Heiho, noch schäumt das Leben

Jede Generation hat ihre eigene Ausdruckweise, um etwas als „ganz besonders“ zu kennzeichnen. So benutzten die von der Jugendbewegung des 20. Jahrhunderts geprägten Menschen wie z. B. Karl Leisner dafür Ausdrücke wie „Ia!“ und „Heiho“ oder auch „Heijo“ .

Mehrmals zitiert Karl Leisner in seinen Tagebüchern das von Georg Thurmair alias Thomas Klausner 1930 verfaßte und von Hans Kulla 1936 vertonte Gedicht Heiho, noch schäumt das Leben

Heiho, noch schäumt das Leben

1. Heiho, noch schäumt das Leben im Kelch wie junger Wein! Das Feuer wilder Reben, es will getrunken sein!

2. Noch glühen unsre Sterne am Himmel hoch in Glanz; wir stürmen ihre Ferne und zwin­gen sie zum Tanz!

3. Wir tanzen unser Leben und jauchzen hell im Schwung; uns ist es aufgegeben: die Welt wird wieder jung!

In Karl Leisners Nachlaß befinden sich einige Spruchkarten mit diesem Gedicht, die er von vertrauten Menschen bekommen hat:

 

Wenn Karl Leisner das gesamte Gedicht, eine Zeile oder nur das Wort „Heiho“ in sein Tagebuchschreiben einfließen läßt, hat es mit überschäumender Lebensfreude zu tun.

Pater Otto Pies SJ schrieb am 31. Oktober 1949 an Willi Leisner:

Es freut mich, daß Ihr die Radio­ansprache mit Interesse gehört habt. Na­türlich habe ich dabei an Karls Lieblingswort ge­dacht. Ich hatte auch am Schluß des Manuskriptes von Karl er­zählt, mußte aber die­sen Ab­schnitt aus­lassen, da die knappe Zeit eine Kürzung erfor­derte.

Willi Leisner antwortete auf eine Nachfrage vom 4. Oktober 2006, das Lieblingswort seines Bruders sei „Heiho“ gewesen, angeregt durch das Gedicht von Georg Thurmair.

Beispiele für diesen Jubelruf aus Karl Leisners Nachlaß:

Bei der Schweizfahrt 1932 geschah ein schwerer Unfall. Es war nicht klar, ob Willi Leisner den Sturz mit dem Fahrrad überlebte. Dann zeigte sich eine Besserung. Karl Leisner notiert, zum 25. August 1932, dem 12. Tag der Fahrt:

[Tgb. 6, 145–149]

Nach großen Bergtouren steht unser Sinn nicht mehr. Die Fahrt ist verpecht … aus! Alle Lust ist uns vergangen. Möglichst schnell nach Haus. Verwandte „antanken“, um möglichst viel Geld für die Unkosten der Krank­heit zu retten. – Willi kann schon selbst an den Brief schreiben. Das tröstet uns und seine Eltern, unsere Lie­ben daheim! Wir besuchen ihn nicht. Er muß Ruhe haben. – Wir wollen fahren, auch wenn Willis Stand noch nicht hundertprozentig sicher ist. Zum Abschied geben uns die guten Schwestern ein deftiges Mit­tagsmahl (Hauptspeise: Bratkartoffeln und Bratnudeln). Jetzt rächt sich die Natur: Wir futtern wie die Bären – alles weg, ratzekahl, selbst das noch Nachgebrachte.

Gegen 12.00–13.00 Uhr auf die Rösser – heiho. Ade, Willi – werd’ gut gesund.

Sonntag, 1. Dezember 1935 [Tgb. 16, 111]

(Erster Tag des Kirchenjahres):

Gleich hab’ ich’s gemacht, wie man’s nicht machen soll: Keine Zucht in der Einteilung der Zeit! Kein Schwung. Fresserei bei Tisch! – Stielaugen. Bah! – Demütig werden ist schwer! Bescheidenheit lernen muß ich in allem!

Und doch:

1) Heiho noch schäumt das Leben im Kelch wie junger Wein!

Das Feuer wilder Reben, es will getrunken sein!

2) Noch glühen unsre Sterne am Himmel hoch in Glanz,

wir stürmen ihre Ferne und zwingen sie zum Tanz!

