Vor 75 Jahren starb Jakob Küppers

 

Jakob Küppers (* 22.7.1873 in Goch, † beim Luftangriff auf Kleve 7.10.1944) – Eintritt ins Collegium Borromaeum in Münster 24.4.1895 – Prie­ster­weihe 18.3.1899 in Münster – Kaplan in Kleve St. Mariä Himmelfahrt 1899–1909 – Kaplan in Keve­laer 1909–1918 – Pfarrer in Kleve (Kapitelstr. 8) 25.9.1918 – Definitor 1922 – Dechant 21.12.1926 – Propst h. c. 1943 – Karl Leisner hatte eine besondere Beziehung zu Jakob Küppers; denn dieser gehörte zu den wichtigen Priestern in seinem kurzen Leben. Er ließ ihn immer wieder in den Briefen aus dem KZ Dachau an seine Familie grüßen und schrieb ihm auch mehrmals persönlich einen Beibrief von dort.

 

Bombenangriff auf Kleve am Samstag, dem 7. Oktober 1944
Dieser Tag war ein Tag des Schreckens für die Stadt. Gegen 13.40 Uhr zer­stör­ten 335 englische Bomber inner­halb von 30 Minuten 80% der Bebau­ung. 1728 Tonnen Spreng- und 90 Zentner Brandbomben gingen auf den Kern der Stadt nieder. Dabei fanden 649 Menschen unter den Trümmern den Tod, unter ihnen Propst Jakob Küppers und der Kaplan der Un­terstadtkirche Johannes Smeets.

