Karl Leisner und der Anschluß Österreichs an Deutschland 1938

Manfred Flügge
Stadt ohne Seele
Wien 1938
978-3-351-03699-7 25,00 €

Unter der Überschrift „Als Wien zum Dummheitsmuseum wurde – Wenig Gegenwehr: Manfred Flügge zeichnet die Ereignisse des Jahres 1938 in der österreichischen Hauptstadt nach“ besprach Michael Schrott in der F.A.Z. vom 24. Februar 2018 das Buch. Laut Manfred Flügge ging im März 1938 ,,nicht nur die Seele Wiens verloren. Es fiel auch die letzte Zuflucht der deutschen Geistesfreiheit, ein Gipfel an Kritik, Kreativität, Wissen, Philosophie und Wagemut, dazu eine ganz eigene Art des Humors.“
Link zum Artikel unter Rezensionen bei buecher.de

Unter der Überschrift „Österreich: Kirchen räumen Mitschuld am ‚Anschluss‘ ein“ berichtete VATICAN NEWS vom 10. März 2018 über den Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich.

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Link zum Bericht

FOCUS ONLINE vom 11. März 2018 – Interview mit Historiker Oliver Rathkolb 80. Jahrestag des „Anschlusses“: Österreicher verehrten Hitler „fast hysterisch“
Deutschlandfunk Kultur vom 12. März 2018 – Der „Anschluss“ von 1938 – Österreich und die Opfer-These

Unter der Überschrift „Alleingelassen – Österreich war beim ‚Anschluß’ an Deutschland auch Opfer“ behandelte Stephan Löwenstein das Thema in der F.A.Z. vom 12. März 2018.

Link zum Artikel unter FAZ.NET vom 12. März 2018 – „Anschluss“ Österreichs – Alleingelassen mitten in Europa
tagesschau.de vom 12. März 2018 – Erinnern an „Anschluss“ „Dunkelstes Kapitel Österreichs“
WDR 2 Stichtag vom 13. März 2018 – Der Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland

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Politisch sehr interessiert hat Karl Leisner auch den Anschluß Österreichs an Deutschland verfolgt.

Tagebucheinträge

Münster, Sonntag, 10. April 1938, Palmsonntag
Gestern abend ein wunderbares Bild zum Schluß der Rede des Führers [Adolf Hitler]: Der Lichtdom der Flakscheinwerfer, durchzogen von wei­ßen Federwolken. Und in den weiten Himmel schallen die hundert Glocken der Stadt beim Klang des Niederländischen Dankgebetes. „Herr, mach uns frei!“[1] Wirklich der Sehnsuchtsruf eines ganzen Volkes, das wieder zu den großen Zielen seiner Berufung im politischen Leben Ja gesagt hat. – Leicht ist mir die Entscheidung zum ehrlichen Ja nicht gefallen. Zur ersten Frage selbstverständlich. Zur zweiten hat’s was gekostet nach all der Schmach und Schande, die man uns in den vergangenen Jahren angetan hat.[2] – Alles will ich vergessen aus Liebe zum Volk, alles! Selbst wenn das eigene Herz auf­begehrt und nicht zu können vermeint. Das Große, was da geschieht, will ich groß sehen. Und wir wollen beten, daß da auch wiederkommt die wahre Ein­heit im Glauben – für unser Volk. Das wäre ein Glück, gar nicht auszu­mes­sen; dafür will ich mich dreinsetzen. Das ist mein Beruf.
[1] Anläßlich der Volksabstimmung am 10.4.1938 hielt Adolf Hitler in der Nord­west­bahnhalle in Wien eine propagandistische Rede bzgl. des Anschlusses von Österreich an das Hitlerreich. Sie wurde über alle deutschen Sender ausgestrahlt. Der Wiener Männergesangverein sang das Niederländische Dankgebet „Wir tre­ten zum Beten“. Die Stimmen der gesamten Nation sollten ihn begleiten. Wäh­rend der dritten Strophe läuteten die Glocken der Kirchen im gesamten Reichs­gebiet. In zahlreichen Städten gab es Fackelzüge und Illuminationen mit Flak­scheinwer­fern.
Wir treten zum Beten (Wilt heden nu treden voor God den Heere)
1. Wir treten zum Beten vor Gott, den Herren, er waltet und haltet ein strenges Gericht; er läßt von den Schlechten nicht die Guten knechten. Sein Name sei gelobt, er vergißt un­ser nicht!
2. Im Streite zur Seite ist Gott uns gestanden; er wollte, es sollte das Recht siegreich sein; da ward, kaum begonnen, die Schlacht schon gewonnen; du, Gott, warst ja mit uns! Der Sieg, er war dein!
3. Wir loben dich oben, du Lenker der Schlachten, und flehen, mögst stehen uns fernerhin bei; daß deine Gemeinde nicht Opfer der Feinde. Dein Name sei gelobt, du machtest uns frei!
(Worte u. Weise: nach Adrianus Valerius/Valéry, deutsch von Josef Weyl)

Wolf, He. o. J.: 186
abweichende Übersetzung von Walter Hensel in: Hensel 1931: 55
Dieses sog. „Niederländische Siegeslied“, auch „Niederländi­sches Dankgebet“ genannt, galt bereits als Lieblingslied von Kaiser Wilhelm II. In der Zeit des Nationalsozialismus diente es nicht selten dazu, die Massen zu begeistern.
Victor Klemperer:

