Vor 150 Jahren starb Hans Erich Pfitzner

 

Hans Erich Pfitzner (* 5.5.1869 in Moskau, † 22.5.1949 in Salzburg/A) – Kom­ponist u. Dirigent – Er kom­ponierte 1919/1930 „Das dunkle Reich, eine Chor­phan­tasie mit Orchester“.

 

 

 

 

Pfitzner, Hans Erich
Das dunkle Reich
Eine Chorphantasie mit Orchester, Orgel, Sopran- und Baritonsolo, nach Gedichten von Michelangelo, Goethe, Conrad Ferdinand Meyer und Richard Dehmel; op. 38, Leipzig o. J. [1930]
von Karl Leisner erwähnt: 6.12.1935

 

Münster, Freitag, 6. Dezember 1935
Grad’ komm’ ich aus dem ganz wunderbaren Konzert wieder. Ein Jubeln und Singen und Preisen in mir. Der erste [Verheißung und Geburt des Heilands] und zweite Teil [Passion und Auferstehung Jesu] des Messias von G. Fr. [Georg Friedrich] Händel[1] mit dem unsterblichen Halleluja ließ uns den Sieg trotz Not und Schmach, den Gott und Christus uns geschenkt, in einziger gestei­gerter Wucht und Begeisterung er[le]ben.
Beim Halleluja deuchte mir, ähnlich müsse wohl das ewige Jubeln der sin­genden und musizierenden Engel und Heiligen vor des Dreieinigen Gottes Thron sein – und das machte mich so beschwingt und vor Kraft und Sieges­freude mitjauchzen.
Das ist der Sieg, der die Welt überwindet! [vgl. 1 Joh 5,4]
Herr der Herrn, der Götter Gott. – Und Er regiert von nun an auf ewig. Der Herr wird König sein. Halleluja![2] In hinreißendem Schwung der Harmo­nien und Melodien klingen alle Her­zen der „Teilhaber“ mit! Solche Stunden sind mehr wert als dickleibige Apologetikbände, deren Sinn ja auch nicht verkannt werden soll.
Wir alle leben in Gottes Freude. In Ihm und (oder nur) oder auf der Suche in Seiner Liebe.
Das dunkle Reich“ von Hans Pfitzner[3] – tief, modern, tonmalend, sin­nend über das Geheimnis des Todes, des Leidens, des Lebens. Eine feine Gedicht­auswahl in ein Tongemälde vereint. Toll das Tanzlied (Gesang der Leben­digen!) der Schnitter und Schnitterinnen.[4] Tief ergreifend zu Anfang und zu Ende der Chor der Toten von C. F. Meyer. „Wir Toten …“[5] „Das Lied vom Brunnen des Leides“ [
Es ist ein Brunnen, der heißt Leid] ([Richard] Dehmel[6]) tiefe Deutung des Sinns des Leidens. Ein Nahekommen mystischer Art dieses Problems. Feine Tonmalerei des Brunnens – plätscherndes, trop­fen­des, stilles Wasser!
[1] Oratorium Messiah – Der Messias (HWV 56)
[2] 39. Chor:
Denn der Herr, Gott der Allmächtige herrschet. Hallelujah! Das Königreich der Welt ist worden das Königreich des Herrn, und seines Christs. Und er wird herrschen ewig und ewig – Herr der Herren, der Götter Gott. Halleluja.
[3] Hans Erich Pfitzner hat dieses Werk 1929 als erstes nach dem Tod seiner Frau Mimi Kwast (1879–1926) 1926 geschrieben. Es wird auch als sein Requiem be­zeichnet. Ein Motto aus Johann Wolfgang von Goethes „Iphigenie“ stellt er voran: „Und laß dir raten, habe die Sonne nicht zu lieb und nicht die Sterne, komm, folge mir ins dunkle Reich hinab.“
Drei Texte stammen von Conrad Ferdinand Meyer (Wir Toten, Schnitterlied, Scheiden im Licht), einer von Johann Wolfgang von Goethe (Gretchen vor der Mater dolorosa), einer von Michelangelo (Alles endet, was entstehet) und einer von Richard Dehmel (Es ist ein Brunnen, der heißt Leid). Ein selbständiger Orchestersatz (Tanz des Lebens) und ein (kleines) Or­gelstück finden sich außer­dem.
[4] Schnitterlied (Chor der Lebenden)
Wir schnitten die Saaten, wir Buben und Dirnen, / Mit nackenden Armen und triefenden Stirnen, / Von donnernden dunkeln Gewittern bedroht – / Gerettet das Korn! Und nicht einer, der darbe! / Von Garbe zu Garbe / Ist Raum für den Tod – / Wie schwellen die Lippen des Lebens so rot! / Hoch thronet ihr Schönen auf güldenen Sitzen, / In strotzenden Garben, umflimmert von Blit­zen – / Nicht eine, die darbe! Wir bringen das Brot! / Zum Reigen! Zum Tanze! Zur tosenden Runde! / Von Munde zu Munde / Ist Raum für den Tod – / Wie schwellen die Lippen des Lebens so rot!
C. F. Meyer (Pfitzner 1930: 3)
[5] Chor der Toten
Wir Toten, wir Toten sind größere Heere / Als ihr auf der Erde, als ihr auf dem Meere! / Wir pflügten das Feld mit geduldigen Taten, / Ihr schwinget die Sichel und schneidet die Saaten, / Und was wir vollendet und was wir begon­nen, / Das füllt noch dort oben die rauschenden Bronnen, / Und all unser Lie­ben und Hassen und Hadern, / Das klopft noch dort oben in sterblichen Adern, / Und was wir an gültigen Sätzen gefunden, / Dran bleibt aller irdische Wan­del gebunden, / Und unsere Töne, Gebilde, Gedichte / Erkämpfen den Lorbeer im strahlenden Lichte, / Wir suchen noch immer die menschlichen Ziele – / Drum ehret und opfert! Denn unser sind viele!
C. F. Meyer (Pfitzner 1930: 2)
[6] Chorspruch
Es ist ein Brunnen, der heißt Leid; / Draus fließt die lautre Seligkeit. / Doch wer nur in den Brunnen schaut, / Den graut. / Er sieht im tiefen Wasserschacht / Sein lichtes Bild umrahmt von Nacht. / O trinke! Da zerrinnt dein Bild: / Licht quillt.
Dehmel (Pfitzner1930: 4)