Karl Leisner und der Erste Weltkrieg III

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Foto Wikipedia

Bayerische Truppen verlassen am 7. und 8. August 1914 „unter nicht enden wollenden Hurra- und Abschiedsgrüßen“ den Bahnhof von Fürth (deutsche Postkarte)

Gerd Krumeich am 10. August 2013 in der F.A.Z.:
Der Krieg, in den man 1914 hineinging, hatte nur sehr wenig zu tun mit dem Krieg, aus dem man 1918 wieder herauskam. Am Anfang gab es noch kein Gas, keine Panzer, kein Bombardement aus der Luft. Und niemand hatte eine Ahnung davon, wozu die industrialisierten Nationen technisch fähig sein würden. 50 Millionen mobilisierte Soldaten weltweit? Zehn Millionen Tote? Die Leute von 1914 hätten über so etwas nur den Kopf geschüttelt.

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Als Karl Leisner 1935 das Buch von Walter Flex  „Der Wanderer zwischen beiden Welten. Ein Kriegserlebnis, München 1918“ las, befand er sich an den Gräbern der zahlreichen deutschen Gefallenen auf dem Soldatenfriedhof von Langemark.

 

 

Sein späterer Schwager Willi Haas beschreibt die Situation in seinem Fahrtenbericht:
Freundliche Flamen zeigen uns [den] deutschen Ehrenfriedhof [in Langemark]. Majestä­tisch wirkt die Ein­gangshalle. Wir treten ein. Im Hintergrunde der Halle leuch­ten die Worte: „Deutschland muß leben und wenn wir ster­ben müs­sen.“[1]
Ergriffen und ehrfurchtsvoll stehen wir acht deutsche Jungen da. Links auf einer Stein­tafel lese ich: „Hier ruhen 6.254 bekannte und 3.780 unbe­kannte Soldaten. Ihren Ka­mera­den und Kommilitonen die Deutsche Stu­dentenschaft.“ Rechts sind die Namen der Gefallenen in die Holztafeln einge­schnitten – viele Tausende – ein verwelkter Kranz der Deutschen Studentenschaft liegt auf der Erde.
Karl öffnet ein schweres Eisengittertor. Da – Tausende schwarze Kreuze! Still und gedan­kenvoll schreiten wir durch die endlo­sen Rei­hen. Schlicht und einfach, aber sehr wir­kungsvoll ist die ganze Anlage. Mitten auf dem Friedhof setzen wir uns hin. Hermann [Mies] liest aus dem klassischen Buch der deut­schen Jugend im Weltkrieg „Der Wan­derer zwischen bei­den Welten“ vor. Andäch­tig und gesammelt hören wir zu. Ich nehme mein Fahrtenta­gebuch und schreibe: „Wir sind auf dem Ehren­friedhof in Lan­gemark. Hier lie­gen unsere deutschen Brüder. Sie starben für unser deutsches Vaterland, für unsere Heimat. So wie diese deutschen Stu­denten will auch ich mein ganzes Leben meine Pflicht erfüllen, meine Pflicht Gott und dem Vaterland gegenüber.

[1] Schlußzeile einer jeden Strophe des von Heinrich Lersch 1914 geschriebenen „Soldatenabschied“. Als Ge­freiter bedankte sich Heinrich Lersch im Dezem­ber 1916 bei Walter Flex für dessen Buch Der Wanderer zwi­schen beiden Welten.
s. Flex, Konrad: Walter Flex. Ein Lebens­bild, Stuttgart 1937: 115f.

Karl Leisner hatte am 22. Juli 1935 ein neues Tagebuch begonnen. Nach der Flandernfahrt (3. bis 21.8.1935) schmückte er darin die ersten Seiten noch weiter aus.

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Mein Tagebuch
„Die Freiheit und das Himmelreich die wollen keine Halben!“[1]
(Ernst Moritz Arndt)
Cleve, den 22.7.1935
Karl Leisner

[1] Der ursprüngliche Wortlaut dieses Zitates ist der Schluß des Gedichtes „Auf, bleibet treu“ von Ernst Moritz Arndt. Karl Leisner hat es vermutlich als Lied durch die Vertonung von Adolf Lohmann kennengelernt. Die volle Bedeutung dieses Satzes wurde ihm erst nach der Flandernfahrt bewußt. Von daher rührt der Eintrag vom 21.1.1936 auf dem inneren Einband­deckel von Tagebuch Nr. 16.

21.1.1936
Gedenken an die jungen Helden, die in Langemarck fielen.
Ihr Blumen und Blätter von Gräbern junger Helden, die fielen in Krieges­wetter, Ihr seid mir Sinnbild ihrer jung-verblühten Kraft. Ihr mahnet mich an heilge Ritterschaft: O Brüder, Tote, Ihr seid mir Vorbild!

