Am 21. Mai vor 80 Jahren „verabschiedete“ sich Karl Leisner von Elisabeth Ruby

Auf dem Weg zum Priesterwerden gab es für Karl Leisner zwei große Prüfungen. Er  dachte daran, Politker zu werden[1], und als er sich im Außensemester in Freiburg 1937 in Elisabeth Ruby verliebte, trug er sich auch mit dem Gedanken, eine Familie zu gründen. Die beiden jungen Menschen haben miteinander um ihre Liebe gerungen, sich aber nach inneren Kämpfen bewußt für einen anderen Lebensweg entschieden. Im Mai 1938, dem Jahr der Tonsur und der Niederen Weihen[2], schrieb Karl Leisner, um Klarheit zu schaffen, einen „Abschiedsbrief“ an Elisabeth Ruby und notierte den Text sozusagen als Kopie auch in sein Tagebuch.

[1] Münster, Sonntag, 24. April 1938
Ich las dann von [August] Winnig dessen Europa-Buch. Daran entzündete sich mein glühender Gedanke vom Politikerwerden noch einmal – und doch das Priestersein ist größer. Wenn du es kannst, folge dem Ruf Gottes. Natur und Gnade!
[2] Niedere Weihen – Minores
Vor der Liturgiereform gab es für die Männer, die Priester werden wollten, vier Niedere Weihen: Ostiarier (Tür­hüter/Pfortendienst), Lektor (Vorleser), Exorzist (Teufels­beschwö­rer/Amt der Befreiung von der Gewalt des bösen Feindes) und Akolyth (Altardiener/ Gehilfe des Subdiakons). Seit der Liturgiereform gibt es nur noch die Weihe zum Diakon und als Ersatz für die Niederen Wei­hen eine Beauftragung zum Lektor und Kommu­nion­helfer.

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Münster, Samstag[1], 25. [21.] Mai 1938
Gestern abend [20.5.1938] besuchte mich um 18.55 Uhr der Hochwür­dige Herr Regens [Arnold] Francken. – Gütig und sachlich, kurz und bün­dig, entscheidungheischend trat er wie der Herr selbst vor mich hin. Ich habe mein Treuwort gesprochen. Fiat mihi secundum verbum tuum! Ecce – servus Domini! [Mir geschehe, wie du es gesagt hast! (Lk 1,38) Siehe – ich bin der Diener des Herrn!]
Heute morgen wurde mir Klarheit. Ich schrieb an Elisabeth diesen Brief:
Münster, 25 [21].5.1938
Ave Elisabeth!
Es war entsetzlich schwer. Glaube und Vernunft, Kopf und Herz hätte ich dabei verloren, wenn mir nicht die himmlische Mutter geholfen hätte. Eine furchtbare Mattigkeit und ein noch schlimmerer Zweifel am Sinn meines Lebens überfielen mein so selbstsicheres, stolzes Herz. – Ich glaube, Dein Gebet gespürt zu haben. Nie hab’ ich so für Dich gebetet wie in den ver­gan­genen Wochen. Dein Schwei­gen hat mir wohlgetan. Ich danke Dir für Deine Güte und schwesterliche Liebe, die Du mir seit den Tagen unserer Begeg­nung schenktest. Dir danke ich viel, und Christus ist mir in Dir begegnet, wie Er mir noch nie entge­gentrat.
Introibo ad altare Dei ad Deum qui laetificet iuventutem nostram! [Zum Altare Gottes will ich treten, zu Gott, der unse­re Jugend erfreue![2]]
Kannst Du mir verzeihen? Halte Dich für frei von mir! Karl[3]
Auf die Vorderseite der Dürerkarte „Madonna mit den [vielen] Tieren“ (Albertina Wien) schrieb ich: „Maria mit dem Kinde lieb – uns beiden Dei­nen Segen gib!“
[1] Wenn der Samstag richtig ist, muß der Brief vom 21.5.1938 datieren.
[2] Aus dem damaligen Stufengebet zu Beginn der Meßfeier: „Zum Altare Gottes will ich treten, zu Gott, der mich er­freut von Jugend auf.“ Karl Leisner hat „laetifi­cat – erfreut“ in laetificet – erfreue und „meam – meine Jugend“ in no­stram – unsere Jugend verändert.
[3] Hermann Ringsdorff im Gespräch mit Hans-Karl Seeger:
Als ich ihn 1938 traf – ich wollte mich gerade verloben – kam er darauf zu sprechen, daß auch er zeitweilig vorgehabt habe, sich zu verloben, oder doch zumindest daran gedacht habe, das Theologiestudium aufzugeben und zu hei­raten.

