Die Briefmarke „Verfolgung und Widerstand 1933–1945“ der Deutschen Bundespost von 1983 symbolisiert das Thema mit einer von Stacheldraht umgebenen Weißen Rose.
Als Beispiel für Widerstand gegen Adolf Hitler ist vor allem der 20. Juli 1944 in Erinnerung.
Die F.A.Z. vom 20. Juli 2017 brachte unter der Überschrift „Das andere Deutschland – Der 20. Juli 1944 steht für den Widerstand gegen Hitler. Auch im Grundgesetz gibt es ein Widerstandsrecht. Es schließt Gewalt gegen den freiheitlichen Staat aus.“ einen Artikel von Gerhart Baum. Dort heißt es unter anderem: „In der ‚Gedenkstätte Deutscher Widerstand’, einem Lern- und Begegnungsort im Bendlerblock, wo die Thematik vorbildlich aufgearbeitet wird, werden die verschiedenen Facetten des Widerstands sichtbar: Widerstand im Kriegsalltag, Widerstand von Christen, Juden, von Sinti und Roma, von Jugendlichen, von Künstlern und Intellektuellen, Widerstand von der Arbeiterbewegung, der ‚Weißen Rose’, der ‚Roten Kapelle’, des ‚Kreisauer Kreises’ und Widerstand Einzelner wie des Georg Elser.“
Link zum Artikel
Links zu Artikeln über Georg Elser unter Aktuelles
An Georg Elser haben wir gestern erinnert, heute vor 78 Jahren hat Karl Leisner zu dem mißlungenen Attentat auf Adolf Hitler geäußert: „Schade, daß er nicht dabei gewesen ist“.
Georg Elsers Tat ist ein Beispiel dafür, daß die nicht selten geäußerte Feststellung „Alleine kann man nichts machen“ nicht ganz stimmt.
„Wenn man die Widerstandsforschung betrachtet, wird deutlich, daß Widerstandskämpfer oft in Schubladen gesteckt werden: Arbeiterwiderstand, militärischer Widerstand, sozialdemokratischer Widerstand, religiöser Widerstand. Es werden immer externe Motive und kollektive Interessen als Systematik gesucht.“[1]
Bei Karl Leisner spielte sicherlich ein religiöses Motiv mit, aber es war geprägt von seiner Lebenserfahrung. Auch für ihn gilt: „Da geht es nicht vorrangig um Altruismus, sondern um das Bedürfnis nach individueller Freiheit, also der Freiheit, das eigene Leben selbst gestalten zu dürfen!“[2]
[1] „Keiner von ihnen hat widerrufen“ in PSYCHOLGIE HEUTE, September 2017: 13
[2] ebd.
Im NS-Staat erlebte Karl Leisner sich als völlig fremdbestimmt, was seine Tagebucheinträge während des Arbeitsdienstes (RAD) beispielhaft dokumentieren.
Link zum Rundbrief des IKLK Nr. 39 – Februar 1999: Karl Leisner und der Arbeitsdienst
Karl Leisner ahnte bereits sehr früh, daß Adolf Hitler eine Gefahr für Deutschland und den Frieden darstellte. Am 26. Juni 1933 schrieb er in sein Tagebuch:
Bis ungefähr ½11 Uhr saß ich mit Hermann Ringsdorff und dem „Langen“ auf dem alten Friedhof und hab mit ihnen über die „Gleichschaltung“ und den Nationalsozialismus im neuen Deutschland gesprochen.[1] Sie meinten, Nationalsozialist sei heute gleich Deutscher; wer kein Nazi sei, habe in Deutschland nichts verloren. Sie meinten, die politische Einheit müsse da sein, nur eine Partei (= Volk) dürfe es geben. Alles sehr gut und fein! Den Deutschen aber, der nicht Nazi ist, muß man doch als Bruder neben sich allerwenigstens dulden, ein Christ sogar ihn lieben! Wie läßt das sich mit dem allverbindenden Geist des Christentums verbinden, wie frage ich, mit der Liebe zum „irrenden Bruder“? – Ich kann mich nicht rein äußerlich „gleichschalten“, ohne innerlich davon überzeugt zu sein, daran zu glauben. An Dr. [Heinrich] Brüning glaubte ich und glaube ich noch und für immer. An Hitler aber glaube ich nicht, weil er mir eben nicht glaubhaft erscheint. Ich vertraue nicht auf seine Worte. Er macht ihrer eben zuviel. Brüning hat nie so viel geredet, daran aber glaubte ich, weil ich wußte, daß er ein grundsatztreuer, echter Christ und Katholik war. (Von Hitler glaube ich – letzteres wenigstens – nicht fest.) Alles ist so unklar, so verschwommen! Man weiß nicht, was ist sein Endziel: Vielleicht die Nationalkirche? – Heute gibt er noch feste Versicherungen in Bezug auf kirchliche Organisationen, morgen löst Herr [Dr. Robert] Ley die katholischen Arbeitervereine auf und übermorgen (?) kommen wir dran?![2] So wird’s kommen. Aber ich will nicht schwätzen, sondern zu Gott beten um Hilfe und Rettung in dem seelischen Zwiespalt. Aber zwingen laß ich mich nicht, denn ich bin frei!!
