Vermutlich sang auch Karl Leisner im KZ Dachau die Dachauer Messe mit

Dachaue_Kyrie

Am 13. Dezember 2014 findet um 18.00 Uhr in der Stiftskirche St. Mariä Himmelfahrt in Kleve ein Festgottesdienst statt. Zelebrant des Pontifikalamtes ist Erzbischof em. Dr. Werner Thissen, Hamburg.
Der Männerchor Herz Jesu Kleve singt die Dachauer Messe von Pater Gregor Schwake OSB, wobei der Stiftschor Kleve gemeinsam mit dem Christus-König-Chor Kleve die eigentlich dem „Volk“ zugedachten Teile übernimmt. Der Gottesdienst wird im Sender Radio Horeb übertragen.

Schwake

Pater Dr. Gregor (Theodor) Schwake OSB (* 15.4.1892 in Emmerich am Rhein, † 13.6.1967 in Dülmen) – Eintritt bei den Benediktinern in Gerleve – Profeß 8.9.1912 in Ger­leve – Prie­sterweihe 25.7.1917 – Veranstaltung von Volkschoral­wochen im gesamten deutsch­spra­chi­gen Raum u. in Jugoslawien 1929–1943 – Am 6.10.1943 wurde er in Öster­reich im Dom zu Linz von den Na­tionalsozialisten ver­haftet und kam am 2.1.1944 ins KZ Da­chau, wo er bis zu seiner Entlassung am 10.4.1945 zur Arbeit in der Plantage eingeteilt war. Er leitete den Priester­chor und kompo­nierte u. a. die „Dachauer Messe“. Sie erklang am 24.9.1944, dem Fest der allerselig­sten Jungfrau Maria vom Loskauf der Ge­fange­nen, zum ersten Mal in der Lagerkapelle des KZ Dachau.

Johannes Feldmann, Organist und Chorleiter in Kleve, zur Dachauer Messe:
Zum 70. Priesterjubiläum von Karl Leisner
Samstag, 13. Dezember 2014, 18.00 Uhr, Stiftskirche St. Mariä Himmelfahrt – Eine in einem Konzentrationslager komponierte Messe am Vorabend zu Gaudete – „Freut euch!“?
„‚Freut euch, laßt uns froh sein!’ – wieviel liturgische Texte beginnen so? Aber wir lassen die Unterlippe ‚bis up de Holsken’ hängen, und so ist dann auch der Gesang – ‚Sursum corda’. Wenn die Gläubigen den Zuruf des Priesters mit ‚Habemus ad Dominum’ beantworten, dann muß das wahrhaft heißen: ‚Wir haben die Herzen schon zum Herrn erhoben!’ … Ist das nicht herrlich, ist das nicht schön?“ – mit solch mitreißenden Worten begeisterte Pater Gregor einst die Menschen.

