Karl Leisner und seine Sehnsucht (12)

Quelle des Fotos: Wikimedia Commons / gemeinfrei (abgerufen 06.01.2018)

Deutschland

Sie meinten, Nationalsozialist sei heute gleich Deutscher; wer kein Nazi sei, habe in Deutschland nichts verloren. (26.6.1933)

Das Reichswappen in seiner Form von 1928 bis 1933 und Bundeswappen Deutschlands seit 1950

 

 

 

 

Freitag, 15. September 1933
Brief der Bundesführung des ND aus Düsseldorf an die Eltern:
1. Die Stellung des Bundes im neuen Staat.
Schon im Osterbrief der Bundesleitung an die Gruppen konnten wir mit vollem Recht darauf hinweisen, daß die neue Lage für uns keinerlei inne­rer Umstellung oder grundsätzliche Änderung unserer seelischen Haltung bedeute. Der Neudeutsche Bund, der sich stets unpolitisch betätigt hat, konnte seinen Weg ruhig weitergehen, ohne auch nur in einem irgendwie bedeutenden Punkte seine Tätigkeit zu ändern. Dem Führer des neuen Deutschland [Adolf Hitler] leistet Neudeutschland nicht nur Gefolgschaft, weil unser Gewissen uns verpflichtet, der Obrigkeit Gehorsam zu leisten [vgl. Röm 13]. Wir leisten diese Gefolgschaft aus aufrichtiger Begeiste­rung für das große Ziel, ein glücklicheres Deutschland zu gestalten, einig in sich und hoch in Ehren nach außen. Wenn wir von Anfang des Bundes an die Sehnsucht nach einem neuen Deutschland in uns trugen und darum gerade unseren Namen wählten, so wird jeder verstehen, was die Bundes­leitung am 19. März allen schrieb: „Wir erwarten von jedem Jungen, daß er in dieser Schicksalsstunde in gläubiger Hoffnung keinen Tag vergehen lasse, ohne für Deutschland und seine Führer zu beten“.[1]
[1] Textblatt im Nachlaß von Johannes Sonnenschein

Georg Schreiber: Kirchengeschichte des Reformationszeitalters
3. Im ausgehenden Mittelalter spielt die Eschatologie eine große Rolle, in Form der Lehre von der Vollendung des Ichs usw. Die Dogmen vom Tode, vom Fegfeuer und von der Hölle und anderem mehr treten sehr stark in den Vordergrund. Die Frage nach dem Ende des Kreatürlichen tritt wieder stark vor den Geist des mittelalterlichen Menschen. In den bildlichen Darstellun­gen aus dem Mittelalter finden sich zahlreiche Bilder des letzten Gerichtes. Man muß an alle Dinge im Mittelalter den eschatologischen Standpunkt an­legen. Besonders das Problem des Antichristen beschäftigt die Gemüter sehr stark. Der Antichrist geht dem Weltende voraus. Er wird Wunder wirken, allerdings nur Scheinwunder. Über ihn tritt eine ganze Menge von Fragen auf. Woher wird er kommen? Wo wird seine Residenz sein? Welche Taten wird er vollbringen? 1160 schrieb ein gelehrter Mönch den „ludus de An­tichristo“ [Spiel vom Antichrist[1]], in dem eine große Sehnsucht nach dem großen, einigen Deutschen Reich zu Tage tritt. In diesem Spiel sucht der An­tichrist mit Hilfe der deutschen Reichsfürsten den Kaiser zu stürzen, dem in letzter Not Gott selbst zu Hilfe kommt.
[1] Ein von einem unbekannten Gelehrten in lateinischer Sprache verfaßtes geistli­ches Spiel, das man etwa in der Mitte des 19. Jh. im Kloster Tegernsee entdeckt hat.

Münster, Sonntag, 10. April 1938, Palmsonntag
Gestern abend ein wunderbares Bild zum Schluß der Rede des Führers [Adolf Hitler]: Der Lichtdom der Flakscheinwerfer, durchzogen von wei­ßen Federwolken. Und in den weiten Himmel schallen die hundert Glocken der Stadt beim Klang des Niederländischen Dankgebetes. „Herr, mach uns frei!“[1] Wirklich der Sehnsuchtsruf eines ganzen Volkes, das wieder zu den großen Zielen seiner Berufung im politischen Leben Ja gesagt hat. – Leicht ist mir die Entscheidung zum ehrlichen Ja nicht gefallen. Zur ersten Frage selbstverständlich. Zur zweiten hat’s was gekostet nach all der Schmach und Schande, die man uns in den vergangenen Jahren angetan hat.[2] – Alles will ich vergessen aus Liebe zum Volk, alles! Selbst wenn das eigene Herz auf­begehrt und nicht zu können vermeint. Das Große, was da geschieht, will ich groß sehen. Und wir wollen beten, daß da auch wiederkommt die wahre Ein­heit im Glauben – für unser Volk. Das wäre ein Glück, gar nicht auszu­mes­sen; dafür will ich mich dreinsetzen. Das ist mein Beruf.
[1] Anläßlich der Volksabstimmung am 10.4.1938 hielt Adolf Hitler in der Nord­west­bahnhalle in Wien eine propagandistische Rede bzgl. des Anschlusses von Österreich an das Hitlerreich. Sie wurde über alle deutschen Sender ausgestrahlt. Der Wiener Männergesangverein sang das Niederländische Dankgebet „Wir tre­ten zum Beten“. Die Stimmen der gesamten Nation sollten ihn begleiten. Wäh­rend der dritten Strophe läuteten die Glocken der Kirchen im gesamten Reichs­gebiet. In zahlreichen Städten gab es Fackelzüge und Illuminationen mit Flak­scheinwer­fern.
[2] Der amtliche Stimmzettel lautete wie folgt:
Stimmzettel (1)

Volksabstimmung und Großdeutscher Reichstag.
Stimmzettel.
Bist Du mit der am 13. März vollzogenen Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich einverstanden und stimmst Du für die Liste unse­res Führers Adolf Hitler?
Darunter befanden sich ein großer und ein kleiner Kreis. Über den großen war „Ja“, über den kleinen „Nein“ gedruckt.