Karl Leisner-Aquarell – Ein Bild der Hoffnung

In der Wohnung von Karl Leisners Schwester Elisabeth Haas hängt ein im KZ Dachau entstandenes Aquarell ihres Bruders. Der unbekannte Maler bringt durch das vorwiegend in grüner Farbe gehaltene Bild Hoffnung im Elend zum Ausdruck.

Die Recherchen über die Herkunft und Entstehung des Portraits ergaben interessante Aspekte:
Am 14. November 1944 schrieb Willi Leisner seinem Bruder Karl ins KZ Dachau: „Friedel [Karl Leisner] schickte uns vom Einsatz sein Bild in Aquarell von einem PK[Plantagen-Kommando]-Kameraden gemalt.“ Auf diese Weise teilte er seinem Bruder verschlüsselt mit, er möge ihm das Bild schicken.
Im Sammelbrief von Familie Wilhelm Leisner aus Niedermörmter vom 20. November 1944 an Karl Leisner ins KZ Dachau heißt es dann: „Das Aquarell schickt er [Willi Leisner] uns nicht, weil die Bahn zu unsicher ist.“ So erfuhr Karl Leisner, daß das Bild unversehrt bei seinem Bruder in Berlin eingetroffen war. Willi Leisner erzählte später, man habe ihm das Bild ohne Kommentar zukommen lassen. Ein „Schmuggelweg“ sei ihm nicht bekannt.
Wie konnte ein solches Gemälde im KZ entstehen? Künstlerische Tätigkeiten halfen den Häftlingen, in der Hölle des KZ zu überleben. Daher wurde gebastelt, geschneidert, komponiert, gedichtet, gezeichnet, gemalt und vieles mehr. Auch die im Zusammenhang mit Karl Leisners Priesterweihe entstandenen Kunstwerke versetzen den Betrachter in Erstaunen.

Eleonore Philipp aus Niederroth am 11. März 2008 an Hans-Karl Seeger:
Wenn auch der Maler [des Aquarells von Karl Leisner] unbekannt ist, so vermute ich stark, dass die Malfarben für dieses Bild aus der Plantage [dem Heilkräutergarten] stammen könnten, wo eine ganze Anzahl von „botanischen Malern“ beschäftigt war, die auch vom SS-Personal in Auftrag gegebene Gemälde herstellten. Bei Pater Augustin Hessing [OSB] arbeiteten ja einige Priesterkameraden (z. B. P. Sales Heß [OSB] u. a.), die evtl. den Kontakt zum Maler herstellten und die Anregung für das Portrait gaben.

Michaela Haibl:
Äußerungen der Zeichner [in der Plantage / im Heilkräutergarten] zu ihrem Tun während der Gefangenschaft im Konzentrationslager legen nahe, daß keiner von ihnen um der Kunst willen zeichnete oder malte. Die Zeichnungen waren bildlich gewordene Lebenszeichen, wo andere Briefe und Gedichte schrieben oder ihr Menschsein im sorgfältigen Umgang mit den Mitgefangenen bewiesen. So wurde anhand der Ergebnisse des Rechercheprojektes deutlich, wie wichtig der differenzierte Blick auf den Bereich der „kulturellen Aktivitäten“ für die Präsentation von Häftlingsbildern ist. […]
Der Ort verordneter Unmenschlichkeit gewann so zumindest wenige tröstliche Momente der Menschlichkeit (Michaela Haibl, „Überlebensmittel“ und Dokumentationsobjekt – Zeichnungen aus dem Konzentrationslager, in: Dachauer Hefte 18 (November 2002): 42–64, hier 43f.).

Michaela Haibl:
In den Bereich der offiziellen Lagerkunst gehören die Artefakte der sogenannten Malerkolonie in der „Plantage“ […] Für die Häftlinge, die hier bei der Bebauung des Freilandes unter erschwerten Bedingungen absichtsvoll zu Tode geschunden wurden, war das Arbeitskommando Plantage eines der schlimmsten. Die Maler hingegen, die seit 1940 an dem von Heinrich Himmler vorangetriebenen Prestigeprojekt eines groß angelegten illustrierten Heilpflanzenbuchs arbeiten durften, hatten bestmögliche Arbeitsbedingungen und größte Überlebenschancen. Für sie öffnete sich ein geschützter Raum. Die meist tschechischen und österreichischen Zeichner und Maler waren mit dem Abzeichnen von Heilpflanzen beschäftigt. Für sie galten Sonderregelungen, so daß sie relativ unbehelligt auch über ihre Aufgabe der botanischen Zeichnung hinaus künstlerisch tätig werden konnten. […]
Einige der Maler aus den Malerkolonnen zeichneten auch illegal und für Mithäftlinge oft Glückwunschkarten, die innerhalb des Lagers verschenkt wurden. Ein weiterer Ort, an dem Zeichnungen entstanden, war das „Revier“. […] Das Pflegepersonal in den Krankenbaracken war ähnlich wie die Maler der Plantage weitgehend des gewöhnlichen Lageralltags entbunden. Die Pfleger mußten nicht zum Appell; auch das Essen wurde gebracht, so daß sich, oft geschützt von Quarantäne-Verordnungen bei Seuchengefahr, Freiräume ergaben (Haibl 2002: 49–52).

Eleonore Philipp hat aufgezeigt, was an musikalischen Kunstwerken im Priesterblock entstanden ist:
Eleonore Philipp, Geistliche Musiker im Konzentrationslager Dachau, in: Josef Focht u. Ursula K. Nauderer, Musik in Dachau, Dachau 2002: 193–203.

Die anläßlich von Karl Leisners Priesterweihe gefertigten Artefakte finden sich u.a. in folgender Dokumentation:
Seeger, Hans-Karl; Latzel, Gabriele (Hg.) Karl Leisner – Priesterweihe und Primiz im KZ Dachau, Münster 2004, Berlin 2. erweiterte Auflage 2006