Karl Leisner und Hans-Karl Seeger hatten den gleichen Lehrer

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Karl Leisner erlebte Prof. Michael Schmaus in Münster, Hans-Karl Seeger in München.

 

 

Neben dem Philosophieprofessor Peter Wust schätzte Karl Leisner besonders den Dogmatikprofessor Michael Schmaus, bei dem er auch seine Wissenschaftliche Arbeit schrieb.

Aus Karl Leisners Tagebüchern:

Heessen, Donnerstag, 6. Februar 1936
Zu [Professor Michael] Schmaus’ Vortrag kommen wir etwas zu spät. Wir lauschen gespannt drau­ßen vor der Tür vom Festsaal aus. „Deutsche Art und christlicher Glaube“ – sein Thema. Ganz gespannt lauschen wir. Des Deutschen Art sieht er:

1. in der Sehnsucht in die Weite. (Wikingerfahrten des Herzens). Ständig sind wir auf Fahrt. – Von daher der Drang nach Ewigkeit und die Schau Gottes als des Urlebendigen.
2. in der Kraft des Innenlebens, des „Gemütes“ (besonders beim Norddeut­schen). Tiefste Schätze der Mystik und des innerlichen Lebens brechen auf in der Seele. – (Gefahr des Grüblertums und Sektierers)
3. in dem ungestümen Drang nach Freiheit, der seine tiefste Erfüllung und Ruhe findet in der Geborgenheit Gottes, des Dreifaltigen.
ad 1 noch: Der Germane sieht in Gott mehr das Dynamische, das ständige Aufbrechen stärksten urgewaltigen Lebens, der Romane sieht mehr das Stati­sche, das Sein Gottes als des Ewigen, Seienden, der heiligen Ruhe und Voll­endung. Beide Blickpunkte haben ihre Berechtigung und Richtigkeit, dürfen nur nicht vereinseitigt werden. – Wir sind tief aufgerührt und ge­packt von den anregenden, lebendigen Worten. Und froh und stolz auf un­sre gott­ge­schenkten Anlagen.

Münster, Montag, 10. Februar 1936
Am Montag Fleißprüfung bei Professor Michael Schmaus. Fein. Das macht Freud’. Demütiger werden!

Münster, Dienstag/Mittwoch, 23./24. März 1937
Am 23./24. März war in Münster Examen gewe­sen. […] Die Ausspra­che mit dem lie­ben Professor [Michael Schmaus] aus dem Süden[, aus Oberbaar in Bayern,] tat wohl, er for­derte Entscheidung von mir – an Chri­sti Statt [vgl. 2 Kor 5,20].

Münster, Freitag, 5. November 1937, Herz-Jesu-Freitag
Mit Professor Schmaus regle ich das Thema der Wissenschaft­lichen Arbeit endgültig: „Vom Sinn und Geheimnis des Wachsens im Leben von Natur und Gnade beim Menschen.“ (Eine dogmatisch-pädagogische Schau). Ich erzähl’ ihm vom RAD [Reichsarbeitsdienst]. – Er hat Freude dran. Die Vorlesung [von Prof. Michael Schmaus] über lebendige Gnadenbegegnung mit Gott und auch mit Menschen, die zur Liebe und Lebenserfüllung führt, sehr fein!

Münster, Mittwoch, 10. November 1937
Heute morgen [um 10.15 Uhr] bei Schmaus über das Innerste des göttlichen Lebens: Gott, Sein Heiliger Geist in uns, das war sehr fein und tief.

