Karl Leisner und seine Sehnsucht (11)

Quelle des Fotos: Wikimedia Commons / gemeinfrei (abgerufen 06.01.2018)

Berufung

Und immer mehr ging ich in der inneren und äußeren Not zum Heiland in der heiligen Eucharistie. Trotz aller Unordnung und allem Aufgerie­benwerden waren’s herrliche Tage. (Stunden der Beru­fung!) (4.7.1933)

Caravaggio: Berufung des Hl. Matthäus

 

 

 

 

Münster, Samstag, 30. November 1935
Ungeheuer leidenschaftlich lebendiger Lebensrhythmus in Kraft und Sehn­sucht jungen Herzens. Es ging um Entscheidung und Klärung, um reifes, allmähliches Erfassen des Berufes. Das punct. VI. [Die Fragen und Pro­bleme bezüglich des sechsten Gebotes[1]] war noch nicht geklärt und damit auch das Ringen nach ganzer innerer Freiheit, das große Ehrfurchthaben vor jedem Menschen – erst recht vor jedem Mädchen. Noch zu sehr war meine vitale Lebenskraft nicht gemeistert, beherrscht, gezügelt. Ich war noch zu viel verkrampft, Betriebs­mensch.
[1] Das sechste Gebot betrifft den Bereich der Geschlechtlichkeit.

Münster, Dienstag, 30. November 1937
Wozu bin ich da in diesem [neuen Kirchen-]Jahr? Was verlangt es von mir?
Dienen! Meinem Beruf und allen, die mir begegnen.
Kämpfen! Um endgültige, letzte Klarheit der Seele, um letzte Bereitschaft des ganzen Menschen mit Leib und Seele.
Beten! Voll Sehnsucht, voll Vertrauen; dann wird alles gut werden […]
Und der Herr wird mir die Wege zeigen, ständig weiter. Und Seine Höhen­pfade wird Er mich führen, wenn ich meine Seele zu Ihm erhebe.

Freitag, 17. Dezember 1937
Karl Leisner aus Münster an Wilhelm Grave in Münster, Prie­ster­seminar:
Grüß Gott, lieber Willi!
Du, Ihr dürft schon das heilige Sakrament empfangen, habt es schon emp­fangen, wenn Du diesen Gruß liest, nach dem wir uns noch ausstrecken mit der Sehnsucht junger Herzen. Was muß das doch ein Tag sein!