Augenzeugenbericht von Kaplan Albert Heistrüvers

Es kam der 7. Oktober, ein milder, schöner Herbsttag. Die Stadt selbst aber glich einem großen Heerlager, und die feindlichen Aufklärer kreisten wie gewohnt über der Stadt. Sirenengeheul gehörte zur Tagesordnung. Zwischendurch wußte man selbst nicht mehr: Ist zur Zeit Voralarm oder Vollalarm, das heißt akute Lebensgefahr, oder ist Entwarnung gegeben. Zur Mittagsstunde um 12 Uhr begab sich der Propst [Jakob Küppers] ins Herz-Jesu-Kloster[2], weil er wegen seines nervösen Magenleidens nur Diät-Kost vertrug. An der Haustür meinte er noch, eine kleine Unterlassung begangen zu haben, weil er nicht auch für mich das Mittagessen im Herz-Jesu-Kloster bestellt habe.
Mehr als 9 Jahre waren wir priesterlich eng und freundschaftlich verbunden gewesen und waren es nun erst recht in den Tagen der gemeinsamen Not und Gefahr und Angst. Das Alter von 71 Jahren tat dem Propst sonst noch wenig an, aber die bitteren Jahre des Dritten Reiches mit allen Schikanen und Böswilligkeiten von Gestapo und Partei gegen Kirche und kirchliches Leben, das Zerstreutsein seiner Herde, das Massensterben an den Fronten, das Leiden seines Diakons Karl Leisner im KZ Dachau, das Bangen und Ahnen eines schrecklichen Kriegsendes für seine geliebte Stadt und Stiftskirche[3], das alles stimmte ihn wehleidig und wehmütig und belastete ihn nervlich mehr als man ihm äußerlich anmerkte. „Heute noch!“ Diese zwei Worte hatte er aus einer Zeitschrift ausgeschnitten und auf seinen Schreibtisch gestellt. Darin war wohl seine Bereitschaft zum Lebensopfer ausgedrückt. Und Pater Suitbert, der mit den älteren Patres vom Spyckklösterchen[4] zum Konvent in Werne übergesiedelt war, schrieb mir nachher, daß er noch wenige Tage vor dem 7. Oktober Post vom Propst erhalten habe, die „so ganz im Tone eines Abschiedsbriefes gehalten sei, als habe er sein Ende wohl im Voraus gefühlt“.
Der Propst kam vom Herz-Jesu-Kloster zurück. Im Flur des Pfarrhauses sprachen wir noch kurz miteinander. Niemand von uns beiden ahnte, daß es bereits unsere letzte Begegnung sein würde. Dann ging ich hinüber in die anliegende Kaplanei, wo bei Kaplan Deimel[5] sich eine kleine Gemeinschaft von etwa sechs bis acht Personen zum Mittagsmahle einfand, unter anderem auch Küster Peters und Frau. Als wir noch gut gelaunt zu Tische saßen, heulten die Sirenen wieder Vollalarm. Wir begaben uns in den Keller des Hauses. An Sirenengeheul gewöhnt, nahm noch scherzend Küster Peters seinen gerade gefüllten Teller mit nach unten, um dort noch eine warme Mahlzeit einzunehmen. Als dann aber die ersten Bomben fielen, begriff man den Ernst der Stunde. Die Erde bebte unter dem Dröhnen der krepierenden Bomben; man hörte das Klirren der zertrümmerten Fensterscheiben und das Einstürzen von Mauerwerk. Bombensplitter durchzischten den Kellerraum, verletzt wurde aber niemand. Alles Scherzen hatte ein rasches Ende gefunden, und der Appetit war urplötzlich vergangen. Man bat um Absolution[6] und betete den Rosenkranz. Vierzig Minuten lang kreisten die Bomber über der Stadt und warfen erbarmungslos ihre Bombenlast auf Häuser und Menschen, um sie lebend unter den Trümmern zu begraben. Aber das Ausmaß der Zerstörung wurde erst sichtbar und klar, als man aus dem Schlupfloch des verqualmten Kellers stieg.
Der erste Blick schon aus dem Kellerfenster fiel auf die Ruinen der vordem so majestätischen Gottesburg der Stiftskirche: „Die Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte.“[7] Ein Kirchturm war verschwunden, der zweite, schwer·angeschlagen, stürzte noch am gleichen Nachmittag zusammen, als überall verborgen unter den Schutthaufen Bomben mit Zeitzünder krepierten. Geblieben waren im Großen und Ganzen die Umfassungsmauern der Kirche. Aber im Chorraum klaffte eine große Lücke auch im Mauerwerk. Im Jammerbild und Trümmerfeld der Kirche hatten die Säulen ihrem Namen Ehre gemacht: die Säulen standen aufrecht wie alte Tempelruinen. Und auf ihnen ruhten noch die Verbindungsmauern mit den Säulenbögen, und auf einem Restbestand der Balkenlage von Mauer zu Mauer im Mittelschiff ragte noch der kleine Dachreiter wie der kleine Finger einer zerschmetterten Hand in den blauen Himmel hinein.
Die ineinandergesunkenen Türme bildeten am ehemaligen Hauptportal einen fast haushohen Trümmerhaufen und hatten zugleich die prächtige große Orgel mit Empore restlos unter sich begraben. Auf dem Kirchplatz waren die herbstlichen Lindenbäume fast gänzlich entlaubt worden, einige auch umgestürzt; unter den Bäumen auch Bombentrichter und sterbliche Überreste von Menschen, die vielleicht vor Jahrhunderten auf dem „Kirchhof“ im Schatten der Stiftskirche bestattet waren und nun durch den Bombenkrieg in ihrer Grabesruhe gestört und aus der Erde gehoben wurden. Soweit man blicken konnte, überall nur Trümmer und Schutt. Auf der Kapitelstraße war kein Haus ganz geblieben, und die eingestürzten Häuserfronten hatten hier wie überall die Straßen völlig blockiert und unpassierbar gemacht. Alle kircheneigenen Gebäude im Umkreis der Stiftskirche waren zu Ruinen geworden.
Das Lyzeum[8], schräg hinter dieser Kaplanei gelegen, hatte ebenfalls einen Volltreffer erhalten. Da sich dort gerade eine Gruppe für den Abtransport in die Evakuierung des Gaues Magdeburg versammelt hatte, endete bereits hier im Keller des Lyzeums für alle ihr Lebensweg in einem überraschend schnellen Bombentod. – Von der zweiten Kaplanei, linker Hand des Pfarrhauses, in deren Keller wir Schutz gesucht und auch alle überlebt hatten, stand noch das Gerippe, das heißt ein Haus ohne Türen und Fenster und ohne Dachziegel. Einen direkten Treffer hatte sie nicht erhalten.
Fast ebenso war es der alten Kaplanei ergangen, Nassauerstraße 5, Baujahr 1753 und vermutlich ehemalige Präbendarwohnung des [Stifts]Kapitels[9]. Sie war bislang von mir bewohnt worden und enthielt dazu die Büroräume des Rendanten Herrn Peter Albers[10]. Reste von Gardinen flatterten nach draußen, und der herbstliche Wind trieb sein leises Spiel damit. Diese Kaplanei grenzte an das Hauptzollamt. In den Garten hinter dem Hauptzollamt war eine Bombe gefallen und hatte die Außenwand der Kaplanei nach dieser Seite hin zum Einsturz gebracht, wobei die Mauersteine und das Mobiliar meines Studier- und Schlafzimmers den Bombentrichter gleich zugeschüttet hatten. Mein „Römerhut“[11] aus der Seminarszeit lag als „Lebewohl“ sagendes Zeichen und Andenken darauf.
Ein Blick auf die Schwanenburg[12] zeigte, daß diese stolze Burg zur Burgruine geworden war. Neben der Stiftskirche als zweites Wahrzeichen der Stadt mit ruhmvoller Vergangenheit, hatte die Schwanenburg aufgehört, Schloß auf dem Burgberg zu sein: Schwanenburg ohne Schwan und nur noch mit halbem Turm. Das letzte Echo des Schwanengesanges eines Minnesängers Heinrich von Veldecke[13] war verklungen und der Schwan buchstäblich „davongeflogen“. Und der „Große Kurfürst“[14] auf dem „Kleinen Markt“ hätte schon vor Schrecken vom Sockel fallen mögen, wenn er seine geliebte Residenz in diesem Zustand gesehen hätte. Aber selbst „tödlich getroffen“ und durchbohrt von fast zahllosen Bombensplittern lagen „Roß und Reiter“ neben dem großen Steinsockel auf dem Marktplatz.
Wir standen vor der bangen Frage: Hat der Propst überlebt? Hastig stiegen wir die Kellertreppe hinunter. Vor der untersten Stufe im Kellerflur lag Herr Pfarrer Georg Lampers, ein Priester der Diözese Kulm, der im Pfarrhaus Unterkunft gefunden hatte, als das Herz-Jesu-Kloster in ein Lazarett umgewandelt worden war. Er hatte sich zur Mittagsruhe gelegt. Als der Bombenangriff begann, hatte er sich beeilt, in den Keller zu gelangen. Er muß gerade den Kellerflur erreicht haben, als der Volltreffer aufs Pfarrhaus einschlug. Vom Luftdruck der krepierenden Bombe wurde er bis vor die Treppe zurückgeschleudert, wo er jammernd am Boden lag und um Hilfe bat. Sein Gesicht war kohlrabenschwarz, sonst aber war er ohne größere Verletzungen. Ihm mußte zuerst geholfen werden. Man lagerte ihn auf eine der überall herumliegenden Zimmertüren und transportierte ihn über Geröll und Schutt zur Nassauerallee, wo eine Strecke hinter dem ehemaligen „Hotel Maywald“[15] ein Sanitätswagen stand, um von hier aus Verletzte zur Anstalt Bedburg-Hau[16] zu fahren.
Dann aber ging’s zurück zum Pfarrhaus, um festzustellen, ob auch für den Propst noch eine Hilfe und Rettung möglich sei. Wohl ganz zufällig traf ich hier den leitenden Offizier, mit dem einige Tage zuvor im Pfarrhaus die Kriegssituation für die Stadt Kleve besprochen worden war. Auf meine Frage und Bitte, ob er nicht einige Soldaten bereithalten könne, um das Schicksal des Propstes zu klären, ging er sofort ein. Und nun ging die Suche los. Laute Rufe in Hausflur und Keller und auf den Trümmern blieben unbeantwortet. Kein Lebenslaut und kein Lebenszeichen wurde gehört. Man begann darauf, den Trümmerschutt des Hauses abzutragen. Als man schließlich bis zu den Kellerräumen vorgedrungen war und feststellte, daß kein Kellergewölbe und keine Eisenträger standgehalten hatten, war wohl nicht mehr daran zu zweifeln, daß der Propst unter den Trümmern des Hauses begraben war. Vorerst blieb also der Propst vermißt. Hilflos und fast mutterseelenallein stand man in der Steinwüste rund um die Stiftskirche, und langsam senkte sich der Abend über die tote Stadt.[17]
[2] Erste urkundliche Erwähnung des heute unter Denkmal­schutz stehenden Patrizierhauses 1750 – Kauf durch die Ordens­ge­mein­­schaft der Schwestern von der Göttlichen Vorsehung (Vor­sehungs­­schwestern) Rheini­sche Ordens­provinz Kevelaer 1903 – Nutzung als Kur- und Erholungshaus für anfangs 12 Kurgäste – Angliederung eines Haushaltspensionates für 25 Pen­sionäre 1904 – im Zweiten Weltkrieg Lazarett – starke Zerstörung während der Bom­bar­dierung Kleves 1944 – Wiederaufbau u. Nutzung als Altenheim
[3] Erwähnung einer kleinen, im romanischen Stil aus weißem Tuff­stein erbauten, dem hl. Evange­listen Johannes ge­weihten Kirche im 12. Jh. – Grund­steinlegung der Kirche St. Mariä Himmelfahrt durch Graf Dietrich IX. von Kleve, genannt der Fromme, 12.8.1341 – Namensgebung Stiftskirche auf Grund des Rufes der Stiftsherren des Stiftes Monreberg bei Kalkar nach Kleve – Die Kirche hat vie­le Be­zeich­­nungen: St. Mariä Himmelfahrt, Stiftskirche, Propsteikirche, Ober­­­stadtkir­che/Oberkirche und im Volksmund auch de Bover­kerk. 1934 bekam die Christus-König-Kirche den Namen Ober­stadt­kirche, da sie sich in der Oberstadt von Kleve be­fin­det, und die Stiftskir­che wurde zur Mittelstadtkirche; die­ser Begriff hat sich aber nicht durch­gesetzt.
[4] Eintreffen von Kapuzinern in Kleve am Aschermittwoch 1627 – Voll­en­dung ihres Klosters an der Stechbahn 1653 – Zusammenarbeit mit den Mino­riten der Unterstadtkirche – Aufhebung des Klosters 1802 – Grundsteinlegung eines Klosters mit einer Kirche in der Bau­ernschaft Spyck (Pfarrei Rindern) 23.4.1866 – Einweihung durch Weihbischof Johannes Boßmann aus Münster 4.10.1872 – Aufhebung des Klosters 1875 – Rückkehr 1887 – Studienanstalt der Ordensprovinz für philo­so­­phi­sche u. theo­logi­sche Studien 1890 – Abtrennung des Bereiches von der Unter­stadt­kirche (St. Mariä Empfängnis) 1966 – selbständige Pfarrei Herz Jesu, Rindernscher Deich 23, 1991 – Groß­ge­meinde Kleve 2005
[5] Dr. theol. Ludwig Deimel (* 15.10.1900 in Emmerich am Rhein, † 3.1.1970 in Hiltrup) – Eintritt ins Collegium Borromaeum in Münster Ostern 1920 – Priester­weihe 7.3.1925 in Münster – Kaplan in Kleve St. Mariä Himmelfahrt 4.9.1941 bis 1947
[6] von absolvere (lat.) = loslösen, freisprechen – Sündenvergebung im Sakrament der Buße
[7] Mt 24,15
[8] Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in Kleve zwei weiterführende Mädchenschulen, das Katho­lische Mäd­­­­­­­­chenlyzeum, die Marienschule, auf der Kapitelstraße und das Evan­ge­lische Lyzeum für Mädchen, die beide auf Grün­dungen in den vierziger Jahren des 19. Jahr­hunderts zurückgingen.
[9] Am 12.8.1341 legte Graf Dietrich (der Fromme) IX. von Kleve den Grundstein für die Stifts­kirche, an die er die Stiftsherren des Stiftes Monreberg bei Kalkar berief. Diese Stiftsherren, auch Praebendare genannt, lebten von einer Pfründe (paebenda {mlat.} = Einkünfte aus einem Kirchenamt).
[10] vermutlich Peter Albers (* 1.12.1901 in Hülm, † 26.2.1955 in Köln). Er wurde 1946 erster Landrat des Kreises Kleve nach dem Zweiten Weltkrieg.
[11] großer breitkrempiger Hut der Kleriker – Farbe und Zahl der Quasten machten den Rang des Trägers deutlich.
[12] Errichtung auf einem spornartigen Ausläufer des Nieder­rhei­nischen Höhenzuges, dem sog. Schloßberg, durch die Grafen von Kleve im 11. Jh. – neben der Stiftskirche Wahr­zei­chen von Kleve, der Stadt auf der Klippe – Namensgebung nach dem „Schwanenritter Elias“, dem sog. Stammvater der Klever Fürsten – Im 19. Jh. wurde dieser klevische Rit­ter mit Richard Wagners Opernheld Lohengrin gleichge­stellt. Der Sage nach soll er auf der Schwanenburg gelebt haben, bis Elsa ihr Versprechen („nie sollst Du mich befragen“) brach. Lohengrin kam in einem von einem Schwan gezogenen Nachen nach Kleve. Ein Schwan krönt heute noch die Spitze des höchsten Turmes auf dem Schloßberg. Der ehemalige Sitz der Klever Herzöge beherbergt heute das Land- und Amts­gericht.
[13] Heinrich von Veldecke (* vor 1150, † zwischen 1190 u. 1200) – niederländisch-deutscher Dichter – Er bezeichnete Margareta von Kleve als seine Gönnerin.
[14] Friedrich Wilhelm von Brandenburg (* 16.2.1620 in Cölln/Berlin, † 9.5.1688 in Potsdam) – Kurfürst von Brandenburg 1.12.1640 bis 9.5.1688 – Heirat 1646 in Den Haag/NL mit Louise Henriette von Oranien (* 7.12.1627 in Den Haag, † 18.6.1667 in Cölln/Berlin) – Bis 1650 residierte er in Kleve und sein ältester Sohn Wilhelm Heinrich (* 11.5.1648 in Kleve, † 20.10.1649 in Wesel) wurde auf der Schwanenburg geboren. Sein Statthalter in Kleve war ab 1649 Johann Moritz von Nassau-Siegen.
[15] Haus der Brüder Wilhelm u. August Maywald – Gründung als Kaffee­haus 1822 – Werbung mit dem Slogan „Das ganze Jahr geöffnet“ – als Hotel Maywald Anfang des 20. Jh. Belegung mit 70 Betten – Zerstörung beim Luftangriff 7.10.1944
[16] Die heutige LVR[Landschaftsverband Rheinland]-Klinik Bedburg-Hau nannte man vor dem Zweiten Weltkrieg „Landes­heilanstalt“ oder ein­fach „Anstalt“, und jeder Nieder­rheiner wußte, daß diese in Bed­burg-Hau lag.
[17] Kirche+Leben Nr. 41, 16. Oktober 1994: 13