Münster, Donnerstag, 13. Januar 1938
Beim Lesen einer feinen Schilderung vom Tod eines jungen Arbeiters in der Vlamischen KAJ [Katholieke Arbeiders Jeugd – Flämischen Katholischen Arbeiterjugend] wurde ich inne der Herrlichkeit göttlicher Gnade und der eigenen Kleinheit und Schwachheit und des falschen Stolzes, den die Sünde hat wachsen lassen. O, was ist die Gnade kostbar, was bin ich ein ärmlicher natürlicher Betriebsmensch, zumal letzterzeit gewesen. – Öffne dich Gottes überströmendem Liebeswillen. Mach dich bereit! Ganze natürliche Kraft auf dies Wirken hinstrecken! Professor Schmaus sprach darüber tief erschütternd im Kolleg [um 10.15 Uhr], wie sündig und schwach und feige wir – auch wir, die wir in der Gnade stehen wollen – oft noch sind. Wir begrenzten Menschen!
Veni, Creator Spiritus! [Komm, Schöpfer Geist!]

Münster, Freitag, 18. Februar 1938
Dieser Spruch von R. J. [Reinhard Johannes] Sorge für heute:
(aus dem „Jugendseelsorger“ – 1/2–1938)
Herr, wie Du willst, so laß mich sterben!
Herr, wie Du willst, so laß mich sein!
Gib mir Gefüge oder Scherben,
Triff mich mit Kuß, triff mich mit Stein!
Hilf mir nur zu auf meiner Stelle!
Wo Du mich hin willst, ist mir gut.
Stell mich in Feuer oder Welle,
Stell mich in Blüte oder Blut.
Das wurde mir post lection. dogm. [lectionem dogmaticam – nach der Dog­matikvorlesung um 10.15 Uhr von] Dr. Schmaus bewußt. Der Herr verlangt mich! Er soll mich haben!

Münster, Freitag, 22. April 1938
Gestern war ein herrlicher Tag. Morgens bei Professor Schmaus im Kolleg [um 10.15 Uhr] ging uns die Herrlichkeit der christlichen Laien­sendung, die in der heiligen Taufe gründet, auf: Das allgemeine Priestertum, Lehrer- und Herrschertum eines jeden Gläubigen. – Mir blitzte dabei, ohne daß ich was dazu konnte, auf: wäre nicht das deine Pflicht, deine geheimste Bestimmung, dies in der Welt zu verkörpern, zu leben.

Münster, Dienstag, 26. April 1938
In Schmaus’ Kolleg [um 10.15 Uhr] rütteln mich ernste Gedanken auf. Die Sakramente wirken ex opere operato [aus sich]. Der Priester und Spen­der ist dabei nur Werkzeug Christi. Nichts mehr und nichts weniger. Er ist nicht über die Engel gestellt [vgl. Hebr 2,7.9], wie man schon mal – nach Schmaus – in Primizpredigten hört, sondern er ist und bleibt Mensch – ganz und gar. Christus kann sich zum Werkzeug nehmen, wen er will – auch Schwache und Kleine, ja selbst Sündige und Böse: Petrus – Judas ganz gleich. Die Gnadenwahl des Herrn geht nicht auf dessen Einzelheil, sondern auf das der vielen. – Das, was [Julius] Langbehn meint: „Und doch trinke ich den besten Wein lieber aus einem klaren Glas als aus einem schmutzigen“ – ist wahr und erschüt­tert. – Oh, wir müssen uns noch viel besser bereiten, noch viel mehr beten und opfern.

Münster, Dienstag, 28. Juni 1938
Was siegt, ist die Kraft der größe­ren Liebe – so sagte uns Michael Schmaus heute morgen im Kolleg [um 10.15 Uhr] zu den Kämpfen der Zeit. Und die größere Liebe wird auch die Kraft zur inneren Reform (Erneuerung) der heiligen Kirche finden.

Münster, Samstag, 21. Januar 1939
Herrliche Vorlesung von Professor Schmaus: (Sakramente II; Priesterweihe). Über den verheira­teten Laien / Kleriker. Über Sinn des prie­sterlich-christlichen Zölibates. Gesteigerte, hochherzige Christusliebe. – Woche: Treuer, genauer, zucht­voller, pünktlicher!

Münster, Montag, 23. Januar 1939
Großer „Kampf“ der Rede um Schmaus’ Ehevorle­sungen die ganze Woche durch. Menschlich!

