Karl Leisner 1930, Konrad Adenauer 1933 und Hans-Karl Seeger 1949 in Maria Laach

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Am 21. Dezember 2013 brachte die F.A.Z. einen Artikel von Dieter Bartetzko über das Benediktinerkloster Maria Laach mit der Überschrift „Hier fand schon Adenauer als Bruder Konrad Zuflucht“ .

 

Für die Gruppe St. Werner aus Kleve mit Karl Leisner war Maria Laach 1930 ein lohnenswertes Ziel und für die Jungschargruppe St. Georg aus Kleve mit Hans-Karl Seeger 1949.

Der F.A.Z.-Artikel vermittelt einleitend einen Eindruck von der Faszination, die ein Besuch des Klosters auslöst:
Hügel, kahle Felder, Wald bis zum Horizont, ein weiter See, in dem sich der trübgraue Himmel spiegelt. Eine Abtei taucht auf. Grau auch sie, schroffe Türme, steile Schieferdächer. Feuchte Kälte, Stille, in der jeder Vogelschrei bis in die Ewigkeit hallt. Hier könnte man der Welt abhandenkommen – Dezember in Maria Laach.
Die Besucherströme des Sommers sind Erinnerung, die Abtei ist ein Niemandsland. Nun kann man sie in Muße beschauen und ist sofort gebannt von der achthundert jährigen Kirche, einem Juwel der Romanik. Massige Türme, Bögen auf Bögen, immer wieder Rundnischen und gestapelte Säulen. Alles wirkt massig, erdenschwer und stemmt sich doch als ein himmlisches Jerusalem in überwältigende Höhen. Jerusalem kann man wörtlich nehmen. Denn der Bau und sein Schmuck strahlen etwas Orientalisches aus – die immer wieder verblüffende Internationalität des Mittelalters.
Neben der Kirche erheben sich die Bauten, mit denen man von 1869 an verbrannte Vorgänger ersetzte: Reste originalen Barocks, viel trockene Neoromanik. Von ihr heben sich das Gästehaus und die Aula ab, die der Frankfurter Kirchenbaumeister Martin Weber ab 1927 neusachlich umgestaltete. Er verzichtete dabei nicht ganz auf Bauschmuck – auf der Fassade und in der Vorhalle finden sich byzantinisierende Skulpturen und Reliefs. Ein frommes Bauhaus – es dürfte nicht viele andere in Deutschland geben.
Martin Weber, einer der großen Kirchenarchitekten der zwanziger Jahre, lebte von 1919 bis 1921 als Frater Maurus in Maria Laach. Im Jahr 1933 fand dann Konrad Adenauer unter dem Namen Bruder Konrad hier Zuflucht vor den Nazis – die Benediktiner legten ihr „ora et labora“, die Spanne zwischen Kirche und Welt, gläubiger Isolation und humaner Teilhabe, weit aus.
Auch als Bauherren bewiesen sie nicht erst im zwanzigsten Jahrhundert Weitblick: Um 1220 ließen sie in Maria Laach das „Paradies“ bauen, eine nach spätantikem Vorbild von Säulchen und Gewölben eingefasste offene Vorhalle, die einzige nördlich der Alpen. Der Schmuck ihrer Stützen und Bögen lässt das Auge nicht los: Akanthusrispen wie von griechischen Bildhauern gemeißelt, Fratzen, halb heidnischer Faun, halb christlicher Dämon. Dazwischen tummeln sich Getier und Kobolde. Sie sehen aus, als hätten Wikinger die Vorlagen geliefert.
Im Licht von Kerzen und Taschenlampen suggerieren die Fabelwesen endgültig Zeitenstillstand. So erleben es die fröstelnden Teilnehmer eines Kongresses über modernen Kirchenbau. Nach Einbruch der Dunkelheit hat das Kloster zu einer Abendveranstaltung gebeten. Den Mauern der Vorhalle entströmt Kälte, der Geruch nach feuchtem Kalk und Vergangenheit. Ein Altsaxophon unterstreicht mit feierlichen Dreiklängen die Erhabenheit der Kirche, eine Sopranistin improvisiert Psalmen, ein Ausdruckstänzer präsentiert bittende und aufbegehrende Posen. Bizarre Schattenspiele, in der Kirche blitzt manchmal Gold von Mosaiken und Grabmälern, im Halbdunkel der Krypta scheinen die Anwesenden zuweilen mit den gedrungenen Säulen und Pfeilern zu verschmelzen.

