Karl Leisner und seine Sehnsucht (10)

Elisabeth Ruby

Als Karl Leisner am 1. April 1937 in den Arbeitsdienst fährt, ist er frisch verliebt in Elisabeth Ruby, die Tocher seiner Wirtsfamilie in Freiburg. Vermutlich ist der „Funke übergesprungen“, als Elisabeth ihn während seiner Mittelohrentzündung Ende Januar 1937 gepflegt hat.

Karl Leisner und Elisabeth Ruby 1937 in Freiburg

Tagebucheinträge

Kleve, Donnerstag, 1. April 1937
Abschied von der Heimat. Kleve, den 1. April 1937
Der Eil[zug] legt vor. In Goch ist Tante Marias und Tante Julchens Haus zu sehn. – Beim Ab­schied von Kleve: Je voudrais lacrimer [pleurer]! [Ich möch­te weinen!]
O my El.! O gr. des.! [grande desiderium – O meine Elisa­beth! O große Sehn­sucht!]

Dortmund, Freitag, 2. April 1937
Dortmund in Westfalen, am Freitag, den 2. April 1937 (Herz-Jesu-Freitag). 8.00 Uhr heilige Messe c. C. [cum communione (lat.) = mit Kommunionempfang] – und will mir schier das Herz springen! Auch gr. des.! [grande desiderium – große Sehnsucht!] Sine sacramento nihil sum! Omnia offero pro Deo et Christo. Passio cordis. [Ohne Sa­kra­ment bin ich nichts! Alles opfere ich für Gott und Christus. Pas­sion des Her­zens. Selbstentscheidung.]
[…]
Herrliches Frühlingswetter. O gr. des.!
Il mio c. [grande desiderio! Il mio cuore – O große Sehn­sucht! Mein Herz].

Dahlen, Freitag, 9. April 1937
Es ist schön da draußen! Der Frühling läßt das Herz höher und heller schlagen. – Ich lese den Johannespro­log: O lux aeterna! [O ewi­ges Licht!] – […] – Abends bete ich kurz, dann sinke ich tod­müde hin auf den Stroh­sack. – Ich träume auch schon mal vom schönen Freiburg/Br. und von dem Schönsten, was mein Herze birgt. Oh, che è un gr. des! [grande desiderio!] Oh, il mio cuor’! [Oh, was ist es für eine große Sehn­sucht! Oh, mein Herz!] – Sehnsucht.

Dahlen, Samstag, 10. April 1937
Feiner Mond­abend. Eine schmale Sichel, keusch und silberhell. – Oh gr. des. [grande desiderium – große Sehnsucht].

Dahlen, Donnerstag, 15. April 1937
Ge­spräch mit Kaminsky, Heinz aus Dresden über seine junge Braut [Cilly], die übri­gens kurz darauf, als wir im Emsland wa­ren, starb. – Ogrdes. [O grande desiderium – O große Sehnsucht.]

Hubertusburg, Sonntag, 2. Mai 1937
Wieder gr. des. [grande desiderio] ho pensato a la mia! [große Sehnsucht, habe an die Meine gedacht!] Prächtiger Morgen im Schloß­hof drau­ßen. Tagebuch geschrieben.

Dresden, Sonntag, 16. Mai 1937
Morgens in der Hofkirche bei der Schubertmesse schon so ein ungestü­mes Drängen. Gr. des. [Grande desiderio] Io non so, io non posso. [Große Sehn­sucht. Ich weiß nicht, ich kann nicht.]
[…]
Io sogno il mio sonno della bella ragazza. Io non posso.
Io vorrei. [Ich träume meinen Traum von dem schö­nen Mäd­chen. Ich kann nicht. Ich will.] – Oh gr. des! [grande desi­derio! – Oh große Sehn­sucht!] – 22.15 Uhr nach Ta­gebuch in die Falle. Ich dichte und singe und träume. Mir ist’s, als müßt ich zerspringen vor Sehnsucht!

