Karl Leisner und die Marienlieder

2015_03_25_Maria_Buch

Kurzke, Hermann / Schäfer, Christiane: Mythos Maria. Berühmte Marienlieder und ihre Geschichte: München 2014
ISBN 978-3-406-66956-9 – 24,95 €

Aja-Rosa Thöming rezensierte dieses Buch in der F.A.Z. vom 28. Januar 2015 unter der Überschrift „Kann Gott sich verlieben? Der Mythos der Gottesmutter hat in der Musikgeschichte tiefe Spuren hinterlassen: Hermann Kurzke und Christiane Schäfer analysieren berühmte geistliche Marienlieder – aber warum tun sie das so polemisch?“

 

 

Die Rezensentin geht mit den Autoren hart ins Gericht. Sie gesteht zwar zu, man könne „gegen jede irreführende oder dem Kitsch frönende Marienverehrung anschreiben“, erwartet aber vom Autor, er solle „sein eigenes Unbehagen klar vor Augen haben und formulieren“; denn die Leser hätten Anspruch auf eine solche „Ernsthaftigkeit“.

Link zum Artikel in der F.A.Z. vom 28. Januar 2015

In „Christ in der Gegenwart“ Nr. 10 vom 8. März 2015 rezensierte Peter Hahnen das Buch unter der Überschrift „Maria unter der Lupe. Marienlieder haben oft eine lange Tradition und entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als bemerkenswertes Schatzkästlein der Geschichte.“

In der „Herder Korrespondenz“ Heft 12, Dezember 2014, rezensierte Ulrich Ruh das Buch und bemerkt u. a.:
„Es ist ein Vergnügen, sich von Kurzke und Schäfer durch die Irrungen und Wirrungen der marianischen Lied- und damit auch Frömmigkeits- und Mentalitätsgeschichte führen zu lassen.“

Link zur Herder Korrespondenz Heft 12, Dezember 2014

Karl Leisner, durch und durch von der Jugendbewegung geprägt, wußte auch, wie sich Kitsch in der Marienverehrung darstellt. Sein meist verwendetes Liederbuch war der Spielmann. Damit verglich er das „Schönstatt-Liederbuch“. Aus diesem erwähnt er in seinen Tagebüchern und Schriften kein einziges Lied.

Münster, Donnerstag, dem 13. Dezember 1934
Im Pfarrheim Überwasser [Liebfrauen[1]]: Marianische Feierstunde der Schön­stätter. Gutes Programm: Lieder aus dem „Spielmann“ [Liederbuch „Der Spielmann“] und dem „kitschigen Schönstatt-Liederbuch“. – Lesungen aus dem Hohenlied[2] und Evangelium nach Lukas.
Sprechchor an die „Immaculata“ [Unbefleckte] aus [Wilhelm] Peuler „Jugend spricht im Chor“.[3]

[1] Das Pfarrheim stand auf dem Überwasserkirch­platz in Sichtweite zum Priester­seminar.
[2] Das Hohelied Salomons (Hld) ist ein Buch des Alten Testamentes. Es handelt sich um ein erotisches Gedicht, das die Annäherung zwischen zwei Liebenden schildert. Der Text hat eine vielfache allegorische Auslegung erfahren. Der Bräu­tigam ist Christus, die Braut die Kirche, aber auch die Jungfrau Maria.
[3] Peuler, Wilhelm: Jugend spricht im Chor. Sprüche, Chöre und Chorspiele, Frei­burg/Br. 21932
In diesem Buch gibt es mehrere Sprechchöre, die sich auf Maria beziehen, aller­dings erwähnt keiner den Marientitel Immaculata. Karl Leisner hat sich ver­mut­lich vom 8.12., dem Fest der In conceptione Immaculata B. Ma­riae virginis – Un­befleckten Empfängnis der seligen Jungfrau Maria, leiten lassen.

Spielmann

Neumann, Klemens
Der Spielmann, Liederbuch für Jugend und Volk, Mainz, Erstausgabe im Juli 1914, 31920 (umgearbeitete Auflage der Qickbornlieder), 51924, 91932, 101947.
Das „Liederbuch für Jugend und Volk“, seit 1913 in Vorbereitung, erschien am 20.7.1914 zum ersten Mal und weiterhin in vielen Ausgaben.

 

 

 

Schoenstatt

Schönstatt-Liederbuch
Das als Manuskript gedruckte Büchlein „Schönstatt-Lieder“ ist im marianischen Volksjahr der Apostoli­schen Bewegung 1934 erschienen; die zweite Auf­lage – ohne Jahrgangsangabe – hat für ein Lied auf Seite 34 das Imprimatur vom 9.4.1935. Die meisten Texte und Melodien stammen von Pal­lottinern oder deren Schülern.