Pater Dr. Gregor Schwake OSB
Als Theodor Schwake wuchs der Sohn Münsterländischer Eltern in Emmerich auf. An einem Karfreitag wird er geboren, an Ostern getauft. Welch eine Spannung kündigt sich in diesen Eckdaten an! Eine Spannung, die sein ganzes Leben kennzeichnet: Zeitgenossen beschreiben den vielseitig musikalischen Niederrheiner, der zudem mit seinen Liedern, Gedichten und Zeichnungen beglückte, als lebensfrohen, ja lebenslustigen und charismatischen Menschen, der Jung und Alt mit seiner Lebensfreude ansteckt. – Dann, im Konzentrationslager, inmitten größten Leids, entsteht seine Dachauer Messe.
Ins KZ Dachau brachte ihn sein Talent, mit seiner Begeisterung für den Gregorianischen Choral viele Menschen mitzureißen, was ihn bei den Nazis als „Volksverführer“ verdächtig machte.
Schon als Schüler (während eines Ferienausflugs) war er vom Gesang der Benediktiner in Maria Laach so sehr angerührt, dass ihn der Choral nie wieder losließ. Seine Berufung zu einem Leben für Gott traf ihn ebenso bereits als Primaner – wie ein Blitz aus heiterem Himmel – während eines Gesprächs mit dem später besonders als Operettenkomponist erfolgreichen Eduard Künneke, der auch aus Emmerich stammt. Davon erzählte Schwake in seiner ihm eigenen Art: „Ich fragte ihn, wie er dazu gekommen sei, Musiker zu werden. Was glaubst du, was Eduard Künneke mir antwortete: „Ich habe gedacht, ich riskiere nur mal ein Leben für die Musik!“. Pater Gregor sei beim Erzählen wieder in helle Begeisterung geraten: „Stell dir vor, ein Leben! Ein Leben für die Musik! – Dann will ich ein Leben für Gott riskieren – ein Leben – ein Leben!!!“
Ostern 1911 trat Theodor Schwake in der Abtei Gerleve (Westfalen) in den Benediktinerorden ein. Am 8. September 1912 legte er die Profess ab und trug fortan den Ordensnamen Gregor. Seine Priesterweihe fand am 25. Juli 1917 in der Benediktinerabtei Gerleve statt.
Seine Nichte Hildegard Pickers schreibt: „Daß ein äußerst vitaler Mensch wie Pater Gregor – entgegen den Befürchtungen seiner Mutter – als Mönch wirklich glücklich wurde, hat er gewiß zum großen Teil seinem sehr einfühlsamen und verständnisvollen Abt Raphael Molitor zu verdanken. Dieser, selbst sehr musikalisch, erkannte die außerordentliche musikalische Begabung des jungen Mönches und legte großen Wert auf dessen gründliche musikalische Weiterbildung.“
Hildegard Pickers beschreibt P. Gregor als einen Menschen, „der seine besonderen Gaben als unverdientes Geschenk Gottes mit Freuden annahm und mit vollen Händen weiter verschenkte“. Seit 1924 wurde es ihm für fast 40 Jahre zur Lebensaufgabe, sich für die Verbreitung des Chorals und für die aktive Mitwirkung der Gläubigen in den Gottesdiensten einzusetzen. Seine zahlreichen und meist sehr anstrengenden Volkschoralwochen (die von ihm sogenannten „Liturgischen Exerzitien“) führten ihn durch ganz Deutschland, bis Österreich, die Schweiz und Jugoslawien. 1935 fuhr er nach Rom und berichtete Papst Pius XI. über seine Arbeit für die liturgische Erneuerung und die Förderung des Chorals. Der mit 1,97 m damals auffallend große und als „Apostel des Volkschorals“ weithin geschätzte Pater war jedem Menschen – ob klein, ob groß – freundlich zugewandt. In seiner Begabung, auf die Mentalität der jeweiligen Menschen einzugehen, liegt sicherlich ein wesentlicher Grund für den Erfolg seiner Choralwochen. Er wusste, seine Vorstellungen auch mit griffigen Sprüchen den Teilnehmern zu vermitteln: „Volkschoral, wie muss er sein? – Kraftvoll wie der Niederrhein!“