April. Sonntag nachmittag
Heute die „Wahl“, der „Tag des großdeutschen Reiches“. Gestern abend Glocken­geläut eine Stunde lang, hineingemischt ein Rauschen, offenbar das radioübertragene Läuten der Wiener oder Berliner Glocken. Dazu das Rauch­rot der Fackelzüge über der Stadt, illuminierte Fenster selbst hier oben in un­serer Einsamkeit (Klemperer, Victor: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1945. Walter Nowojski (Hg.), Berlin 1998, Bd. 3: 77).
[2] Der amtliche Stimmzettel lautete wie folgt:
Volksabstimmung und Großdeutscher Reichstag.
Stimmzettel.
Bist Du mit der am 13. März vollzogenen Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich einverstanden und stimmst Du für die Liste unse­res Führers Adolf Hitler?
Darunter befanden sich ein großer und ein kleiner Kreis. Über den großen war „Ja“, über den kleinen „Nein“ gedruckt.
Hubert Wolf:
Bei der Abstimmung ging es nicht nur um den Anschluß Österreichs, sondern zugleich auch um die Zustimmung zu Hitlers Politik. Wer dagegen war, konnte nicht mit Nein stimmen, sondern sich nur der Wahl enthalten (Rhei­ni­scher Merkur 2009, Nr. 50: 25).
Im Deutschen Reich von 1938, dem sogenannten „Altreich“, gab es 99,59% „Ja“-Stimmen, in Österreich 99,71%. Es ging um den „Anschluß“ Österreichs. Juden waren bei den Wahlen zum Großdeutschen Reichstag nicht mehr stimm­berech­tigt (s. Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands 1938: 523).
Hans Dieter Jaene:
Dieser 10. April 1938 war die letzte Gelegenheit für die Deutschen, sich mit dem Stimmzettel für oder gegen Hitler auszusprechen. Möglich, daß die 99-Prozent-Ergebnisse manipuliert worden sind. Aber jenseits je­den vernünf­tigen Zweifels ist, daß die übergroße Mehrheit der Deutschen der Außen- und In­nenpolitik Hitlers, wie sie bis zu diesem Zeitpunkt all­ge­mein sichtbar war, zu­gestimmt hat (Jaene, Hans-Dieter: 1998: Wie wir Hitler fanden. Familiengeschichten für Spätgeborene, Berlin 175).

Karl Leisner aus Nijmegen am Mittwoch, 12. Oktober 1938, an Walter Vinnenberg in Rheine:
Hier las ich grade ziemlich ausführlich über die neuesten Schwierigkeiten, die Kardinal Innitzer[1] in Wien hat. Danach scheint der Friede zwi­schen Staat und Kirche in Österreich, von dem manche sich doch manches ver­sprachen, doch ernstlich gefährdet. Wie die Presse hier schreibt, hat I. [Innit­zer] sich in einer Predigt in St. Stefan ernstlich über die Gefähr­dung der christlichen Jugenderziehung beklagt, worauf dann lebhafte Ovationen vor seinem Palais stattfanden.[2] Die nächsten Tage aber gab es mehrere sehr erregte und handgreifliche Protestaktionen.[3] Abschließend hat der Bürger­meister von Wien dann festgestellt, daß Kardinal I. sich nur vorher um die Jugend habe kümmern sollen unter einem System, das die Religion für politische Zwecke mißbraucht habe. Gauleiter [Joseph] Bürckel werde sich in den nächsten Tagen in einer Massenkundgebung äußern über das Problem Staat und Kirche in Österreich. Man kann also doch bis dahin noch Gutes erwarten.
[1] Dr. theol. Theodor Kardinal Innitzer (* 25.12.1875 in Neugeschrei-Weipert/Nové Zvolání/ CZ, † 9.10.1955 in Wien, beigesetzt im Stephansdom) – Priesterweihe 25.7.1902 in Wien – Ernennung zum Erzbischof von Wien 19.9.1932 – Bischofsweihe zum Erzbischof für das Erzbistum Wien 16.10.1932 – Kar­dinal 13.3.1933
[2] Am 7.10.1938 hatten sich Tausende von Jugendlichen auf Einladung von Theo­dor Kardinal Innitzer zur alljährlichen Rosenkranzandacht im Stephansdom ver­sammelt. Kardinal Innitzers Ansprache fand ihren Höhepunkt in dem Aufruf, sich zu „Christus – unserem Führer“ zu bekennen. Kirchenlieder singend zogen die Jugendlichen anschließend zum erzbischöflichen Palais und riefen: „Wir wollen unseren Bischof sehen!“ Für viele Historiker stellt diese Andacht den Ursprung des katholischen Widerstandes in Österreich dar.
[3] Am 8.10.1938 erstürmten Mitglieder von SA und HJ das erzbischöfliche Palais und bedrohten den Kardinal und seine Mitarbeiter; bald darauf wurden kirch­liche Presse und Vereine verboten und die Konkordatsbestimmungen – ähnlich wie in Deutschland – für nichtig erklärt. Kardinal Innitzer und dem Episkopat gelang es jedoch, den kirchlichen Binnenraum weitgehend intakt zu halten und darüber hin­aus den besonders Verfolgten des NS-Regimes, den Juden, Hilfe zu gewähren (s. URL http://www.bautz.de/bbkl/i/innitzer_t.shtml – 22.6.2011).