Karl Leisners Priesterweihe im KZ Dachau am Sonntag Gaudete, dem 17. Dezember 1944

2014_07_02_GerresheimPortal

 

 

Karl Leisners Priesterweihe war ein kirchengeschichtlich einmaliges Ereignis mit außer­gewöhnlichen ökumenischen und europäischen Aspekten.

Foto: Gabriele Latzel

 

 

Primiziant

Erzbischof Kazimierz Majdański, den Karl Leisner als Hilfsschreiber im KZ Sachsenhausen als Theologiestudenten aufgenommen hat, berichtet:

Ein starker Ein­druck: Er [Karl Leisner] nahm als Hilfsschreiber die Perso­nalien auf[1], und als er erfuhr, daß er es mit einem Kleriker zu tun habe, stellte er sich selbst als Diakon vor, doch vor allem stellte er sich mit seinen Worten und seiner Haltung als Mensch vor. An diesem ersten Tag unseres Auf­enthalts unter Leuten, die toll von Haß und einer Massen­dämonie un­terlegen waren, war das sehr viel.[2]

[1] Das Original dieses von Karl Leisner handschriftlich ausgefüllten Personalbo­gens befindet sich im Nachlaß von Bischof Kazimierz Majdański.
[2] Seligsprechungsprozeß: 1557

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Kopie aus den Unterlagen zu Karl Leisners Seligsprechung