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Paradies

 

 

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Krypta

 

 

Maria Laach war ein Anziehungspunkt für die Jugendbewegung. Da Karl Leisners Religionslehrer Dr. Walter Vinnenberg an die Heimschule in Maria Laach gegangen war, führte eine Fahrt der Gruppe St. Werner, deren Mentor er in Kleve gewesen war,1930 u. a. nach Maria Laach. Die Jungen zelteten auf dem Gelände der Heimschule.

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Auszüge aus Karl Leisners Tagebuch:

Maria Laach, Dienstag, 10. Juni 1930, 4. Tag
Lager an der Heimschule
7.00 Uhr raus aus’m Zelt. Dann am 150 m weit entfernten Kran der Heim­schule gewaschen, die Zähne und die Schuhe geputzt. Darauf gefuttert (But­terbrote). – Um 8.00 Uhr Messe.

Maria Laach, Mittwoch, 11. Juni 1930, 5. Tag
Um 7.00 Uhr raus. Um 8.00 Uhr Kaffee. Dann ein wenig Fußball trainiert und ge­ruht. Um 12.00 Uhr Mittag. Dann Ruhe. Nach der Ruhe gin­gen wir mit Walter (die meisten Heimschüler mit einigen Magistern einen andern Weg) nach Maria Laach. Dort in der Badean­stalt im [Laacher] See tüchtig ge­schwom­men. Alsdann sahen wir uns die prächtige Benediktiner­kirche an (ro­ma­nisch). Dann ging’s zurück zur Heimschule.

Maria Laach, Donnerstag, 12. Juni 1930, 6. Tag
Um 6.00 Uhr standen wir auf. Um 7.30 Uhr marschierten wir zur Abtei Maria Laach. Vorher hatten wir „schnabuliert“. In der Klo­ster­kir­che wohn­ten wir dem Choralhochamt bei. Die Mönche singen dort wirklich glänzend. Das nennt man noch Choralsingen. – Nach dem Hoch­amt besich­tigten wir unter Führung von P. Severinus [Uhles OSB], ei­nem gebürti­gen Kölner, das Kloster. Es war allerhand an Kunst zu sehen. (Kapitelsaal mit Beuro­ner Gemälden. – Eine besonders schöne Kapelle usw.). Auch in die Kloster­bibliothek guckten wir mal eben herein. Um 13.00 Uhr wa­ren wir wie­der beim Zelt.


Aktuelles vom 26. September 2013

Maria Laach, Sonntag, 15. Juni 1930, 9. Tag
Um 3.55 Uhr werde ich von selbst wach, wie ich mir vorgenommen hatte. Vorsichtig wecke ich Gertje Gr. [Gruitrooy]. – Wir kriechen vorsichtig über die andern weg zum Eingang. Heraus! – Donner, was ist es neb­lig! Frisch! Wir waschen uns und putzen eben über die Schuhe. Um 4.30 Uhr marschie­ren wir los. Unter Pfeifen, Singen und Erzählen gelangen wir um 5.30 Uhr zur Abteikirche Maria Laach. Ge­rade hatten die Mön­che ihr Chorgebet be­en­det. Kurz darauf begannen wohl sechs bis sieben heilige Messen.[1]
Um 6.00 Uhr hauten wir nach Anhörung dieser Messen wieder zum Zelt zurück. Wir waren richtig fröhlich aufgelegt.
Um 6.45 Uhr, als die [andern] gerade auf waren, waren wir da und wollten jetzt nach Nickenich[2], während die andern um 8.00 Uhr in die Messe gehen wollten. Das wurde nicht genehmigt; nur weil sie Neid hatten, daß wir in Maria Laach gewesen waren. Wir taten so, als ob wir doch losgehen woll­ten, und brachten dadurch die Gemüter der andern bis zum Siedepunkt. Um 7.50 Uhr holten wir uns zum Er­staunen der andern unsre Gebetbücher und gingen ganz artig in die „Gemeinschaftsmesse“ um 8.00 Uhr [in der Heimschule], wovon uns aber leider am vorhergehenden Tag nichts gesagt worden war; denn sonst wären wir bestimmt nicht nach Maria Laach gegangen.
[1] Vor der Liturgiereform zelebrierten die Mönche häufig zur gleichen Zeit jeweils jeder für sich eine hl. Messe an einem Seiten­altar.
[2] Ab 13.3.1935 war dort der am 19.8.1942 im KZ Dachau verstorbene Johann Schulz als Pfarrer tätig.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg ließ die Anziehungskraft des Klosters nicht nach. Über die Fahrt nach Maria Laach, an der Hans-Karl Seeger mit seiner Gruppe St. Georg im Juli 1949 teilgenommen hat, existiert ein Fahrtenbuch.