Dachauer Messe
Mit einer kraftvollen Blechbläser-Einleitung beginnt auch die Messe. Da ist nichts zu hören von der im KZ allgegenwärtigen Bedrängnis. Dann ruft der dreistimmige Männerchor mit weit geschwungenen Melodien in freundlichem F-Dur: „Kyrie eleison“ („Herr, erbarme dich“). – Ein Ausdruck kraftvollen Trutzes: Man empfindet ein festes Vertrauen auf die Geborgenheit bei Gott, gleich in welch schlimmer Lage der Mensch auch stecken mag. Gottes Herrschaft, seine Freundlichkeit, seine Liebe und sein Erbarmen sind zuallererst da. Und Gott ist immer da, auch in der größten Not: Darum singt das Credo dann auf die gleiche Weise „Crucifixus etiam pro nobis“. Mit „Christe eleison“ jedoch bringt die Melodie in harmonischem(!) a-Moll schmerzvolle Gedanken, wobei sich der Abschnitt allerdings – durch Erscheinen eines zusätzlichen Kreuzes(!) – auf einen erlösend wirkenden A-Dur-Akkord zubewegt. Die gleiche Melodie erscheint bei den Worten „qui tollis peccata mundi“: Christus trägt das Leid und die Verfehlungen der Menschen der ganzen Welt mit; mit seinem Leiden und Sterben am Kreuz überwindet er solches – Harmonie herrscht zwischen Gott und Mensch. So kann nun „Kyrie eleison“ wieder in freundlichem F-Dur erklingen. Jetzt aber mit einer neuen Melodie, bei der man unwillkürlich die „Missa de Angelis“ mitzuhören meint, ohne dass sie tatsächlich zitiert wird. Diese Engelsmesse sang der junge Theodor ganz oft schon bei den Choralämtern mit der ganzen Schulgemeinde in Emmerich.
Mit dem weihnachtlichen Engelsgesang schließt das Gloria an: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden, ein Wohlwollen den Menschen“.
Bei genauerem Hinsehen nimmt die Dachauer Messe überhaupt besonders starken Bezug zum Weihnachtsgeschehen: Sie steht in der Pastoral-Tonart F-Dur. Und es fällt auf, dass nur ganz selten ein bestimmtes Wort wiederholt wird: „Gloria“ lässt Schwake im Sanctus dreimal erklingen! Und man erinnert sich wieder des bereits vernommenen weihnachtlichen Jubels der Engel im Gloria, der den Frieden auf Erden besingt – und dies inmitten des Tobens des furchtbaren II. Weltkrieges! Das dreimalige Wort „Gloria“ ist zudem eine Parallele zum dreimaligen „Heilig“ zu Beginn des Sanctus. Vorher muntert die Präfation uns Menschen auf, gemeinsam mit den Engeln zu singen: „Heilig, heilig, heilig“. Nur einer ist heilig: der dreieinige Gott. Und das Heil kommt allein von Gott, nicht von irgendeinem „Führer“. Genau dieses Bekenntnis führte am 6. Oktober 1943 zu Schwakes Verhaftung: Als er im vollbesetzten alten Dom zu Linz das „Gloria“ einübte, rief er emphatisch aus: „Und jetzt wollen wir mit allen Kräften, mit unserer ganzen Seele singen: Tu solus Sanctus – Du allein bist der Heilige / Tu solus Dominus – Du allein der Herr / Tu solus Altissimus – Du allein der Höchste!“ Die Menschen verstanden sofort: Wie ein einziges Brausen erschollen ihre Stimmen „Tu solus …“. Alle erlebten hier, was wir in jeder Messe singen: „Erfüllt sind Himmel und Erde von deiner Herrlichkeit.“ Das musste denen, die sich als Herren über Leben und Tod, als Allmächtigen und Höchsten aufspielten, Angst machen. Daraufhin forderten zwei „Herren“ in Zivil den Pater auf, ihnen zu folgen.
Zweimal lässt Schwake im Credo das Wort „homo – Mensch“ singen! Gottes Menschwerdung wird mit den gleichen Tönen besungen wie die Friedensbitte (im Piano!) am Schluss der Komposition „dona nobis pacem“. Dieser Bitte geht ein kurzes, eintaktiges, ganz einfaches Zwischenspiel voran, was uns mit seinen pastoral anmutenden Klängen in das Geschehen zur Heiligen Nacht versetzt: Menschen und Engel stimmen alle zusammen: Ehre dem göttlichen Kind in der harten Krippe, dem Friedensfürsten, unserem Erlöser!
In der Kapelle des KZ-Blocks 26 (Pfarrerblock) übernahm Schwake den Dienst am kleinen Harmonium, bald nachdem ihm ab dem 6. Februar 1944 die Leitung des dortigen Priesterchores übertragen war. Für diesen Männerchor schrieb er seine Messe. Aber warum dreistimmig? Pater Gregor selbst berichtet doch von einem vierstimmigen Chor! Und tatsächlich sind gewisse Abschnitte doch vierstimmig gesetzt: nämlich dann, wenn der Glaube an Auferstehung und ewiges Leben ausgedrückt wird, dann, wenn Erfüllung gegenwärtig wird: „Pleni sunt coeli et terra – Erfüllt sind Himmel und Erde von deiner Herrlichkeit“, und es fehlt keine Stimme mehr – welch eine Hoffnung!
Gemäß Schwakes Lebensaufgabe tritt auch in der Dachauer Messe der Chor in einen Dialog mit dem Volksgesang. Doch im Agnus Dei, das gesungen wird, während der Leib Christi gebrochen wird, fehlt die Angabe „Volk“, obwohl ihm die entsprechenden Passagen „qui tollis peccata mundi“ eindeutig zuzuordnen wären. Ist es ein Versehen in den nur in Abschriften überlieferten Noten? Oder ist das Volk nicht mehr da, nicht unter dem Kreuz, weil es ver-„führt“ wurde? „Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünden der Welt: erbarme dich unser.“ Von den 2812 in Dachau inhaftierten Geistlichen starben 30% an Misshandlungen, Entkräftung, Hunger oder Seuchen.
Die Dachauer Messe erklang zum ersten Mal am 24. September 1944, am Fest der „Muttergottes vom Loskauf der Gefangenen“ in der kleinen Kapelle der Priesterbaracke, gesungen vom Priesterchor. In seinen Erinnerungen schreibt Pater Schwake: „Kunstsinnige Mitbrüder trieben mich an, diese oder jene Komposition für unseren vierstimmigen Chor zu schreiben, um die Leidensgefährten zu erfreuen. Weil die Gesänge viel Anklang fanden, kam man auf die Idee, wir sollten eine Dachauer Messe haben. Es ist mir unbegreiflich, wie ich sie habe komponieren können …“