Zusammenstellung der von Karl Leisner in seinen Tagebüchern und Briefen erwähnten Marienlieder:

Ave Maria zart
1. Ave Maria zart, du edler Rosengart, lilienweiß, ganz ohne Schaden! Ich grüße dich zur Stund mit Gabrielis Mund: Ave, die du bist voller Gnaden!
2. Du hast des Höchsten Sohn, Maria, rein und schön, in deinem keuschen Schoß getragen, Jesum, das liebe Kind, das da die Sünder blind errettet hat aus allem Schaden.
3. Denn nach dem Sündenfall wir warn verstoßen all und sollten ewig sein verloren. Da hast du, reine Magd, wie dir vorhergesagt, uns Gottes Sohn zum Heil geboren.
4. Durch sein kostbares Blut ist nun des Satans Mut gestürzt, der Höllen Pfort zerbrochen; durch seine Wunden rot und seinen bittern Tod des Tods und Teufels Trutz gerochen.
5. Darum, o Mutter mild, befiehl uns deinem Kind, bitt, daß es unser Sünd verzeihe; endlich nach diesem Leid die ewig Himmelsfreud durch dich, Maria, uns verleihe!
(Worte und Weise: Johann Georg Braun [1656–1687])
von Karl Leisner erwähnt: 6.12.1933, 23.6.1934, 8.12.1934
Lourdeslied
1. Die Glocken verkünden mit fröhlichem Laut das „Ave Maria“ so lieblich und traut. Ave, Ave, Ave Maria, Ave, Ave, Ave Maria!
2. Am Felsen erscheinet vom Lichtglanz umhüllt, dem Kind Bernadette ein himmlisches Bild. Ave…
3. Der Engel geleitet mit sorgender Hand das Kind Bernardette an des Flusses Rand. Ave…
4. Im Brausen des Windes das Mägdlein vernimmt, dass ihm eine Gnade des Himmels bestimmt. Ave…
5. Auf Massabiell‘ schaut es ein strahlend‘ Licht. Wie solches entstanden, begreift es wohl nicht. Ave…
6. Mit freundlichem Antlitz, gar lieblich und mild, erscheint dort ein liebliches Jungfrauenbild. Ave…
7. Der Blick ist erfüllet mit göttlichem Licht, das wonnige Lächeln sagt: Fürchte dich nicht! Ave…
8. Weiss ist das Gewand wie die Lilie der Au. Der Gürtel ist wie der Himmel so blau. Ave…
9. Und sieh, auf den Füßen, da pranget in Gold die himmlische Rose so duftend und hold. Ave…
10. Der Rosenkranz schlinget sich fromm um die Hand. Es wallet der Schleier herab aufs Gewand. Ave…
11. Mit klopfendem Herzen beginnt nun geschwind das Ave zu beten das glückliche Kind. Ave…
12. Es schwand die Erscheinung, das Mägdlein ruft aus: „Auf Wiedersehn morgen!“, und eilet nach Haus. Ave…
13. Sein Herz aber bleibt in der Grotte zurück und sehnt sich nach dem dort empfundenen Glück. Ave…
14. Ach! Lass mich zur Mutter, die dorten erscheint, du irdische Mutter, mein Herze sonst weint. Ave…
15. O sprich, holde Dame, was willst du von mir? Was immer dein Wunsch, ich erfülle ihn dir. Ave…
16. Mit deinen Gespielen komm vierzehnmal her, das ist jetzt mein Wunsch und mein einzig Begehr. Ave…
17. Gehorsames Kind, ich verspreche dafür, dich glücklich zu machen im Himmel, nicht hier. Ave…
18. An Bernadetts Seite, da kniet im Gebet vor Tag schon die Menge und weinet und fleht. Ave…
19. Auf schaut sie zur Dame, ihr strahlender Blick erzählt von unendlich erhabenem Glück. Ave…
20. Das gläubige Volk, es kniet staunend umher und kennt fast das betende Mägdlein nicht mehr. Ave…
21. Was ist dir, o Dame? So fragt jetzt das Kind, warum bist du traurig, o sag es geschwind! Ave…
22. Was soll ich denn tun, um dein Herz zu erfreun? – Du sollst für die Sünder Gebete mir weihn! Ave…
23. Es soll die Kapelle aus Marmor erstehn am Ort hier, der meine Erscheinung gesehn. Ave…
24. O gütige Dame, sei freundlich mit mir und gib mir ein Zeichen, ein Zeichen von dir. Ave…
25. Man zeiht mich der Lüge und glaubet mir nicht, dass mein Mund die lauterste Wahrheit nur spricht. Ave…
26. O lass dir zu Füßen am Dornstrauch erblühn die Rose, auf dass ihre Zweifel verziehn. Ave…
27. Da lächelt die Dame: Dein Wunsch sei erhört, doch geb ich dir Bess’res denn was du begehrt. Ave…
28. Die Blume verwelket, stirbt ab und vergeht. Die Liebe der Mutter für immer besteht. Ave…
29. Geh hin zu der Quelle. Ihr Wasser so rein, es soll dies ein bess’res Geschenk von mir sein. Ave…
30. Nun gräbt es die Erde mit flüchtiger Hand und bald schon entspringt eine Quelle dem Sand. Ave…
31. Es fliesset das Wasser, es hat schon befreit viel Tausend von Menschen aus Krankheit und Leid. Ave…
32. O himmlische Dame, ich bitte Dich, sprich! Wie ist doch dein Name? Wie heißet man Dich? Ave…
33. Die sündlos Empfang’ne, so spricht sie, bin ich, die makellos Reine. Nun kennest du mich. Ave…
34. O leite und führe uns, himmlischer Stern, zum Himmel, zur Heimat, zu Gott, unserm Herrn. Ave…
von Karl Leisner erwähnt: 23.8.1932
Maria breit den Mantel aus
siehe: Gotteslob Nr. 534
von Karl Leisner erwähnt: Liederbogen Nr. 2, 9.11.1939
Meerstern, ich dich grüße!
1. Meerstern, ich dich grüße! O Maria hilf! Gottes­mutter, süße! O Maria hilf! Maria, hilf uns allen aus unsrer tiefen Not!
2. Rose ohne Dornen. Du von Gott Erkorne.
