gott Dionysos in den Blick. Am 18. Januar 1938 schrieb er in sein Tagebuch:
Gestern abend Dr. [Paul] Wolff „Nietzsche und das christliche Ethos“. Nietzsche als Atheist, Antichrist, Immoralist.[1] Er [Friedrich Nietzsche] ist konkreter Denker. Sein Ja und Nein.[2] – Seine Ebene, über die er nicht hinaus kann und will: Das Diesseits. Von daher immer seine Aussagen betrachten, und als Christen sie nie in falscher Apologetik anwenden und sehen! Das Gefährliche an ihm nicht unterschätzen. In ihm ringen der Gott Dionysos und der Gekreuzigte.[3] Von Christus ist er aber nicht losgekommen sein Leben lang. Seine Kritik am christlichen Ethos, an der christlichen Tugendlehre: besonders an der christlichen Demut, Liebe und Überwindung: Da sieht er immer wieder nur von seiner Ebene!
Erschütternd war, wie Dr. W. [Wolff] ausrief nach seiner Darlegung dessen, was N. [Nietzsche] vergeblich tragisch versuchte, ohne Christus zu leben, zu versu­chen, ob es nicht auch ohne ihn ginge: „N. [Nietzsche], einer unserer Redlich­sten und Besten, ist diesen Weg stellvertretend gegangen für sein Volk, ja vielleicht für das ganze Abendland! – Und er ist diesen Weg zu Ende ge­gangen in seiner Furchtbarkeit und ist daran zugrunde gegangen.“
Ein tiefes Erlebnis bis ins Allerinnerste war das für mich: Natur und Gnade, darüber sprachen wir vorher mit Bernd Kox, dem Uffz. [Unteroffizier], – Hannes Tull hatte Stadturlaub, fein! Wir waren erhoben durch diesen Vor­trag und betroffen zugleich. – Im tiefsten Herzenskämmerlein wurde eine böse Dämmerung auf einmal hell. Ja, Klarheit und Wahrheit! Redlichkeit und Lauterkeit bis ins letzte! In und mit Christus, der dein Leben ist: Dein Le­ben![4] Mk 9,28–29![5]

[1] Paul Wolff hat dargestellt, inwiefern Peter Lippert Friedrich Nietzsche als den größten verborgenen Gottsucher aller Zeiten sieht. (s. Paul Wolff: Nietzsche und das christliche Ethos, Regensburg 1940: 7 – zit. Wolff 1940)
[2] Paul Wolff:
Sie [die gegensätzlichen Urteile] haben zu Har­moni­sierungsversuchen ge­führt, […] alle Ge­danken Nietzsches nur im Zeichen des Wi­der­spruchs, nur jenseits von Ja und Nein zu sehen (Wolff 1940: 11).
[3] Paul Wolff:
Der Jünger des Dionysos und der Priester Jahwes – so sagt Ludwig Klages – haben in Nietzsche bis zum Ende miteinander ge­kämpft und sind von­einan­der nicht losge­kommen (Wolff 1940: 9).
Nietzsche setzt Dionysos gegen den Gekreuzigten und möchte dennoch den Gekreuzigten für Dionysos retten, den Gekreuzigten im Sinne des Dionysos sehen (Wolff 1940: 118).
Und wenn er seine letzten Wahnsinnszettel einmal mit „Dionysos“ und das andere Mal mit „Der Gekreuzigte“ unterschrieb, – das letzte Wort seiner letz­ten Schrift hatte ja geheißen: „Hat man mich verstanden? – Dionysos gegen den Gekreuzigten!“ – so sagt auch das, neben dem Sinn, den wir früher bezeichneten, daß sein Versuch, sich vom Gekreuzigten wirklich frei zu machen, nicht gelungen ist (Wolff 1940: 180f.).
Paul Wolff widmete dem Mythos des Dionysos folgende Kapitel:
Dionysos  S. 22–33
Dionysischer Pessimismus   S. 33–42
Dionysos  S. 85–122
[4] s. Lied: Christus, der ist mein Leben
1. Christus, der ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn; dem tu ich mich ergeben, mit Fried fahr ich dahin.
2. Mit Freud fahr ich von dannen zu Christ, dem Bruder mein, auf daß ich zu ihm komme und ewig bei ihm sei.
3. Ich hab nun überwunden Kreuz, Leiden, Angst und Not; durch sein heilig’ fünf Wunden bin ich versöhnt mit Gott.
4. Wenn meine Kräfte brechen, mein Atem geht schwer aus und kann kein Wort mehr sprechen: Herr, nimm mein Seufzen auf.
5. Wenn mein Herz und Gedanken zergehn als wie ein Licht, das hin und her tut wanken, wenn ihm die Flamm gebricht:
6. alsdann fein sanft und stille, Herr, laß mich schlafen ein nach deinem Rat und Willen, wann kommt mein Stündelein.
7. An dir, laß gleich den Reben mich bleiben allezeit und ewig bei dir leben in Himmels­wonn und -freud.
(Worte: Jena 1609; Weise: Melchior Vulpius 1609)
Evangelisches Kirchengesangbuch 1970: Nr. 316
[5] Offensichtlich dachte Karl Leisner bei böse Dämmerung an Dämonen und fühlte sich durch die Aussage Jesu: „Diese Art kann nur durch Gebet ausgetrieben wer­den.“ aufgefordert, sein Leben zu ändern.