Pater Gregor lehrt beten
In einem ‚offenen Brief’ an Pater Gregor schreibt der Pfarrer Dr. theol. Hans Metzger, Basel-Richen:
„Keiner kann den Leuten den Mund auftun wie Sie. Wie machen Sie das eigentlich? Ich glaube, es ist darum, weil sie nicht ‚Probe halten’, sondern zuerst mit eindringlichem Wort um Verständnis werben für das, was sie wollen: Gottesdienst. Wem nicht zuerst das Herz aufgegangen ist, der tut auch den Mund nicht auf zum Singen. Sie lehren die Leute vor allem anderen beten. Es ist dann ein kleiner Schritt zum Singen.“
Das Beten hat der kleine Theodor von seiner Mutter gelernt, wie er in einem seiner Lieder dichtete: „Us Kinner, us Kinner hät Möderken lährt / wat Biäden is, wat Biäden is, hat Moder us lährt.“ Schwakes Bruder Karl erzählte, „er würde nie vergessen, wie er das ‚Vater Unser’ gelernt hat, noch ehe er zur Schule kam: Er war ganz allein mit seiner Mutter, da nahm sie ihn auf den Schoß – er lag quer über ihrem Schoß, denn er war groß für sein Alter. Den Kopf hatte er in ihre Armbeuge geschmiegt. So sprach sie ihm langsam Satz für Satz vor, und er sprach nach: ‚Vater unser…!’ Seither ist dieses Gebet für ihn verbunden mit Wärme, Zuwendung, Geborgenheit, Liebe.“
Das Urvertrauen, welches ihm ein liebevolles Elternhaus mitgab, ein fester Glaube an Auferstehung und ewiges Leben, ein kindliches Gottvertrauen bis hinein ins Alter – dies sind die drei Quellen, aus denen Pater Gregors ansteckende Lebensfreude gespeist wurde und aus denen auch die Kraft strömte, mit der er die schreckliche Zeit im KZ durchstand.