Bischof Clemens August Graf von Galen aus Sendenhorst, Westf. am Montag, 30. Oktober 1944, an Willi Leisner in Berlin:
Sehr geehrter Herr Leisner!
Erst gestern habe ich Ihr Schreiben vom 13.10. samt Anlagen emp­fan­gen. Der Brief vom 1.10. ist bisher nicht in meine Hände gekom­­men.
Auf dem anliegenden Blatt [Extrabogen] habe ich eine Antwort für Ihren Bruder auf­geschrieben, welche meine Zustimmung enthält zu seiner Bitte, in Da­chau die hl. Priesterweihe empfangen zu dürfen. Ich weiß nicht, ob Sie ihm das Blatt so zusenden können, und gebe Ihnen anheim, in einer an­deren Form, wenn Ihnen das besser scheint, meine Zustimmung über­mitteln zu wollen. Sollten Sie erfahren, daß Ihr Bruder sein Ziel erreicht, so bitte ich um baldige Nachricht.
Tief erschüttert bin ich durch das Unglück, das über Ihre Heimat, das schöne Kleve, gekommen ist. Hoffentlich haben Sie gute Nachrichten, daß Ihre Eltern und Angehörigen keinen Schaden genommen haben. Ge­stern erhielt ich die Nachricht, daß die Leiche des hochw. Herrn Propstes Küppers endlich unter den Trümmern des Hauses gefunden und bestattet worden sei.
Mit Gruß und Segen
† Clemens August

Siehe auch Aktuelles vom 7. Oktober 2014 – Vor 70 Jahren – 7. Oktober 1944 im KZ Dachau und in Kleve.