Bad Schandau, Montag, 17. Mai 1937
Stunde der Seele. In­nerstes spricht sich aus.
Oremus pro invicem. Veni, Sancte Spiritus, veni, veni, dulcis hospes ani­mae.[1]
Da steh ich droben auf des Felsens Höh’
Weit über sonniges Land und silbern Fluß ich seh’ –
Meine Augen schauen an Sonne und Schönheit sich trunken.
Ach, hätt’ ich doch von deiner Nähe, – einen Funken!
Da steh’ ich nun – einsam zutiefst im Herzen,
Und schaue weit übern Fluß. Mit Schmerzen
denke deiner feinen Seele ich
– und ein jähes Sehnsuchtsfeuer fällt über mich.
Hei, Erde, wie bist du göttlich schön,
Nicht satt kann ich mich an Gottes Schöpfung sehn!
Und doch eines einzigen Menschengeistes Schimmer
– all deinen Glanz übertrifft er immer.
Wie könnt ich dich S [?]
wie könnt’ ich deiner holden Seele je vergessen!
Mir ist’s, als seist du gefallen in meines Herzens Tiefen
– und sie verlangend sehnend ständig nun nach dir riefen.
Groß ist, wer einsam stehen kann.
Und doch muß auch der Größte eine Liebe – ja die größte – han!
17.5.1937, 23.00h
[1] aus der 1. und 3. Strophe der Pfingstsequenz Veni, Sancte Spiritus

Georgsdorf, Sonntag, 23. Mai 1937
Ge­meinschaft katholischer Jugend. Und an El. [Elisa­beth] gr. [grandi] pensieri di desiderio [starke Gedanken der Sehnsucht]. Langer Brief an El. Ruby bis abends.

Georgsdorf, Montag, 24. Mai 1937
Brief an El. [Elisabeth] Ruby während des Frühstücks fertig.
[…]
Herrliche Nacht, noch gut eine Stunde wach. I miei pensieri: [Und meine Gedanken:] soll ich sie holen?! Si! [Ja!] – Gr. des.: [Grande desiderium – Große Sehn­sucht:] Geträumt. Dann Tagebuch.

Georgsdorf, Dienstag, 25. Mai 1937
5.00 Uhr raus. – Dies dedicatus pro El. [Elisabeth ge­widmeter Tag.]
[…]
Abends sehr müde.
[…]
Je me cherche. – Gr.d des.
[grand désir] – Io leggo il cap. [capitulo] XI di S. Giovanni. [Ich suche mich. – Große Sehnsucht. – Ich lese Kapitel 11 aus dem Johan­nes­evangelium (Auferweckung des Laza­rus).]

Georgsdorf, Samstag/Sonntag, 26./27. Juni 1937
Von 22.00 bis 24.00 Uhr allein auf Posten in stiller Mond­nacht. Weit gingen die Ge­danken zu allen Lieben. – Menschen und Länder wecken Sehnsucht. Gr. des. [Grande desiderio] – Che io debbo fare? Ineffabile! [Große Sehn­sucht. – Was muß ich tun? Unaussprech­lich!] – Mit Sperling noch ge­spro­chen über Stel­lung zum Mädchen in Sachsen und hier.
Der Mond ging rot auf – und heller und schöner wurde es. Sterne still am hellen Som­merhimmel. – Feine Wache. Nachher gepennt.

Georgsdorf, Samstag, 3. bis Sonntag, 4. Juli 1937
Dann noch eineinhalb Stunden bis 23.30 Uhr Moorspaziergang. Feine Ge­sprä­che! Gr. des. [Grande desiderium] – Cum Deo media nocte in lec­tum. [Große Sehnsucht. – Mit Gott um Mitternacht ins Bett.]

Georgsdorf, Dienstag, 25. Mai 1937
Vorher hatte ich den Brief [von Elisabeth Ruby] vom 14. gelesen. – Una notte del des. [Eine Nacht der Sehnsucht.]

Georgsdorf, Sonntag, 30. Mai 1937
Von 20.30 bis 22.00 Uhr im Moor allein. Unendlich­keit. Gr. des. alla Ma­donna. [Grande desiderio – Große Sehnsucht nach der Frau.] Tief­traurig und ratlos, weglos, einsam. – Joh cap 12 [Jesus auf dem Weg nach Jerusalem – Stunde der Entscheidung] bringt mir wie­der Ruhe nach einigen Lie­dern del cuore. – Io non so, che fare [des Herzens. – Ich weiß nicht, was ich ma­chen soll].

