Karl Leisner am 1. Mai 1937 im Arbeitsdienst

2014_05_01_ArbeitsdienstSachsen

 

 

Arbeitsdienstlager „Max v. Hausen“, Dahlen i. Sa.

Fotokarte aus Karl Leisners Tagebuch

 

 

Am 20. Mai 1937 erfolgte der Umzug von Sachsen ins Emsland.

2014_05_01_ArbeitsdienstEmsland

Sachsenbrücke 11

Reichsarbeitsdienst Abt. 7/314, „Max von Hausen“, Georgsdorf, Emsland

Fotokarte aus Karl Leisners Tagebuch

 

Dahlen, Samstag, 1. Mai 1937
Ein Morgen wie noch nie. Beim Frühsport liegt Sonnengold überm Land. Das frische Grün der Birken, das die Sonne ganz hell durchleuchtet, macht das Herze ganz frühlingshaft.
Morgenkaf­fee nach Festtagsart. Dann frei. Ich singe Früh­lings-, Morgen- und Wanderlieder zur Klampfe.
Um 10.00 Uhr alles fertigmachen zum Marsch in 2. Garnitur[1]! Morgens bei der Flaggenparade Aufju­beln zu Gott. In Maien- und Tannenschmuck prangt das Lager. – Es ist mir wohl in den Stie­feln. Ein ganz wonniges Gefühl durchflutet Leib und Herz.
Wir marschieren und singen durch das Städtchen. Heiho! Es schallt über den Markt. „Heute wollen wir das Ränzlein schnüren!“ – Hei Jungs, wir fahren in die Moore, hei Jungs, wir fahren an die Ems!![2]
11.00 Uhr setzt sich der Maizug in Bewegung. Bis 13.15 Uhr Kundgebung, Führerrede.[3] – Dann feudales Mittagsmahl! Eine viertel Stunde drauf Appell zum Urlaub. Mit Glück überstanden. Dann kurz gepackt, Ab­schied von den „Restlingen“. Dann los mit Franz S. [Schöndorf] zum Bahnhof [in Dahlen]. Dort Urlaubsschein. Dann per pedes über Deutschluppa nach Werms­dorf. Coll. de morali situ came­radorum nostr. [Colloqium de morali situ sociorum nostrorum – Gespräch über die mo­ralische Situa­tion unserer Kameraden] – Ein wun­derheller Maientag. Um 18.15 Uhr in Hu­bertusburg. Pfr. G. [Pfarrer Max Gewinner] noch in Oschatz. Herzlicher, selbstver­ständlicher Empfang. Singen im Garten mit zwei jugendbewegten Mädchen [Maria Cerman und Agnes Leder­müller[4]]. Zwei Schwe­stern [Borro­mäerin­nen] hören zu. Früh­lings- und Minne­lieder. – Pfr. G. kommt bald. Feine Abendtafel in schöner Burg­tradition. Die Hubertusburg ist Ia! – Hei­lige Beicht.
(Sup. sup.a est! [super supera est – es gilt vor allem] Maß und Ziel in al­lem!) – 22.00 Uhr Falle nach einem Kartengruß an De­chant K. [Jakob Küppers] und einem Singestündchen. Mit Franz die Komplet latei­nisch [aus dem Psalterium Romanum] gesprochen.
[1] Wenn eine Uniform neu war, galt sie als I., war sie etwas abgetragen, als II. Garni­tur.
[2] Dieser Satz erinnert an den Refrain des Liedes „Aus grauer Städte Mauern“:
Halli, hallo, wir fahren, wir fahren in die Welt.
Karl Leisner freute sich auf die Verlegung des Arbeitslagers im Mai an die Ems, wo er früher vielfach gezeltet hatte.
[3] Am 1. Mai hielt Adolf Hitler gewöhnlich eine auch im Rundfunk übertragene Rede. 1937 sprach er in Berlin zur HJ im Olympiastadion vor 120.000 Teil­nehmern und im Lustgarten vor 1,2 Millionen Menschen.
[4] Die damaligen Anschriften der Mädchen hat Karl Leisner in seine Vornotizen (Tgb. Nr. 21, 133) eingetragen:
Maria Cerman, Dresden A1, Kleine Plauenschegasse 3 I
Agnes Ledermüller, Dresden, Pohlandstr. 13
(Hubertus­burg 1. u. 2.V.37 + Pfingsten 37 in Dresden)

 

2014_05_01_HubertusburgHu­bertusburg – Barockschloß in der Nähe von Wermsdorf/Sachsen – Er­richtung nach dem Vorbild von Schloß Schönbrunn bei Wien durch August I., den Starken, 1721 – Die Pfarrkir­che im Schloß Huber­tusburg stammt aus dem 18. Jh. In Hubertusburg gab es von 1881 bis 1968 eine Erst­kommu­nikantenanstalt. Unter den Nationalsozialisten war das von Borromäerinnen aus dem Mut­terhaus Trebnitz/ Trzebnica/PL (Schlesien) geleitete Haus von 1940 bis 1945 aufgelöst.

Quelle des Fotos: Wikimedia Commons / Author: Andreas Schmidt / CC-BY-SA 3.0 (abgerufen 30.06.2013)

Am Ende von Tagebuch Nr. 21 hat Karl Leisner folgenden Eintrag gemacht:
Tischspruch am 1. Mai
Männer werden nicht gebildet auf des Lebens Sonnenseite,
sondern nur in Sturm und Wetter und in ernstem, hartem Streite.
Darum, Freunde, laßt uns nimmer dem, was schwer ist, feige weichen!
Schweres, selbst das Schwerste wagen, ist des rechten Mannes Zeichen!
Joh. [Johannes] Büchner [1934 vertont von Adolf Lohmann]