3. Lilie ohnegleichen, der die Engel weichen!
4. Du Quell aller Freuden, Trösterin in Leiden!
5. Hoch auf deinem Throne, aller Jungfraun Krone!
6. Gib ein reines Leben, sichere Reis’ daneben!
7. Dich als Mutter zeige, gnädig uns zuneige!
8. Hilf uns Christum flehen, fröhlich vor ihm ste­hen!
(Der Text ist eine Erweiterung und Umbildung der im Münsterschen Gesangbuch von 1677 stehenden Übersetzung des Hymnus „Ave maris stella“. Hier nach A. v. Haxthausen: Geistliche Volkslieder 1830. Wallfahrtslied im Fränki­schen und Paderbornschen; vgl. Gotteslob Nr. 524)
siehe: Am Scheidewege 1930: 34 (mit Noten)
Der Spielmann, S. 295f., von Karl Leisner erwähnt: 21.12.1928, 27.9.1930, 27.5.1934, 29.9.1934, 8.12.1934, 1.4.1937, 29.8.1937, 6.5.1938.
O Maria, noch so schön
1. O Maria, noch so schön als die Sonn als der Mon, o du edler Gottesthron! Schön fürwahr ist dein Gestalt, Schöners hat Gott nichts gemalt: Cherubim, Seraphim, allen Engeln sie gefallt! Doch ist viel schöner die innerliche Gnad, damit du bist geziert im allerhöchsten Grad, die Gottes Herz sogar mit Lieb verwundet hat. Schön ist zwar des Leibs Gestalt, schöner ist die Seel’ gemalt: Cherubim, Seraphim, allen Engeln sie gefallt!
2.O Maria, Jungfrau zart, wohlbewährt, hochgeehrt, allzeit rein und unversehrt. Gottes Sohn, das höchste Gut, hat in deinem Leib geruht, und alldort hat das Wort angenommen Fleisch und Blut. O reine Mutter, befreit von aller Sünd, kein Makel ich allhier in deiner Seelen find. Dies hat erworben dir dein allerliebstes Kind. Schön ist zwar des Leibs Gestalt …
3. O Maria, gnadenreich, Frauenbild, Mutter mild, unser Zuflucht, unser Schild. Du bist unsre Mittlerin, unser Trost und Helferin, und vor Gott, in der Not, gwaltige Fürsprecherin. O du Turm Davids, o schöne Himmelspfort, du kannst erhalten uns vor Gott mit einem Wort, was uns vonnöten ist zum Wohlstand hier und dort. Ei, so rufet alle dann diese werte Mutter an: Groß und klein, stimmet ein: alles sie erhalten kann.
(Mainzer Gesangbuch 1679.)
Jung-Volker: 215f., von Karl Leisner erwähnt: 16.5.1938
O Maria, Gnadenvolle
O Maria, Gnadenvolle, schönste Zier der Himmelsau’n! / Blicke huldvoll auf uns nieder, die wir kindlich dir vertrau’n. / Tu’ uns deine Milde kund, segne Mutter, unsern Bund, / segne Mutter, segne Mutter, segne Mutter, unsern Bund.
von Karl Leisner erwähnt: 31.12.1935
Unser Liebe Fraue vom kalten Bronnen
1. Unser Liebe Fraue vom kalten Bronnen bescher uns armen Landsknecht ein warme Sonnen, Damit wir nit erfrieren, ziehn in des Wirtes Haus wir ein mit vollem Beutel, mit leerem wieder aus. Und die Trummen, die Trummen, lermann, lermann, lermann, hei riti, riti, ra, lustige Landsknecht voran. Frisch auf, ihr Landsknecht voran!
2. Unser Liebe Fraue … Damit wir nit erfrieren, ziehn wir dem Bauersmann sein wollen Hemd vom Leibe; das steht ihm über an. Und die Trummen …
3. Unser Liebe Fraue … Damit wir endlich finden vor aller Arbeit Ruh! Der Teufel hol das Saufen, das Raufen auch dazu. Und die Trummen …
4. Wir schlucken Staub beim Wandern, der Beutel hängt uns hohl; der Kaiser schluckt ganz Flandern, bekomms ihm ewig wohl. Er denkt beim Länderschmause, wie er die Welt erwürb; mir lebt ein Lieb zu Hause, das weinte, wenn ich stürb. Und die Trummen …
5. Der Trommler schlägt Parade, die Seidenfahnen wehn; jetzt heißt’s auf Glück und Gnade ins Feld spazieren gehen. Das Korn wogt auf den Feldern, es schnappt der Hecht im Strom, der Wind weht heiß von Geldern hinaus gen Berg op Zoom. Und die Trummen …
(Worte und Weise von G. Forster und Ludwig Erk. Siehe: Der Burgmusikant, Notenausgabe 1952, Nr. 165: 155f.
Worte und Weise bei G. Forster und Ludwig Erk; siehe Burgmusikant Nr. 165.
vgl. „Unser Lied“: 75f.: 1. Strophe 15. Jh., 2. und 3. Strophe von Prinz Emil von Schoenaich-Tarolath)
von Karl Leisner erwähnt: 19.2.1928
Vorerst so woll’n wir loben Mariam
1. Vorerst so woll’n wir loben Mariam, die reine Magd; sie sitzt so hoch dort oben, kein Bitt‚ sie uns versagt, uns armen Reitersknaben, die nit viel Goldes haben, nur hin und wieder traben; sie tut uns gnädig sein, die selbig Jungfrau rein.
2. Sankt Jörg, du edler Ritter, Rottmeister sollst du sein, bescher uns gut Ge­witter, laß uns dein‚ Hilf erschein’! Daß wir nit gar verderben, ohn Mahl und Futter sterben; wir müssen fürbaß werben: Errett’ uns arme Knecht vor allem strengen Recht!
3. Hilf Gott, daß wir bezwingen der Bauern Übermut, die uns ums Leben brin­gen, viel manchen Ritter gut! Ihr’n Hochmut soll man brechen, sie unter die Mähren stechen, manch guten Gesellen rächen, bringt ihn’ groß Ungemach: singt uns der Schenkenbach.
(Schenkenbachs Reiterlied, 16. Jh.)
Der Spielmann: 104f., von Karl Leisner erwähnt: 14.11.1927, 19.2.1928