Georgsdorf, Donnerstag, 3. Juni 1937
Am Abend gr. des. [grande deside­rio] Che io dico, Che io facio? – Io non so. Dimi, Signore! – O anno pas­sato! [Große Sehn­sucht. Was sage ich, was tue ich? – Ich weiß es nicht. Sag es mir, Herr! – O ver­gangenes Jahr!]

Georgsdorf, Sonntag, 6. Juni 1937
Dann eine viertel Stunde auf der Brücke gestanden und den Mars in seiner ver­halten roten Glut über den Konturen der jungen Birken betrachtet und still vor gr. des. [grande desiderium – großer Sehn­sucht]. Vorher schon am Kanal entlang: Quid fac [faciam]? [Was soll ich tun?] Opfer für das Volk so oder so? Tiefe Erregung – Kampf.

Georgsdorf, Mittwoch, 9. Juni 1937
Dann noch eine viertel Stunde das Wetterleuchten betrachtet. Stilles Ge­bet. – Gr. des. [Grande desiderio] Che facciamo? [Große Sehnsucht. Was sollen wir machen?]

Georgsdorf, Samstag, 12. Juni 1937
In Schlaf ge­sungen. – Gr. des. [Grande desi­derium – Große Sehn­sucht.] – (Für geistige Arbeit k. i. [? keine Initi­a­ti­ve / kein Interesse])

Georgsdorf, Sonntag, 13. Juni 1937
Mit Weese per Motor­rad bis zur Kir­che [St. Bonifatius]. (Im Braunhemd und Reiterstiefeln!) – Heiho! Ante taber­na­culum oravi – omne deside­rium cordis vexati eripuit. Quid faciendum, quid? [Vor dem Tabernakel habe ich gebetet – alle Sehn­sucht des gequälten Her­zen hat er herausgerissen. Was ist zu tun, was?]
[…]
Dann los in die stille Mondnacht. Hinterm Hoogsteder Lager rechts ab ins Moor.
„Der Mond ist aufgegangen, die güld’nen [gold´nen] Sternlein prangen am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget – und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar.“
Diese Liedstrophe von Matthias Claudius zeichnet wundervoll die Stim­mung. – Ganz ein­sam gehe ich durchs Moor. – Pensées sur la fu­ture
[l´avenir]. – Sae­vit cor. Eheu! ah [Gedanken über die Zukunft. – Es wütet das Herz. Wehe! ah]. Ein ru­higes Horn­signal blas’ ich in die weite Nacht. Pax noctis cir­cumdat animam. – In manus tuas, Domine, commendo spi­ritum meum. [Der Friede der Nacht umfängt die Seele. – In Deine Hände, Herr, emp­fehle ich meinen Geist. (vgl. Ps 30/31,6; Lk 23,46)] – Schön im Mondenlicht ein sau­gen­des Pferdefüllen. Ich denke nach über die Schönheit des Mütterlichen in der Natur. Gr. des. [Grande desiderio] E. allora grande fiducia „come mi duce il Si­gnore“. [Große Sehnsucht nach Eli­sabeth, jetzt große Zu­ver­sicht, wie führt mich der Herr.] – Das rote Marslicht läßt an Liebe den­ken.

Georgsdorf, Sonntag, 15. August 1937
Dann zur katholi­schen Kir­che [St. Mariä Him­mel­­­­fahrt]! Feine Dias­porakir­che. Ante ta­bernacu­lum dilecti mei interna ad locutio et ora­tio. [in locutione et oratione patefeci – Vor dem Tabernakel meines Erwählten habe ich mein Inner­stes beim Gespräch und Gebet ent­hüllt.] Das Herze kann sich wieder recht ausschütten und froh und frei machen am Bronn der Gnade. Io penso con gr. [grande] desiderio al El. [Ich denke mit großer Sehn­sucht an Elisabeth.]
[…]
Avanti il dormire io penso sulla problema delle mie Amate nella vita …
[Vorm Ein­schlafen denke ich nach über das Problem mit meiner Geliebten im Le­ben …]

Georgsdorf, Sonntag 29. August 1937
Zu­sammen zu Walter [Flämig]. Mit ihm ins Moor. Herrliches Coll. rel. [col­loquium religiosum …]  über echten Priesterberuf, tiefste Herzens­sehnsucht bricht auf. Fein! Frohen Herzens in die Falle.