[1] Hermann Ringsdorff:
Als wir drei evangelischen Schüler [Hermann Ringsdorff, Wilhelm Hommrighausen und ? Heinz Verleger, Otto Andrae] damals (1933) in den Jungstahlhelm eintraten, um nicht zur Hitler-Jugend gehen zu müssen, war Karl das in seiner konsequenten Haltung schon zuviel, so daß er mich zur Rede stellte. Wir meinten damals, er hätte in seinen Äußerungen insgesamt etwas vorsichtiger sein können. Er selbst wird es als Bekennermut angesehen haben (Seligsprechungsprozeß: 535).
[2] Dr. Robert Ley hatte folgenden Erlaß herausgegeben:
Es ist der Wille des Führers, daß außer der Deutschen Arbeitsfront keinerlei Organisationen mehr, weder der Arbeitnehmer noch der Arbeitgeber, existieren. Ausgenommen sind der ständische Aufbau und Organisationen, die einzig und allein der Fortbildung im Berufe dienen. Alle übrigen Vereine, auch sogenannte katholische und evangelische Arbeitervereine, sind als Staatsfeinde zu betrachten, weil sie den großen Aufbau hindern und hemmen. Deshalb gilt ihnen unser Kampf. Und es ist höchste Zeit, daß sie verschwinden (Müller, Hans: Katholische Kirche und Nationalsozialismus, München: dtv 1965: 174).
Am 25.6.1933 beschwerte sich Adolf Kardinal Bertram als Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz bei Adolf Hitler:
Der Führer der Deutschen Arbeitsfront, Herr Staatspräsident Dr. Ley, hat am 22. d. M. [dieses Monats] die katholischen Arbeitervereine den staatsfeindlichen Organisationen zugezählt. Diese Auffassung ist irrtümlich (Müller 1965: 174f.).
Nach seiner Verhaftung am 9. November 1939 sagte Karl Leisner im Verhöhr wohl wissend, welche Konsequenzen das haben könnte, klar seine Meinung.
Schwester Marcella Nold[1]:
Ich habe gehört, daß der Kreisleiter [Benedikt Kuner] ihn gefragt habe, ob er mit dem Wörtlein „schade“ Hitler gemeint habe. Der DG [Diener Gottes Karl Leisner] habe darauf geantwortet „ja“. Er hatte eben einen aufrechten Charakter, das habe ich sehr gut gefunden. Wenn er nämlich „nein“ gesagt hätte, hätte er ja gelogen.[2]
[1] Schwester Maria Marcella (Johanna) Nold (* 18.1.1905 in Münchenreute/Württemberg, † 29.4.1996) – Eintritt bei den Vinzentinerinnen (Freiburg/Br.) – Einkleidung 30.10.1930 – Profeß 16.11.1932 – Sie hat Karl Leisner in St. Blasien im Fürstabt-Gerbert-Haus gepflegt, wo sie als Laborschwester tätig war. Sie sollte das Protokoll bei der Vernehmung am 9.11.1939 schreiben, aber die Hausoberin Schwester Zaccaria Fischer erlaubte es nicht. So übernahm Elisabeth Maria Eckfellner, die Sekretärin des Chefarztes Dr. Ernst Melzer, das Protokoll. Im Seligsprechungsprozeß für Karl Leisner hat sie als Zeugin ausgesagt.