Kazimierz Majdański:
Priesterweihe in Dachau
Unmittelbar nach unserer Befreiung aus [dem KZ] Dachau [am 29.4.1945] vor 30 Jahren kamen die Priesterweihen [der polnischen KZ-Seminaristen]. Die Gnade der Freiheit und die Gnade der Weihen ver­banden sich mitein­ander. […]
„Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“ [Joh 15,16] verwirklicht sich im Dialog, in dem der Mensch voll und ganz wahr, also frei antwortet: „Mir geschehe nach deinem Wort“ [Lk 1,38].
Das „Adsum“ wurde also dann gesprochen, als uns der unbezahlbare Schatz zurückgegeben wurde: die Freiheit. Das geschah [am 29.7.1945] in Paris, in der polnischen Kirche Mariä Himmelfahrt, gegenüber dem hei­matvertriebenen Bischof Karol Radonski, dem Bi­schof von Włocławek, der aus London gekommen war. Denn diesen heimatver­triebenen Bischof machte die göttliche Vorsehung zum Vor­steher unserer Weihen, obschon auch anscheinend ebenso gerne der da­ma­lige Erzbi­schof von Paris, unser herzensguter Gönner Kardinal Emmanuel-Célestin Suhard, der Weihe vorgestanden wäre. Das hätte wohl ebenso gern der uns be­kannte Aposto­lische Nuntius Erzbischof [Angelo Giuseppe] Roncalli gemacht, der im übrigen in unserer damaligen Sicht Kardinal Suhard nicht gleichkam, nicht nur hinsichtlich seiner Würde (es war dies im übrigen gar keine Ein­zelmei­nung).
Verwalter des Priesteramtes – auch sicherlich eines von Got­tes Ge­heim­nissen. Wer konnte das voraussehen, daß Vorsteher der einzigen Priester­weihe, die in Dachau gespendet wurde, der französische Bischof der Di­özese Clermont, Msgr. Gabriel Piguet würde?
Und wer frägt nicht, der das Leben von Bischof Michał Kozal, des Dieners Gottes und Bischofs großen Formates, betrachtet: wie geschah es, daß nicht ihm einmal die Gnade, Weihen zu erteilen, zuteil wurde?
Er wußte, daß er nicht aus dem Lager zurückkehre. Hat sich seine Ent­schei­dung, uns die Weihe nicht zu erteilen, ver­bunden mit einem groß­mütigen Verzicht? Ist es nicht ein Beweis einer solchen dienenden Ein­stellung, die eine völlige Selbstvergessenheit ermöglichte?
Gewöhnlich denken wir an die Verpflichtung, die die Geweih­ten auf sich nehmen. Wie ist denn die Verpflichtung des Weihespenders? – In diesem Fall war es, wenn auch ein „rebours“ [gegen jeglichen gesunden Men­schen­verstand], doch etwas ausnehmend Großes, ein Verzicht – wer weiß, ob es nicht ein heroischer war. Aber daran denke ich heute, nach dreißig, Jahren. Erst heute.
Der Spender der einzigen Weihe im Lager, Bischof Piguet, ver­schwindet im Schatten des Mannes, dem er das Priestertum übertrug, Karl Leisner. Über Karl erzählen wir noch. Aber erwähnen wir doch we­nigstens mit einem Wort die so einfache und doch um so tiefere Wahr­heit. Es gäbe nicht den Priester Karl, wenn nicht der Bischof Gabriel gewesen wäre. Es hätte keine einzige Weihe im Lager gegeben, wenn nicht die göttliche Vorsehung den Weihespender ins Lager geführt hätte. Er steht im Schat­ten, es ist so, als ob es ihn nicht gab. Größeres Interesse als er selbst weckt sicherlich seine Mitra und sein Hirtenstab, die er bei der Weihe im Lager benutzt hat und die im Karmel [in Dachau] aufbe­wahrt werden.
Und vielleicht soll das so sein. Vielleicht ist das die Ge­setzmäßigkeit, die über der Wirksamkeit der „Verwalter der göttlichen Geheimnisse“ [vgl. 1 Kor 4,1] waltet: daß sie verschwinden, als ob es sie nicht gäbe und jeder von ihnen in seiner tiefsten Überzeugung sich als der „geringste der Apo­stel“ [vgl. 1 Kor 15,9] fühlt.
Aber einmal in der Ewigkeit erlaubt uns der ewige Hohepriester, der der einzige Priester ist, Dich, Bischof Michał [Kozal] zu befragen, was Du erlebt hast, als Du auf die Erteilung der Weihen verzichtetest, und Dich, Bi­schof Gabriel [Piguet], was Du erlebt hast, als Du die einzige Priester­weihe in der Ge­schichte der Konzentrationslager [Adolf] Hitlers gespen­det hast. Ich war zu­gegen während dieser Weihe, aber Dich habe ich kaum gesehen. Ich sah Karl. Hatte nicht mein damaliger Lager­kamerad auch deshalb meine Aufmerk­samkeit verdient, weil er ungeheuer schwach war und der Tod schon sehr deutlich nach ihm griff?
Tod im Lager? Das war doch eine zu gewöhnliche Erscheinung! Aber dennoch war das so: ich war mehr bei Karl.
Und jetzt werde ich eine Zeitlang ein Zeugnis über ihn ablegen, nach­dem es sich so traf, daß ich um den 30. Jahrestag unserer Priester­weihe, die wir einige Monate nach Karls Weihe empfangen hatten, herz­lich [aus Anlaß des Seligsprechungsprozesses] auf­gefordert wurde, dieses Zeugnis abzu­legen. Wir sollen nicht an Zufälle glauben.[1]
[1] Seligsprechungsprozeß: 1554–1556

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Bischof Dr. theol. Kazimierz Majdański (1916 – 2007)

 

 

 

 

 

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Seliger Weihbischof Dr. Michał Kozal (1893-1943)

 

 

 

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Bischof Gabriel Piguet (1887-1952)

 

 

 

Der belgische Zeichner Didgé hat im Comic „Victor in Vinculis – Sieger in Fesseln“ die Priesterweihe in folgenden Szenen dargestellt:

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Siehe auch  Aktuelles vom 17. Dezember 2013 – Karl Leisners Priesterweihe im KZ Dachau am Sonntag Gaudete, dem 17. Dezember 1944
und
Aktuelles vom 17. Dezember 2011 – Priesterweihe Karl Leisners vor 67 Jahren.

Nicht ausgewiesene Fotos: IKLK-Archiv