Georgsdorf, Montag, 30. August 1937
Denke an Jupp Kuhne (u. El. [Elisabeth]) auf der Bau­stelle. – Seltsam, grad’ heute starb er (wie mir die Todesanzeige am 1.9. zeigte). Des. gr. [De­siderium grande – große Sehn­sucht] – Die große Entscheidung!

Georgsdorf, Donnerstag, 2. und Freitag, 3. September 1937
O gr. des.! [grande desiderio – O große Sehnsucht!] – „Io spero di aspettare Giglio.“ [Ich hoffe, die Lilie[1] zu erreichen.] – Rein­heit! Kampf! Priester­tum! Familie!
[1] Lilien gelten als Symbol der Reinheit und Unschuld.

Georgsdorf, Freitag, 10. und Samstag, 11. September 1937
Abends mit Erhard Eckert, Erich Mietsch und Vorm. [Vormann] Voigtländer auf Wa­che! – Erster Posten! Schöne Ster­nennacht! Eine Stunde zu­nehmender Mond. Schlanke, keusche Sichel. – Rin­gen um die große Entscheidung. – Molto gr. des. senza fine! Ineff. – Quid fac? [Molto grande desiderio senza fine! Ineffabile. Quid faciam? – Sehr große Sehnsucht ohne Ende. Unaussprech­lich. Was soll ich tun?]

Georgsdorf, Freitag, 17. September 1937
Gr. des. [Grande desiderium – Große Sehnsucht], aber verklärt. Herrliche Abendstimmung.

Georgsdorf, Sonntag, 19. September 1937
Pensieri sul sonno della notte. – Que io fò? [Gedanken über den Traum in der Nacht. – Was soll ich tun?]
[…]
Wieder gr. des.
[grande desiderio – große Sehn­sucht].

Georgsdorf, Samstag, 23. Oktober 1937
Letztes Händeschütteln im Trupp. Ernst, aber doch bin ich froh, wieder mal ganz persönlich frei mein Leben ge­stal­ten zu dür­fen. Auf keinen Fall möchte ich diese Zeit missen. Es war eine harte, aber gut überstan­dene Lebensschule.
An Menschen- und vor allem auch Selbsterkennt­nis hat sie einem viel gege­ben. Auch an Härte und soldatischem Gleichmut hat man gewonnen. Und – trotz der bittersten Enttäuschungen und tieftrau­rigsten Bilder, die einen oft so mutlos stimmen konnten – trotz allem hab’ ich mein Volk ganz tief lieb gewonnen. Und vielleicht ist dies tiefe Gefühl des Mitleids mit eins der be­stimmendsten gewesen (menschlich gesehen), das die eine Sehnsucht nach dem Priestertum doch schließlich so stärkte und zum letzten Entscheid und hart errungenen Ent­schluß zu diesem Lebensweg führte.
Ach, wenn ich an all’ die Stunden tiefsten, unaus­sprechbaren Sehnens (o la Mia [o die Meine]!) denke in Dahlen, Hubertusburg, im Emsland in stiller ein­samer Nacht auf Posten – dann möcht’s mich fast überkommen, dann möcht’ ich mich auf die große Straße des Lebens stellen – und diesen Weg [der Ehe und Familie] su­chen! Aber – so weh auch das Scheiden und Mei­den tut, – Herzblut mußte fließen und wird fließen müssen auch in Zukunft auf dem Weg zu priesterli­chem Opferle­ben.[1]
[1] Damals galt die Redewendung „Priesterleben – Opferleben“.

