Karl Leisner und die Zeitschrift „Hochland“

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Die 1903 in München durch den Publizisten Carl Muth (1867-1944) gegründete Zeitschrift Hochland strebte nach einer Verbindung von Katholizismus und moderner Literatur und kam auf Grund dessen im „Modernismusstreit“ 1911auf den Index.

Quelle des Fotos: Fotograf: Wolfgang Krapohl (abgerufen 11.09.2013)

Im Ersten Weltkrieg brachte die Zeitschrift zunehmend politische Themen. Trotz ihrer Regimekritik erschien sie noch bis 1941. 1971 bemühte sie sich durch Namensänderung in „Neues Hochland“ und Aktualisierung in Bezug auf den Inhalt dem stark veränderten gesellschaftlichem Rahmen zu entsprechen, was jedoch nicht gelang. 1974 erfolgte die definitive Einstellung des traditionsreichen Blattes.

Im Arbeitsdienst 1937 erfuhr Karl Leisner vom Tod seines Kursgenossen Josef Kuhne. Auf dem Weg zur Beerdigung machte er mit einem Freund aus dem Arbeitsdienst in Münster halt.

Am 4. September 1937 schrieb er in sein Tagebuch:
In Münster. – 5.00 Uhr wach. Raus zum Bahnhof, Walter [Flämig] nicht mehr da. 6.00 Uhr im Dom hei­lige Messe. Frühstück im Collegium Borro­maeum. Erst 10.00 Uhr auf Suche nach Walter [Flämig]. Eher losgehn sol­len! Bis dahin im „Hochland“: Theodor Haecker „Analogia Trini­tatis“ [„Analo­gie der Dreifaltigkeit“] gelesen.[1]

[1] Hochland. Monatsschrift für alle Gebiete des Wissens, der Literatur und Kunst, München/Kempten: 1934: 499–510

Der folgende Eintrag aus der Arbeitsdienstzeit ist die einzige Stelle im Tagebuch, an der Karl Leisner das Juden-Thema erwähnt. Fami­lie Leisner kaufte noch in jüdischen Geschäften, nachdem dies bereits verboten war.[1]

[1] Hermann Ringsdorf aus Kalkar am 25.9.2001 an Hans-Karl Seeger:
Als er [Karl Leisner] 1936/1937 von Willi Joosten einmal auf das Juden­pro­blem angesprochen wurde, antwortete er: „Du hast doch im Geschichts­unter­richt gelernt, daß die Gottesmutter eine Jüdin war. Was sollte ich gegen sie und ihr Volk haben?“

Dahlen, Mittwoch, 7. April 1937
Vom Dienst weg läßt der Chef [Oberstfeldmeister Walter Franz] mich in die Kan­tine holen. Dort sitzt er mit dem Dahlener Orts­grup­penleiter, einem Forstmeister. – Ein zweistündi­ges Gespräch entspinnt sich. Man will mich aus­horchen. „Was halten Sie von konfessionel­ler Schule? Judenfrage? Kirche und Staat etc.“ Ich gebe ehr­lich und freiweg ohne jede Hemmung Bescheid. – Etwas zu sehr will ich imponieren und lasse mich dadurch zu weit aus. Die Klugheit und das Maß fehlen noch. – Sonst ist’s wohl recht geworden.

Karl Leisner konnte nicht ahnen, wie es um Dr. Franz Josef Schöningh (* 25.7.1902 in Paderborn, † 8.12.1960 in München) bestellt war, den letzten Herausgeber der Zeitschrift Hochland, 1945 Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung und 1954 Gründungsmitglied der Katholischen Akademie in Bayern.

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Knud von Harbou, ehemaliger Redakteur der SZ, gab dessen Biographie heraus.[1]

 


[1] Wege und Abwege, Franz Josef Schöningh, Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung. Eine Biografie, München 2013

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Quelle des Fotos: Wikimedia Commons / Fotograf: Bette Davis / CC BY-SA 3.0 (abgerufen 04.09.2013)

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Christ in der Gegenwart brachte in Nr. 28 vom 14. Juli 2013 einen kritischen Artikel zum letzten Herausgeber der Zeitschrift Hochland Dr. Franz Josef Schöningh.

Fußend auf den Recherchen von Knud von Harbou zeigt Gregor Tischler, wie weit Dr. Franz Josef Schöningh, ein entschiedener Gegner Adolf Hitlers, in die Judenverfolgung verstrickt war.

