Nußzweig für Sent Jan

Artikel von Hans-Karl Seeger

Am 24. Juni 1962 überreichten mir als Niederrheiner aus Kleve im Priesterseminar in Münster die Rhenanen (Priesterkandidaten vom Niederrhein) wieder zu meinem Namenstag einen Nußbaumzweig.

Ich schrieb am Abend dazu in mein Tagebuch:
Diesmal habe ich auch meinen schon lang gefaßten Vorsatz ausgeführt und bin der Bedeutung des Nußzweiges mal nachgegangen. Wenn auch etwas Aberglaube dahinter stecken mag, so sollte man das wenige Brauchtum des Nordens doch weiter pflegen.

Am Niederrhein gibt es am 24. Juni, dem Geburtstag des Heiligen Johannes des Täufers, einen besonderen Brauch, den die St.-Eligius-Gilde in Kalkar heute noch pflegt. Ein mit Blumen geschmückter Nußzweig wird an der Kapelle am Kreuzweg nach Hönnepel abgelegt. Früher bekam jeder Bürger der Stadt Kalkar, der auf Johannes den Täufer getauft war, an seinem Namensfest einen solchen Zweig geschenkt.

Johannes-Kapelle in Kalkar
Foto: Jürgen Kappel (Kirche und Leben)

 

Die St. Eligius-Gilde pflegt das Heiligenhäuschen der Kalkarer Johannes – Bruderschaft in Hanselaer.

Laut einer Legende hat man an das Haus, in dem Johannes der Täufer, der gehängt werden sollte, sich verborgen hatte, einen Nußzweig gehängt, um seinen Häschern das Versteck anzuzeigen. Der Plan aber wurde dadurch vereitelt, daß plötzlich an allen Häusern Nußzweige hingen.

 

Eine ähnliche, ausführlichere Darstellung dieser Legende findet sich auf der Internetseite gedichte-garten.de unter dem Titel Johannnuss.

 

 

 

Vielerorts wird am 24. Juni das Johannesfeuer gepflegt.
Schon zu Urzeiten feierten die Menschen sowohl die Winter- als auch die Sommersonnenwende mit ihren heidnischen Bräuchen. Dazu gehörte unter anderen das Entzünden eines Feuers. Aus einem Hinweis im Lukasevangelium berechnet sich das Datum des Geburtsfestes des Heiligen Johannes des Täufers, eines hohen, kirchlichen Feiertages: drei Monate nach Mariä Verkündigung und sechs Monate vor Weihnachten (vgl. Lk 2,1-20). Das Datum liegt somit um die Zeit der Sommersonnenwende. Dazu paßt der Ausspruch des Täufers: „Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen.“ (Joh 3,30) Nach christlichem Brauch wird oft am Vorabend des Festes als Auftakt oder am Abend des Festes selbst als Ausklang das Johannesfeuer entzündet.

Karl Leisner (1915-1945) hat das Johannesfest mehrmals beschrieben

Aus der Zeitschrift Volksfreund:
Johannesfest 1927. Im ganzen Bunde [Kreuzbund] soll der Johannestag bzw. der dar­auf­folgende Sonntag für [als] ein besonderer Festtag gehalten wer­den. Papst Pius XI. hat allen Bundesmitgliedern, die an diesem Tage die heili­gen Sakramente empfangen, einen vollkommenen Ablaß bewil­ligt.[1]
[1] Volksfreund 1927: 71

Freitag, 24. Juni 1927, Johannes der Täufer
(Bericht von der Zusammenkunft)
(Ganze Ortsgruppe [vom Jungkreuzbund]) Das Patronsfest auf Burg Ran­zow (mit dem Kreuz­bund). Gegen 15.15 Uhr zogen wir mit Sang und Klang an der Ecke Linden­allee-Hagsche Straße (an den decken Boom) ab. Als wir in Materborn (Burg Ran­zow) angekommen wa­ren, bekamen wir unsere Plätze angewiesen und dann ging das Futtern los. Es gab Kakao und Plätzchen. Als wir gerade mitten im Futtern waren, ka­men da die NDer [Jungen vom Bund Neudeutschland] an, die Dr. [Walter] Vinnenberg eingeladen hatte. Die futter­ten (das ist ja ganz natürlich), auch mit. Nach dem Futtern wurde gefuß­ballt. (Wobei sich leider wegen des schlech­ten Wetters der Fuß­ball wie [ein] Schwamm vollgesaugt hat.) Die NDer spielten auch selbstgemachte Theater­stückchen, die zum Schieflachen waren. Ferner wurde verlost (ohne Geld), wobei viele manch schöne Preis­chen gewan­nen. Nach der Verlosung wurde im Saal gesungen (die Fußball­kanonen aber fußball­ten). So verging schnell die Zeit, und endlich wurde zur Andacht gerufen (wo auch mehrere Kreuzbündler [in den Jungkreuzbund] aufgenommen wur­den. Sodann bega­ben wir uns zum Johan­nis­feuer, das nahe bei Ran­zow im freien Feld lag. Als es hell auflo­derte, sangen wir das Flam­men­lied „Flamme empor“, und es wurde von den Mäd­chen ein Reigen um den Maibaum gemacht. Ferner wurden von Jungen und Mädchen dazu pas­sende Gedichte aufgesagt. Zu­letzt, als das Feuer nicht mehr hoch auf­loderte, spiel­ten wir um das Feuer Kreis und sprangen darüber. Mit einem „Heil“ trennten wir uns dann und gin­gen gegen 22.30 Uhr nach Hause. So hatten wir mal wieder einen schö­nen Tag erlebt.