Er hat eine Blüte und ein Blatt eingeklebt und mit folgendem Text versehen:
Blume und Blatt pflückte ich in tiefer Trauer von Gräbern der jungen toten Brüder des Volkes in Langemarck.

Die jungen Menschen versetzen sich damals in die Begeisterung, mit der die Studenten und Mitglieder der 1913 aufgebrochenen Jugendbewegung in den Krieg gezogen waren.

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Erich Maria Remarque „Im Westen nichts Neues, Berlin 1929“

 

 

 

Im „Westen nichts Neues“, sozusagen ein „Gegenbuch“ zu Walter Flex’ „Der Wanderer zwischen beiden Welten,“ ist ein Antikriegsroman von Erich Maria Remarque über den Schrecken und die Sinnlosigkeit des Krieges. Er erschien erstmals im November und Dezember 1928 in der Vossischen Zeitung und Ende Januar 1929 in Buchform. Der Roman wurde noch 1929 in 26 Sprachen übersetzt. Inzwi­schen gibt es Ausgaben in über 50 Sprachen, die geschätzten Verkaufs­zahlen weltweit liegen zwischen 15 und 20 Millionen. Das Buch wurde 1930 verfilmt.

Stefan Meetschen schrieb am 1. März 2014 in der Tagespost:
Eine apokalyptische Zuspitzung, der es nicht an Moral fehlt – eine explizite Anti-Kriegshaltung, die man auch in dem modernen Klassiker-Roman von Erich Maria Remarque findet, „Im Westen nichts Neues“, der zwar erst im Jahr 1929 erschien, aber wie vielleicht kein anderes literarisches Werk als idealer Lektürestoff zum Verständnis des Ersten Weltkriegs gilt. Obwohl selbst nur zwei Monate im Kampfeinsatz, hat Remarque mit der nüchternen Erzählung des Kriegsfreiwilligen Paul Bäumer, der zunächst mit großer Begeisterung an die Front zieht und kurz vor dem Waffenstillstand stirbt, ein warnendes literarisches Denkmal des Ersten Weltkriegs geschaffen, wenn nicht sogar des Kriegs überhaupt.

Karl Leisner verarbeitet das Thema 1935 in einem Referat:
Da bricht der Welt­krieg herein, die große Feuerprobe. – Viele junge Führer und Mannen der Wv’s [Wandervögel] – Studenten und junge Arbeiter gehen als Freiwillige zum Heer. Langemark ist der große Aderlaß, aber diese 10.000 gefallenen Studenten und Wandervögel sind ein herrliches Opfer deutscher Jugend.
Eine der schönsten deutschen Kriegsdichtungen schuf einer aus der Ju­gend­be­wegung: Walter Flex „[Der] Wanderer zwischen beiden Welten.“

Am 29. Dezember 1935 auf dem Weg nach Paesmühle bei Straelen notierte Karl Leisner:
In Straelen, am heimattümli­chen Kriegerehrenmal[1], ein wenig in Gebet und Betrach­tung verweilt. Lange­mark steigt auf. Ihr Toten seid Saaten zu neuem Leben.[2]

[1] Das Kriegerehrenmal in Straelen hat eine wechselvolle Geschichte. Am 8.7.1928 wurde ein Kriegergedächtniskreuzweg eingeweiht, der aber im fol­genden Winter erhebliche Frostschäden erlitt. Im August 1871 hatte man auf dem Markt ein Ehrenkreuz auf einem Sockel errichtet. Dieses wurde 1932 verschönert und am Buß- und Bettag 1932 seiner Bestimmung übergeben. Vermutlich hat Karl Leisner dieses Ehrenmal besucht.
[2]
Karl Leisner dachte an das Zitat von Cyriel Verschaeve:

Hier liggen hun lijken als zaden in ’zand, hoop op de oogst o Vlaanderland [Hier liegen ihre Lei­chen wie Saat im Sand, hoffend auf eine Ernte, o Flan­dernland].

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2014_08_03_Gedaechtniskreuzweg in Straelen-Walbecker

 

IMG_0326_Kriegerdenkmal in StraelenIMG_0320straelen

Gedenken heute

In Kleve wurden Karl Leisners Gebeine nach der Exhumierung am Ehrenfriedhof verabschiedet, bevor sie nach Xanten überführt wurden.

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Da die Menschen nichts dazu gelernt hatten, mußte Karl Leisner auch den Zweiten Weltkrieg  und die Haft im KZ erleben.

Quelle der nicht ausgewiesenen Fotos: Karl-Leisner-Archiv und Gabriele Latzel