Karl Leisner und seine Lieder (24)

 

Karl Leisner mit seiner Schwester Maria 1937 im Allgäu

 

Quelle des Fotos: Karl Leisner-Archiv

 

 

 

 

Singen unter verschiedenen Aspekten (7)

Singen in der Weihnachtszeit

Dienstag 24. Dezember 1929
„Heiligabend 1929!“
Zuerst wurden Lieder gesungen, und die Mädchen [Maria, Paula und Eli­sabeth] sagten Gedichte auf.

Sonntag, 29. Dezember 1929
Um 17.30 Uhr sangen wir beim Weih­nachts­baum.

Samstag, 24. Dezember 1932
[Familie] Retzlaff und [Eduard und Alwine] Bettray da. – Wie immer: Lie­der. Froh.

Karl Leisner aus Kleve am Dienstag, 5. Januar 1932, an Walter Vinnenberg in Münster:
Morgen ist im Kreuzbund Weihnachtsfeier, die wir durch Ge­sang verschö­nern helfen.

Dienstag, 25. Dezember 1934
Und als dann in der Hirtenmesse zu den herrlichen liturgischen Texten die wunderfeinen deutschen Hirten- und Volkslieder gesungen werden – und das Christkind zu fast allen und auch zu mir ins Herze kommt – da ist Licht, Freude, Frohbot­schaft der gnadenvollen Nacht: Tat!

Dienstag, 24. Dezember 1935
Jungmänner und Jungen feiern das Kommen des Kindes, des Herrschers, das Aufleuchten Gottes in unserer Zeitlichkeit. Die Feier war in der Idee gut, in der Ausführung mangelte noch manches, aber – Christ – der Retter – ist da![1] Wir singen, sinnen und spü­ren uns in das Geheimnis der heiligen Nacht hinein. Es ist heilige Nacht. Aus tiefstem Gemüt deutscher Jungenherzen klingt es „Stille Nacht, heilige Nacht“ – Betend gehn wir auseinander. Mit Weihnachtsdank und -freude und Friede im Herzen legen wir uns mit Dank zur Ruh’.
[1]  aus dem Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“

Karl Leisner am Donnerstag, 2. Januar 1936, in Nijmegen bei Familie Paanakker
Zu erwähnen ist noch: Wir steckten auch abends noch das [Weihnachts] Bäumchen und die Lichter vor der Krippe an und sangen unsre innigen deutschen Weihnachtslieder.

Freitag, 3. Januar 1936
Dann mit Gerrit [Paanakker] zur heiligen Kommunion (Herz-Jesu-Freitag). „Puer natus est nobis.“ [Ein Kind ist uns geboren. Jes 9,5[1]] – Die Knabenstim­men sind gut. Ein frohes Singen und Danken und Beten an den Dreieinigen Gott und besonders an Christus ist in meiner Seele.
[1]  Introitus der 3. Weihnachtsmesse

Samstag, 26. Dezember 1936, Heiliger Stephanus
Muß mal wieder stille werden und in mich hineinhorchen und -rufen. Nach diesem wunderfeinen Advent diese feine, feine Freiburger Weihnacht mit der lieben Maria und bei der prächtigen Familie Ruby. Ich bin noch ganz voll von all dem Singen und Freuen mit diesen rassigen Buben, in dieser katholischen Familie – ich wollt’ eigentlich sagen „von jeglichen katholischen Minderwertigkeitskomplexen freien“ Familie. So ein Leben! Die ganze tiefe Freude von Kinderglück und Familiengemeinschaft ging mir auf wie nie.

Karl Leisner aus Freiburg/Br. am 5. Februar 1937 an Walter Vinnenberg in Coesfeld:
Weih­nachten war ich zu Gast dort [bei Familie Ruby]. Am Heiligabend war’s sehr fein. Die Buben sangen aus dem Dezember-„Schei­de­wege“[1] die Weihnachtsfrohbotschaft, zwischenhinein Lieder und Musik nach unserer Art.
[…]
Auch meine Schwester Maria war da, und nachher sind wir zwei auf meine Bude (Hansjakob­straße [43]) gestiegen, wo „s’ Christkindle“ aus den Paketen von daheim und sonst noch einen feinen Gabentisch hergerichtet hatte. Ein „Krippchen“ hatten wir auch (in Form einer ausgesägten Holz-Silhouette „Maria mit Kind“). Davor war ein Zweig und sieben Kerzen (für jeden der Familie eins) brannten drauf. Eine kleine Feier. Lesung, Lieder zur Klampfe.

[1]  Am Scheidewege, Dezember 1936, S. 9–13: Der Chorbuben heimlicher Advent; S. 17: Auf auf, ihr Buben!

