Walter Flex und Erich Maria Remarque

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Walter Flex

 

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Erich Maria Re­marque

 

Dr. phil. Walter Flex (* 6.7.1887 in Eisenach, † gefallen 16.10.1917 bei Peude/Ösel/EST) – Schriftsteller u. Verfasser idealistischer u. nationalistischer Gedichte – eines sei­ner bekanntesten Werke: „Der Wanderer zwischen beiden Welten“ 1915/16 – Sein Vater, Gymnasialoberlehrer und später Pro­fessor Dr. Rudolf Flex, war ein glühender Verehrer von Otto Graf von Bismarck. Die Begeiste­rung fürs Vaterland hatte der Sohn vom Vater. Er studierte Germanistik und Geschichte. 1911 wurde er in Erlangen zum Doktor promo­viert. Bei Kriegsausbruch im August 1914, meldete er sich freiwillig. Am 12.8.1914 wurde er angenommen und dem 3. Niederschlesischen Infanterieregiment Nr. 50 zugeteilt. Im März 1915 lag er auf Horch­posten in den zerschossenen Wäldern um das Maastal. Da zog hoch über den sich feindlich ge­genüberlie­genden Heeren mit schneiden­dem Schrei eine Schar wandernder Graugänse nach Norden. Der Dichter kritzelte im Dunkel der Nacht ein paar Verse auf ein Stück Papier. Es war das Lied „Wildgänse rauschen durch die Nacht“.
In Frankreich lernte Walter Flex den Theo­logie­studen­ten und Wandervogel Ernst Wurche kennen, der ihn tief beein­druckte. Sie wurden Freunde. Nach ihrem Ab­marsch aus Frank­reich ging es nach einem kurzen Heimatur­laub in den Osten nach Rußland. Dort fiel Ernst Wurche am 21.8.1915. Im Schützen­graben schrieb Walter Flex im Winter 1915/1916 in Er­inne­rung an sei­nen Freund den 1917 erstmals erschienenen Erziehungsroman „Der Wan­de­rer zwischen beiden Wel­ten, Ein Kriegserlebnis“, dessen erstes gedrucktes Exemplar er am 5.10.1916 in Händen hielt.

Johannes Banzhaf:
[…] die Hauptgestalt des lange geplanten Romans steht leibhaftig vor ihm [Walter Flex]!
Es ist der Student der Theologie Ernst Wurche, von dem er sagt, daß seine Augen „rand­voll fröhlichen La­chens, die Stimme so hell und rein wie seine Au­gen, sein Gang Wille und Freude sei. Immer war seine Seele auf der Streife nach dem Ewigen“.[1]

Die Worte seines Freundes über den Geist des Wander­vogels: „Rein bleiben und reif wer­den – das ist schönste und schwer­ste Le­bens­kunst.“[2] haben ihn beson­ders bewegt.
„Der Wanderer zwischen beiden Welten“ ist eine Totenklage und zu­gleich ein Ehrenmal für den Freund. Das Buch wurde zum Bekenntnis­buch, heute würde man sagen Kult­buch“, der Wander­vogeljugend. In der NS-Zeit lasen es die Hitlerjungen mit der gleichen Be­gei­sterung wie die katholi­schen Jugendgrup­pen.
1917 meldete sich Walter Flex von Rußland an die Westfront, mußte aber nach Berlin, um ein Kriegstagebuch zu schreiben. Dann kam er wieder nach Rußland. Als er, von einer Kugel getroffen, sah, daß ein Landsturmmann den Schützen, der auf ihn geschossen hatte, wütend niederschlagen wollte, rieft er ihm zu: „Laß ihn, er hat auch nur seine Pflicht getan“.[3] Am 16.10.1917 starb Walter Flex an den Folgen der Verletzung.