In Bezug auf andere Liederbücher sind folgende Aspekte interessant:

Erstaunlich ist, daß Karl Leisner das Liederbuch „Der Kilometerstein – Eine lustige Sammlung“, 1934 im Voggenreiter Verlag von Gustav Schulten herausgegeben, nicht erwähnt.
Bei der Verwendung des „Nerother Liederbuches“ zeigt sich Karl Leisners Weite; denn es ging ihm um die Sache und nicht um Ideologien.

Willi Leisner aus Berlin am 5. November 1998 an Hans-Karl Seeger:
Der „Rausschmiß“ aus der Gruppe hing mit dem Vorgehen von Albin Leß­nick und seinen Leuten zusammen. Die gehörten als Nerother zur „Bündi­schen Jugend“ und entsprachen nicht den Zielen des KWV [Katholischen Wandervogels].

Folgende Artikel des in der Musikarbeit der katholischen Jugend in Haus Altenberg tätigen Pädagogen, Komponisten und Chorleiters Adolf Lohmann geben einen allgemeinen Einblick in die Liederbücher der Jugendbewegung:

Adolf Lohmann:
Jugendliederbücher – Eine kritische Schau
Die Liederbücher der Jugendbewegung lassen sich in drei Gruppen einteilen. Die erste Gruppe wollen wir „Quellenliederbücher“ nennen. Sie tragen ihr Liedgut erstmalig in die Jugend, überhaupt in unsere Zeit. Sie sind richtungweisend und bestim­men die Arbeit aller ernst schaffenden Kreise auf Jahre hinaus. Die Herausgeber sind durchweg berufene Volksliedkenner, Sammler und Forscher, deren Schaffen zudem von einer bestimmten Idee der Volks­musikerneuerung getragen ist. Ihre Haupt­lieder­bücher lieferten das Singgut der gesamten Volksmusikbewegung.
Die zweite Gruppe bilden die „Sammellieder­bücher“. In ihnen werden die in der Jugend gesungenen Lieder teils wahllos, teils nach bestimmten Gesichtspunkten gesammelt. Da nun nicht nur Wertvolles, sondern auch viel Kitsch gesungen wird, so werden diese Sammelbücher ein böses Gemisch, abhängig vom Geschmack ihrer Herausgeber. Friedlich stehen die alten Meister­lieder neben mißglückten Versuchen. Ein typisches Abbild der Kultur- und Geschmacksverwirrung unserer Zeit! Welcher Gruppenführer von heute kennt sich in der Formensprache der Musik und Dichtung so aus, daß er wenigstens mit einiger Sicherheit ein Werturteil fällen kann? Die Herausgeber sind meist Beauftragte bestimmter Bünde oder Verlage. Die gemischten Liedersammlungen zerschlagen vielfach unbewußt mit ihren minderwertigen Liedern, was sie mit ihrem wertvollen Liedgut aufbauen.
Es gibt noch eine dritte Sorte von Jugendliederbüchern. Das sind die vielen, meist jüngeren „Komponisten“ und „Liederfabrikanten“, die beim Anblick eines Volksliedes gleich dachten: „Das kann ich auch“, und die dann ihre zahllosen Kompositionen, teils aus naivem Sinn, teils aus Eitelkeit, teils auch aus Geschäftstüchtigkeit, auf die Jugend losließen. Unkraut wächst schneller als Weizen. Es verbreitet sich auch unglaublich schnell. Zeitweise überwuchert es sogar den Weizen.
Hier liegt unsere Aufgabe. Wir müssen uns ernsthaft mit wertvollen Liedern befassen und unser Urteilsvermögen schärfen. Das kann man nur anhand der besten Liederbücher. – Die folgende Bücherbesprechung ist keine „Geschmackssache“ eines Einzelnen, sondern die einfache Konsequenz all derjenigen, denen es um mehr geht als um ein bißchen Jugendsingrummel.
