Vater Wilhelm Leisner als Nikolaus

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Zu Vater Leisners zahlreichen „Bühnenrollen“ wie zum Beispiel Büttenredner oder Sänger gehörte auch der Nikolaus.

 

 

Wilhelm Leisner spielte den Nikolaus sowohl zu Hause bei seinen eigenen Kindern als auch bei bekannten Familien. Zuvor ließ er sich im Friseursalon von Willy Richrath[1]  in Kleve, Große Str. 41, mit Perücke, Bart usw. ausstatten.
[1] Richrath, Willy
Willy Richrath, in Kleve bekannt unter dem Namen Weri, (* 22.6.1899 in Kleve, † beim Luftangriff auf Kleve 7.10.1944) – Heimatdichter u. Komponist – Verfasser des Lieder­bu­ches „Lieder meiner Heimat“ – Unter Weri war in Kleve auch sein Friseursalon Große Str. 41, heute Weri-Balster Parfümerie-Kosmetikinstitut, bekannt. Wenn Vater Wilhelm Leis­ner Nikolaus spielte,ließ er sich dort unter anderem mit Perücke und Bart ausstatten. Willy Richraths „Pseu­donym“ aus den Anfangsbuchstaben seines Vor- und Nachnamens war ursprünglich „Wiri“, doch dieses Kürzel gefiel ihm nicht (Auskunft von Willi Leisner).

Nikolausabend bei Familie Wilhelm Leisner nach Erinnerungen der Tochter Elisabeth Haas, geborene Leisner, und deren Tochter Monika Kaiser-Haas:
„Nikolaus komm in unser Haus…“ – Mit diesem Lied begannen wir die alljährliche Nikolausfeier in unserer Familie. Das Nikolauslied verkürzte die für uns Kinder so lang erscheinende Wartezeit des ersehnten Nikolausbesuchs in der Adventszeit. Das Lied trug zur Vorfreude bei, die Spannung stieg, wenn der Nikolaus klingelte.
Meine Eltern Elisabeth und Wilhelm Haas bereiteten in jedem Jahr am Namensfest des Hl. Bischofs Nikolaus für uns neun Kinder ein wunderschönes Fest vor, das mir in bester Erinnerung geblieben ist. Es gab adventliche Rituale. Meine Mutter bereitete in unserem Wohnzimmer einen Tisch mit weiß gestärkter Tischdecke vor, ein schöner Stuhl stand dahinter, auf dem der Nikolaus Platz nahm. Die Kinder saßen nebeneinander auf zwei Sofas, so dass alle gut den Nikolaus sehen konnten.
Der Adventskranz, die brennenden Kerzen in der guten Stube, die Barbarazweige in einer Vase trugen zur adventlichen Atmosphäre bei. Der Nikolaus besuchte uns in einem festlichen Bischofsgewand ohne einen Knecht Ruprecht. Als kleines Kind war das für mich wichtig. Ich wurde in meiner kindlichen Vorstellung bestärkt, wir neun Kinder, wir sind ordentliche Geschwister. Knecht Rupprecht mit Rute benötigten wir nicht. Das wusste unser liebenswerter Großvater Wilhelm Leisner.
Opa Leisner, eine eindrucksvolle Persönlichkeit mit klaren Grundsätzen, war viele Jahre unser würdiger einfühlsamer Nikolaus. Zum roten Gewand mit goldener Paramentenstickerei gehörten eine Albe, eine Mitra, ein langer Bart und weiße Handschuhe für den Bischofsstab. Der verkleidete Hl. Nikolaus betrat das Wohnzimmer mit würdiger bischöflicher Haltung, das goldene Buch unter dem Arm. Mein Vater begrüßte den Gast mit dem erforderlichen Respekt, und wir sangen gemeinsam ein Adventslied wie z.B. „Lasst uns froh und munter sein…“
Für mich war es besonders aufregend, als jedes Kind namentlich vom Nikolaus aufgerufen wurde und vor ihn trat. Die Jüngsten begannen, als Älteste bildete ich das Schlusslicht. Dieser Gang zum Nikolaus war schon eine ernst zu nehmende Angelegenheit in der vorweihnachtlichen Zeit. Die vier Mädchen und die fünf Jungen wurden zuerst immer gelobt, ihre guten Eigenschaften gewürdigt, es folgten liebevoll bis deutlich formulierte Verbesserungsvorschläge. Mein Opa Leisner sprach klar, menschenfreundlich und ermahnte zur Gewissenserforschung.
Der Nikolaus überreichte jedem Kind eine Nikolaustüte mit köstlichen selbst gebackenen Plätzchen und Naschereien. In den fünfziger Jahren war diese Tüte für uns alle eine besondere, da jeder sie alleine in unserer großen Familie besitzen durfte, und sie nicht durch neun oder elf Personen geteilt werden musste. Zum Abschluss wurde der Nikolaus mit dem Lied „St. Nikolaus …“ verabschiedet.
Im Gespräch mit meiner Mutter erfuhr ich, dass mein Großvater 36 Jahre lang bis 1960 mit Begeisterung und großer Freude Nikolausbesuche durchführte. Er war ein gefragter bischöflicher Vertreter, die Rolle war ihm wie auf den Leib geschnitten.
Meine Mutter erinnert sich an eine Nikolaus-Anekdote aus dem Jahre 1925. Auf dem Nikolausfest des Beamtenvereins im Vereinshaus auf der Stechbahn stand sie mit zwei Jahren als Engelchen verkleidet neben dem Nikolaus auf der Bühne. Als die Nikolausfeier beendet war, ging sie zu ihrer Mutter Amalia Leisner und sagte: „Mama, der Nikolaus sprecht wie Papa.“
Opa Leisner ließ im Laufe seines „Nikolauslebens“ zwei wunderschöne Gewänder nähen. Das zweite Gewand übernahm sein Nachfolger Rektor Joseph Kühnen. Ich habe das Gewand nachgenäht, da mir diese Familienfeier immer in guter Erinnerung geblieben ist, und ich diese Tradition an meine vier Kinder weitergeben wollte. Das Gewand mit Mitra und goldenem Buch trägt heute noch der Nachfolger von Joseph Kühnen, sein Schwiegersohn Frank Pieper. Er führt die Tradition in der dritten Generation fort. Die Albe gibt es nicht mehr, sie war verschlissen.
Meine Mutter erinnert sich, dass ihr Vater Wilhelm Leisner vor jedem Auftritt zu „Weri“ ging, einem guten Friseur namens „Willy Richrath“. Er richtete die Haare, die Perücke und den Bart professionell her, da Opa Leisner ansonsten eine Glatze trug.
Mein Großvater spielte den Nikolaus schon, als Familie Leisner in der Triftstraße in Kleve wohnte. Nach 1960 bat er Herrn Rektor Joseph Kühnen sein Nikolausehrenamt für junge Menschen zu übernehmen, da es ihm zu anstrengend wurde. Ein weiteres Jahr bis 1961 spielte Großvater Leisner noch für alte Menschen insgesamt 36 Jahre.
Meine Mutter erinnert sich weiter, dass Großvater Leisner bei vielen befreundeten Familien, in Kindergärten und anderen Einrichtungen auftrat: z. B. bei Familie Bettray, bei den Familien Rechtsanwalt Dr. Versteyl und Kurarzt Dr. Bergmann (er hatte eine spanische Frau und wunderschöne Kinder), im Kolpinghaus, im Kindergarten der Schwestern der Göttlichen Vorsehung und im Beamtenverein. Die Schwestern Maria, Paula und meine Mutter Elisabeth begleiteten ihren Vater gerne bei dem Nikolausspiel etwa mit ca. 14 Jahren als Knecht Rupprecht. Sie trugen ein braune Mönchskutte und einen Sack.
Eine weitere mir gut in Erinnerung gebliebene Anekdote um die Nikolaustätigkeit meines Großvaters:
Frau Kühnen, sie lebt in Kleve, war 1960 Kindergärtnerin in einem Kindergarten in Nütterden. Sie bat Opa Leisner Nikolaus zu spielen. Er erklärte, dass er aus Altersgründen sich um einen Nachfolger bemüht hatte, „Jupp“ Kühnen. Über diesen Kontakt wurden Frau Kühnen und der neue Nikolaus ein Paar. Sie haben sich über diese Tradition kennen und lieben gelernt, haben geheiratet und Kinder bekommen. Diese „Nikolausgeschichte“ hat mich schon als Kind berührt.
Monika Kaiser-Haas, Enkelkind von Wilhelm Leisner, Vizepräsidentin des IKLK