Sonntag, 24. Juni 1928
Patronatsfest [Johannes der Täufer] mit dem Kreuzbund auf Ranzow. 15.00 Uhr Ecke Linde[nallee] los. Auf Ranzow Spiele, Verlosung, Kuchenessen, Kakaotrinken usw. Um 19.50 Uhr losmar­schieren, zu Hause an 20.20 Uhr.

Sonntag, 26. Juni 1932
Gegen 22.00 Uhr begann unser Johannisfeuer, für das wir die Woche vorher ordentlich Holz ge­schleppt [hatten]. Der Platz war wieder bei dem Bauern [in der Nähe von Burg Ranzow] dicht am Reichswald (Trepp­kesweg). – An Leuten waren da: Die Jungkreuzbundmädchen, die Sturmschar Mater­born, die „CP-ler“ [Christliche Pfadfinderschaft Deutschlands ] und wir [vom Katholischen Wandervogel (KWV)]. – Zunächst sang der [von Hermann Mies gegründete] Singekreis einige Lie­der. Dann zündeten wir den Holzstoß an, und Kaplan [Franz] Dahlkamp hielt uns eine zün­dende Feuer­rede. Er sprach über die Symbolik des Feuers, wie dieses äu­ßere Feuer Zei­chen innerer Glut (des Heiligen Geistes) sein soll, wie wir innerlich bren­nen sollen und das Feuer hineintragen sollen in die kalte, dunkle Welt. – Das hellodernde Flammenmeer war langsam abgeebbt. – Einige Lieder klingen noch in die stille, ruhigatmende Nacht. – Verklingen. – Wir Jungen springen durch die Flammen, allein und zu zweit und dritt. – Wir löschen die Glut. Tief und dunkel breitet sich der Nachthimmel über uns. Froh und hell im Herzen ziehen wir zu­rück in unsre Stadt, jeder in sein Haus.

Aus der Zeitungsbeilage Katholische Jungwelt Nr. 12 – Beilage zum Volks­freund – Kleve im Juni 1934:
Die Zeit nach Pfingsten – die Zeit der Reife.
Sonnwend 1934!
Hell lodernd die Flammen gen Himmel hinein in die laue, geheimnis­volle Johannisnacht: Die deutsche Jugend feiert Sonnwend 1934! Wie oft haben wir am Sonnwendfeuer gestanden, haben gebrannt voll hei­ßer innerer Glut für den, von dem der gewaltige Predi­ger und Prophet am Jordan sagte: „Nach mir kommt der, der mächtiger ist als ich. Ich bin nicht würdig, nie­derzuknien und ihm die Schuhriemen zu lösen. Ich taufe euch mit Was­ser, damit ihr euch bekehrt. Er aber wird euch mit dem Heiligen Geiste und mit Feuer taufen.“ [Mk 1,7f] – In die Flammen haben wir gestarrt und geglüht hat’s in unseren Seelen in heiliger Be­geisterung. Wir werfen gleichsam all un­sere schwache Mensch­lich­keit hinein in die Flammen, daß sie verbrennen. Wir faßten den heili­gen Vorsatz, in Not und Tod, unter den heißesten Bränden tiefster Verzweiflung nie zu ver­zagen in der heiligen Kraft und dem Feuer der Gnade, das Er, Christus, uns durch den Heiligen Geist schenken würde! – „Ich muß abneh­men auf daß Er zunimmt.“ [Joh 3,30] – Diese Helden­worte des heiligen Täufers spra­chen wir, stam­melten wir im tief­sten, gläubigen Grund unserer Seele. – Wir schauen voll heiligstem Stolz, voll freudigster Begeisterung auf Kämpfe und Siege im Zeichen des Feu­ers des Heiligen Geistes zurück. Mit seiner Kraft wurden wir zu den größten Opfern fähig. Und doch sprechen wir in tiefer Demut: „Wir kämpften und kämp­fen und siegten und siegen nur, auf daß Er zunimmt, wenn wir auch abnehmen!“ – Und das soll unser flam­men­des Sonnwend­bekenntnis sein: „Wir brennen in der Liebe zu Christus und zu je­dem Menschen, erst recht zu jedem Bruder und zu je­der Schwe­ster unse­res deutschen Volkes! Allen Haß werfen wir in die Flammen, aus unsern Her­zen wollen wir auch das leiseste Gefühl von Haß, Neid, Ver­bitterung, Flau­macherei endgültig verbannen, und steigen soll aus den Flammen der Liebe die ewige Sehnsucht des deut­schen Her­zens: Ein gro­ßes, gewalti­ges, christ­liches, deutsches Volk, geeint in Liebe und Achtung voreinan­der.[“]

Siehe auch Impuls vom 27. Dezember 2018 – Johannes der Evangelist und Johannes der Täufer.

Nicht ausgewiesene Fotos: Gabriele Latzel