 

In seinen Außensemestern 1936/1937 in Freiburg zog Karl Leisner Anfang Januar 1937 zu Familie Dr. Joseph Ruby mit ihren 12 Kindern.

 

Er erkrankte an einer Mittelohr­entzün­dung, die ihn bis zum 1. Februar ans Bett fesselte. Während dieser Zeit pflegte Elisa­beth Ruby ihn liebevoll. Sein Zimmer lag im dritten Stock.[1] Auf Grund seiner Er­krankung holte man ihn her­unter in das Zimmer von Karl Ruby, das auch „Priezi“ – „Priester­zim­mer“[2] ge­nannt wurde. In dieser Zeit entwickelte sich vermutlich die Liebe zwischen Karl Leisner und Elisabeth Ruby.
[1]  Auf Weisung von Mutter Elisabeth Ruby durfte ihre Tochter Elisabeth das an Theologiestudenten vermietete Zim­mer im Dachgeschoß nur betreten, wenn diese au­ßer Haus waren.
[2]  Karl Ruby hatte am 22.3.1936 die Priesterweihe emp­fangen.

 

* * * * *

Vorgeschichte

Wie alle Jungen begann auch Karl eines Tages, sich für Mädchen zu interessieren. Seine erste Liebe galt Martha Retzlaff, einem Mädchen, das etwas älter war als er und bei Leisners zur Miete wohnte. Am 20. April 1931 er­wähnte er sie zum ersten Mal in einem Brief an Walter Vinnen­berg.

Am 19. September 1936 schrieb er in sein Tagebuch:
Schade, daß Mutter mir das herrliche Tagebuch des Innenlebens, das ich am 4. November 1932 begann und das [ich] bis Anfang 1933 führte, und die ersten Seiten des zweiten dieser Art in den Ofen warf. Es war die Zeit der jungen Liebe. Es muß an einem No­vember- oder Dezembertag 1932 gewesen sein, da endlich nach langem Schweigen die große Liebe zu ihr durchbrach. – Obersekunda, 17 Jahre – und schon …! Ein wildes heißes Stürmen, ein Ringen und Kämpfen um Ritter­lichkeit, Reinheit und Selbstzucht war’s. Wer zählt die innigen, süßen heimlichen Stunden, wo Herz zu Herze sprach?

Eine harte Probe für Karl Leisner war die Zeit im Reichsarbeits­dienst von April bis Oktober 1937. Der Ort Oschatz in Sachsen ließ ihn immer wieder an Elisabeth Ruby denken.

3. April 1937:
[…] dann träume und schlafe ich auf einer Bank in der Promenade – O-Schatz!

Besonders beim Wacheschieben gingen seine Gedanken zu Elisabeth Ruby. Um seine Sehnsucht geheimzuhalten, wech­selte er in die italienische Sprache.

9. April 1937:
Ich träume auch schon mal vom schönen Freiburg und von dem Schönsten, was mein Herze birgt. Oh, che è un gr. des! Oh, il mio cuor’ [Oh, was ist es für eine große Sehnsucht! Oh mein Herz]! – Sehnsucht.

Unzählige Male steht es in seinem Tagebuch: „gr. des. – große Sehnsucht“.

Georgsdorf, Mittwoch, 4. August 1937
Nach dem Frühstück schöner, stiller Morgenspa­ziergang auf dem Wald­damm. – Gebet und Ge­danken. – Pater familias atque parrochiae – pen­sées. [Vater einer Familie und einer Pfarrei – Ge­danken.[1]] – In Gottes Hand geborgen, mag kom­men was will. Für alle Wohltäter jeden Tag be­ten! – Sexuelle Beherrschung! Stark bleiben!
[1] Er dachte vermutlich an die unierten Christen, deren Priester heiraten dürfen.