Karl Leisner am 26. Dezember 1938 in seinem Tagebuch:
Vater spricht sehr ernst über wahres Christsein, wie es sich allein in der tätigen Liebe des Nächsten zeigt und entzündet. – Im Armen begegnet uns der Herr. Bei ihnen ist Er! –
Dann erzählt er von seiner heiter-ernsten Nikolaus­weihe. Bei allen Fami­lien der „hohen Herrn“ vom Gericht, bei Dr. [Wilhelm] Berg­mann[1], in den Kindergärten, bei Familie [Joseph] Gerstner und ande­ren.

[1] Willi Leisner:
Hier hat Vater Leisner den Nikolaus gemacht. Meine Schwestern wollten gerne den Ruprecht spielen, um die Familienatmosphäre zu erleben. Das durfte man auch noch nach 1933, weil es rein religiös war.

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Vater als Nikolaus 1938

 

 

Hiltrud Opolka, geborene Gerstner, aus Kleve, am 4. März 2002 an Hans-Karl Seeger:
Vater Leisner war jedes Jahr Nikolaus bei uns und Schwester Paula war mei­stens Knecht Ruprecht. Ein paar Tage vorher mußten wir immer einen Brief zu Leisners bringen. Wir hatten natürlich keine Ahnung, was darin stand.
Nach der Nikolausfeier bekam Vater Leisner im Arbeitszimmer meines Vaters einen Schnaps. Die Türe stand ein wenig auf, so daß mein Bruder dies gese­hen hat. „Oh, der Nikolaus trinkt Schnaps.“ Er hört das und erwi­dert: „Nein, mein Junge, das ist kein Schnaps, das ist Weihwasser.“ Ein an­deres Mal, auch bei der Niko­lausfeier. Mein Bruder wurde beim Rau­chen er­wischt. Vater Leisner: „Du hast geraucht?“ Urban: „Ja.“ „Wie hat sie denn ge­schmeckt?“ Urban: „Fies.“
An diesen Abenden wurden auch immer Kollegen meines Vaters eingela­den; für sie war es immer eine Gaudi. Ungeschoren kamen sie aber auch nicht davon. Fräulein Reuland, eine Kölnerin, hatte erzählt, daß sie in Köln bei einem Sturm größte Schwierigkeiten hatte, beim Gehen weiter­zukom­men. Ein junger Mann habe ihr geholfen. Vater Leisner bezog sich auf diese Begeben­heit und schloß mit der Bemerkung: „Hättest Du ja ge­sagt, säßest Du heute nicht hier.“

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Nikolausfeier 1955 bei Familie Fonck mit den Jungen Norbert und Heine (v. l.)

 

 

 

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Nikolausfeier 5. Dezember 1961 in Schneppenbaum

 

 

2013_12_06_Nikolaus6.12.1961

 

Vater Wilhelm Leisners Nachfolger Josef Kühnen als Nikolaus bei Familie Griese