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In Karl Leisners Heimatpfarre St. Mariä Himmelfahrt (Stiftskirche) in Kleve war Jakob Küppers von 1899 bis 1909 Kaplan und ab 1918 dort Pfar­rer. Er kam gebürtig aus Goch, dem Geburts- und Wohnort von Karl Leisners Eltern. Familie Wilhelm Leisner zog 1921 von Rees nach Kleve und gehörte dort zur Pfarre St. Mariä Himmelfahrt. Vermutlich bestand seitdem ein persönlicher Kontakt zu Jakob Küppers. Daher ist es durchaus denkbar, daß Karl Leisner in seiner Heimat­pfarrkirche gefirmt werden wollte.

Zur Firmung kam Bischof Dr. Johannes Poggenburg am 19. Juli 1927 nach Kleve.

v.l.: Pfarrer Paul Hellraeth, Dechant Jakob Küppers, Kaplan Philipp Brockhausen,
Rektor Heinrich Josten, Kaplan Heinrich Maags sen., Kaplan Theodor Pasch,
Kaplan Hermann-Josef Wolffram, Kaplan Johannes Haefs

Siehe Aktuelles vom 24. Juli 2017 – Karl Leisners Firmung.

Tagebucheinträge

Kleve, Mittwoch, 25. Dezember 1929, 1. Weihnachtstag
Um 2.45 Uhr standen wir schon auf. – Dann gingen wir zur Christmette. Wir waren um 3.15 Uhr schon in der Oberstadtkirche [Stiftskirche]; aber trotz­dem bekam ich nur in den letzten [Reihen] des Mittelschiffs einen Platz. – Sämtli­che Lichter, die zur Verfügung standen, waren angezündet (Kron­leuchter, Kerzen, elektrisches Licht und Gas). – Dies ver­sinnbildet, daß heute das Licht der Welt gleichsam „angezündet“ wurde. – Um 4.00 Uhr begann Pfarrer Küppers das feierliche Hochamt, dem sich zwei Messen mit Volksgesang anschlos­sen. Im Hochamt sang der Kirchenchor eine wun­derschöne Messe (von einem Italiener). – Sehr viele Leute gingen zum Tisch des Herrn [zur Kommunion], so daß es auch in ihrem Innern „Weihnachten“ wurde. – Mit echter Weihnachtsstimmung gings nach Hause, wo ein „echter Weihnachtskaffee“ gebraut wurde. Alles mundete köstlich.

Karl Leisner aus Kleve am Mittwoch, 27. Dezember 1933, an Walter Vinnenberg in Münster:
In den Exerzitien [in ’s-Heerenberg] habe ich mich ziemlich fest entschlos­sen, Theologie zu studieren, nachdem meine Hauptschwierigkeit – das sech­ste Gebot – fast ganz überwunden ist. Ich bin mir nur noch nicht ganz dar­über im klaren, ob ich zunächst ein Jahr FAD mit­machen soll oder sofort nach Münster kommen soll – na, das hängt ja we­sentlich von der Zulassung ab. Der Dechant [Jakob Küppers] will es versu­chen mit „sofort“, mir wäre es am liebsten, wenn die Zulas­sung für nächste Ostern (1935) ganz sicher wäre, und ich zunächst ein Jahr FAD erledigen könnte.

Im Nachlaß von Karl Leisner befindet sich folgender Notizzettel ohne Datum:
Münster-Papiere:
1.)   Abschrift der „Zensur“.[1]
2.)   Versicherung von Vater, vom Pastor [Jakob Küppers] unterschreiben lassen.
3.)   Tauf-
4.)   Firmschein. (Um 14.00 Uhr zu Pastor [Paul] Hellraeth Firmzeugnis: 1926)[2]
[1]  Karl Leisner hatte sein Abiturzeugnis zu dem Zeitpunkt offensichtlich noch nicht in Händen.
[2]  Das Datum der Firmung ist falsch; sie war am 20.7.1927.

Dahlen, Samstag, 1. Mai 1937
22.00 Uhr Falle nach einem Kartengruß an De­chant K. [Jakob Küppers] und einem Singestündchen.

Bad Schandau, Montag, 17. Mai 1937, Pfingstmontag
Vorher Karten an Kpl. St. [Kaplan Ferdinand Stegemann], Decht. K. [De­chant Jakob Küp­pers] und Manes [Hermann] Mies.

Kleve, Sonntag, 25. Juli 1937
Dechant [Jakob Küppers heute am Fest des heiligen Jakobus] (zum Namenstag gratuliert).

Georgsdorf, Freitag, 10. und Samstag, 11. September 1937
Briefe geschrieben nachher heim. Später (tags): Kaplan [Ferdinand] Stegemann, Dechant K. [Jakob Küppers], [Familie] Peiffer.

Kleve, Montag, 1. November 1937, Allerheiligen
Daheim! – Abends bei Familie Peiffer. Nachmittags beim Dechant [Jakob Küppers].

Kleve, Samstag, 25. Dezember 1937, Weihnachten
2.45 Uhr Wecken. Auf zur Christmette in der Pfarrkirche [Stiftskirche]! […] Ach, wie ist das schön. Ich kann beten wie lange nicht mehr. Wir sind daheim! – Unser lieber Hochwürdiger Herr Dechant [Jakob Küp­pers] zelebriert. Kaplan [Wilhelm] Delbeck und Studienrat [Friedrich] Giesen assistieren [als Diakon und Subdiakon[1]]. Kaplan [Franz] Demers verkündet die Frohbotschaft von Weihnacht.
[1]  Die beiden Leviten waren am Weihnachtsfest zu Besuch bei ihren Familien bzw. Angehörigen in Kleve.