Münster, Dienstag, 5. April 1938, Dienstag nach dem Passionssonntag
Der Beruf ist „vorläu­fig“ gerettet. – Die Entscheidung vom 25. Oktober [1937[1]] ist angebahnt, so ent­setzlich schwer sie mir fiel. – All das bewegt mich in der Erinnerung. Nach dem Examen waren wieder die alten Sehnsuchtsrufe aus den Tiefen des Herzens empor­geklungen. – Quid faciam? [Was soll ich tun?] – Wohin mich Gottes Hand führt, dahin geh’ ich, und mag es schwerstes Opfer und höch­sten Mut kosten. – O, wenn der Ver­zicht auf den amor terrenus [die irdi­sche Liebe] nicht wäre, vor allem auf das eigene Geschlecht, die eige­nen Kinder. Denn das ist doch so wunderbar, quasi Schöpfer sein zu dürfen. Warum haben wir’s nicht wie die Unierten?
[1] Am 24.10.1937 hatte Karl Leisner mit P. Ludwig Esch SJ ein Gespräch über Berufungsfragen geführt und bei ihm gebeichtet.

Münster, Dienstag, 19. April 1938, Osterdienstag
Osterdienstagabend
Das Schönste war mir heute Elisabeths Ostergruß. Er hat mich zu­tiefst gepackt und mir ins Herz gegriffen. Es will mir scheinen, daß das reine Opfer dieses gläubigen Mädchens mich in die Knie zwingt, meine wilde, un­bändige Natur. Ich ahne um ganz anbetungswürdige Zusammen­hänge der Gnade. Liebe, Leid, Opfer! Sie steht mir wie ein Morgenstern der göttlichen Gnade und Vorsehung in meinem Leben. Ihr stilles, großes Opfer und Gebet scheint mir den Himmel des Heiligtums öffnen zu wollen und mich hinzufüh­ren zum Altar. Ich möchte weinen vor heiliger Freude. Herr, ich danke Dir, daß Du diese wunderfeine gläubige Mädchengestalt mir auf den Lebensweg gesandt hast. Diese starke Jungfrau, dieses reine Kind der Gnade, diesen kostbarsten Schatz unter den Menschenkindern, die mir je begegneten. Nächst dem Gebet meiner guten Mutter danke ich ihrem Gebet – und schwei­gendem Opfer, das vielleicht unter Leid und Tränen erkauft wurde, alles, was ich jetzt bin. Die himmlische Mutter hat sie mir geschickt. Ich danke! Laß mich ehrfürchtig werden und dankbar, guter Gott!

Münster, Freitag, 22. April 1938
Morgen will ich Elisabeth auf ihren lieben Ostergruß antworten. – Ich weiß nicht, dies Mädel hat etwas Großes in meinem Leben zu bedeuten. Ich will nach wie vor um des Heil’gen Geistes Führung und Lenkung unse­rer Seelen und Leben beten.
Wer kennt die Wege, die Er die Herzen lenkt! – Herr, führe uns, aber – ich flehe Dich an – nicht in Versuchung [vgl. Mt 6,13]. Laß es recht werden!

Münster, Samstag, 23. April 1938, Weißer Samstag
Vor mir steht im Glasstehrähmchen das Spruchbild, das Elisabeth mir zu Ostern 1937 – vor gut einem Jahr – schenkte, mit dem Spruch des heili­gen Augustinus: „Komm zu Christus. Denke nicht lange über Wege zu ihm. Glaube und du kommst! Liebe, und du wirst gezogen!“ – Glaube, der die Welt überwindet! [vgl. Joh 16,33] Liebe, stark und wundermächtig, herze­n­er­weckend, menschenführend! – Ich hab’ vor einem Jahr lange über die­sen Spruch nachgedacht, nicht ohne eine schmerzliche Wehmut und in einem tiefen Anklingen echter Liebessehnsucht. Und jetzt sinne ich wieder nach über diesen Spruch. Hab’ ich diesen weltüberwindenden Glauben, diese uner­schütterliche Liebe zu meinem Erlöser? Und kann mein wildes Herz sich Ihm als Nachfolger in Kreuz und Selbstverleugnung anheimgeben, so restlos und unbedingt im Verzicht auf jede eheliche Liebe zu einem Men­schen und Gotteskind? – Oh, ich stöhne unter diesem Entscheid. Soll er grad mich wol­len aus Tausenden. – Oh und diese Verantwortung für diese Sendung – und wenn ich dann die Gefahr zum Amtspopen und Seelenhand­werker, zum Pfaf­fen und Gewohnheitssprücheklopfer sehe – dann möchte ich nein sagen. Herr, ich kann nicht. – Du willst, ich soll dies Mädel glück­lich machen, das ist genug für mich. – Ja, es hat mir einen Stich ins Herz gegeben, dies rat­lose: „Was soll ich jetzt machen?“ – und er ist noch nicht verheilt. Ich muß Elisabeth fragen mit letzter Ehrlichkeit und Reinheit der Gesinnung, wie es um sie steht, und ob ich in ihr etwas angestoßen hab’ in tiefstem Herzens­grund, was ihr Herz bluten läßt. […]
Meine letzte und tiefste, geheimste Sehnsucht ist die nach Heiligkeit und Gottver­stehen oder besser Gotterleben (Theologie), aber ob ich zum zölibatären Priester­leben das Zeug habe, das bezweifle ich noch aufrichtig.