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Samstag, 30. Juli 1949
Auch heute morgen haben wir lange geschlafen. Nur Franz [Sevens] und Norbert, diese bedauernswerten Kerle mußten früh heraus. Sie sorgten für das Essen. Nach einer Stunde kamen sie mit Milch, Obst, Möhren und Kartoffeln zurück. Die meisten Faulpelze waren wahrhaftig „schon“ auf.
[…]
Als wir ihn [Köbes] endlich im Wald gefunden hatten, marschierten wir zum Kloster zum Gebet der Mönche. Danach gingen Franz und Schuster ins Kloster, um Pater Ambrosius [Dohmes OSB[1]] einen Besuch abzustatten. Die anderen langweilten sich inzwischen auf dem Klosterhof. Aber der Besuch sollte Früchte tragen. Nach einer halben Stunde wurden wir nämlich in das Armsünderstübchen des Klosters gerufen. Dort durften wir zum Schrecken des bärtigen Küchenpaters unsere Mäuler stopfen. Köbes versuchte vergeblich, den Pater Ambrosius auf den Arm zu nehmen. Dann erschien der Pater auf einmal mit einem Stapel Bücher. Was bedeutete das? Wir sollten es bald merken. Er drückte jedem so ein Ding in die Hand. Bei näherer Untersuchung entpuppten sich diese „Dinger“ als Sonntagschotts, welche ein Geschenk des Apostolischen Visitators für Deutschland S. E. [Seine Exzellenz] Bischof [Aloysius] Muench (1889–1962), für die deutsche Jugend waren. Nachdem wir uns bedankt hatten, sind wir zum Lager zurückgegangen. Dort haben wir uns wie gestern abend mit den anderen Jungens ans Feuer gesetzt. Es war schon ziemlich spät, als wir in die Zelte krochen.
[1] Pater Ambrosius (Wilhelm) Dohmes OSB (* 20.4.1901 in Lobberich, † 5.10.1971) – Eintritt ins Collegium Borromaeum in Münster Ostern 1921 – Prie­sterweihe 27.2.1926 in Münster – Kaplan u. Domchordirektor in Xanten 15.9.1930–31.5.1934 – Am 1.6.1934 trat er als Pater Ambrosius in Maria Laach ein.

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Sonntag, der 31. Juli 1949
Unser Plan, schon in der Frühe dieses Tages mit den Kranenburgern in Richtung Heimat zu fahren, fielen ins Wasser. (Wasser war ja genug da.) Das kam so: P. Ambrosius machte uns den Vorschlag, nicht so früh, sondern erst am Mittag abzufahren. Er riet uns, das Hochamt mitzufeiern und anschließend die Abtei zu besichtigen. Denn sonst hätten wir ja das Ziel der Fahrt verfehlt. Unsere Absicht war ja, Maria-Laach zu erleben und nicht nur dort zu lagern. Und man erlebt Maria Laach nur, wenn man seine Liturgie mitfeiert. Daher nahmen wir den Vorschlag an. Wir wurden nicht enttäuscht. Das Choralamt, welches wir hörten, war wirklich etwas einmaliges. Dieses Hochamt wurde von den etwa 100 Mönchen und Brüdern gestaltet. Nach dem Amt bekamen wir von unserem bärtigen Freund jeder ein Kochgeschirr[1] Kaffee (Marke: vorne spitz und hinten spitz)[2]

[1] 2013_12_29_KochgeschirrAuf Fahrten hatte man damals ein Kochgeschirr aus dem Bestand der Soldaten dabei. Getränke wurden aus dem Deckel getrunken, wobei der Griff vor allem bei heißen Getränken hilfreich war.
[2] aus den spitzen Körnern von Gerste, Roggen o. Weizen gebrannter Ersatzkaffee