Unter den „Quellenliederbüchern“ ist das weitaus beste, in seiner Art einzige Jungenliederbuch, das „Strampedemi“ von Walther Hensel. (Bärenreiter-Verlag Kassel, kart. Mk. 1.80). Es enthält sowohl alte als auch ganz neue Lieder verschiedenster Art, u. a. viel echte Landsknechts- und Geusenlieder[1]. Einige Zeilen aus der Vorrede: „Unser Strampedemi hat sich zum Ziele gesetzt, die jungmännliche Art, das trutzige Wesen in reiner, ungefälschter Art aufleuchten zu lassen in Lied, größter Schlichtheit und Formenstrenge. Die Weisen sind so geartet, daß einerseits ihr stürmischer Rhythmus von dem brausenden, schäumenden Leben der Jugend zeugt, ihre Gebundenheit und Formenstrenge andererseits zugleich Zucht und Maß bedeuten“. An anderer Stelle steht: „Vieles, was ihr für tapfere, frischfeurige Musik haltet, zeigt sich bei näherem Zusehen als hohle, polternde Phrase“. Die geschmackbildende und erzieherische Wirkung des „Strampedemi“ ist außerordentlich stark. Es birgt die Kraft in sich, das Singen einer Gruppe in einiger Zeit völlig umzustellen und zu veredeln, wenn die störenden Einflüsse wertloser Lieder ausgeschaltet werden. Es wird den Gruppenführern nicht schwer fallen, für die Jüngeren aus dem „Strampedemi“ leichtere Lied­formen auszuwählen. Die angegebenen 2. Stimmen kann man auch fortlassen. Ebenso die Instrumentalsätze.
Das allgemeine Volksliederbuch der katholischen Jugend, dessen Lieder die weiteste Verbreitung fanden, war von jeher „Der Spielmann“ von Klemens Neumann, (Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz, M. 3.-). Ihm wurde auch das bekannte „Singeschiff“ größtenteils nachgebildet. Der „Spielmann“ bringt in seinen Abteilungen „Wanderlieder“, „Naturlieder“, „Lustige Lieder“, „Morgen- und Abendlieder“, „Festlieder“ und „Geistliche Lieder“ reiche Auswahl für die Jungscharen.
Wo sich die ideale Möglichkeit bietet, Schulgesang und Gruppengesang miteinander zu verschmelzen, sei besonders empfohlen:
„Der Jungbrunnen“, herausgegeben von Adolf Seifert im Bärenreiter-Verlag, Kassel, (M. 1.60), das Volksschulliederbuch aus dem Geiste der Volksmusikbewegung.
Der Kanon als einfachste Art mehrstimmigen Singens findet sich in der umfassenden Kanonsammlung von Fritz Jöde „Der Kanon“ (Kallmeyer-Verlag, Wolfenbüttel). Die leichteren Kanons sind in einem kleineren Auszug „Der Irrgarten“ (M. 1.80) gesammelt. Auch befinden sich in den bereits genannten Liederbüchern viele Kanons.
Neben dem überall bekannten „Singeschiff“ (Jugendhaus Düsseldorf, Notenausgabe M. 1.80) ist von den Sammelliederbüchern das für unsere Zwecke am brauchbarsten der „Jung Volker“, herausgegeben von den Neudeutschen, jedoch kein enges Bundesliederbuch. Die billige Sammlung bringt viele Lieder aus dem „Spielmann“, aber darüber hinaus noch manch anderes Lied der Singbewegung. Über einige weniger gut geratene Lieder wollen wir hinwegsehen. Besonderer Wert wurde auf die Lautenbuchstaben gelegt. Leider ist zur Zeit nur die Textausgabe (M. -.50) lieferbar.
Viel wertvolles Singgut bringt auch eine Reihe von 7 kleinen Liederblättern, eigens für die Jungscharen unter dem Titel: „Jungvolk singt!“ zusammengestellt von H. M. Sambeth, (Verlag Kepplerhaus Stuttgart, Einzelpreis 15 Pfg., ab 10 Stck. 10 Pfg.). Die Überschriften der einzelnen Blätter lauten:

  1. „Lobgesang“, 2. „Morgen und Abend“, 3. „Zu Tisch“, 4. „Unterwegs“, 5. „Froh im Nest“, 6. „Zur Feier“, 7. „Am Feuer“. Sie eignen sich vorzüglich zum Gebrauch bei Treffen, Lagern und dergl.

Hiermit können wir die Liederbücher-Empfeh­lungen abschließen. Jedoch sollen noch einige Bücher genannt werden, weil sie in Kreisen der katholischen Jugend teilweise bereits bekannt und verbreitet sind. Zunächst das „St. Georgs-Lieder­buch“. Es besteht aus drei Teilen: „Lieder der Reiter­buben“, „Lieder der Landstraße“ und „Lieder am Feuer“. (Verlag Günther Wolff zu Plauen i. V.) Das Buch rühmt sich, „ein bisher in dieser Vollständigkeit nicht vorhandenes Bild des in der deutschen bündischen Jugend lebendigen Liedgutes“ zu geben. In der Tat hat man hier treu und brav gute Volkslieder mit vielem bedenklich stimmenden Material bunt durcheinander abgedruckt. Auf dieses Buch kann man das eingangs über Sammelliederbücher Gesagte fast restlos anwenden. Da findet sich manch dürftiges, unwahrhaftiges Zeug. Das Vorwort ist bezeichnend: „Weil unsere Lieder gesungene Bekenntnisse sind, daher durfte um seines Inhaltes willen manches Lied aufgenommen werden, gegen dessen Form sich künstlerische Bedenken erheben lassen“.(!) Man kann doch Form und Inhalt nicht so einfach trennen! Ein formloses Bekenntnis ist eben ein Bekenntnis zur Formlosigkeit, oder – ein Armutszeugnis. Da hilft keine Entschuldigung.
Das gleiche wäre über Fritz Sotkes „Unsere Lieder“ (Sauerland-Verlag, Iserlohn) und seine sonstigen Veröffentlichungen zu sagen. Sie wurden früher viel benutzt, sind aber recht dürftig und fehlerhaft. – Sammelliederbücher gibt es noch eine Unmenge, da sie heute leicht herzustellen sind. Die Haupt­arbeit haben ja die Führer der Singbewegung in langjähriger Forschungs- und Bildungstätigkeit geleistet. Bei den Herausgebern ist zwar guter Wille vorhanden, es fehlt aber an Gestaltungskraft, und der künstlerischen Sicherheit, die wir bei Walther Hensel so sehr bewundern müssen.
Die folgenden Hefte würden hier sicherlich nicht genannt werden, wenn nicht von unkundiger Seite versucht würde, solche Produkte als die vorbildlichen Liederbücher der heutigen Jungenschaft hinzustellen und in der katholischen Jugend zu verbreiten. Der Verlag Günther Wolff zu Plauen i. V. brachte neben anderen die folgenden Hefte heraus: „Wir traben in die Weite“, und „Aus grauer Städte Mauern“, bearbeitet von Robert Götz. Da strotzt es von manierierter Wildheit, von kitschiger Pathetik, von abgedroschenen Phrasen. Man spürt so recht die Unwahrhaftigkeit ihrer Entstehung; denn solch ein albernes Zeug hätte unter Landsknechten und Rittern niemals entstehen können.
Im gleichen Verlage erschienen auch die „Lieder der Südlegion“. Schade, daß es Jungführer gibt, die auf diesen internationalen Bluff hereinfallen. Nichts als schlimmster Musikdilettantismus! Es wimmelt nur so von Unmöglichkeiten „eigener wort- und tonformen einer südlicheren welt“, die „das urtümliche ihrer abstammung aus dem zauberkreis nordischer götterwelt und landschaft“ verraten. Ein trauriger Beweis, wohin man kommt, wenn man sich vom deutschen Volkslied abwendet, um möglichst international zu erscheinen und sensationell zu wirken. Einen ähnlichen, doch etwas besseren Versuch stellen die „Lieder des Bundes“ dar, im gleichen Verlag vom Musikant des deutschen Pfadfindertums herausgegeben. Hier spürt man wenigstens bei einigen Liedern ein Ringen um die Form. Druckreif sind sie jedoch noch nicht alle. Alle Liederbücher dieser letzten Abteilung zeigen deut­lich, daß ohne Schulung in musikalischen Dingen nicht geschafft werden kann und daß man die Architektur eines Liedes nicht aus dem Hemdärmel schütteln kann. Das Lied braucht Reife und Können.
Jungschararbeit ist Aufbauarbeit. Auch in der Singstunde. Dazu kann man kein schlechtes Baumaterial brauchen.[2]