* * * * *

Ganz anders erlebte Karl Leisner den lichtklaren Apoll. Er notierte in seinen Tagebüchern:
Bücherlese vom 28. November 1934
NB Lange Zeit hab’ ich „die Lese“ vergessen. Jetzt soll sie wieder begin­nen. Ein kleiner „Geistesspiegel“ des von mir Gelesenen soll sie werden.
Zum Problem „Natur und Übernatur“. Aus dem Buche P. [Peter] Lipperts [SJ] „Von Christentum und Lebenskunst“.[1] (Im „Leuchtturm“ Nr. 5/6, August/Septem­ber 1934.)[2]
Die Spannung zwischen Natur und Übernatur ist die tiefste, die im Men­schen wirkt. Sie ist von größtem Einfluß auf unser Leben![3] (Vorbemer­kung).
Die Natur strebt nach schönem und gesundem, strahlendem Menschentum, nach dem lichten Bilde des Apollo von Belvedere, die Über­natur aber stellt als Idealbild den gemarterten, den gekreuzigten Menschen vor unsre Augen.[4]

[1] Lippert, Peter: Von Christentum und Lebenskunst, München 1933 – als Rund­funk­vorträge im Bayeri­schen Rundfunk gehalten
[2] s. Leuchtturm 1934/1935: 125. Die dort abgedruckten Texte stehen bei Lippert 1933, 2. Kapitel „Natur und Übernatur“: 29–47
[3] a. a. O.: 130
[4] ebd.

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Apollo von Belvedere

 

2. Februar 1936, Mariä Lichtmeß
Lumen! Lumen ad revelationem gentium! Et gloriam plebis Suae Israel! [Licht! Licht zur Erleuchtung der Heiden! Und Herrlichkeit seinem Volke Israel![1] (Lk 2,32)]
Morgens eine Stunde: Schaffen! Apoll vom Olymp aus „Feuerreiter“[2] ausge­schnitten und fein aufgeklebt. Echte eigene Freude am Eigenschaffen!

[1] Antiphon während der Austeilung der Kerzen im Gottesdienst
[2] Der Feuerreiter 1936, Heft 5 vom 1.2.1936: Titelblatt

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Das Heiligtum in Dephi, die bedeutendste Orakelstätte der Antike, war Apoll geweiht. Eine der am Eingang der Tempelstätte angeschlagenen Weisheiten hatte es Karl Leisner angetan: Erkenne dich selbst.
Sie wird dem griechischen Philosophen Thales (um 624–um 546 v. Chr. G.) zugeschrieben. Platon (* ? 427 in Athen, † 347 v. Chr. G. ebd.) zitiert diesen Spruch des öfteren. Laut Aristoteles (* 384 in Stageira/GR, † 322/321 v. Chr. G. in Chalkis/GR) ist er einer der bekanntesten Sprüche der Antike.

Karl Leisner schrieb in sein Tagebuch:
Sonntag, 6. Mai 1934
Bilanz: Erkenne dich selbst! – Tiefere Demut – Mehr Umgänglichkeit. – Weg von der Ichsucht – dann: Tiefere Ruhe, Bewußtsein der Geborgenheit in Gott. – Ruhe, nicht Hast! Nerven! – O. A. M. D. G. [OMNIA  AD  MAIOREM  DEI  GLORIAM!]

Donnerstag, 27. Januar 1938
Wieder ein kleiner Stein zum Mosaik Gnwqi seautÒn! das über dem Eingang zum Seeleninnersten hängen soll.

* * * * *

Die Götter Apoll und Dionysos sind sehr gegensätzlich, bilden aber zusammen ein Ganzes. Was dem einen fehlt, hat der andere.
Apoll ist in der griechischen und römischen Mythologie der Gott des Lichtes, der Weissagung und der Musik. Seine Attri­bute sind unter anderen Leier, Pfeil, Köcher und Lorbeerkranz.
Dionysos ist in der griechischen Mythologie der Gott des Weines, der Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit und der Ekstase.
Wenn man so will, steht Apoll für die Ordnung und Dionysos für das Chaos. Richtiges Leben gibt es nicht ohne etwas Chaos in der Ordnung beziehungsweise etwas Ordnung im Chaos.

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