St. Carolus in Freiburg – Schicksalsort für Karl Leisner und Herbert Vorgrimler

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Dort, wo für Karl Leisner eine besondere Phase in seinem Leben begonnen hatte, war für den Deserteur Herbert Vorgrimler ein Ort des Schutzes.

 

Publik-Forum berichtete in Nr. 5 vom 8. März 2013 unter der Überschrift:

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„Ein junger Deserteur hat Glück im letzten Winter des Zweiten Weltkriegs. Er überlebt in einer theologischen Bibliothek in Freiburg.“

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Caritasdirektor Prälat Dr. theol. h. c. Alois Eckert (* 9.1.1887 in Pülfringen, † 25.6.1976 in Freiburg/Br.) hatte in Freiburg Kontakt mit dem Vater von Martin Vorgrimler. Dieser arbeitete dort in der Auslandsabteilung des Deutschen Caritas-Verbandes. Als Herbert Vorgrimler (* 4.1.1929) 1944 zum Militär eingezogen wurde, versteckte ihn Prälat Eckert in seiner Bibliothek im Carolus-Haus. Herbert Vorgrimler berichtet in Publik-Forum: „Ich begann zu lesen, tagaus, tagein. Damals habe ich meine Leidenschaft für die Theologie entdeckt.“
Diese Leidenschaft ließ Herbert Vorgrimler Priester werden. Ab 1972 lehrte er als Theologieprofessor bis zu seiner Emeritierung 1994 Theologie in Münster.

Im Zusammenhang mit St. Carolus und Prälat Alois Eckert erwachte für Karl Leisner, während er als Theologiestudent und Priesterkandidat in Freiburg seine Außensemester verbrachte, ebenfalls eine Leidenschaft: Er verliebte sich unsterblich.

Gewöhnlich feierte er täglich die hl. Messe mit.
Freiburg/Br., Sonntag, 29. November 1936, 1. Adventssonntag
Und dann heute morgen der Beginn des [Kirchen]Jahres des Heils 1937. Direktor [Alois] Eckert hält die Gemeinschaftsmesse um 8.00 Uhr [in St. Carolus]. Die süddeutschen Bischöfe lassen heute den Hirtenbrief der Kölner und Paderborner Kirchenprovinz verlesen. Und die Gedanken des Hirtenbrie­fes mit dem Appell der Epistel Pauli [Röm 13,11–14] verbin­dend predigt dann mit gewohnter Meisterschaft Direktor Eckert.
„Es ist Zeit, vom Schlafe aufzustehn!“ [Röm 13,11 aus der Lesung vom 1. Advent: Röm 13,11–14] Der helle Tag des Richtens (Evange­lium [vom 1. Advent: Lk 21,25–33]!) wird alles ins rechte Licht setzen. Sünde und Abfall wird verdammt werden. – Heimlich aber ruft Christus seine Getreuen, sie täglich richtend in seiner Liebe Schonung.

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 Carolus-Kapelle in Freiburg/Br.

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Innenansicht

Freiburg/Br., Mittwoch, 2. Dezember 1936
Morgens 6.15 Uhr Roratemesse in St. Carolus. Eigene feine Stimmung. – Abends (17.00 Uhr) in St. Carolus Nikolaus gespielt. Fein! Für die 7- bis 12jährigen Buben und Mädel.
Ich entdecke ganz neu meine große Liebe zu Kindern. Eine wunderbare Freude machte es mir, jedem in die tiefen, glücklichen Augen zu schauen und das „Sprüchlein“ danach zu sagen nach den Stichworten von Schwester (Oberin) Goswina [Döbele OSF[1]]. Es war so eine echte Stunde frohen An­schau­ungsunter­richtes für Kinderpsychologie. – Ein nettes Kinderfräulein ging mit Emil (Döll) [de Vries] und mir zur Stadt nachher, als wir den guten Kaffee bei Schwester Goswina „auf“ hatten. Sehr aufgeschlossenes Mäd­chen, hatte Abitur, kerngesund katholisch. So was freut einen. – „Toll“, was ich den staunenden Kindern alles erzählt hab’. Grad von Amsterdam mit dem Flug­zeug. „Sente Kloos, düt wat in Hoos, düt wat in den Schuhn; ek sallt ok nooit mer weerdoen.“ [St. Nikolaus, tue was in die Strümpfe, tue was in die Schuhe, ich will es auch nicht mehr wiedertun] – Kurz, prächtige Freud’ gehabt. „In Muetters Stü-ebeli, do geht der hm …“ beschloß die feine Stunde.

[1] Schwester Goswina Döbele OSF aus Kloster Erlenbad am 7.5.1974 an Familie Wilhelm Haas in Kleve:
[…] Karl, als Nikolaus bei unsern Kindern, das muß man erlebt haben. Und das habe ich. Wie stand er da vor den Kindern – selbst glückstrahlend dar­über, daß er dieses „Spiel“ den Kindern spielen konnte. Und wie hat er – ich muß schon sagen einmalig – jedes einzelne zu sich ge­nommen und wie ein fei­ner Pädagoge mit ihm über seine Schwächen und Fehler gesprochen. Er war mit Leib und Seele bei ihnen; aber auch umgekehrt, sie strahlten ihn mit glück­li­chen Au­gen an, und sie spürten seine Liebe.