Pontifikalamt
„Herrgott, mit all unseren Nerven / wir schreien in diesem Advent: … / Wann hörst Du unsere Gebete? / Kind Gottes, ist das alles? …“
Inmitten einer tiefen seelischen Krise, da Pater Gregor dies dichtet, erlebt er am 17. Dezember 1944 einen Höhepunkt in seiner Dachauer Zeit:
Auch Karl Leisner saß im KZ Dachau ein, und im sechsten Jahr seiner Gefangenschaft empfing er – an Tuberkulose bereits todkrank – am Sonntag „Gaudete“ seine Priesterweihe. Das Sakrament spendete der kurz zuvor nach Dachau verbrachte französische Bischof Gabriel Piguet von Clermont. Der Mithäftling Lenz berichtet: „Eine Stube in einer billigen Baracke ist der Dom. … Mehr als tausend Priester, Kopf an Kopf dicht gedrängt – die größte Priestergemeinde auf Erden im engsten Raum.“

Die Zitate stammen aus dem Buch von Hildegard Pickers: „Andere Menschen froh machen – Pater Gregor Schwake O.S.B.“ im Verlag des Emmericher Geschichtsvereins e.V., 1992

Quelle der Fotos: IKLK-Archiv

Siehe auch Aktuelles vom 4. Juli 2014  – Die Dachauer Messe ist jetzt digitalisiert.

Der KZ-Priester Alfons Duschak schrieb unter der Überschrift „Karl Leisner in der Choralschola der sterbenden Priester“ 1977 folgenden Bericht:
Wieso „der sterbenden Priester“? Weil mehr als die Hälfte dieser Priester fast bis zu ihrem Tode in ihr mitwirkten und ihr Leben in Dachau lassen mußten.
Als der Benediktiner aus St. Ottilien am 22. Dezember 1941, Pater [Albrecht] Friedrich Wagner [OSB], die Freiheit wiedererlangte, wurde ich gebeten, an sei­ner Statt den geistlichen Gesang zu leiten. Ich hatte bis zu meiner Ver­haftung am 19.5.1941 in Dresden in der Hofkirche den Choral geleitet. Mit den geschulten Kapellknaben (alias Domspatzen) und all den techni­schen Hilfen dieses Institutes und der Kathedralkirche war das eine ver­lockende Aufgabe. Im Konzentrationslager Dachau sah das ganz an­ders aus.
Mit viel Last und List hatte ich einen „Liber Usualis“[1] mit dem Druck al­ler feststehenden und wechselnden Choralgesänge der Hochämter, Ves­pern und festlicher Metten schicken lassen, und auch die Auslieferung er­rei­chen können, genau an dem 22.12.1941, also drei Tage vor Weih­nach­ten. Pater Wagner, schon im Mönchs­gewande, und ich „im Zebra­look“ standen am Tor des Lagereingangs einander gegenüber, ohne noch ein Wort wechseln zu dürfen.
Pater Wagner fuhr in die Freiheit – wenn auch nur in die des braunen Rei­ches, ich empfing meine Bücher, darunter obengenanntes Choral­buch.[2]
Es mußten nun für das ganze Kirchenjahr, für jedes Hochamt und für jede Vesper und für jede Matutin – soweit wir auch diese singen wollten – das Proprium = die diesem Gottesdienst einmalig eigenen Gesänge für den Chor und das Ordinarium, einmal für den Chor und je zweimal für die Gemeinde (etwa 1.000 Priester) auf Pla­kate gebracht werden; denn der Raum des Gottesdienstes war 20 Meter lang, so weit kann man auch ein Plakat nicht lesen, weshalb in der Raummitte für die Gemeinde das Pla­kat noch einmal aufgestellt werden mußte. Wir mußten etwa 300 Noten­tafeln (Zeichen­papier) anfertigen. Das geschah in der kurzen Nacht. La­gen alle auf den Pritschen, dann waren die Stubentische frei. Karl Leis­ner, ein jun­ger Franziskaner [P. Elpidius Markötter], beide in oder kurz nach der Haft gestorben, leisteten die Vorarbeit mit großen Linealen und nachher auch Stempeln, ich trug dann Text und Noten ein, Pater Karl Schmidt (Salesia­ner, nach Dachau [am 13.5.1968 in München] gestorben) „organi­sierte“ mir nach und nach Rollen Zeichenpa­pier (aus den Büros „Messer­schmitt“), Tusche, Stempel und Federhalter, aus denen der Karl das Blech­­­­gehülse nahm, aus „organi­sierten“ Radier­gummis (SS-Büros) das Stem­­pelchen fertigte und die Stempel in die Fe­derhalter einfügte, die not­wendigen Modelle Redis­federn für die Textge­staltung besorgte er mir auch, und so konnten wir in der Nacht an die Ar­beit gehn. Dabei hat Karl Leisner fast verhustet, was an Resten der Lunge noch in ihm war. Ich glaube, der Franziskaner hieß Markötter. Ich habe nach dem Kriege auf Wunsch des Ordens noch einen Bericht über ihn geschrieben. Karl Schmidt (nicht Schmitz) ist [am 13.5.1968] an Magen­krebs gestor­ben. Er sah so unschein­bar aus wie ein biederer Landbriefträ­ger. Es hieß: acht Handwerke habe er gelernt und jene, die er nicht gelernt habe, ver­stehe er noch besser. Ich glaube: Es gab nichts, was er nicht machen und beschaf­fen konnte, man sagte: Von der Putz­wolle bis zum fahrtüchtigen BMW.
Karl Schmidt war auch ein Sänger und Prediger von vielen Graden. Ich als Chorleiter mußte es schließlich bemerken können. Wie ein sol­cher Mathematiker und Physiker vom Schlage Karl Schmidt auch künstlerisch (Tabernakelbau in Dachau[3]) so vielseitig schöpferisch sein könne, mußte ich in Dachau erfahren. Still waren sie alle, Karl Leisner der stillste Helfer und Freund. Es war wirklich die Singe­schar der sterbenden Priester. Was hätte ich anders sa­gen sollen auf die Frage (von [am 16.5.1974 in Trier] † Pater Maurus Münch OSB, Abtei St. Matthias, Trier, der immer mit­sang:) „Alfons, wie kommt das, ich habe selbst in unseren großen Abteien das große ‚Jubi­late‘ [Jubelt[4]] und das ‚Precatus est Moy­ses‘ [Moses fleh­te[5]] nie so gut gehört wie von dieser Gruppe“. Ich antwortete: „Mau­rus, Du darfst nicht verges­sen mit einzu­be­zie­hen, daß es die Schola der ster­benden Priester ist.“