[1] „Geuz“ ist eine holländische Verballhornung des französischen Wortes „gueux – Bettler“. „Geuzen“ wurde der Sammelname für eine gewaltbe­reite Gruppe, die aus Verbannten, Flüchtlingen, mit­tello­sen Adeligen und Rand­gruppen bestand. Sie machten Jagd auf spani­sche Schiffe. Da sie je­doch ohne Bestallung wa­ren, wurden sie als Seeräu­ber behandelt. Die „Wider­standsbe­wegung zu Wasser“ gegen die spanischen Herr­scher bekam danach mehr und mehr Unterstüt­zung aus allen Schichten der Bevölkerung.
[2] 8./9. Werkheft, Düsseldorf 1933: Jungen, wie sie sind – Bücher, die sie lesen, ein Werkheft von P. Horstmann SJ und Rektor Meurer: 29–32

Karl Leisner hat vermutlich auch folgenden Artikel in der Zeitschrift „Der Jungführer“ gelesen.

Adolf Lohmann:
Aus dem Leben der Jungschar
Hier soll einmal der Raum geschaffen werden für die Aussprache über das, was in der Jungschar wächst und lebt. Darum wird das hier Gesagte nicht endgültig sein, sondern es soll euch alle ansprechen und anregen zum Suchen und Formen.
Unser Singen
In manchen Gruppen kann man von einer ausgesprochenen Singmüdigkeit reden, in anderen dagegen wird froh und ungehemmt gesungen. Es kommt darauf an, daß wir das rechte, dem Jungen und seinem Empfinden eignende Lied auswählen, daß wir es richtig einüben und richtig singen.
Jeder weiß, wie sehr es an rechtem Liedgut mangelt. Vieles, was die Jungschar singt, ist Liedgut der Jungenschaft. Jungenlieder gibt es in Menge, Jungscharlieder dagegen wenig. Hier liegt eine Gefahr.
Das rechte Jungscharlied muß sich in Text und Melodie der Erlebniswelt der Jungen anpassen. Der Text muß möglichst irgendwie Handlung enthalten und einfache Gedanken, die dem Empfinden des Jungen entsprechen, über die er nachdenken und die er verstehen kann. Die Melodie muß einfach und klar im Aufbau sein.
Das Lied „Wir sind deine Jungen …“ ist gut in der Melodie, wenngleich manche Textstellen wie „Du aber bist der Brunnen im Herzen …“ für den Jungen reichlich schwer sind.
Wenn ich die Lieder „Kameraden, wir marschieren“ oder „Es leben die Soldaten“ hier anführe, wird mancher denken: Sooon Bart. Aber wie kommt es, daß diese Lieder so viel gesungen sind? Allein daher, weil man fühlt: Aha, hier ist ein Lied, das unseren Kerlen liegt. Und es ist ja tatsächlich so bei diesen Liedern: Text und Melodie sind für jeden Jungen begreiflich.
Nun stimmt es längst nicht immer, daß jedes Lied, das den Kerlen gefällt, für die Jungschar geeignet ist. Wenn das Empfinden der Kerle gesund und unverbogen wäre, könnte es so sein. Zumeist aber ist das Empfinden nicht mehr ganz gesund, und darum ist es notwendig, für seine Gesundung zu sorgen und es nicht noch stärker verbiegen zu lassen.
Es ist freilich so, daß der Mangel an guten Liedern für die Jungschar äußerst stark ist, und daß es unbedingt notwendig ist, auf diesem Gebiete Neues zu schaffen.
Allen Führern aber unserer Jungschargruppen muß klar sein: „Gloria Dei“ ist auch hier die wesentliche Aufgabe, das Lob Gottes. Alles rechte und schöne Singen von jungen Christen ist Lob Gottes. Aber es geht hier besonders um das unmittelbare Lob Gottes: das religiöse Lied, das Kirchenlied. Es gibt einen ganzen Schatz davon in unseren Liederbüchern. Natürlich darf nicht damit übertrieben und überfüttert werden, aber in jeder Heimstunde ein religiöses Lied muß Regel sein, und im Laufe eines Jahres eine ganze Reihe neuer religiöser Lieder mit vielen Strophen lernen, muß eine Aufgabe sein!
Wichtig ist also zunächst das gute Lied. Doch fast gleich wichtig ist die Art des Einübens, vor allem dann, wenn das Lied nicht ganz für das Empfinden der Jungen sich eignet, wie es bis jetzt ja meist gewesen ist und auch weiterhin sein wird. Und gerade da sind große Fehler gemacht worden.