Kleve, Montag, 2. Januar 1939
Dann unserm lieben Hochwürdigen Herrn Dechant Küppers auf Wiedersehn gesagt und Kaplan [Ferdinand] Stegemann. Er (Erster [Küp­pers]) spricht vom „Verwandeln“ unserer Leidenschaft und Naturkraft (das ist hei­ligen); jener vom iugum levius [leichteren Joch, (vgl. Mt 11,28–30)], das die jungfräuliche Bindung an Gott gegenüber der Bindung an einen Men­schen in der Ehe bedeutet (sc. es kommt auf Gottes Be­stim­mung an und ihre gehorsame Befolgung).

Münster, Sonntag, 23. April 1939, Heiliger Georg
Äußere Feier des 40jährigen Priesterjubiläums von Dechant Jakob Küp­pers.

Karl Leisner aus St. Blasien am Sonntag, 5. November 1939, an seine Familie in Kleve:
Vom Hochwürdigen Herrn Regens [Arnold Francken] bekam ich am Vor­abend des Namenstags bejahenden Bescheid.[1] Ich hatte ihn gebeten, gleich­zeitig dem Hochwürdigen Herrn Dechant [Jakob Küppers] Bescheid zu­kom­men zu lassen – so werdet Ihr’s auch schon wissen.
[1] vermutlich zur Priesterweihe am 23.12.1939 in Münster

Mit großem Eifer hat Karl Leisner im KZ in den offiziellen Briefen der Ge­denktage seiner Lieben daheim ge­dacht. Ab 1941 schrieb er Jakob Küppers jedes Jahr einen „Bei­brief“.

Karl Leisner aus Sachsenhausen am Sonntag, 17. März 1940, an seine Familie in Kleve:
Grüßt mir bitte alle Verwandten und Bekannten recht herzlich. Besonders Herrn [Regens Arnold] Francken und Herrn Küp­pers.

Karl Leisner aus Sachsenhausen am Sonntag, 17. März 1940, an seine Familie in Kleve:
An unsere Frontsoldaten: die Vettern, Onkels, Freunde und Kameraden immer wieder 1000 Grüße der innigsten Verbun­denheit! An Familie [Johann] Kuypers in Kessel, an [Eduard und Alwine] Bettrays, Onkel Hei­neke und Tante Lineke [Otten], an [Regens Arnold] Francken, Küppers, [Bernhard] Worm­land, [Bischof von Mün­ster Clemens August Graf von] Galen, [Franz] Demers, Ferdinand[1] be­sondere Grüße.
[1] vermutlich in der Reihe der Geistlichen Kaplan Ferdinand Stegemann oder aber Onkel Ferdinand Falkenstein

Karl Leisner aus Sachsenhausen am Sonntag, 11. August 1940, an seine Familie in Kleve:
Alle, alle grüßt viel tausendmal! Besonders die lieben Gocher, W. [Weseler], D. [Dortmun­der], N. [Neußer Ver­wandten], Heini Thbg. [Tenhumberg], Walter, Dr. P. [Bernhard Pe­ters], Bern­hard B. [Boine], Familie Ruby und alle Gön­ner, Fami­lie Peiffer, [Heinrich] Huyeng, Küppers, [Fer­di­nand] Stege­mann, [Fa­milien] Pollmann, Heuvel usw. Auch On­kel [Bischof] Clemens August [Graf von Galen] und [Ar­nold] Francken. Allezeit unver­zagt!

Karl Leisner aus Dachau am Montag, 10. Februar 1941, an seine Familie in Kleve:
An die lieben Klever Mitbrüder denke ich oft. An Dechant Küppers und Kaplan [Ferdinand] Stegemann besonders Dank und Gruß.

Karl Leisner aus Dachau am Sonntag, 4. Mai 1941, an seine Familie in Kleve:
An [Kaplan Ferdinand] Stege­mann, Walter [Vinnenberg], Küppers und alle herzli­che Grüße.

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 17. Mai 1941, an seine Familie in Kleve und an seine Tanten Julchen und Maria Leisner in Goch:
Daß Küppers mal hinter [Kaplan Ferdinand] Ste­gemann [in der Reihenfolge der Grüße] gerät, dürft Ihr mir nicht krumm nehmen bei der wenigen Ruhe, in der man schrei­ben muß.[1] Ihr habt’s ja auch selbst ganz richtig verbessert.[2] Grüßt beide immer herzlichst!
[1] Die KZler waren nie allein.
[2] vermutlich beim Fertigen der Abschriften des Briefes mit Schreibmaschine

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 12. Juli 1941, an Jakob Küppers in Kleve:
Sehr verehrter, lieber Herr Dechant!
Was hab’ ich mich über Ihren lieben Brief vom 23.6. gefreut! Herzlichst danke ich Ihnen für Ihre väterlichen, schönen Worte. Zum Namensfeste [25.7.] möchte ich Ihnen die herzlichsten Glück- und Segenswünsche über­mitteln, in kindlicher Liebe und Dankbarkeit werde ich Ihrer am Jakobstage ganz besonders gedenken. Wie spüre ich immer wieder in dieser Zeit Ihr und aller geistliches Verbun­densein. Für den Fronleichnamssegen danke ich be­sonders. Grüßen Sie mir bitte alle in der lieben Heimat, besonders alle lieben Hochwürdigen Herren Confratres! An die Kameraden der Front denke ich täglich. Mit ergebenen, treuen Grüßen!
Ihr Karl L.

Karl Leisner aus Dachau Samstag, 26. Juli 1941, an seine Familie in Kleve:
Vorge­stern[1] dachte ich besonders an Tante Christine [Krekeler], ge­stern[, am Fest des hl. Jakobus,] an Jakob Küppers und [Jakob] Schroers.
[1] Fest der hl. Christina am 24.7. Heute wird an dem Tag des hl. Christo­phorus ge­dacht.

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 4. Oktober 1941, an seine Familie in Kleve:
An alle lieben Konfra­tres treuen Gruß, beson­ders Küppers, [Johannes] Giese, Leo Schm. [Schmitz], Albert H. [Heistrüvers], [Heinrich] Josten.

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 29. November 1941, an seine Familie in Kleve:
An Dechant Küppers, Kaplan Steg. [Ferdinand Stege­mann], Heistr. [Albert Heistrüvers] und den neuen Kaplan [Ludwig Deimel], an [Pfarr-] Rektor [Johannes] Giese und Leo Schm. [Schmitz]!

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 29. November 1941, an seine Familie in Kleve:
Zum Schluß noch für Hochwürden Herrn Dechant K. [Jakob Küppers] und die ganze Ge­meinde [St. Mariä Himmelfahrt in Kleve], Steg. [Ferdinand Stegemann], Leo Schm. [Schmitz], [Johannes] Giese und alle lieben Mitbrüder treueste Grüße in Dank und froher Hoff­nung!