Sein Bruder Martin schrieb im Nachwort zum Wanderer“:
Walter Flex hat ein russisches Beutepferd gegriffen und reitet vor. Ein Schuß kracht und fehlt ihn. Er zieht den Säbel, der ihm am Sattel hängt. Mit blanker Klinge reitet er ge­gen den Schützen an. Gewehrfeuer schlägt ihm entgegen. Eine Kugel fährt ihm durch die Degenhand in den Leib und wirft ihn vom Pferd. Seine Kompanie greift an. Die Russen heben die Hände. Sie sind gefangen. – Die ersten Worte des Verwundeten fra­gen nach dem Stand des Gefechts. Die Antwort läßt ihn beruhigt zurücksinken.[4]

[1]   Banz­haf, Johannes: Walter Flex. Ein Bild seines Lebens, Berlin 1934: 29.
[2]   Flex, Walter: Der Wanderer zwischen beiden Welten. Ein Kriegserlebnis, München 1918: 41
[3]   s. Banzhaf 1934: 45
[4]   Flex 1918: 112

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Erich Maria Re­marque (Erich Paul Remark) (* 22.6.1898 in Osnabrück, † 25.9.1970 in Lorcarno/CH) – Schriftsteller – Erscheinen seines Buches „Im Westen nichts Neues“ 1929 – Verfilmung durch Lewis Milestone (1895–1980) 1930 – Mit diesem Buch brach er das Tabu vom Hel­den­tod, den z. B. Walter Flex ver­herrlichte. Es ist gleichsam ein Gegenpol zu dessen Buch „Der Wanderer zwischen beiden Welten“. Erich Maria Remarque war 1916 eingerückt, als der Rausch der Frei­willi­gen von 1914 und die Begeisterung der jun­gen Re­gimenter vor Lange­marck verflogen waren. In der Vorrede heißt es:
Dieses Buch soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein. Es soll nur den Ver­such machen, über eine Generation zu berichten, die vom Kriege zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkam.

Erich Maria Re­marque emigrierte 1931 in die Schweiz. 1933 wurden seine Bücher in Deutschland öffentlich verbrannt. 1938 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Ab 1939 lebte er in den USA und war ab 1947 amerikanischer Staatsbürger.

Der Germanist Prof. Dr. Uwe Ketelsen von der Ruhr-Universität Bochum hielt in Münster in der Vortragsreihe „Menschheitsdämmerung – Der Erste Weltkrieg und die Künste“ einen Vortrag zum Thema: „Wir sind ‚ein graues Heer und fahr’n in Kaisers Namen …’ – Walter Flex’ und Erich Maria Remarques Weltkriegsromane“.
Einleitend hieß es:
Die Bilder, in denen die Romane von Flex und Remarque den Ersten Weltkrieg erzählen, sind kollektiver Besitz. Wie die derzeitigen I.W.K.-Ausstellungen zeigen, sind unsere Vorstellungen von diesem Krieg immer noch von ihnen geprägt. In Opposition zu den vaterlandsfröhlichen Darstellungen in der Tradition von 1870/71 (Liliencron), dem weit schweifenden Blick vom Feldherrenhügel der traditionellen Kriegsgeschichtsschreibung (Hindenburg) und den hurrapatriotischen Episoden der Abenteuerliteratur (Graf Luckner) schildern sie (Flex im modifizierten Rilke-Ton, Remarque reportageartig) die vernichtende Gewalt des Kriegs. Als existentialistisch beglaubigtes Remedium gegen die Angst vor der Fragmentarisierung, ja Fäkalisierung der Körper entwerfen sie die Phantasmen des jugendbewegten Führers (Flex) bzw. der emotionalen Frontgemeinschaft (Remarque).
[…]
Aufschlußreicher wäre es gewiß, beide Texte in Bezug zueinander zu setzen, indem die Differenz zwischen ihnen etwa synchron als Spannung zwischen mentalen Milieus innerhalb der deutschen Gesellschaft im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts interpretiert oder diachron als eine Veränderung, wenn nicht gar als eine Entwicklung gedeutet würde, die zwischen 1916 und 1928 in der politischen und literarischen Öffentlichkeit Deutschlands stattgefunden hat. In dieser Perspektive würde auch die zumindest partiell spiegelbildliche Rezeption beider Texte seit den 30er Jahren deutsche Befindlichkeiten in den Blickpunkt rücken. Ich möchte aber noch einen Schritt weiter gehen und das „und“ im Untertitel meines Beitrags als das nehmen, was es grammatisch ist: ein Bindewort, und fragen, ob es nicht unbeschadet vor allem milieuspezifischer Unterschiede und ohne Rücksicht auf die gegenläufigen Bewertungen in der Rezeptionsgeschichte Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Texten gibt, die ein Licht auf die Kriegsliteratur des frühen 20. Jahrhunderts und ihre historische Bedeutung würfen.