[2] Seligsprechungsprozeß: 1382
Ernst Melzer[1]:
Bei seinem [Karl Leisners] Verhör, das ich ja miterlebt habe, war er ruhig und gefaßt. Er hat sich von Herrn [Kreisleiter Benedikt] Kuner nicht einschüchtern lassen, obwohl dieser ihn in ungehöriger Weise beschimpfte. Es hat mir imponiert, daß KL auch in dieser Situation nicht seine Zuflucht zu einer Notlüge nahm.[2]
[1] Dr. med. Ernst Melzer (* 22.11.1900 in Frankenstein/Schlesien/Ząbkowice Śląskie/PL, † 10.11.1981 in Waldshut-Tiengen, beigesetzt in St. Blasien) – Chefarzt (Obermedizinalrat) – Facharzt für Lungenkrankheiten im Lungensanatorium Fürstabt-Gerbert-Haus in St. Blasien 1933–1966 – Er behandelte 1939 Karl Leisner. Im Seligsprechungsprozeß für Karl Leisner hat er als Zeuge ausgesagt.
[2] Seligsprechungsprozeß: 1453f.
Paul Dyckmans[1]:
In der zweiten Hälfte des November 1939 war ich in Münster im Priesterseminar. Dabei erzählte Regens [Arnold] Francken mir und einigen anderen, dass Karl Leisner in Freiburg/Br. vernommen worden sei und dass der Richter ihm goldene Brücken bauen wollte, indem er etwa sagte: „Sie als Theologe müssten doch eigentlich für den Staat und seine Führer beten.“ Worauf Karl Leisner geantwortet habe: „Das stimmt zwar, aber ich bin der Meinung, dass es für Deutschland besser wäre, wenn das Attentat gelungen wäre.“ Karl befand sich offenbar in einem Zwiespalt zwischen natürlicher Klugheit und Wahrheitsliebe.[2]
[1] Paul Dyckmans (* 15.3.1912 in Kleve, † 17.10.1994) – Abgang vom Gymnasium in Kleve 9.9.1927 – Abitur am Collegium Augustinianum Gaesdonck 1933 – Eintritt ins Collegium Borromaeum in Münster 1.5.1933 – Priesterweihe 17.7.1938 in Münster – Geistlicher Lehrer auf der Gaesdonck vom 27.8.1938 bis zum Militärdienst 1940 – Er hat sich sehr um die Seligsprechung Karl Leisners bemüht und im Seligsprechungsprozeß 1981 als Zeuge ausgesagt.
[2] Seligsprechungsprozeß: 678, ebenso in einer Predigt am 28.2.1985 im Franziskus-Haus in Kleve
Unter der Überschrift „‚Ich weiß nicht, ob die heutige Generation so tapfer wäre’ – Klaus von Dohnanyi über seinen Vater Hans, den Widerstand gegen das Nazi-Regime, politische Vorbilder und den Mut, sich gegen den Mainstream zu stellen.“ brachte das Frankfurter Allgemeine Magazin vom Oktober 2017 auf den Seiten 68-71 ein Interview von Matthias Wyssuwa mit Klaus von Dohnanyi[1] über dessen Vater und Widerstandskämpfer Hans von Dohnanyi[2].
[1] Klaus von Dohnanyi (* 23.6.1928 in Hamburg) – Jurist u. Politiker – Mitglied des Deutschen Bundestags für die SPD 1969–1981 – Bundesminister für Bildung und Wissenschaft 1972–1974 – Erster Bürgermeister von Hamburg 1981–1988 – Seit März 2011 ist er Mitglied der Ethikkommission für sichere Energieversorgung.
[2] Hans von Dohnanyi (* 1.1.1901 in Wien, † hingerichtet 9.4.1945 im KZ Sachsenhausen) – Jurastudium in Berlin 1920-1924 – Heirat mit Dietrich Bonhoeffers Schwester Christine – Referendariat in der Hamburger Justiz 1926-1928 – Zweite juristische Staatsprüfung 1928 –- Staatsanwalt beim Reichsjustizministerium 1929 – Regierungsrat 1934 – wegen seiner Kritik an der NS-Rassenpolitik Versetzung als Reichsgerichtsrat nach Leipzig 1938 – Entlassung vom Reichsgericht Ende November 1941 – Festnahme wegen angeblicher Devisenvergehen 5.4.1943 – Einlieferung ins KZ Sachsenhausen 1944
Quelle der Fotos: Wikimedia Commons / gemeinfrei (abgerufen 24.08.2017)