Karl Leisner aus Dachau am Freitag, 3. April 1942, Karfreitag, an Jakob Küppers in Kleve:
Verehrter, hochwürdiger lieber Herr Dechant!
Es ist um die Todes­stunde unseres Herrn. Sie und alle werten Hochwürdi­gen Herren Mitbrüder stehen mitten in der Feier der göttlichen Mysterien. In gro­ßer Sehnsucht verbinde ich mich täglich mit Ihnen. Oft und oft gehn meine Gedanken zu Ihnen allen in der lieben – ach so fernen – Heimat. Aber auch hier scheint die Sonne und wirkt die Gnade. So wünsche ich Ih­nen, Kaplan Steg. [Ferdinand Stegemann], [Albert] Heistrüvers, Daimler [Ludwig Dei­mel], [Pfarr-]Rektor [Johannes] Giese, Pfar­rer [Paul] Hell­raeth und allen lieben Confratres sowie der ganzen Ge­meinde frohe, geseg­nete Oster­zeit. Mit sonnigen Grüßen
Ihr Karl L.

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 2. Mai 1942, an seine Familie in Kleve:
An alle hochwürdigen lieben Herren Mit­brüder daheim treue Grüße, besonders an Herrn Dechant [Jakob Küppers] und Kaplan Steg. [Ferdinand Stege­mann]! Und [Pfarr-]Rektor [Johannes] Giese!

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 11. Juli 1942, an seine Familie und an Jakob Küppers in Kleve:
Zum Jakobstag am 25.[7.] Bei­brief und Glückwunsch an Dechant [Jakob Küp­pers] und [Jakob] Schroers.
Verehrter, lieber hochwürdiger Herr Dechant!
Herzlichst wünsche ich Ihnen Glück und Segen zum Namenstag. Ihrer und der lieben Gemeinde [St. Mariä Himmelfahrt] will ich am Jakobstag beson­ders verbunden sein. Zur Zeit kann ich von mir nur befriedigend berichten. Möchte es allen so gut gehn! Übermit­teln Sie bitte auch Hoch­würden Herrn Regens [Arnold] Francken und allen hochwür­digen Confratres treue Grüße. Bei Gelegenheit bitte auch dem hochwürdigsten Herrn [Bischof Clemens August Graf von Galen] ergebenste Grüße. Kaplan Daimler [Ludwig Dei­mel] beste Grüße, und auch [von] Professor P. Titus [Brandsma OCarm] in Dankbarkeit. In steter Gebetsverbunden­heit und Opfergemein­schaft grüßt Sie ergeben und dankbar Ihr Karl L.

Karl Leisner aus Dachau am Sonntag, 9. August 1942, an seine Familie in Kleve:
An Jupp Ver­meegen und Urban [Peiffer] Freundesdank für ihren Gruß. An Dechant [Jakob Küppers] ebenso.

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 19. September 1942, an seine Familie in Kleve:
An Herrn Dechant [Jakob Küppers], [Ka­plan Ferdinand] Stegemann und alle lieben hochwürdigen Mitbrüder daheim treueste Grüße!

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 3. Oktober 1942, an seine Familie in Kleve:
Grüßt alle herzlichst! Auch Herrn Dechant [Jakob Küp­pers], [die Geistlichen Ferdinand] Stege­mann, [Albert] Heistrü­vers, Deimler [Ludwig Deimel], [Pfarr-]Rektor [Johannes] Giese und die Frontkämpfer Wem [Wil­helm] Hetterix und [Fritz] Larsen!

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 28. November 1942, an seine Familie in Kleve:
Herrn Kaplan [Ferdinand] Ste­gemann besonderen Dank für seine prie­ster­liche Freundesgabe zum Karls­tag [4.11.]. Ihm, Herrn Dechant [Jakob Küppers] und allen Geistlichen – auch [Wilhelm] Hetterix und [Fritz] Larsen an der Front – sowie der ganzen Ge­meinde gnadenreichen Advent und fried­volle Weihnacht.

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 12. Dezember 1942, an seine Familie in Kleve:
Dank und herzliche Fest- und Neujahrs­wünsche an Ja­kob [Küppers], Ferdi­nand [Stege­mann], Al­bert [Heistrüvers] und alle Geist­li­chen, Leo Schmitz usw.

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 9. Januar 1943 an Kaplan Ferdinand Stege­mann in Kleve:
Lieber Herr Kaplan!
Den ersten Brief im neuen Jahr sollen Sie ha­ben. Über den adventlichen Brief hab’ ich mich sehr gefreut. Herrn Dechant [Jakob Küppers], Albert [Heistrüvers] und allen lieben Confratres in Hei­mat und an der Front gute Wünsche und Grüße fürs neue Jahr.

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 1. Mai 1943, an seine Familie in Kleve:
Schade, so wart Ihr Ostern ohne Post von mir. Für Euch und Herrn Dechant [Jakob Küppers] sollte er sein. Die Wünsche waren ja auch so schon bestellt, und vor allem gingen die Ge­dan­ken und heißen Herzenswünsche hin und her in der großen Ge­mein­schaft der Erlösten. Und das ist ja mehr als ein Brief, das ist das Leben selbst.

Karl Leisner aus Dachau am Sonntag, 4. Juli 1943, an seine Familie in Kleve:
Zum 25.[7., dem Fest des heili­gen Jakobus,] werde ich Hoch­wür­den Herrn Dechant [Jakob Küppers] schrei­ben.

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 17. Juli 1943, an Jakob Küppers in Kleve:
Verehrter, lieber hochwürdiger Herr Dechant!
Wie alljährlich möchte ich auch diesmal Ihnen zum Jakobstag [am 25.7.] schrei­ben. Schon wieder bin ich ein Jahr fern der geliebten Heimat. Aber im Herzen stehen Sie und alle Lieben daheim immer noch obenan. Zu Ihrem Namensfeste wünsche ich Ihnen aus treuem Sohnesherzen reichsten Him­mels­­­segen und die Seele voller Freude, daß Sie die Vatersorgen leichter tra­gen und meistern können, die Sie in dieser Zeit haben. Grüßen Sie bitte auch in Verehrung Ihre Mitarbeiter im Weinberg Gottes und alle Bekannten und Kameraden in der Pfarre [St. Mariä Himmelfahrt]. Gerade in der Fron­leich­nams- und Herz-Je­su-Oktav habe ich so oft an daheim denken müssen. Oft und oft spüre ich den Segen hin- und herfluten, den die Gebets- und Opferge­meinschaft uns bringt. Wie gerne möchte ich nach der langen, langen Tren­nung als Priester in der Heimat stehen, gerade jetzt. In froher Hoffnung, allzeit Ihr Karl

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 31. Juli 1943, an seine Familie in Kleve:
Dechant Küppers zu seinen 70 Jahren noch nachträglich herzlichen Glück­wunsch.