Münster, Dienstag, 9. November 1937
Und sei beruhigt: Herrliche innere Freuden bringt Dir dies letzte Opfer, das so ganz Letztes verlangte und verlangt – und einen tiefen Sehnsuchts­schmerz zurückließ. Denn Scheiden und Meiden, ei das tut weh! Dem „Hurra“ des inneren Ja in den Exerzitien [23.­­ bis 28.10.1937 in Münster] muß jetzt das langsame innere Lösen (restlos!) und Wachsen auf das große Ziel folgen!

Münster, Donnerstag, 11. November 1937
Groß und tief grad für meine heutige Trostlosigkeit. Ach, wärn wir da![1] – O gr. d.! [grande deside­rium!] Deus, in adjutorium meum intende! [O große Sehnsucht! Gott, komm mir zu Hilfe! (Ps 69/70,2)]
[1] Anlehnung an die letzte Zeile der dritten Strophe des Liedes „In dulci jubilo“

Münster, Freitag, 12. November 1937
Einiges tut mir gut, wenn ich das mal schreibe: eineinhalb Jahre [Außen­seme­ster und RAD-Zeit] überschäumenden Lebens, von Sturm und Drang, voll himmlischer Freude, aber auch tiefem Leid und unerfüllter Sehnsucht hab’ ich jetzt hinter mir. Die leise Wehmut, die tiefe Trauer, die öde Leere der Seele in den letzten Tagen ist menschlich so verständlich … Das Erleben die­ser Zeit war zu gewaltig, dazu braucht’s Jahre zum Verdauen! Vielleicht wird mal ein ganz feines Geschichtlein draus – oder gar mehr. Die Tage der heiligen Stille, – war der Entscheid nicht zu plötzlich, zu stimmungsmäßig beeinflußt? Nein – und ja! Und doch muß ich jetzt den Mut haben, zu dieser ungeheuren Gnade das letzte Ja der Bereitschaft zu sagen! Auf alles, was mich als Gefahr vom Priestertum fern bringen kann, muß ich verzichten. Nicht blinzeln, verstohlen oder lüstern, nach irgendwelchen Dingen, die sicher fein sind. – Trotzdem hört das Wagnis nicht auf, nein jetzt beginnt es erst recht: das Wagnis meines Lebens, sich Einem Herrn zur Treue geben ein ganzes Leben lang. Zu Kampf, zu Tod des Zeugnisses, zu hartem, einfa­chem Leben, zu Sieg! Das soll heldisches Leben der letzten Einsatzbereit­schaft werden! Letztes Wagnis des Höchsten. Mein Leben, meine Freiheit, alles alles setz’ ich auf eine Karte!

Münster, Samstag, 20. November 1937
Ich las gestern und lese heute aus Bernanos: „Das Tagebuch eines Landpfarrers“. – Erschütternd! „Was soll das schon al­les?“ „Es ist ja Gnade“[1]. – Das ist Kost für einen werdenden und Aufrütte­lung für jeden Priester. – In gebrechliche Gefäße hat der Herr die Gnade gegos­sen, gegen tausendfaches Leid, Unverstand und Verkalktheit hat sie sich durchzusetzen. Und die Gnade siegt. Der Begnadete überwindet alles! Letz­ten Adel, letzte Freiheit gibt sie ihren Kindern! Kindlich sein! O dieser Glaube, diese Hoffnung, diese Liebe!
Seltsam, beim Schreiben von diesem Erlebnis muß ich auf einmal an die Be­gegnung [mit Elisabeth] denken Anfang dieses Jahres [während der Mittelohrentzündung in Freiburg
/Br.]. Diese Kindlichkeit, diese Ehrfurcht, die­ser Glaube, diese Liebe! Ogrdes! [O grande desiderium – O große Sehn­sucht!]
[1] Der Roman schließt mit den Worten des sterbenden Landpfarrers:
„Was macht das schon aus? Alles ist Gnade“ (Georges Bernanos: Tagebuch eines Landpfarrers, Wien 1936: 342).

