Karl Leisner und das Alemannische

Das Wohnstallhaus auf dem Freigelände des Alemannen-Museums Vörstetten.

Unter der Überschrift „Der Reichtum des Dialikts. Grumbiire, Erdäpfel, Herdöpfel, Bodabire: Sprachwissenschaftler Konrad Kunze über die Herkunft und Verbreitung des Alemannischen“ berichtete Beatrice Ehrlich am 20. März 2017 in der Badischen Zeitung, Marktgräfler Nachrichten, über einen Vortrag in der Auggener Sonnenberghalle.
Quelle des Fotos: Wikimedia Commons / Laemannen-Museum / CC BY-SA 3.0 (abgerufen 27.03.2017)

Laut Konrad Kunze ist die Behauptung, Alemannisch sei die Ursprache der Menschen, eine Legende; denn es handelt sich um zunächst hinter dem Limes im Maingebiet angesammelte Germanen, die „den südwestdeutschen Raum, die heutige Schweiz und den westlichsten Ausläufer Österreichs nach dem Rückzug der Römer“ besiedelten und aus deren Sprache sich ein Dialekt innerhalb des Deutschen entwickelt hat.

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Karl Leisner lernte das Alemannische in seinen Freisemestern 1936/1937 in Freiburg kennen. Leider gibt es dazu nur wenigeTagebucheinträge, aber vorhandene Briefe zeigen, daß er den alemannischen Dialekt verwendete. Er liebte Sprachen und deren Dialekte.

Karl Leisner aus Freiburg/Br. am Freitag, 3. April 1936, an Walter Vinnenberg in Münster:
Anfang Mai kommt mein Schwe­sterlein Maria hierhin als Haustochter, und da freu’ ich mich doppelt. Sonntags bekommt sie auch ab und zu ganz frei, das hab’ ich grad’ eben bei ihrer zukünftigen Hausfrau [Else Schaal] erspäht – und, „wenn i woisch, wohin’s gäht, dann gäht’s halt amaole auf’m andere Taog“ [wenn ich weiß, wohin es geht, dann geht es auch einmal an einem anderen Tag], meinte sie. […] Sonst gibt’s hier noch viel zu schaun. Das „Mintschter“ [Münster] hab’ ich mir „erscht amaol“ [erst einmal] von außen in allen möglichen Blicken an­gesehn. Es gefällt mir jedesmal besser. […] So, jetzt hab’ ich’s mir all von der Leber geschrieben bis auf den Wunsch, uns bei­den [Karl Leisner und Josef Köckemann] ca. 30,00–40,00 Reichsmark vorzuschießen, damit wir unsere Romfahrt „spitz kriegen“, denn es wäre doch schade, wenn sie uns nicht gelänge. Für Rückzah­lung am Ende der Sommerferien bürgen wir beide. Du sagtest mir ja damals, wenn alles so bliebe, seiest Du eventuell dazu in der Lage. Wenn nicht, na ja, dann warten wir „halt grad noch amaol“ [eben noch einmal].

Freiburg/Br., Mittwoch, 2. Dezember 1936
Morgens 6.15 Uhr Roratemesse in St. Carolus. Eigene feine Stimmung. – Abends (17.00 Uhr) in St. Carolus Nikolaus gespielt. Fein! Für die 7- bis 12jährigen Buben und Mädel. […] „Toll“, was ich den staunenden Kindern alles erzählt hab’. Grad von Amsterdam mit dem Flug­zeug. „Sente Kloos, düt wat in Hoos, düt wat in den Schuhn; ek sallt ok nooit mer weerdoen.“ [St. Nikolaus, tue was in die Strümpfe, tue was in die Schuhe, ich will es auch nicht mehr wiedertun.] – Kurz, prächtige Freud’ gehabt. „In Muetters Stü-ebeli, do geht der hm …“ beschloß die feine Stunde.

In Muetters Stüebeli, do goht der hm …
1. In Muetters Stüebeli, do goht der hm, hm, hm, in Muetters Stüebeli, do goht der Wind.

2. Mueß fast verfriere, vor lauter – hm, hm, hm, mueß fast verfriere vor lauter Wind.
3. Mir wei go bettle go, es si üs – hm, hm, hm, mir wei go bettle go, es si üs zwei.
4. Du nimmsch der Bettelsack un i der – hm, hm, hm, du nimmsch der Bettelsack un i der Korb.
5. Du stohsch vors Läderli un i vor – hm, hm, hm, du stohsch vors Läderli un i vor Tür.
6. Du kriegsch e Weckerli un i e – hm, hm, hm, du kriegsch e Weckerli un i e Bir(n).
7. Du seisch „Vergelt is Gott“ un i sag – hm, hm, hm, du seisch „Vergelt is Gott“ un i sag „Dank“.
8. Du stecksch der Speck in Sack un i der – hm, hm, hm, du stecksch der Speck in Sack un i der Ank.
9. Du seisch „Vergelt is Gott“ un i sag – hm, hm, hm, du seisch „Vergelt is Gott“ un i sag „Dank“.
(Worte u. Weise: aus dem Breisgau)
Neumann, Klemens:  Der Spielmann. Liederbuch für Jugend und Volk, Mainz 1914, 31920 (umgearbeitete Auflage der Quickbornlieder), 51924, 91932: 159

Kleve, Samstag, 25. Dezember 1937, Weihnachten
Daheim zunächst der jetzt schon traditionelle Weihnachtskaffee mit Krinte­weck [Korinthenbrot] und Sülze. – Dann kurze Vorfeier im Zimmer bei Tisch­kerzchen (wie bei sell [den] Rubys 37 [1936]). – Dann an der Krippe … Fein.

Karl Leisner aus Sachsenhausen am Sonntag, 7. Juli 1940, an seine Familie in Kleve:
Maria, Dir danke ich für die Nachrichten von sell [den] Ru­bys (1000 Grüße nach Radolfzell [an Elisa­beth, Karl und die jüngeren Geschwister Ruby]!)

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 12. Juli 1941, an seine Familie in Kleve:
Wenn Ihr beiden [Maria und Elisabeth] nach Freiburg/Br. „jöckt“ [fahrt], an Paula und Maus [Margret Schönzeler] in Frankfurt/M. und an sell [die] Rubys und alle Bekann­ten herzliche Grüße.

Karl Leisner aus dem Gefängnis in Freiburg/Br. am Dienstag, 28. November 1939, an seine Familie in Kleve:
16.45 bis 17.45 Uhr Liege­kur. Kurze Entspan­nung mit Zeitung­le­sen (hab’ mir den Alemannen [Zeitung Der Alemanne[1]] bestellt), Gedicht­ler­nen usw.

[1]   Kampfblatt der Nationalsozialisten Oberbadens (1.11.1931 bis 1945)

Mutter Elisabeth Ruby weigerte sich aus mo­ra­lischen Gründen, die Zeitung „Der Alemanne“ zu beziehen.

Siehe auch Link zu „Muettersproch-Gsellschaft – Verein für alemannische Asprache“.