Karl Leisner erinnert sich am 3. November 1937:
Am 25. und 26.[12.1936] klang noch einmal das letzte tiefe Heimweh der Seele auf nach dem un­endlich Schönen, was ich im Winterseme­ster 1936/37 [in Frei­burg] erleben durfte – jener Abend am 26.[12.1936 bei Familie Ruby] mit der Klampfe, wo es mich alles noch mal wie ein schöner Traum überfiel!

Samstag, 25. Dezember 1937
Dann an der Krippe … Fein. O feine Musik. Paula Blockflöte, Vater Geige, Willi Klampfe. – Fein! Dann die Verteilung der Gaben.

Karl Leisner am 5. Januar 1938 an Elisabeth Ruby:
Und als dann die Glocken zur Christmette ins Land hallten, als es dann in der Mette Wandlung und Kommunion wurde und als die ins Gemüt greifen­den Lieder in der Heimatgemeinde aufklangen, da war wirklich der Heiland geboren wie einst im Stall zu Bethlehem. Und daheim – das war ein Singen und Musizieren, eine Freude, ein Schenken.

Karl Leisner aus Münster Sonntag, 13. November 1938, an Familie Paanakker in Nijmegen:
Jetzt geht die Zeit schon wieder auf Weihnachten zu und da wird’s wieder so schön mit all den tiefen Liedern in der Adventszeit.

Karl Leisner im Advent 1938 an Familie Magnus Weber:
Wie wunderbar ist doch unser Glaube an Jesus Christus in seiner heiligen Kirche! – Ja, das ist’s so, was uns neben Studium, Weihnachtsvorbereitung in Singen und Spielen und anderem das Herz bewegt.

Sonntag, 25. Dezember 1938
4.00 Uhr Omnes in Choro. [Alle im Chorgestühl des Domes.] Dominus dixit ad me: „Ego hodie genui te.“ [Der Herr spricht zu mir: „Heute habe ich dich gezeugt.“[1]] – Der Hochwürdigste Herr Weihbischof [Heinrich Roleff] hält das Amt. Am Schluß klingen auf die heiligen Lieder der Deutschen. „Heiligste Nacht“. – Alle Kinderseligkeit und ursprüngliche Gläubigkeit des Herzens jubelt auf.
[…]
Mit den Hirten knien, singen wir und freu’n wir uns. – Christus, ich glaube, Du Kind hast mein Herz bezwungen. Dein eigen will ich sein, eja, eja![2]

[1]  Introitus der Christmette
[2]  aus dem Lied „Zu Betlehem geboren ist uns ein Kindelein“

Montag, 26. Dezember 1938, Heiliger Stephanus
15.00 Uhr Weih­nachtsfeier [zu Hause] und Bescherung. – O Freude! Wie reich war [das] Christkind! Fest der Liebe! Wir singen und beten. Die Bettrayskinder [Resi, Margret und Ria] kommen nachher. Sie sagen ihre Kindergedichte am Krippchen. O Fest der Gotteskinder. Das Singen und Spiel will kein Ende nehmen. – Dann trinken wir lecker Kaffee miteinander.

* * * * *

Sonntag, 1. Januar 1939
Um 8.00 Uhr gehen wir in die Stiftskirche. „Menschen, die ihr wart verlo­ren, lebet auf, erfreuet euch! Euch ist Gottes Sohn geboren – den Menschen gleich!“

Karl Leisner aus Münster Donnerstag, 19. Januar 1939, an Walter Vinnenberg in Rheine:
Bei uns daheim war’s ganz prächtig an den Festtagen. Am zweiten Festtag früh konnten wir [von Münster] fahren, so daß ich vor Mittag schon in Kleve war. – Am Nachmittag feierten wir dann und hielten Bescherung. Das war ein Singen und eine Freude bis spät am Abend.
[…]
Dann kam ein Tag schöner als der andere, so wie das eben zu Hause ist. Ein Singen, Musizieren und Sichfreuen und ein herzliches Mit­einander mit Gott und guten Menschen.

Singen im Ausland

Im Ausland sang Karl Leisner mit seinen Jungen deutsche Lieder, oft zur Freude der Gastgeber. So zum Beispiel während der Flandernfahrt 1935.

Antwerpen, Dienstag, 6. August 1935
6.30 Uhr raus aus’m Zelt. 9.00 Uhr los nach Brüssel. – (Johann [Peters] – Urban [Peiffer] Panne.) In Mecheln [Nonnenstraat 9] bei Mijn­heer [Kaplan Josef] Cleij­mans geges­sen. Fein aufgenommen. Er­zählt. Deutsche Lieder gesungen. Er war begei­stert! Feiner Kerl. – Er schenkt uns aller­lei Lieder, Sprech­chöre etc.