Das alte Jahr 1937
Keines war bisher innerlich so bewegt wie dieses. Nie vergeß’ ich die Tage von Schönstatt [im Januar], wo zu Füßen der Gottesmutter der große Kampf um Liebe und Beruf begann. Das war gewaltig. Ich war tief erschüt­tert. Die Tage der Krankheit [20.1. bis 2.2.1937 in Freiburg
/Br.] waren unvergeßlich. Ebenso die darauffolgenden. – Das Opfer [des Verzichtes auf die Liebe zu Elisabeth] wurde mir sehr schwer. Die innere Über­win­dung ist erst nach dem RAD gekommen in den zwei Monaten im Collegium Borromaeum. – O diese Nächte und Stunden der Sehnsucht. – Auch im RAD! Viel innere Kraft mußte herhalten. O, das Herz hat geblutet, aber – ich glaub’, das Ja ist endgültig. Den Abschied mit Segen [in Freiburg/Br.] von P. Canisius [Kölli­ker OP] vergeß’ ich nie.

Münster, Sonntag, 16. Januar 1938
[Josef Rommerskirchen] erzählt mir von seiner gro­ßen Liebe sehr fein. – Was soll das. Wir erzählen vom Wachsen junger Fa­milien. Da ist’s wieder angestoßen die Wunde des Leides, des in­nersten Verstummens und der tiefsten Traurigkeit in mir. Stumm liege ich eben auf dem Bett und die namenlose Sehnsucht überkommt mich: Quid faciam? [Was soll ich machen?]
Was will Gott von mir? Kann ich es? – Im Beten der beruhigenden Abend­psalmen des Completorii Dominicae [der Sonntagskomplet: Ps 4; Ps 90/91; Ps 133/134] spüre ich wieder Ruhe und Geborgenheit. Aber Klarheit der Entschei­dung tut not. Ein eigenes „halb zog es (ihn), halb sank er hin“[1] – oder, ja ich glaub’ es nun zu sehen: eine heimliche Führung des Heiligen Geistes führt mich in die Aula [des Collegium Borromaeum], wo der Dich­terfreund Dr. [Paul] Wolffs, der morgen über „Nietzsche und das christ­liche Ethos“[2] spricht, Rosenberg seine Novelle „Der Tod im Gehorsam“ oder „Der letzte Akt spielt 1000 Jahre später“ uns vorträgt. Es wird zu einer eigenartigen Weihestunde: Die ganze geistige Situation, des „satten“ Kul­tur-Katholiken ist treffend gezeichnet. Dieser Egoist, ich fühle mich mitge­zeich­net! – O diese „Legende“ von der cellula [Zelle] St. Bernulfi – und nach 1000 Jahren das Leben des Kaplan Reinhold: Der Tod im Gehorsam. – Er­schüttert geh’ ich auf meine cellula – und jetzt kann ich nicht mehr schreiben – ich bin aufgewühlt und erschüttert. Das war ein Ruf der Gnade. Vernimm’ ihn. – Bist du bereit?

[1] „Halb zog sie ihn, halb sank er hin und ward nicht mehr gesehn“ – Schluß der Ballade „Der Fischer“ von Johann Wolfgang von Goethe
[2] Wolff, Paul: Nietzsche und das christliche Ethos, Regensburg 1940

Münster, Dienstag, 22. Februar 1938
Ma nel questo gau­dio si commi­scue un’ grav’ memoria di gran. Des. – Ma: sia quieto. Dio Te gui­dera! Pro examine non sia anxiato!
[Aber in diese Freude vermischt sich eine schwer(wiegende) Erinnerung an eine große Sehnsucht. – Aber sei beruhigt! Gott wird dich füh­ren!]

Freiburg/Br., Sonntag, 20. März 1938
Es ist ein warmer Sonnen­tag im Frühling. – Mit Elisabeth besuch’ ich dann noch im Seminar [für Seelsorgehilfe] Fräulein Köster aus Kleve. – Auf dem Heim­weg, da wird mir’s so weh ums Herz. – „Was soll ich jetzt machen?“ Diese Frage gibt mir ei­nen Stich ins Herz. – Ich brauch’ die Woche Stille und Ruhe, um darüber zu sin­nen. Alle Wehmut und Sehnsucht, alles Leid bricht mit neuer Wucht auf. Auf einsamer Wanderung suche ich Ruhe, um Gottes Ruf zu hören. – Ich bete und warte auf den Herrn [vgl. Ps 130,6; Lk 12,36]. – Die alte Unruhe und Unsicher­heit nagt am Her­zen. – Schon möcht’ ich’s übers Knie brechen, die Entschei­dung er­zwingen, aber: der Mensch denkt, Gott lenkt. Er führt mich zu P. C. N. [Pater Con­stantin Noppel SJ] – Ihm lege ich meine Charakter­schwierig­kei­ten dar. Er meint, ein halbes Jahr ruhig sich klären im festen Hinschreiten auf Chri­stus hin.