Münster, Samstag, 25. Februar 1939
Voll Übermut geht’s zu Pro­fessor Schmaus ins Kolleg. Es ist die letzte Stunde dieses herrli­chen Semesters über die letzten Sakramente und die letzten Dinge. Vom Weltgericht und vom Gericht der Völker, von der endgültigen Verklärung der Menschen und der Schöpfung am Tage des Herrn ist die Rede. – Ernst und groß und herrlich ist unser Glaube. Er ist die Wahrheit Gottes an uns, in der all unser Sehnen und Warten seine Vollendung findet. – Wir sit­zen da und lauschen gebannt, junge Männer und junge Frauen in der Schule Christi.

Auch im KZ Dachau beschäftigte sich Karl Leisner noch mit Professor Michael Schmaus. Am 15. November 1941 schrieb er an seine Familie in Kleve:
Einen Wunsch ans Christkind hätte ich: könntet Ihr mir bitte von der „Katholischen Dog­matik“ von meinem Lehrer Profes­sor Michael Schmaus den 3. Band schen­ken. Den 1. und 2. hab’ ich schon (in dem rotlei­nenen Band).

Es ist nicht klar, ob Karl Leisner, der zum Sommersemester 1934 nach Münster kam, erfahren hat, daß Professor Michael Schmaus 1933 „einen katholischen Zugang zum Nationalsozialismus versuchte. Dieser Versuch hatte freilich nur solange Sinn, als die nationalsozialistische Führung mit ihren anstößigen Lehren zurückhielt. Sobald dies als Taktik erkannt wurde und die wahren Absichten des Nationalsozialismus nicht mehr zu verschleiern waren, wurde der Versuch aufgegeben. Gerade die Genannten [Joseph Lortz und Michael Schmaus] erwiesen sich alsbald als Kräfte des geistigen Widerstandes.“[1]

[1] Eduard Hegel: Die katholische Theologie in Münster. In: Heinz Dollinger (Hg.): Die Universität Münster 1780– 1980, Münster 1980, S. 265

Karl Leisner hatte bereits 1933 folgenden Eintrag in sein Tagebuch gemacht:

Montag, den 26.6.1933
Bis ungefähr ½11 Uhr saß ich mit Hermann Rings­dorff und dem „Lan­gen“ auf dem alten Friedhof und hab mit ihnen über die „Gleichschaltung“ und den Nationalsozialismus im neuen Deutschland ge­sprochen.[1] Sie meinten, Nationalsozialist sei heute gleich Deutscher; wer kein Nazi sei, habe in Deutschland nichts verloren. Sie meinten, die politische Einheit müsse da sein, nur eine Partei (= Volk) dürfe es geben. Alles sehr gut und fein! Den Deutschen aber, der nicht Nazi ist, muß man doch als Bruder neben sich allerwenigstens dulden, ein Christ sogar ihn lieben! Wie läßt das sich mit dem allverbin­denden Geist des Chri­stentums verbinden, wie frage ich, mit der Liebe zum „irrenden Bruder“? – Ich kann mich nicht rein äußerlich „gleich­schalten“, ohne innerlich davon überzeugt zu sein, daran zu glauben. An Dr. [Heinrich] Brüning glaubte ich und glaube ich noch und für immer. An [Adolf] Hitler aber glaube ich nicht, weil er mir eben nicht glaubhaft erscheint. Ich vertraue nicht auf seine Worte. Er macht ihrer eben zuviel. Brüning hat nie so viel geredet, daran aber glaubte ich, weil ich wußte, daß er ein grundsatztreuer, echter Christ und Katholik war. (Von Hitler glaube ich – letzteres wenigstens – nicht fest.) Alles ist so unklar, so ver­schwommen! Man weiß nicht, was ist sein Endziel: Vielleicht die Natio­nalkirche? – Heute gibt er noch feste Versiche­rungen in Bezug auf kirchliche Organisationen, morgen löst Herr [Dr. Ro­bert] Ley die ka­tho­lischen Arbeitervereine auf und übermorgen (?) kom­men wir dran?![2] So wird’s kommen. Aber ich will nicht schwätzen, sondern zu Gott beten um Hilfe und Rettung in dem seeli­schen Zwiespalt. Aber zwin­gen laß ich mich nicht, denn ich bin frei!!