Karl Leisner war auf der Flandernfahrt 1935 auch auf dem deutschen Ehrenfriedhof in Langemark.

Wilhelm Haas schrieb in seinem Fahrtenbericht:
Mitten auf dem Friedhof setzen wir uns hin. Hermann [Mies] liest aus dem klassischen Buch der deut­schen Jugend im Weltkrieg „Der Wan­derer zwischen bei­den Welten“ [von Walter Flex] vor. Andäch­tig und gesammelt hören wir zu. Ich nehme mein Fahrtenta­gebuch und schreibe: „Wir sind auf dem Ehren­friedhof in Lan­gemark. Hier lie­gen unsere deutschen Brüder. Sie starben für unser deutsches Vaterland, für unsere Heimat. So wie diese deutschen Stu­denten will auch ich mein ganzes Leben meine Pflicht erfüllen, meine Pflicht Gott und dem Vaterland gegenüber.
Diese Worte sind im einstigen Felde ent­standen. Sie sollen mir heilig­ste Verpflich­tung sein. Ich werde sie behalten, denn sie sind mir aus der Seele geschrieben.“ – Her­mann liest noch immer. Man merkt, er ist ganz ergrif­fen, die anderen sehen stumm vor sich hin.

Dieser Besuch auf dem Friedhof von Langemarck mit der Lektüre des „Wanderers“ hatte eine nachhaltige Wirkung auf Karl Leisner. In einem Referat, daß er noch 1935 hielt, heißt es:
Da bricht der [Erste] Welt­krieg herein, die große Feuerprobe. – Viele junge Führer und Mannen der Wv’s [Wandervögel] – Studenten und junge Arbeiter gehen als Freiwillige zum Heer. Langemark ist der große Aderlaß, aber diese 10.000 gefallenen Studenten und Wandervögel sind ein herrliches Opfer deutscher Jugend.[1]
Eine der schönsten deutschen Kriegsdichtungen schuf einer aus der Ju­gend­be­wegung: Walter Flex „[Der] Wanderer zwischen beiden Welten.“ Nach dem Krieg dann bricht der unterbrochene Lebensstrom mit erneu­ter Kraft auf. Allüberall wieder neues Leben aus den Ruinen. – Quick­born hält gleich 1919 auf Ro­then­fels den ersten deutschen Quickborn­tag, der 1914 durch den Ausbruch des Weltkrieges verhindert wurde. Leider machte sich die parteipolitische Zerklüf­tung [in der Weimarer Republik] in der Jugend mehr und mehr auch geltend. Tüchtige Geschäfte­macher und Organisatoren ver­standen es, für ihre politischen Ziele und Ideologien den Idealismus der Jugend auszunützen.

[1] Anklang an die Heldenverehrung bei Walter Flex

Am 18. Oktober 1941 schreibt er aus dem KZ Dachau an seine Familie:
Ich erinnere mich noch gut, wie wir auf unsrer Flandern­fahrt [3. bis 21.8.1935] den „Wanderer“ von Wal­ter Flex lasen auf Lange­marks Gefilden. Die Gestalt des Ernst Wurche im­po­nierte mir beson­ders.

Prof. Uwe Ketelsen bemerkt in einem Brief an Hans-Karl Seeger:
…., dieser [Karl Leisner] hätte wahrscheinlich anders geurteilt, wenn er Remarque gelesen hätte.