Münster, Donnerstag, 28. April 1938
Gestern schrieb ich endlich den Elisabeth schuldigen Brief. Hof­fent­lich war er klar und wahr und so, daß sie ihn recht versteht. – Es sind ent­scheidende Tage. Ich halte ein Triduum für sie. Besonders die liebe Mutter­­gottes will ich wieder und wieder anflehen, daß sie Gott für uns bitte und uns beiden rechten Sinn und Gehalt unseres Lebens schenken möge.

Münster, Samstag, 30. April 1938
Dieser Brief [an Elisabeth Ruby] mit all seinen Mängeln und deinem Stolz – er ist in Gottes Vorsehung geschrieben und wird in ihr vom Empfänger gele­sen. Was weiß ich denn, welchen Widerhall meine Worte im Herzen der Lesenden wecken. Vertraue auf das Wirken und Wehen des Heiligen Gei­stes Gottes. Es wird alles wieder recht und neu im Schein Seiner Liebe und Gnade werden. Vertrau’, bete, hoffe! – Ja, ich hoffe. Und auf einen guten Ausgang, der mich wieder zu dem führt, wozu ich bestimmt bin.

Münster, Sonntag, 1. Mai 1938, 2. Sonntag nach Ostern
„Gott, mein guter Vater und Freund, in der Antwort des lieben Menschen [Elisabeth Ruby] will ich Deiner ewigen Stimme lauschen. Dein Ruf soll mir klingen in ihrer Stimme. – Auch wenn Schweigen die Antwort ist, will ich sie demütig hinnehmen. – Guter Gott: steh’ mir bei in aller Not.

Münster, Dienstag, 3. Mai 1938, Fest der Auffin­dung des heiligen Kreu­zes
Gott schweigt. – Elisabeth schweigt. – Ich bete und ringe nach Wahr­heit und Klarheit. – Zu meinem ersten leidenschaftlichen Brief[1] schrieb ich ihr heute den zweiten mit Ruhe und Würde und – vor allem de­mütiger. In Gottes Hand liegt mein Geschick.
[1] s. Tagebucheintrag 28.4.1938

Münster, Sonntag, 8. Mai 1938
Fast, nein wirklich, tun mir die Briefe an Elisabeth leid.[1] Und doch mußte ich sie schreiben, weil ich eben noch nicht die Reife und Klug­heit hatte, die sie mir brachten. Ich bereue meinen schlimmen Stolz und den Man­gel an schlichter Bescheidung, meine Maßlosigkeit und Feigheit, mei­nen Klein­mut und Mangel an Hochherzigkeit und Gottvertrauen.
Es gibt nur eins für dich und sie: Wir sind zu Heiligen berufen, zu Ausge­sonderten Gottes. Darin ändere ich nichts. Diesen Willen Gottes muß ich erkennen, oder ich werde zerschmettert. Ich muß gehorchen – der Befehl Gottes ruft dich an den Altar, ins Allerheiligste. Da heißt’s gehorchen.

[1] Die erwähnten Briefe existieren vermutlich nicht mehr.

Am Beginn des Jahres 1939, in dem die Priesterweihe geplant war, äußerte Karl Leisner Gott gegenüber seine Not wie in einem Klagepsalm.