3) Wir tanzen unser Leben und jauchzen hell im Schwung,

uns ist es aufge­geben: die Welt wird wieder jung! (Th. [Thomas] Klausner)

 

[Tgb. 16, 129]

Reklameblattausschnitt:

Heiho, noch schäumt das Leben …

Vorbereitung einer Krippeausstellung für die Weihnachtsfeier in der Mühle, dem Heim der Jungen:

Samstag, 21. Dezember 1935 [Tgb. 16, 133–135]

Ich fahr’ erst zu Gerd Tünnißen – Waldstraße, ich hole ihnen die Krippe fast unter dem Weihnachtsbaum weg. Nr. 1 klappt. Zum Heim. Dann zu Theo Fehlemann, er macht alles fertig. Ich bin richtig in Stimmung. Dann zu Urban P. [Peiffer], er macht auch bis morgen früh die Sachen noch fertig. – Er darf „Nachtschicht“ machen. Weiter, zurück zu Theo F. [Fehlemann]! Dort noch Krippe von Karl Peters gesehen, fein! Schade, daß er krank ist für seinen Missionsberuf! – Zum Heim. Dort bis 23.00 Uhr alles hingezaubert. Ausgefegt, noch „Tischtücher“ zu Hause geholt. Wir haben’s geschafft! Heiho!

Notizen aus der Zeit im Reichsarbeitsdienst vom 1. April bis 23. Oktober 1937:

Sonntag, 18. April 1937

19.00 Uhr auf Wache! 19.00 bis 21.00 Uhr 1. Wache. Auf Po­sten: Wind. Wol­kiger Abend. Mond zunehmend. – Erin­nerungen an Freiburg/Br. – Familie R. [Ruby] und El. [Elisabeth]. – Rom­fahrt [22.5.–8.6.1936]. – Flan­dern [3.–21.8.1935]. Heiho!

Samstag, 1. Mai 1937 [Tgb. 21, 9–11]

Ein Morgen wie noch nie. Beim Frühsport liegt Sonnengold überm Land. Das frische Grün der Birken, das die Sonne ganz hell durchleuchtet, macht das Herze ganz frühlingshaft.

Morgenkaf­fee nach Festtagsart. Dann frei. Ich singe Früh­lings-, Morgen- und Wanderlieder zur Klampfe.

Um 10.00 Uhr alles fertigmachen zum Marsch in 2. Garnitur! Morgens bei der Flaggenparade Aufju­beln zu Gott. In Maien- und Tannenschmuck prangt das Lager. – Es ist mir wohl in den Stie­feln. Ein ganz wonniges Gefühl durchflutet Leib und Herz.

Wir marschieren und singen durch das Städtchen. Heiho! Es schallt über den Markt. „Heute wollen wir das Ränzlein schnüren!” – Hei Jungs, wir fahren in die Moore, hei Jungs, wir fahren an die Ems!!

Donnerstag, 20. Mai 1937 [Tgb. 21, 26–29]

Dann aufs Schmalspurbähnle verladen zum La­ger! … Über die Bayern­brücke zu unserem Lager „Sachsen III“ an der Brücke 11. – 1. Ein­druck: Ia. Truppstuben! Schöne Umgebung. – Gut’ Nacht! Karte nach Hause wegen einem Ku­chen für Sonntag in acht Tagen etc. Heiho! – Ran. Hinein ins neue Leben hier!

Sonntag, 13. Juni 1937 [Tgb. 21, 4853]

[Gerhard] Heinze das Missale und Brevier er­klärt. – Fein! Guter Kern! – Ausmarsch nach Ge­orgsdorf. – Mit Walter [Flämig] und Franz [Schöndorf] spazieren, geplaudert und geschrieben. – Verdreckt kehren wir heim. – Nach dem Kaffee, bei dem Fm. L. [Feldmeister Adolf Leopold] wieder teilnimmt, noch von sei­nem Leben spannend erzählt, los nach Hoogstede. Mit Weese per Motor­rad bis zur Kir­che [St. Bonifatius]. (Im Braunhemd und Reiterstiefeln!) – Heiho! Ante taber­na­culum oravi – omne deside­rium cordis vexati eripuit. Quid faciendum, quid? [Vor dem Tabernakel habe ich gebetet – alle Sehn­sucht des gequälten Her­zen hat er herausgerissen. Was ist zu tun, was?]