Münster, Dienstag, 5. April 1938
Ich bete auch zu ihm um rechte Erleuchtung in der Be­rufs­frage. Sein Tod [Jupp Kuhnes] und sein Begräbnis zu Ende August [2.9.1937] waren ja so sehr ent­scheidend. Ich ging aus, das [….[1]] zu suchen – nicht Rat wußte ich mehr vor Sehnsucht und Leid darum – und Gott führt mich an sein Grab und – ernüchtert und tief bewegt zugleich kehr’ ich zurück. Der Beruf ist „vorläu­fig“ gerettet.
[1] Die an dieser Stelle angeführten Zeichen sind nicht zu entziffern, haben aber offensichtlich mit Karl Leisners Liebe zu Elisabeth Ruby zu tun.

Münster, Montag, 16. Mai 1938

Marienbild des italienischen Malers Domenico Ghirlandaio (1449–1494)

Das Bild der lieben heiligen Jungfrau begleitete mich durch den RAD. Es lag im NT. – Tiefe Sehnsucht und Liebe weckte es immer wie­der und hielt sie wach. – Das Bild einer Schwester [Elisabeth] Unse­rer Lieben Frau verband sich tief und innig mit ihm. Und doch klang es auf zu ihr, der heili­gen Jungfrau, der himmlischen Mutter.
Ihr ewiges Antlitz (
Weiger[1]) leuchtete schimmernd auf im irdischen Bild des Malers und in der Liebe zu Gottes Erdenkind.
[1] s. Weiger, Josef: Mutter des neuen und ewigen Bundes. Fünftes Kapitel: Im Wider­schein des Ewigen Antlitzes: 33–39

 

 

Münster, Donnerstag, 7. Juli 1938
Die ewige Frau [von Gertrud von Le Fort [1]]. Das Buch hat mir ganz tief ins Herz gesprochen. Was ist es um das Ge­heimnis des Weiblichen, der Frau? Sehnst du dich nicht auch ganz tief in der Seele nach so einem holden Geschöpf, nach so einer Mutter und Braut? – Ich gestehe mir nicht recht diese Tiefe der Sehnsucht ein, einer­seits, weil ich’s nicht will und meine Schwäche sehe, andererseits ahne ich auch wohl um die heimlichsten innersten, gewaltigsten Tiefen, die geistiges Leben mit Gott und edlen Menschen bringen kann. Es ist ein Gewoge im Herzen nach der Krankheit [Rippenfellentzündung]: soll ich, soll ich nicht!
Passio Domini nostri Jesu Christi [Das Leiden unseres Herrn Jesus Chri­stus] – Das Opfer ist gefordert, aber ich bin zu schwach, es restlos zu brin­gen. – 28.2.1937. – Unvergeßlich. Eine wunderbare Mischung von selbstlo­ser, göttlicher und – noch nicht restlos niederge­rungener mensch­licher Liebe. Tief dunkel sinkt der Abend über den Vogesen nieder.
[…]
Und doch singe ich das heimliche Lied einer namen­losen Sehnsucht. – Eine Seele ist mir auf­gesprun­gen. – Töd­liches Rin­gen. Daheim in den Karta­gen [zwischen Beendi­gung der Außensemester in Freiburg
/Br. und dem Beginn des RAD am 1.4.1937] Ruhe. Deo gratias! – Die alte, ach so ferne Sehn­sucht nach Gott.
[1] Le Fort, Gertrud von, Die ewige Frau, München 1934

Ein Vergleich zwischen Fausts Verlangen nach Helena und Karl Leisners Sehnsucht nach Elisabeth Ruby läßt sich etwa wie folgt darstellen:

Helena_Ruby