In dem Artikel heißt es u. a.:
Die auf akribische Recherchen gegründete Studie bietet keine einfache, aber stets spannende Lektüre. Nicht nur für Leser, welche die vorkonziliaren Ideale der katholischen Kirche noch aus eigener Erfahrung kennen, wird ein Abgrund sichtbar, hinter der Fassade selbstgewisser Katholizität. Schöningh, unbestritten entschiedener Gegner Adolf Hitlers und des Nationalsozialismus, übernahm, auch um den Dienst in der Wehrmacht zu umgehen, eine leitende Position in der Zivilverwaltung des sogenannten Generalgouvernements, das mit dem Territorium der heutigen Ukraine und dem damaligen Galizien, dem Kernland des osteuropäischen Judentums, identisch ist. Davon, dass diese Zivilverwaltung wichtige Handlangerdienste für die Judenvernichtung leistete, wollte man freilich nach dem Krieg nicht mehr viel wissen.
Wie weit jedoch diese Verstrickung gehen konnte, weist der Verfasser in einem kenntnisreichen Kapitel nach. Er zitiert unter anderem Schöningh (24.2.1942): „Heute hatte ich Freude. Da M. (Mogens von Harbou, Anm. d. Verf.) mir die delikate Aufgabe der Judenumsiedlung wohl im Vertrauen auf meine Fingerspitzen anvertraut hat, hab ich sie halt angepackt.[1] So etwas ist schwer, wenn ein Drittel der Bevölkerung aus Juden besteht, die Stadt denkbar verbaut ist, so dass geschlossene Viertel schwer, eigentlich gar nicht geschaffen werden können … Worauf kann man sich, zumal ohne jede praktische Erfahrung, stützen? Auf die Intelligenz … Das Ergebnis ist verblüffend: ohne Lärm, ohne falsche Hast, ohne Grausamkeit (!), wenn auch mit Härte (!), wird das Ziel erreicht.“ Die Errichtung jüdischer Gettos durch Umsiedlung war eine Vorstufe zur Judenvernichtung. Und die Zivilverwaltung war kein offenkundiger „Gegner des Vernichtungsapparats“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt. „Sie war sein Bestandteil.“ Gewiss sei Schöningh kein Henker gewesen. Er hatte sogar versucht, sich aus dem Grauen nach Westen versetzen zu lassen. Aber er habe später, „seine Rolle systematisch kleiner gemacht, als sie war“.
Schöninghs Enkelin Maria-Theresia von Seidlein, Mitherausgeberin der vorliegenden Biographie, bekennt in der „Berliner Zeitung“ (25./26. Mai) freimütig: „Was meinen Großvater betrifft, so gehörte es zu seinen originären Aufgaben als stellvertretender Kreishauptmann, Gettos für die Juden einzurichten.“ Derlei Verstrickungen ziviler Behörden galten in der Nachkriegszeit als eher harmlos beziehungsweise den Umständen geschuldet. Und so konnte Schöningh eine ungehinderte Nachkriegskarriere beginnen: als Mitbegründer der „Süddeutschen Zeitung“. Herausgeber des „Hochlands“ und als Gründungsmitglied der Katholischen Akademie in Bayern (1954).
Wie war das möglich, dass Schöningh nach der Vernichtung des galizischen Judentums und der jahrhundertealten Kultur des „Schtetls“ bald als eine der meistgeachteten Persönlichkeiten des deutschen Nachkriegskatholizismus auftreten konnte? Er selbst pries ja die christlichen Widerstandskämpfer. Der allererste Artikel nach dem Krieg war Carl Muth als einem Getreuen gewidmet. Schöningh vergaß nicht, Hans Scholl als Mitarbeiter Muths zu rühmen. Dem Münsteraner Kardinal von Galen attestierte er „die Kraft der Unterscheidung“. Hätte sie nicht auch Franz Josef Schöningh in den Jahren zuvor zeigen müssen?
Und doch ist das fragwürdige Verhalten Schöninghs zum Teil jedenfalls aus der verbreiteten Geisteshaltung jenes Katholizismus zu deuten, der bis in die sechziger Jahre vorherrschte. Da war zum einen eine traditionelle Ablehnung des jüdischen Glaubens und der Juden als Mitschuldige am Kreuzestod Christi (man denke nur an die alte Karfreitagsbitte für die Juden)[2]. So setzten sich viele wie auch Schöningh für Juden im Bekanntenkreis ein, „das“ Judentum aber lehnte man in der Regel grundsätzlich ab. Außerdem war das katholische Sündenverständnis allzu sehr auf Sexualität fixiert. Lust galt als Sünde, Kampfbereitschaft im Dienst des Vaterlandes als hohe Tugend. Uns Nachkommen scheint es, als habe das Jesuswort vom Dienst am „Geringsten der Brüder“ (Mt 25,40) fast nie Anwendung auf die Hilfsbedürftigsten des Dritten Reiches, die Juden, gefunden. Abgesehen davon galten insbesondere verschiedenste Frömmigkeitsformen bis hin zum übertriebenen Marien- und Heiligenkult als Ausweis wahrer Christlichkeit. Die Gebote der Vergebungsbereitschaft und der Feindesliebe blieben hingegen oft nur Lippenbekenntnis.

[1] Mogens von Harbou, geb. 1905, war Kreishauptmann von Sambor/Tarnopol in Galizien in der osteuropäischen Zivilverwaltung der Nationalsozialisten, Franz Josef Schöningh dessen Stellvertreter und Freund. Mogens von Harbou beging 1946 Selbstmord, um sich vor der Auslieferung an Polen zu retten. Knud von Harbou, im selben Jahr geboren, ist sein Sohn.
[2] Die Fürbitte lautete: „Lasset uns beten für die treulosen/ungläubigen Juden (perfidis Judaeis): Gott, unser Herr, möge den Schleier von ihren Herzen wegnehmen, auf daß auch sie unsern Herrn Jesus Christus erkennen.