Der Jungführer verkündet feierlich: Heute wollen wir ein neues Lied lernen. Allenthalben lange Gesichter! Doch der Jungführer läßt sich nicht erweichen. Wozu ist er denn Jungführer! Der Text wird gepaukt, er spricht ihn vor, die Jungen sagen ihn nach. Darauf wird die Melodie auf die gleiche Weise gelernt. Kein Wort wird gesprochen, das den Jungen das Verständnis des Liedinhaltes erschließen könnte. Er steigt vor ihnen auf und versinkt bald wieder; ein Übel, das man mit in Kauf nehmen muß.
Wie ganz anders ist es, wenn der Jungführer mit keinem Wort davon spricht, daß ein neues Lied gelernt werden soll. Wenn er beginnt zu sprechen und den Kerlen in einer kleinen Erzählung den Inhalt des Liedes nahebringt; wenn er ihnen dann den Text vorspricht und sagt, daß es darauf auch eine Melodie gibt, dann werden die Kerle sie unbedingt singen wollen. Der Jungführer singt die ganze Melodie vor in sauberer Begleitung mit seiner Klampfe und läßt die Jungen Vers um Vers nachsingen. Unterdes und zwischendurch spricht er weiter, erklärt ganz kurz den Verlauf der Melodie, wie sie so lustig dahertanzt, wie der Rhythmus des Trommelschlages ist, daß die Melodie langsam daherschreitet wie ein Zug ernster Mönche, wie sie versucht, sich auf eine Höhe zu schwingen, dazu ein paarmal Anlauf nimmt und dann, nachdem ihr der Sprung geglückt ist, wieder hinunterhüpft und noch manches andere. Dann wird das ganze Lied vom Jungführer noch einmal in Klampfenbegleitung sauber vorgesungen, während die Kerle still zuhören. Darauf dürfen sie mitsummen, dann endlich singen. Wenn darauf noch die Unreinheiten ausgemerzt sind, haben die Jungen das neue Lied wie im Fluge erlernt. Es mag wohl schon eine ziemliche Zeit gedauert haben, aber die Jungen haben es nicht gemerkt, es war ihnen nicht langweilig.
Nur nicht erst den Text pauken und dann die Melodie. Zusammen lernt sich beides leichter, weil dann die eine Erinnerung der anderen hilft.
Wenn das Lied es erlaubt, setzen wir uns auch einmal rittlings auf einen Stuhl und lassen ihn als Pferd „durch die Gegend“ hopsen. Oder wir hocken uns im Kreis auf den Boden. Oft teilen wir uns in Chor- und Vorsänger oder in zwei Halbchöre, je nachdem das Lied es erfordert. Bei „Es wollt ein Schneider wandern“ läßt es sich sehr gut machen, daß einer vorsingt und alle als Chor der Teufel einfallen. Der Luzifer muß natürlich besonders auftreten. So sind der Möglichkeiten eine Unmenge, wenn der Jungführer nur recht versteht, sie auszuwerten, und lebendig genug ist, neue zu finden.
Noch eins ist wichtig. Wir unterscheiden zwischen leise und laut, schnell und langsam. Wer singt heute noch leise? Überall herrscht die Unsitte, die Lieder zu brüllen anstatt zu singen. Ganz abgesehen davon, daß die Stimme des Jungen darunter leidet und allzubald heiser und klanglos wird, schlägt das Brüllen häufig genug das Lied tot, strengt die Kerle auch zu sehr an und verleidet das Singen. Die Jungen müssen erst wieder den Sinn für leises Singen bekommen. Lassen wir sie einmal eine Melodie summen, ganz leise und fein, sie werden spüren, daß das Lied ganz anders klingt als sonst. Sie werden darauf aufmerksam, was man alles in ein Lied hineinlegen kann, und werden erst jetzt dazu kommen, all seine Feinheiten zu verstehen.
Gut läßt sich das machen beim Singen eines Kanons, der aber nur dann gesungen werden kann, wenn eine Reihe von Jungen da ist, die eine gute Stimme und ein reines Gehör haben.
Wenn wir den Jungen auf diese Weise die verschiedenen Geschwindigkeiten und Lautstärken klargemacht haben – inzwischen können sie die Melodie sehr sicher singen, was besonders beim Kanon notwendig ist –, versuchen wir den Kanon mit zwei, dann mit drei Chören usw. Wir achten dabei auf das, was wir vorher geübt haben. Den Jungen wird das Singen viel Freude machen.
Wenn wir so mit den Jungen singen, wird es von ihnen nie als Last und notwendiges Übel empfunden, sondern im Gegenteil, sie werden mit Begeisterung dabeisein. Und dabei ist diese Art gar nicht so schwer. Man muß natürlich einmal den Versuch machen und anfangen. Wenn es das erstemal nicht gleich glänzend gelingt, so tröste dich damit, daß noch nie ein Meister vom Himmel gefallen ist.[1]

[1] Der Jungführer 1937, Heft 3/4: 139–141