Notizen aus der Studienzeit in Münster:

Dienstag, 23. November 1937 [Tgb. 22, 49–51]

Harmonie – als Aufgabe!

Abends im Silentium mit Jupp K. [Köckemann] feines Stündchen der Freundschaft. Ich erzähle von Straßburg und Colmar [im Februar 1937]. – Heiho.

Gott, ich danke Dir, daß Du uns so herrlich erschaffen und noch viel wun­dervoller erlöst hast! O Deus meus, caritas immensae ignis! [O mein Gott, Du Feuer unermeßlicher Liebe!]

Samstag, 8. Januar 1938 [Tgb. 22, 80]

Gott sei Dank, die Wissenschaftliche Arbeit hab’ ich fertig. Kurt Pohl half mir dabei. Bis 23.00 Uhr spät sah ich sie noch nach. Recht gefallen tut sie mir noch nicht – aber weg damit! Heiho!

Samstag, 22. Januar 1938 [Tgb. 22, 98f.]

(aus dem morgigen Offertorium) – De Deo meo. [Von meinem Gott.] O welche Schätze! Daran wird man sein ganzes Leben „ackern“ müssen – o Landmann Gottes! Heiho!

 

Mittwoch, 8. Juni 1938 [Tgb. 24, 63–67]

Heute mittag lag ich mit Heini Ten [Tenhumberg] am [Dortmund-Ems] Kanal. Sonne – Natur! Heiho! Nur keene [keine] Treibhauspflanze nich!

Selbst im KZ Dachau hat Karl Leisner sein Lieblingswort nicht vergessen. Er schreibt am Freitag, dem 22. August 1941, an seine Familie:

Meine Lieben!

Im Geiste war ich in der Vorernte- und Erntezeit oft in den wogenden Saat­feldern der „Materborner Schweiz“ spazieren. Ist alles gut eingebracht? Die verstrichene Festoktav hab’ ich in recht dankbarer, innerer Erntegesin­nung verbracht. Wie herrlich und gut hat mich doch der gute Vater an der Hand Unserer Lieben Frau geführt. Die innere Reife- und Erntezeit! – Und Du, liebe Elisabeth, hast miteingefahren [auf dem Bauernhof von August Janssen in Niedermörmter]. Du mußt in den zweieinhalb Jahren ein Prachtmädel geworden sein. In Frei­burg hast Du Deine 18 Lenze voll­endet. 18 Jahre – heiho! Ich wünsch’ Dir das Lieb­ste und Schönste.

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Es wundert nicht, daß es im Nachlaß von Karl Leisner weitere Zeugnisse zu diesem Thema gibt:

Dienstag, 12. Mai 1936

Anläßlich der Entlassung von Generalpräses Ludwig Wolker aus der Haft veröffentlichten Reichsobmann Albert Steiner und Reichs­­kaplan Alfons Brands folgenden Aufruf:

Eine frohe Kunde!

Das Reichsamt des Katholischen Jungmänner­verbandes Deutschlands meldet: Aus Karsamstag beginnt Ostern zu werden! Gestern, Dienstag, den 12. Mai um 17.00 Uhr, wurde der Generalpräses aus der Haft entlas­sen. Tragt die frohe Kunde durch das ganze Land! Te Deum laudamus [Gott, wir loben Dich]! Seine Anschrift: Düsseldorf, Annastr. 86.

Alle übrigen sind noch in Haft. Wir haben auch Hoffnung für sie. (Generalsekretär [Jakob] Clemens, Hans Niermann usw.)

Eine zweite freudige Nachricht! Gestern vormittag sind von der Ge­heimen Staatspolizei sämtliche seit November versiegelten Zimmer des Jugend­hauses (das sind über die Hälfte der Räume) wieder geöffnet worden. „Heiho, noch schäumt das Leben“!

Johannes van Rooy, Ansichtskarte aus Kellen, am 3. November 1936 an Karl Leisner in Kleve:

Frohen Gruss Dir Karl und meine herzlichsten Glück- und Segens­wün­sche zu Deinem Namenstage.

Im übrigen werde zunächst recht bald gesund und dann: hei o [Heiho], hoch schäumt das Leben!