[1] Laut Hermann Ringsdorff fand dieses Gespräch während einer „Beurlaubung“ von der Mathe­ma­tikstunde statt. Die Jungen sprachen über den Versailler Vertrag und dessen Außer­kraft­setzen sowie die mögliche Abziehung der französischen Besat­zungstruppen aus dem Rheinland. Karl Leisner habe gemeint, er wisse nicht, ob es bei dem Vertrag bleibe. Die ande­ren seien überzeugt gewesen: Wenn wir deutsch denken, dann kann es nicht dabei bleiben.
Hermann Ringsdorff:
Als wir drei evangelischen Schüler [Hermann Ringsdorff, Wilhelm Hommrig­hausen und ? Heinz Verleger, Otto Andrae] damals (1933) in den Jungstahl­helm ein­traten, um nicht zur Hitler-Jugend gehen zu müssen, war Karl das in seiner konsequenten Haltung schon zuviel, so daß er mich zur Rede stellte. Wir meinten damals, er hätte in seinen Äußerungen insgesamt etwas vorsich­tiger sein kön­nen. Er selbst wird es als Bekennermut angesehen haben (Selig­sprechungspro­zeß: 535).
[2] Dr. Robert Ley hatte folgenden Erlaß herausgegeben:
Es ist der Wille des Führers, daß außer der Deutschen Arbeitsfront keinerlei Or­ganisationen mehr, weder der Arbeitnehmer noch der Arbeitgeber, existie­ren. Ausgenommen sind der ständische Aufbau und Organisationen, die ein­zig und allein der Fortbildung im Berufe dienen. Alle übrigen Vereine, auch so­genannte katholische und evangelische Arbeitervereine, sind als Staats­feinde zu betrachten, weil sie den großen Aufbau hindern und hemmen. Des­halb gilt ihnen unser Kampf. Und es ist höchste Zeit, daß sie verschwin­den (Müller, H. 1965: 174).
Am 25.6.1933 beschwerte sich Adolf Kardinal Bertram als Vorsitzender der Ful­daer Bi­schofs­konferenz bei Adolf Hitler:
Der Führer der Deutschen Arbeitsfront, Herr Staatspräsident Dr. Ley, hat am 22. d. M. [dieses Monats] die katholischen Arbeitervereine den staatsfeind­li­chen Or­gani­sationen zugezählt. Diese Auffassung ist irrtümlich (Müller, H. 1965: 174f.).

Als Hans-Karl Seeger im Theologiestudium seine Außensemester 1960/1961 in München verbrachte, hörte auch er in Dogmatik Professor Michael Schmaus und ministrierte ihm gelegentlich morgens in der St. Ludwigskirche.

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St. Ludwig in München

Hans-Karl Seeger:
Eines Morgens kam Prof. Schmaus aufgeregt und mit rotem Kopf in die Vorlesung. Grund war ein Aufsatz von Ernst-Wolfgang Böckenförde in der Zeitschrift Hochland Nr. 1960/61, S. 497–515. Dort hatte Böckenförde Schmaus’ Zuneigung zum Nationalsozialismus erwähnt. Schmaus verteidigte sich in der Vorlesung, 1933 sei noch nicht abzusehen gewesen, wohin das ganze letztendlich geführt habe.

Der Spiegel berichtete 1961 in seiner Nr. 22:
„Der Münchner Dogmatik-Professor und Päpstliche Hausprälat Michael Schmaus ergründete, daß ‚die Tafeln des nationalsozialistischen Sollens und die der katholischen Imperative… in dieselbe Wegrichtung’ wiesen; der Kirchenhistoriker Joseph Lortz rang sich ‚ein volles Ja’ zum NS-Staat ab …“

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Professoren der katholischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Univer­sität in München
1964 bei der Fronleichnamsprozession
Prof. Michael Schmaus 1. v.l.