Münster, Freitag, 20. Januar 1939
Gott, bist Du mein Freund? Du Gewal­tiger, Ge­heimnisvoller, Dunkler – Gott! Darf ich Dich Freund nennen, da ich doch nicht weiß, ob Du wirklich mein Freund bist oder besser: ob Du mich Freund nennst, ob ich Dein Freund bin. Ob ich in Dei­nem Wohlgefallen stehe und Dir Freude bereite.
Darf ich heute mein Herz vor Dir ausgießen? Ich bin Mensch. Darf ich mit Dir reden, Du Un­aussprechlicher? – Wir sind von den Schreck­nissen Dei­ner Geheimnisse umwittert. – Du furchtbarer Gott!
Heute muß ich endlich sie aussprechen, meine Trauer: ich klage mein Herz vor Dir aus. Höre mich bitte, wenn Du mein Freund bist. Höre mich, Herr! Warum hast Du uns aus dem Para­dies versto­ßen? [vgl. Gen 3,23f] Ich be­greife Dich nicht – lag es nur an uns? Du hast doch alles in der Hand. Wür­den wir Dir nicht tau­sendmal besser dienen können, Dir herrli­chere Freude bereiten – und selbst froher ein­herge­hn, im Glanze des Schöp­fungs­morgens und der ersten Gnade!
Ich weiß, im Glauben singen wir Dir Lob dafür: O felix culpa, quae talem ac tantum nobis me­ruit [habere] Salvato­rem [Redemptorem!] [O glückliche Schuld, die ei­nen so großen, so erha­benen Er­löser zu erhalten verdiente![1]] Aber – Du hättest uns doch auch ins Paradies Deinen Sohn senden können. Du, Du sag’ mir, warum? Lag es nur an uns? O furchtbares Ge­heimnis, Du Abgrund aller Abgründe, Du Fluch der Sünde!
Rede ich vermessen mit Dir, es steht mir nicht an, mit Dir so zu reden – aber gestatte mir in Deiner Güte, daß ich klage und jammere in tief­ster Erschütte­rung vor Dir, daß ich an Deinem Herzen mich ausweine, all mein Fragen und Su­chen und Ringen vor Dich trage in bitte­rer Klage. – Mein Herz muß sich befreien darin. Ich bin kein toter Klotz, ich bin ein Mensch aus Geist und Blut.
Du, Du sage mir – Du, warum? Warum hast Du mich so geführt, warum hast Du mich in diese Zeit hineingeboren werden lassen? Warum hast Du Schuld und Leid in mein Herz dringen las­sen – mit und ohne meine Schuld? Was soll alles Sterben, aller Verzicht auf Güter, die Du ge­schaffen? Wes­halb die grau­samen Katastrophen in Deiner Schöpfung, weshalb das grau­same Schlachten Deiner Ebenbilder ringsum? Wes­halb hat der Satan und die böse Lust, der Stolz des Menschen eine solche Macht über die, die doch durch Deinen Sohn erlöst und geheiligt sind?
Oder ist alles nur Täuschung – o, verzeih mir meine Rede – ich glaube an Dich und Deine hei­ligen Ordnungen, aber ich sehe sie nicht!
Wes­halb, sag mir, soll ich auf das größte Gut der Natur, die heilige Ge­mein­schaft zwischen Mann und Weib [verzichten], die Du selbst im Para­dies zur Freude füreinander geschaffen und zum lebensspendenden Bund? [vgl. Gen 2,24] – Warum hast Du die Geschlechtskraft Adams so stark in mir werden lassen, Du tust doch alles – und [hast] mich trotzdem zu jung­fräulichem Priester­tum gerufen? O, die dunklen Stimmen meines tiefsten Herzensgrun­des möch­ten sich aufbäu­men gegen Deinen Ruf – und doch, ich kann und darf nicht! Du, Du warum? – Ach, ich weiß, ich habe ja nichts zu fragen, und doch hast Du mich als Frager ge­schaffen! Du, Du!
Ja, ich weiß, was ich mir jetzt alles richtig ant­worten könnte, alles dogma­tisch richtig. – Aber ich kann mir nicht antworten und will es auch nicht – ant­worte Du mir, Du bist doch mein Freund! Ich bitte Dich flehentlich! O schenk mir Deine Gnade! Führe mich zu Deiner Freund­schaft!
Ich weine heiße Tränen der Schmerzen vor Dir, ich weine sie mit tausenden von Menschen vor Dir, Vater! Vor Dir, Freund! Unbegreiflicher! Ich weine und klage mit Deinem Sohn am Öl­berg – errette uns! Wir sind erlöst, aber erlöse uns.
Ein Lied könnte ich Dir nun singen wegen Dei­ner unbegreiflichen Herrlich­keit und Liebe. Aber ich will Dir schweigend danken; denn ich bin es heute nicht wert. In manus Tuas, Domine … [In Deine Hände, Herr … (Ps 30/31,6; Lk 23,46)].