Heil Dir in Treuen

Dein Johannes van Rooy

Mittwoch, 30. Dezember 1936 [Tgb. 20, 6]

Heinrich Roth, Spruchkarte „Heiho noch schäumt das Leben“ aus dem Jugendhaus Düsseldorf, aus Münster an Karl Leisner in Freiburg/Br., Hansjakobstraße 43:

Lieber Karl!

Herzliche Wünsche zum Jahreswechsel und frohe Grüße

In caritate Christi [In der Liebe Christi]

Dein Heinrich Roth DPr. [Diözesanpräses]

Bernhard Ruby aus Backnang, am 6. Dezember 1937 an Familie Wilhelm Leisner in Kleve:

Grüß Gott.

Was Ihr mir schreibt von den Dingen, die sich abspielten bei Euch, ist traurig. Wir sind nur wenige, die stehen im Reich und durchhal­ten, doch wir sind jung. Hier im Lager sehe ich so viele, die einem bür­ger­lichen Leben verfallen sind, ohne Mut und Kraft in den Tag hineinle­ben, viele von ihnen haben sich ausgelebt bevor sie eigentlich richtig zu leben an­fangen sollen, sie sind ausgemergelt und entnervt. Vor ihnen fürchten wir uns nicht, sie können weder lieben noch hassen und doch gilt ihnen unser Kampf zuerst.

„Heiho, noch schäumt das Leben im Krug wie wilder Wein,

das Feuer wilder Reben, es will getrunken sein.

Noch leuchten unsre Sterne am Himmel hell im Glanz,

wir stürmen ihre Ferne und zwingen sie zum Tanz.

Wir tanzen unser Leben und jauchzen hell im Schwung,

uns ist es aufgegeben, die Welt wird wieder jung.“

Bernhard Ruby aus Backnang am 9. März 1938 an Karl Leisner in Münster:

Heiho, Karl!

Hab Dank für Deinen Gruß. Er hat mir viel Freud gemacht.

Bernhard Ruby, Spruchkarte „HEIHO, noch schäumt das Leben“ (Jugendhaus Düsseldorf), am 4. Juni 1938 an Familie W. Leisner, Kleve, Flandrische­straße 11:

Ein frohes [Pfingst]Fest und Weisheit, Kraft und Freude wünscht Ihnen allen die Freiburger Ruby-Orgel, besonders die sieben Landstreicher­pfeifen vom letzten Sommer.

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Eine Variation zu „Heiho“ ist „Heijo“. Vermutlich lag das daran, daß ein Liederbuch der Nerother so 1933 tituliert wurde:

Karl Oelbermann, Heijo, der Fahrwind weht, Lieder der Nerother, Verlag: Günther Wolff zu Plauen im Vogtland, Plauen 1933, 48 Seiten. 

Auch die folgenden Notizen zeigen Karl Leisners Lebensfreude:

Freitag, 10. August 1934 [Tgb. 13, 127]

Am 10.8. morgens geht’s zur Commerz- und Privatbank: für 50,00 RM Gulden. – Dann ging’s mal mit dem Präses [Heinrich Brey] zum Kloster [Ma­riental] der guten Borromäerin­nen: Heijo – un­sere beiden Lager­köchin­nen [Anna Kempkes und Maria Leisner] in spe [demnächst] können gratis dort bleiben.

Dienstag, 14. August 1934 [Tgb. 13, 131–137]

Unsre Eltern und Freunde winken. Wir singen [zum] Abschied! Heijo, uns hält nichts mehr. Gruft runter – Tiergar­ten – Donsbrüg­gen – Nütter­den: Hochstimmung. Vor Wyler gleich „över de Pöhl“ [über die Grenze] auf nach Groesbeek!

[Tgb. 13, 158af.]

Das Lagerfest – Heijo!

Drei Fotos:

Im Wald unter Banner und Trommel muntere Jungen!

Beim „Propagandamarsch“. Unsere Fahnenträger.

 

Geistlicher Besuch aus der Nachbarschaft! (Kaplan [Franz] Quinders – Frasselt).

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Freitag, 7. Dezember 1934 [Tgb. 15, 3942]

Jungscharführerkursus für den Gau Oldenburg in Vechta vom 7. bis 9. Dezember 1934.