Melle-Kwatrecht, Donnerstag, 8. August 1935
Dann beim Bauern [wegen Übernachtung] gefragt. Adresse: Remi Leenesonne – Landbouwer, Bockstaele, Melle-Kwatrecht.[1] Ia getroffen! – Echte Vlamingen Tee gekocht, gewaschen etc. – Butterbrote. Gesungen – Stroh! Sehr heiß. Kaum zu schlafen.[2]
[1]  Der Bauernhof ist aufgegeben. Ein Enkel, der den Vornamen seines Großvaters Remi trägt, betreibt dort eine große Autowerkstatt. Gilbert Leenesonne, Bruder des Bauern, Jahrgang 1924, erinnerte sich sich im August 2000 noch an die acht Jungen, die viel ge­sungen und im Stroh übernachtet hatten. Später haben sie ge­schrieben und ein Foto sei­ner Familie mit der Jungengruppe beigelegt.
[2]  Nicht nur wegen der Hitze, sondern auch wegen des „eintönigen Hämmerns“, das von einer kleinen am Fluß Escaut gelegenen Schiffswerft herüberschallte, war es schwer, Schlaf zu finden.

Melle-Kwatrecht, Freitag, 9. August 1935
Dann nach Brügge (14.30 Uhr) – 19.00 Uhr im Kloster [der Benediktiner] in Steenbrugge.[1] Vorher durch die alte Stadt (Posterija[2]). – Nach der [latei­nischen] Komplet deutsche Lieder. 22.00 Uhr Falle.
[1]  Sint-Pietersabdij – Steenbrugge in Assebroek-Brugge. 1875 kaufte Pa­stor Nollet aus Steenbrugge ein Stück Land, um eine Kirche mit Pastorat und ein Kloster zu bauen. Vier Jahre später bezogen vier Benediktiner aus Dender­monde die Gebäude, die ab 1896 den Namen Abtei trugen.
[2]  vermutlich Ausdruck für Post

Steenbrugge, Sonntag, 11. August 1935
18.30 Uhr auf dem Missiefest [Missi­ons­fest]: gekegelt. Der Abt [Dom Modest van Assche] sehr leut­selig. Gefuttert. Lieder gesun­gen.

Westende, Dienstag, 13. August 1935
Wir Lieder­abend. (HJ-Bengels wollen komman­dieren. – Glatt „kaltgestellt“)

Woumen, Donnerstag, 15. August 1935
10.000 deutsche Brüder gefallen. Ergreifende Stim­mung. Kleine Feier mit Lesung und Liedern auf den Gräbern der toten Brüder – Studenten (freiwil­lig), die dort jung starben. Wofür?

Wilhelm Haas:
Tief ergriffen stehen wir da, die Augen auf die Erde gerichtet. Dann beten wir für unsere toten Brüder. Feierlich erklingt das Lied „Ich hatt’ einen Kame­raden“ und darauf „Deutschland, Deutschland über alles“. Still gehe ich nochmals durch die Kreuzreihen, pflücke mir von den jungen deutschen Eich­bäumen einige Blätter als bleibendes Anden­ken.
[…]
Nach Dunkel­werden zum Heim. Dort mit den Kajotters ge­sungen und von der K. Jgd. Dlds. [Katholischen Jugend Deutschlands] erzählt.

Wilhelm Haas über den Aufenthalt in Kor­trijk:
Bei den sogenannten K.A.J. – Kajotters, eine katholische Vereini­gung der werktätigen Ju­gend, verbrachten wir den Abend. Man be­fragte uns sehr viel. Ge­wöhn­lich waren ihre Anschauungen über Deutschland durch fal­sche Unterrichtung und durch die Lügen­presse verbogen. In einem feinen Bett schlafen wir gut. Übrigens san­gen wir abends auch noch deutsche Lieder, das Deutschlandlied und Horst Wessellied [„Die Fahne hoch“] hörten viele von der Ver­eini­gung zum ersten Male.

* * * * *

Auch auf der Romfahrt erklangen deutsche Lieder.
Max Terhost:
Montag, 1. Juni 1936

Wie sehr ihm [Kardinal Caccia] die deutschen Lieder gefallen hatten, zeigte dann so ganz unmittelbar seine Frage nach einem Lied, von dem er nur noch wußte: „… und treten auf den Fuß“. – Dieses würde er so gerne noch einmal hören. Und schon erklang: „Wenn alle Brünnlein fließen, so muß man trin­ken…“ Angelockt durch das Lied fanden sich im Hof des Castels einige junge Damen ein. Es waren deut­sche Rompilgerinnen. Was war natürlicher, als [daß] auch sie in unsere Rei­hen geholt wurden, und dann erklangen noch viele, viele Lieder – zur Freude aller, besonders des Kardinals und seiner Gäste.