(Antwort gab mir Isaias in Kapitel 54 und 55)[2]
[1] aus dem Exsultet, dem Osterlob der Osternacht (Übersetzung: Schott 1932: 348)
[2] In der Einheitsübersetzung von 1980 lautet die Über­schrift von Kapitel 54 und 55: Die Ver­heißung des Glücks im neuen Zion.

Am 25. März 1939 wurde Karl Leisner zum Diakon geweiht und trug in seinen Jungmannskalender bereits das Datum seiner bevorstehenden Priesterweihe ein.

 

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Karl Leisner aus St. Blasien am Montag, 30. Oktober 1939, an Elisabeth Ruby in Radolfzell:
Liebe Elisabeth!
[…]
Deine Mutter hat mir nun aufgetragen, Dir für eine Albe meine Maße mit­zuteilen. Das will ich also zunächst tun:
1.
Körperlänge 1,80 cm – Albenlänge 1,60 cm
2. Ärmellänge (ohne Naht) 64 cm
3. Von Schulter zu Schulter 52 cm (Von oberer Ärmelmitte zu oberer Ärmel­mitte 62 cm)
4.Halsweite (der Albe) 60 cm (Kragennummer 38)
Das wird Dir wohl genügen; denn die andern Maße kannst Du wohl nach dem Muster „zurechtschneidern“. Soweit das! – Ich danke Dir jetzt schon für alle Deine Mühe und Liebe.
In einem Monat hoffe ich gesund von hier ins [Priester-]Seminar nach Mün­ster heimzufahren. Und ich glaube, daß der Bischof [Clemens August Graf von Galen] dem Gesuch an den Regens [Arnold Francken], mich schon im Advent [am 23.12.1939] zu weihen[1], Gehör geben wird. So kann ich dann hof­fentlich an Weihnachten das Primizopfer feiern. Fange jetzt schon hier an zu studieren (welch eine Wohltat, nach so langer Ruhezeit wieder!) und werde dann pri­vat vom Herrn Regens vorbereitet die drei Wochen des Dezember. – Also hoffen und beten wir weiter! ‘s wird „scho recht!“
[1] Karl Leisners Kurs war wegen des Kriegsausbruches am 23. September 1939 vorgeweiht worden, während er selbst sich noch wegen seiner Tbc zur Kur im Lungensanatorium in St. Blasien befand.

Aber es kam ganz anders, als Karl Leisner es sich gedacht hatte. Nach seiner Verhaftung am 9. November 1939 in St. Blasien auf Grund seiner Äußerung zum mißlungenen Attentat auf Adolf Hitler durch Georg Elser dauerte es bis zum 17. Dezember 1944, ehe er schließlich im KZ Dachau zum Priester geweiht wurde. Wohl kaum ein Priesterkandidat hat ein solch langes Diakonat erlebt. Vermutlich war auch seine Liebe zu Elisabeth Ruby, gerade wegen des Verzichtes, eine große Kraftquelle für ihn.
Im Gefängnis in Freiburg hatte er kein Tagebuch. So schrieb er auf freie Seiten seines Missales.

Freiburg/Br., Donnerstag, 23. November 1939
Elisa­beth schickte mir ein Zingu­lum zum Na­menstag. Es kam mit aus St. Blasien. So­viel Freude!

Elisabeth Ruby hatte das Zingulum in Radolf­zell, wo sie den Haushalt ihres Bruders Karl führte, gewebt es Karl Leisner von dort zum Na­menstag (4.11. Karl Borro­mäus) nach St. Bla­sien ge­schickt. Das Webholz existiert noch in der Familie Becker-Flügel.

 

Freiburg/Br., Sonntag, 26. November 1939
Ich bete um würdi­ges Prie­ster­wer­den.
Elisabeths Zingulum be­schaute und erprobte ich. Gott, wie gute Menschen hast Du mir ge­schenkt.

Ein Zingulum braucht man nicht zu „erproben“. Es paßt auch noch, wenn der Träger im Laufe des Lebens beleibter wird. Aber Karl Leisner hielt etwas Handgewebtes von der Frau, die er nach wie vor liebte, in Händen, etwas sehr Bedeutendes für ihn, vor allem in der Situation der Haft.