Damals wohnte Karl Leisner noch zusammen mit seinem Kurskollegen Fritz Häfner bei Familie Köbele, Hansja­kobstraße 43 (siehe: Aktuelles 9.4.2013). Die Familien Köbele und Ruby waren miteinander bekannt. Rubys beherbergten gewöhnlich bei freier Kost und Logis einen Theologiestudenten als Hauslehrer für ihre jüngeren Kinder Heribert, Peter und Rudolf. Spätestens im November 1936 hatte Mutter Elisa­beth Ruby erfahren, daß der damalige schwer erkrankte Hauslehrer und Kursgenosse von Karl Leisner Josef Kuhne nicht zurückkam, und insofern Karl Leis­ner, der ihr als täglicher Besucher des Morgengottesdienstes in St. Caro­lus aufge­fallen war, die Stelle angeboten.

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Karl Leisner-Comic Seite 36

Wilhelm Wissing, als Theologiestudent später ebenfalls im Hause Ruby als Hauslehrer tätig, berichtet in seinem Buch „Gott tut nichts als fügen“:
Das religiöse Leben der Familie [Ruby] war ohne Schnörkel und von der Liturgi­schen Bewegung stark geprägt. Einen nicht unerheblichen Einfluß hatte der damalige Präsident des Deutschen Caritasverbandes, [Alois] Eckert, zu dessen Messe in der kleinen Kapelle [St. Carolus] des Caritasheimes die Familie jeden Morgen geschlossen erschien. Ob alle Kinder immer gerne mitgingen, sei dahinge­stellt. Aber anwesend waren sie. Grund zur Freude war, wenn die Mutter den Wecker einmal überhörte. Da konnte es schon vorkommen, daß ein Bruder zum andern sagte: „Wenn uns Mutti nicht bald weckt, haben wir verschlafen.“ Der Vater hatte in jungen Jah­ren Theologie studiert, aber nach dem vierten Semester das Fach gewech­selt. Damals, so erzählte er, habe er versprochen, für Nachwuchs zu sor­gen. Er löste dieses Versprechen reich­lich ein: sechs seiner neun Söhne [Karl, Bernhard, Johannes, Josef, Heinz[1] und Franz] wurden Priester.[2]

[1] Heinz Ruby starb als Theologiestudent.
[2] Wilhelm Wissing: Gott tut nichts als fügen. Erinnerun­gen an ein Leben in bewegter Zeit. Karl R. Höller (Hg.), Mainz 2001: 51f.

Gertrud Ruby im Seligsprechungsprozeß:
In unserem Elternhaus wohnten immer externe Theologen aus Münster. Im Wintersemester 1936[/37] war ein Theologiestudent [Josef Kuhne] nicht zum Studium gekommen, da er erkrankt war. Meine Mutter und wir Ge­schwister waren jeden Morgen um 6.15 Uhr zur heiligen Messe in eine nahegelegene Kapelle [St. Carolus] gegangen. Dabei ist meiner Mutter aufgefallen, daß der Diener Gottes [Karl Leisner] auch allmorgendlich in dieser heili­gen Messe gewesen ist. Sie hat ihn dann angesprochen, ob er nicht bei uns wohnen wolle. Er hat dieses Angebot angenommen im Dezember 1936. Diese Münsteraner Theologen waren bei uns integriert und haben engen Kontakt insbesondere mit meinen Brüdern gehabt; der Die­ner Gottes hat wie andere Theologen meine Geschwister [Heribert, Peter u. Rudolf], insbesondere in der lateini­schen und griechischen Spra­che, beim Lernen begleitet. Ich habe den Diener Gottes immer erlebt als einen frohen, güti­gen und frommen Men­schen. Ich bin relativ selten mit dem Diener Gottes zusammengekommen. Hauptsächlich bei der hei­ligen Messe und bei den gemeinsamen Mahl­zeiten; ansonsten hatte ich meine beruflichen Aufga­ben, der Diener Got­tes seine Studienver­pflich­tungen. Bei Gesprächen hat sich herausgestellt, daß der Diener Gottes die gleiche Ansicht bezüglich des damaligen [NS-]Re­gimes hatte, wie sie in unserer Familie gegolten hat.

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Familie Ruby vor ihrem Haus

Karl Leisner am 5. Februar 1937 an Walter Vinnenberg:
Weih­nachten war ich zu Gast dort [bei Familie Ruby]. Am Heiligabend war’s sehr fein. Die Buben sangen aus dem Dezember-„Schei­de­wege“ die Weih­nachtsfrohbotschaft, zwischenhinein Lieder und Musik nach unserer Art. Ich hab’ nie so tief Weih­nachten als Familienfest erlebt – objektiv gesehen. (Subjektiv kann’s natürlich nirgends schöner sein als da­heim.) – Nachher ging’s dann in die Mitter­nachtsmesse in St. Carolus, wo das erste heilige Opfer im Umbau gefeiert wurde (eine Kapelle eines Cari­taskindergartens hier in der Waldseesiedlung).

Am 6. Januar 1937 zog Karl Leisner bei Familie Ruby ein und verliebte sich in die Tochter Elisabeth.

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Elisabeth Ruby und Karl Leisner im Schwazwald

So mußte er sich erneut für den Priesterberuf entscheiden.
In Freiburg, wo Herbert Vorgrimler 1944 vor dem Zugriff der Gestapo bewahrt wurde, war Karl Leisner am 9. November 1939 ins Gefängnis gekommen, weil er während seines Kuraufenthaltes im Lungensanatorium Fürstabt-Gerbert-Haus in St. Blasien das Attentat auf Adolf Hitler in München mit folgenden Worten kommentiert hatte: „Schade, daß er nicht dabei gewesen ist“. Es begann ein Weg ohne Wiederkehr, der schließlich zwar im KZ Dachau am 17. Dezember 1944 zur Priesterweihe führte, aber kurz darauf am 12. August 1945 in die Ewigkeit.