Karl Leisner aus Dachau am Sonntag, 5. September 1943, an seine Familie in Kleve:
Meine Lieben daheim!
Euere prächtigen Briefe haben mich erquickt. Sie schenken mir jedesmal mit von Euerm schö­nen Leben. Herrn Dechant [Jakob Küppers] danke ich besonders für seine vä­terlichen Zeilen. Zum 25jährigen Ortsjubiläum kann man wirk­lich gratu­lie­ren.[1] Welch reiche Jahre!

[1] Jakob Küppers war ab 25.9.1918 Pfarrer in Kleve St. Mariä Himmelfahrt.

 

 

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 2. Oktober 1943, an seine Familie in Kleve:
An Herrn De­chant [Jakob Küppers] zum Propst meine herzlichen Glückwünsche.[1]
[1] Dechant Jakob Küppers wurde 1943 der Propsttitel ehrenhalber verliehen.

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 27. November 1943, an seine Fami­lie in Kleve:
An Herrn Dechant [Jakob Küp­pers], Frau [Irmgard] Rode und [? Heinrich] Jansen, Herrn [Wilhelm] Hendriksen und Hannes Pollmann dankbare Grüße.

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 11. Dezember 1943, an Jakob Küppers in Kleve:
Verehrter, lieber hochwürdiger Herr Dechant und Propst!
Nach dem für Sie und uns so freudigen Erinnerungs- und Jubiläumsjahr[1] komme ich im Advent des neuen Kirchenjahres festlich gestimmt zu Ihnen, um Ihnen und allen verehrten hochwürdigen Herrn Geistlichen und Mit­brüdern der Stadt ein gna­denreiches, fröhliches Weihnachtsfest und geseg­netes Frie­densjahr 1944 zu wünschen. Je länger und dunkler der Advent, um so tiefer und heller leuchtet das Bild des Herrn und der von Ihm und uns so geliebten Heimat im Herzen. Kaplan [Fritz] Larsen und [Kaplan Wil­helm] Hetterix an der Front besonderen Gruß. Der ganzen Gemeinde da­heim und draußen fühle ich mich gerade in dieser seligen Zeit innig ver­bunden. Aus weih­nachtserwartendem Herzen grüßt Sie in dankba­rer Soh­nesgesinnung
Ihr Karl

[1] s. 31.7. u. 5.9.1943

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 22. Januar 1944, an seine Familie in Kleve:
Auch an Regens [Arnold Francken], Propst [Jakob Küppers] und Pastor [Arnold Ko­chen] von Materborn Dank und Gruß!

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 22. April 1944, an seine Familie in Kleve:
An Hochwürdigen Herrn Propst [Jakob Küppers], Kaplan Stege. [Ferdinand Stegemann], [Albert] Heistrü­vers, [Ludwig] Deimel, Pfar­rer [Arnold] Kochen und Franz Dü­sterhus, Leo Schmitz, P. [Wil­helm] Voll­merig [MSC] und die ganze geistliche Bruderschaft frohe Maiengrüße.

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 8. Juli 1944, an Jakob Küppers in Kleve:
Verehrter, lieber hochwürdiger Herr Propst!
Zu Ihrem Namenstag herzliche Wünsche für Glück und Segen. Am Ja­kobstag [25.7.] werde ich fest und innig mit Ihnen und der lieben Heimat verbun­den sein. Grü­ßen Sie bitte bei diesem freudigen Anlaß alle lieben Hochwür­digen Herren Geistlichen, alt- und noch unbekannte. Möge der liebe Gott Ihnen Ihre frische Lebenskraft erhalten und die geliebte Heimat besonders schüt­zen, daß wir uns in den hellen Tagen des Friedens wieder­sehen. Vom 40jäh­rigen Priesterjubi­läum unseres verehrten Hochwür­digsten Herrn Bischofs [Clemens August Graf von Galen am 28.5.1944] hörten wir. Grüßen Sie bitte gelegentlich auch Hochwürdigen Herrn Regens [Ar­nold] Francken. In treu­er, dankbarer Sohnesliebe grüßt herzlich Ihr Karl

Karl Leisner aus Dachau am Sonntag, 22. Oktober 1944, an seine Familie in Berlin und Niedermörmter:
Ich will versuchen, für den Hochwürdigen Herrn Propst [Jakob Küppers] und alle toten und armen Mitbürger hier das heilige Opfer feiern zu lassen.

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 30. Dezember 1944, an seine Familie in Berlin und Niedermörmter:
Beim Geden­ken der Toten die lieben Tanten [Maria und Julchen], alle Verwandten, die Groß­eltern [Karl und Anna Leis­ner und Marianne Falkenstein], bis zum Hoch­wür­digen Herrn Propst [Jakob Küppers], Peiffers [Franz und Urban, Sophie und Elisabeth] allen, Herrn [Eduard] Bettray, [Wilhelm] Hendriksen, allen gefallenen Klevern. Am Altar war ich sehr ruhig und andächtig kon­zentriert.

P. Otto Pies SJ:
Der Hochwürdigste Herr Kardinal [Mi­chael von Faul­ha­ber] in München hatte erfah­ren, daß Karl im Kran­ken­haus eine so große Sehn­sucht nach dem heiligen Meß­opfer fühlte. Da die schwere Krankheit keine Hoff­nung auf­kommen ließ, daß der Kranke wieder einmal selbst das heilige Meß­op­fer darbrin­gen könne, war der Herr Kardinal gern be­reit, ihm einen großen Trost zu bereiten. Er ge­stattete verständnis­voll, daß für Karl das hei­lige Opfer in der Krankenstube, oder so, daß Karl von der Kran­ken­stube aus bei­wohnen konnte, dar­ge­bracht werden dürfe. Die Nach­richt von dieser Erlaub­nis machte den Schwerkran­ken sehr glücklich und dank­bar. Er selbst wünschte sich die heilige Messe am Apo­stelfest, dem 25. Juli 1945, dem Na­menstag des beim Luftangriff ver­storbenen Heimat­pfar­rers Ja­kob Küp­pers.[1]
[1] Pies, Otto: Stephanus heute. Karl Leisner. Prie­ster und Opfer, Kevelaer: 1950: 197 – 7. Auflage 2008 kommentiert von Hans-Karl Seeger

Planegg, Mittwoch, 25. Juli 1945, Heiliger Jakobus
Namenstage unseres gefalle­nen Propst Jakob Küp­pers[1] und vom [ver­storbe­nen] Kö­bes [Jakob] Koch![2]
[1] Karl Leisner hat den Ausdruck für die im Krieg ge­falle­nen Soldaten auf den beim Bom­benangriff getöteten Propst Jakob Küp­pers übertragen.
[2] Jakob Koch war an Karl Leisners Geburts­tag (28.2.1945) gestorben.