Am 17. Dezember 1944 ging sein innigster Wunsch in Erfüllung, als er im KZ Dachau vom dem französischen Bischof Gabriel Piguet zum Priester geweiht wurde.

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 30. Dezember 1944, an Bischof Clemens August Graf von Galen in Münster und an seine Familie in Berlin und Niedermörmter:
Exzellenz, hochwürdigster Herr!
Die großen, heili­gen Tage sind vorüber. Noch ist das Herz voll des neuen Glücks. Am Gaudete­sonntag, 17.12., empfing ich hier in unserer Kapelle [im Block 26] die heilige Priesterweihe. Nach über fünf Wartejahren eine selige Gnadenstunde der Erfüllung. Aus gan­zem Herzen danke ich nächst Gott Ihnen, daß Sie mir durch Ihr Jawort dies ermöglichten. Bischof Gabriel von Clermont weihte mich. Der Hochwürdigste Herr Kardinal [Michael von Faulhaber] hatte alles Nötige ge­sandt. Archidiakon war Rein­hold Friedrichs. Von 8.15 bis 10.00 Uhr früh dauerte die heilige Hand­lung. Alle Confratres waren mit mir tief ergriffen und voll heiliger Freude. Am Stefan­s­tag[, dem 26.12., von] 8.30 bis 10.00 Uhr früh war die heilige Pri­mizfeier, voll seliger Weih­nachtsfreude und Stimmung. Ihnen, dem Hochwür­digen Herrn Regens [Ar­nold Francken] und allen Dank und gutes Neujahr! In treuer, gehorsamer Sohnesliebe Ihr Karl Leisner
Meine Lieben alle!
Am Heiligabend kam Willis Brief vom 15.12. mit den in aller Not erfreulichen Heimatnachrichten. Ich danke Euch allen für Eure lieben Weih­nachts- und Weiheglückwünsche. Sie sind erfüllt. Kinder, was bin ich glück­lich und Ihr mit mir. Ich kann es noch immer nicht fassen, daß Gott unser jahrelanges Beten und Warten so einzigartig und gnädig erhört hat. Aus dem Brief an den Bischof seht Ihr die Daten. Es waren die herr­lichsten Stunden und Wochen meiner gan­zen Haft, voll unbegreiflich hohen Glücks. Gleich nach der Hand­auflegung gab ich still Euch, viellieben El­tern, als ersten den Priestersegen. Am Abend des 17. je­dem von Euch feierlich einzeln den Primizsegen; Fränzl und ihr Kleines waren be­sonders mit dabei. Am 18. abends von Opa [Fried­rich Fal­kenstein] angefangen allen Verwandten und den großen Wohltätern der Studienjahre. Am Stefanstag brachte ich allein das erste heilige Opfer dar. Nach der Wandlung war ich tief gerührt. Ihr wart als erste beim Geden­ken der Lebenden dabei.[1]

[1]  Im damals einzigen Kanon der heiligen Messe gab es vor der Wandlung ein „Ge­dächtnis der Lebenden“ und nach der Wandlung ein „Gedächtnis der To­ten“.

Sacerdotem oportet of­ferre – Ein Priester muß opfern

 

Karl Leisner hat seine Liebe zu Elisabeth geopfert und durfte ein einziges Mal die heilige Messe feiern, gemäß der Weisung: „Ego celebrabo hanc missam uti primam, uti unicam, uti ultimam – Ich werde diese Messe so feiern, als wäre sie meine erste, meine einzige und meine letzte.“

 

 

Elisabeth Ruby hat nicht geheiratet. Sie wurde Seelsorgshelferin in der Gemeinde ihres Bruders Karl in Radolfzell und war zugleich seine Haushälterin. Nach dem Krieg zog sie wieder nach Freiburg ins Elternhaus und kümmerte sich wie zuvor ihre Mutter um Theologiestudenten, die bei ihr wohnten, wie zum Beispiel Bischof Heinrich Mussinghoff und Rainer Maria Kardinal Woelki.

Alle bisherigen Artikel zu den Themen „Zölibat“, „Viri probati“, „Frauendiakonat“, „Frauenpriesterweihe“ und „Laien-Leitungspositionen“, die Karl Leisner sehr interessiert hätten,  finden sich unter folgendem Link.

Quelle der Fotos: Karl Leisner-Archiv