[1] Liber Usualis. Missae et Officii pro Dominicis et Festis cum cantu Gregoriano ex Editione Vaticana adamussim excerpto [Gebrauchsbuch für Messen und Stunden­gebet an Sonntagen und Festen mit gregoria­nischem Choral. Auszüge der Vatika­ni­schen Aus­gabe], Parisiis, Tornaci, Romae 1935
[2] Heinz Dresbach notierte in einem Exemplar, das heute in Schönstatt aufbewahrt wird:
Dieser „Liber Usualis“ war vom 29.8.1941 bis zum 5.4.1945 im KZ Dachau – Dresbach.
[3] Johann Lenz:
Der erste Tabernakel, der in solch erschüt­tern­der Armut das Aller­heiligste ge­borgen hatte, war zweimal erneuert worden. P. Karl Schmidt [SDS] hatte 1941 für das Gehäuse gesorgt und es dann ei­gen­händig geschmückt. Aus gel­ben Fischkon­servenbüchsen hatte er mühevoll zwei anbe­tende Engelsfigu­ren herausgeschnitten (Lenz, Johann: Christus in Dachau oder Christus der Sieger. Ein religiöses Volksbuch und ein kirchen­geschichtliches Zeugnis [mit 100 Bildern]. Für Priester und Volk, Wien 61957: 188).
[4] vermutlich das vor der Liturgiere­form am 2. Sonntag nach Epiphanie und am 4. Sonn­tag nach Ostern gesungene „Jubilate Deo universa terra – Jubelt Gott ihr Lande all“
[5] vor der Liturgiereform Gesang zum Offertorium zum 12. Sonntag nach Pfing­sten