[…]

Am Tage vorher gab der Diözesanpräses [Heinrich Roth] mir noch Aufklä­rung über die besonderen Schwierigkeiten und dann gings am Freitag 7.12. 14.40 Uhr auf den Zug. […] Heijo wir fahren!

Mittwoch, 16. Januar 1935 [Tgb. 15, 71f.]

Spaziergang bis 15.00 Uhr mit Hans Salm: Er erzählt von seinen Fahrtenabenteuern (drei Tage in der Schweiz, mit 4,00 [Reichsmark] hin mit 8,50 [Reichsmark] zurück!). In schneidigen Au­tos, beißgefährlicher Kerl. Heijo! – Trampen: Methode und Gefahren: Für die Jungenschaftsfahrt beachten!

 

Donnerstag, 17. Januar 1935 [Tgb. 15, 72]

Heute – nationaler und caritativer Diensttag! Apostelkommunion! Hal­tung, Erfüllung! – Von 8.00 bis 15.00 Uhr Dienststunden. Heijo, ran!

Freitag, 18. Januar 1935 [Tgb. 15, 72f.]

Mit Hans Salm (IV. Kursus) auf Domplatz spazieren. Er erzählt, wie er von Tübingen nach Münster zum Examen flog bis Frankfurt, halb trampte, halb Zug fuhr bis er – schlecht vorbereitet ankam. Phantastisch! Gottvertrauen und jeglicher Leichtsinn zusammen! Heijo, fein! „Konradin reitet“ (Otto Gmelin)

[Tgb. 16, 23]

Ich schreibe dies am 19.9.1936:

Den ganzen Morgen krame ich schon das Tagebuchmaterial durch. Eine herrliche, unbeschreibliche Lebensfülle strömt mir aus diesem Jahr entge­gen. 1932 stand ich als junger Führer im KWV – Jungen werben, El­tern be­su­chen, Fahrten – Heijo! Das politische Leben wird täglich in­teressanter und bewegter.

Dienstag, 22. Januar 1935 [Tgb. 15, 74–77]

Ach und dann, wie ich geritten bin, gejauchzt hab’ mit dem heldischen Jungen, dem Konradin, dem letzten Hohenstaufen! Otto Gmelins „Konradin reitet“ – wunderbares Singen und Klingen des nordischen, germanischen Blutes, aber doch verklärt in wunderfeiner Christlichkeit. Wundervoll! Das Leben der deutschen Jungenschaft mit all ihren geheimsten, größten und tiefsten Sehnsüchten – das Reiten, die Weite, das Lieben, das Fassen des Lebens, das Sinnen und Träumen – ach, es steckt das all noch so in mir – so manchmal, dann packt’s einen mit Urgewalt – ei, dann möcht’ man so los: Trampen, auf Fahrt, heijo! Aber – ich kann und will warten bis zu den Ferien, und jetzt heißt’s für Christi Aufgabe und Beruf sich bereiten in stil­ler, steter, straffer rechter Arbeit für’s Examen. Es soll mich nicht schrecken – ach nein, trotzdem ich ja viel mehr bisher hätte „oxen“ können.

 

Freitag, 5. April 1935 [Tgb. 15, 89]

Kurz nur eins: Zu viel Unrast, zu viel Betrieb: das geht nicht so weiter! – Tempo, Tempo! Heijo in die Falle, los: Ruhe, Besinnung – Tiefe, Christus ist mir alles! – Ferien vorüber: Krankendienst, 10 Tage Oldenburg, fünf Führer­kurse (nicht „zu gut“ vorbereitet) – oh – Arbeit – wie fein. Leben, Kraft. Gott gib’ mir Gnade! Amen!

Samstag, 29. Juni 1935 [Tgb. 16, 78–81]

(Rückblick auf die Ferien)

[…]

Heijo und dann geht’s los auf Großfahrt nach Belgien [Flandernfahrt 3.–21.8.1935]! Deo gratias aus jubelnd dankesvollem Herzen für all den Reich­tum an Einsicht und Erleben. Drei Wochen Großfahrt. Ein Land erschließt sich uns – zwei Volksstämme verschiede­ner Rassen [Flamen und Wallonen]. – Erinnerungen an den Großen Krieg [Ersten Weltkrieg].