Auf einem aus einem Oktavheft wie dem Tage­buch (9,2 × 14,4 cm) stam­menden Zettel hat Karl Leisner ge­wissenhaft die Meßin­tentionen einge­tragen, die er ge­feiert hat oder zu fei­ern ge­dachte. Wil­helm Haas hat diesen Zettel als Seite 41 numeriert, als wäre es die letzte Seite des Tagebu­ches. Vermut­lich hat Karl Leisner die darauf befindlichen Notizen aber kurz nach seiner Weihe geschrie­ben und in Planegg ergänzt.

Meß-Intentionen.
Missa concelebrata
[1]
bei der heiligen Weihe am 17.12.1944 (Gau­dete).
1. (Primiz)messe am 26.12.1944
Intentio: Gratias aga­mus [Inten­tion: Lasset uns dank­sagen]![2]
2. De Spiritu Sancto[3]
für Ga­briel [Piguet] Clemens August [Graf von Galen]Emi­nenz Cardinal Michael [von Faulhaber]
3. De Beata Maria Virgine [von der Seligsten Jung­frau Maria][4]
für Familie Leisner, Pies-Wieland
4. Pro defunctis (Sacerdotibus in Castris Captivitatis) [Für Ver­storbene (Priester im Lager der Gefangen­schaft).]
für Johann Schulz etc.
defunctis [verstorbene] Ver­wandte, [Ver­stor­bene der Familie] Peif­fers, [verstorbenen Apotheker Wilhelm] Hen­drik­sen, [verstorbenen] Propst [Jakob Küppers].
5. Für die Schwestern und Ärzte [in] Planegg.

[1] Bis zur Liturgiere­form gab es Konzelebration nur bei der Priesterweihe.
[2] Votivmesse zur Danksagung
[3] Votivmesse vom Heili­gen Geist
[4] Votivmesse von der Aller­seligsten Jungfrau Maria

Aus der Zeitung Neue Rheinische Zei­tung, Düsseldorf:
Opfer des Konzentrationslagers
Neupriester Karl Leisner wurde zu Grabe getra­gen

Kleve. Am Montag, 20. August, wurde un­ter au­ßeror­dentlich zahlreicher Beteiligung der Kle­ver Bürger­schaft der Neupriester Karl Leisner, Sohn des Ge­­richts­­­­­oberrent­meisters Wilh. Leisner aus Kleve, zu Grabe ge­tragen. Der Ver­storbene war Ende 1939 – damals noch Diakon – wegen „staats­feindlicher Ge­sinnung“ von der Ge­stapo verhaftet und trotz seines schwa­chen Gesundheitszustandes in das berüchtigte Kon­zentrati­onsla­ger Dachau gebracht wor­den. Mehr als fünf Jahre hat er dort mit Stark­mut, allen Be­drückun­gen zum Trotz, ausgehalten, wozu ihn beson­ders sein jugendfrohes Gemüt und sein uner­schütterli­ches Gottvertrauen be­fähigten. Aus der Hand eines französischen Bischofs [Gabriel Pi­guet von Cler­mont], der das gleiche Los mit ihm teilte, empfing er am 17. De­zem­ber 1944 in einer Baracke [der Lagerkapelle] des Konzentrati­ons­lagers die Priesterweihe. Als sich ihm An­fang dieses Jahres, da das Nazisystem bereits ins Wan­ken geriet, die Tore zur Frei­heit öffneten, war der Gesund­heitszu­stand des jun­gen Prie­sters be­reits so schwach, daß er nicht mehr die Fahrt zu sei­ner ge­liebten Vaterstadt Kleve antreten konnte, doch hatte er noch die große Freude, nach sechsjäh­riger Trennung seine El­tern und Geschwi­ster [Schwestern] an sei­nem Krankenbett ver­sammelt zu se­hen. Am 12. August d. J. gab er seine Seele in die Hand seines Schöpfers zurück. Charakteri­stisch für seine wahrhaft edle Gesin­nung waren die letzten Worte, die er in sein Ta­gebuch schrieb: „Liebe – Sühne, – Herr segne alle, auch meine Feinde!“[1] Das wa­ren auch die Worte, die wäh­rend des fei­erlichen Re­quiems in der über­füllten Kapuziner­kirche [Spyck­kloster] – der einzi­gen der sechs Klever Kir­chen, die die­sen Krieg über­stand[2] – ein prie­sterli­cher Freund des Ver­storbenen [Bern­hard Worm­land,] seiner ergreifen­den Trau­er­ansprache zugrunde legte. Und dann bewegte sich die große Trauer­gemeinde zum neuen Friedhof an der Mero­win­gerstraße, wo die sterb­lichen Über­reste des jun­gen Priesters an der Seite seines väterlichen Freundes, des durch Kriegsein­wir­kungen ums Leben gekom­menen Prop­stes der Kle­ver Stifts­kir­che, Küp­pers, beige­setzt wurden. Am offenen Grabe sprach nach Verrichtung der kirch­li­chen Gebete durch Pfarrer [Paul] Hellraeth der k. [kom­mis­sarische] Bür­ger­­mei­ster der Stadt Kleve, Dr. [Josef] Stap­per, herzliche Worte des Tro­stes an die Hinter­bliebenen. An die Trauer­ge­meinde richtete er im Sinne des Ver­mächt­nisses des Ver­storbe­nen die Auf­forde­rung: „Laßt uns auf­bauen ein Reich der Ge­rech­tigkeit und Liebe!“[3]
[1] Karl Leisners letzter Tagebucheintrag am 25.7.1945 lautet Segne auch, Höch­ster, meine Feinde!, am 23.7.1945 schrieb er Liebe und Sühne!
[2] Kleve hatte damals vier Kirchen: Stiftskirche, Unterstadtkirche, Christus-König-Kirche und Spyckkloster (Kirche im Kapuzinerkloster). Der Berichterstatter zählte vermutlich auch die Pfarrkirchen St. Willibrord in Kel­len und St. Anna in Mater­born zu den Klever Kirchen.
[3] Neue Rheinische Zeitung, Düsseldorf vom 21.8.1945

Erstes Grab von Jakob Küppers – heutige Sammelgrabstätte und erstes Grab von Karl Leisner.

Quelle der Fotos: Karl Leisner-Archiv und Britta Ellerhorst