Mittwoch, 27. November 1935 [Tgb. 16, 103–105]

Die Natur in ihrer ganzen Kraft und Glut und Leidenschaft und Hingerissenheit, in ihrer ganzen geschöpf­lichen Urkraft – hellauf wache ich – Gott ruft all meine Kräfte wach – wach – wach sein, hellhörig! Scharfsinnig, mutig – klar, auf, auf!!

Ich spanne die Muskeln, ich atme tief, ich richte mich grad: Mensch, du, ha, wach auf: was steckt in dir, hol’ alles raus, erziehe dich, veredle dich – auf­gebrochen!! Heijo, he heijo! Ahoi!

Jubelnd stürze ich mich ins volle Leben, Deo trino Duce et Imperatore!! [mit dem Dreifaltigen Gott als Führer und Herrscher]

Sonntag, 5. Januar 1936 [Tgb. 16, 155f.]

Im Zuge treffe ich H. [Herrn Anton] Angeneyndt (von de Meddelweg [vom Mittelweg 63]) – itzo auf dem Wege nach Bremen zur Division. Er erzählt lebendig von den Ta­gen da­heim, besonders vom Er­lebnis des Besuchs beim [Pfarr]Rektor [Jo­hannes] Giese. Rauhe Art – Solda­ten! Heijo!

Montag, 6. Januar 1936 [Tgb. 16, 156–160]

Ja jetzt geht’s wieder neu an, das Leben an der Alma Mater Monasteriensis [Münsterschen Universität]. Heijo! Hohe Flug- und Schwungkraft des Gei­stes! Neue Bildung und For­mung der Seele! Dabei bewahren und erhöhen frischen, starken Leib!

Karl Leisner aus Dahlen am 24. April 1937 an Walter Vinnenberg in Coesfeld:

PS Mitte Mai soll unsere ganze Abteilung ins Emsland (Umgebung von Meppen) verfrachtet werden. Heijo! Dann würde ich vielleicht mal auf Samstag/Sonntag rüberkommen [nach Coesfeld].

Sonntag, 2. Mai 1937 [Tgb. 21, 12]

Ich denke an voriges Jahr, wo ich darüber für das Bottroper Kirchen­blatt einen Artikel schrieb mit Jupp Köcke­mann zusammen. Heijo!! Ich lese nochmals die schönen Worte vom Karsamstag, die ich aus tiefster Herzens­not und Begeisterung schrieb. Die Zeit braucht Heilige!

Freitag, 12. November 1937 [Tgb. 22, 32–36]

Das ist so was vom unum necessarium [eines ist notwendig, vgl. Lk 10,42] für mich! – Jetzt ran mit ganzer wilder junger Kraft – jawoll! – und tiefem Gebets- und Studien­eifer an den großen Wurf, der gelingen muß und wird. Ich will mit Gott! Heijo!

Dienstag, 30. November 1937 [Tgb. 22, 55–57]

Deshalb kann ich nur danken für diese Zeit des „Sturm und Drangs“ – ja die war’s, heijo! Und jetzt beginnt mit Gottes Hilfe, hoffe ich, die Zeit der letzten Jungmannsreife zur klaren, graden Männlichkeit, die dann aus eige­ner, gottgeschenkter Kraft anderen Wege weisen, Führer der Schwachen und Suchenden sein kann.

Selbst in seiner Wissenschaftlichen Arbeit findet das Gedicht von Georg Thurmair einen Platz, wenn auch mit Fehlern zitiert:

„Heijo [Heiho], noch schäumt das Leben

im Kelch wie junger Wein.

Das Feuer wilder Reben,

Es will getrunken sein.

Noch glühen unsre Sterne

Am Himmel hoch in Brand [Glanz],

Wir stürmen ihre Ferne

Und zwingen sie zum Tanz.

Wir tanzen unser Leben

Und jauchzen hell im Schwung,

Uns ist es aufgegeben:

Die Welt wird wieder jung!“

Samstag, 31. Dezember 1938 [Tgb. 26, 21–25]

Das Fiat hat harten Kampf durch Feigheit, Kleinmut, Unglaube und Un­rein­heit gekostet. Bis der stolze Sugambrer sich beugte – heijo!