Wandern ist wieder in …

2014_06_25_Wandervogel

Wandern war eine wichtige Betätigung in der Jugendbewegung. Man erlebte es als Frei­heitselement und es beeinflußte die Namensgebung einiger Gruppierungen, z. B. „Wander­vo­gel“.

 

Die Führertagung des Quickborn in Neisse am 10.4.1919 hatte folgen­des Ergebnis:
Das Wandern ist eine Lebensfrage für jede Quickborn-Gruppe ([Hermann] Hoffmann). Das Wandern ist ja auch eine viel günstigere Gelegenheit, für die Abstinenz zu wir­ken, als eine Versammlung; ein ausgezeichnetes Mittel, Quickborngeist zu wecken. (Ferien­fahrten nur zu 5 oder 6!) Um die Un­terkunft zur Nacht hat ein richtiger Wanderer keine Sorge (Quickborn 7, 1919/20: 41f.).

Karl Friebe schrieb einen Aufsatz zum Thema „Erprobtes fürs Wandern“ (Quickborn 7, 1919/1920: 37–40). Auch das Heft Jungkreuzbund 16, 1927: 130–149 handelt vom Wandern.

Die F.A.Z. vom 24. Mai 2014 brachte einen Bericht von Claus Peter Müller unter dem Titel „Von einem Ort zum andern[1] – Zwei Studien belegen die neue deutsche Wanderlust“. Darin heißt es u. a.:
Die Deutschen wandern gern – es hält sie gesund und in Gesellschaft. Das ist das Ergebnis zweier Studien, die der „Deutsche Wanderverband“ vor kurzem an seinem Sitz in Kassel vorgestellt hat. Nach der Studie „Der deutsche Wandermarkt 2014“ ist das Wandern die beliebteste Beschäftigung der Deutschen im Freien. Der Wanderverband nennt es „die wichtigste Outdooraktivität“ der Deutschen. Die Studie gründet auf drei Erhebungen mit insgesamt etwa 63.300 Personen. […]
Jedenfalls wandern immer mehr Deutsche: „Mit einem Zuwachs von 13 Prozent gegenüber der Gesamtnachfrage aus dem Jahr 2010 sind jetzt 69 Prozent aktive Wanderer.“ Anders als früher wanderten zwar mehr Ältere als Jüngere. Aber die „Wanderintensität“ unter den Altersgruppen nähere sich an.
Die vier wichtigsten Wandermotive aus der Umfrage von 2010, „Natur erleben“, „sich bewegen, aktiv sein“. „etwas für die Gesundheit tun“ und „eine Region erleben“, wurden bestätigt. Aber in der aktuellen Studie folgen sogleich nach innen gerichtete Motive wie „Stress abbauen“, „frische Kraft sammeln“. „zu sich selbst finden“, „auf sich selbst besinnen“. An Bedeutung verloren haben nach außen gerichtete Motive wie „neue Eindrücke gewinnen“ und „viel erleben“. „Immer mehr Menschen, darunter auch jüngere, entdecken, dass ihnen das Wandern größtmögliche mentale Entspannung bei moderater körperlicher Anspannung bietet“, sagt Quack. Zudem sei die Langsamkeit beim Wandern eine Gegenwelt zum hektischen Alltag, mithin ein Ausstieg auf Zeit. […]
Eine weitere Studie gilt der Gesundheitswanderung, der Kombination kurzer Strecken zu Fuß mit physiotherapeutischen Übungen und Informationen zum Thema Gesundheit. Die neue Studie „Evaluation des Gesundheitswanderns“ wurde vom Institut für Leistungsdiagnostik und Gesundheitsförderung (ILUG) an der Universität Halle-Wittenberg vorgelegt. […]
„Mehr als 80 Prozent der Teilnehmer sagten, dass sie sich besser fühlen, seitdem sie gesundheitswandern“ ,sagt Hottenrott. Nur 17 Prozent der Befragten äußerten, dass sich durch das Gesundheitswandern keine Veränderungen ergeben hätten. Mehr als 60 Prozent der Befragten fühlen sich weniger gestresst, und 73 Prozent empfinden ein positiveres Lebensgefühl.

[1] Bewegungslied „Der lustige Springer“
Muss wandern, muss wandern,
Von einem Ort zum andern.
Kommt ein lustiger Springer herein.
Schüttelt mit dem Kopf,
Rüttelt mit dem Rock,
Stampft mit dem Fuß,
Winkt einen Gruß.
Komm, wir wollen tanzen gehen, tanzen gehen.
Die ander’n müssen stille steh’n.
Komm, wir wollen tanzen gehen, tanzen gehen.
Die ander’n müssen stille steh’n.

Siehe auch F.A.Z. vom 30. Mai 2015 – Von einem Ort zum andern.

Welche Antworten hätte Karl Leisner wohl auf die Fragen gegeben? Vielleicht hätte er auf das Lied verwiesen, das er 1934 in den Liederbogen Nr. 4 schrieb, den er für seine Jungen im Bezirk Kleve gefertigt hat, als dieses Lied gerade bekannt geworden war (Graues Singeschiff 1934: 61f., Am Schei­dewege 1934/35: 42 (mit Noten):

Das Wandern ist mein Leben
1. Das Wandern ist mein Leben, ich bin ein junges frisches Blut, das kann mir wieder ge­ben und wecken neuen Mut. Den Winter in der Stube sein in saurer Arbeit obendrein, will mir nicht in den Kopf hinein; zu essen auch halb satt, das macht die Glieder matt.
2. Hallo, jetzt auf die Reise! Die ganze Welt ist ja erwacht aus Frost und Schnee und Eise und strahlet recht in Pracht. Die Sonne hell erwärmet die Luft, die Blümlein blühn mit süßem Duft, die Nachtigall singt, der Kuckuck ruft, und alles ist voll Freud, ruft uns hinaus ins Weit.
3. Müßt einer sein von Eisen oder gar ein alter Murrekopf, dem’s nicht ins Herz tät greifen, der blieb beim Ofentopf. Alldarum hat ja Gott die Welt so schön und überaus bestellt, daß uns das Reisen drin gefällt. Hallo, frischauf, ich geh! Jetzt lebet wohl, ade!
(Worte: Wilhelm Freiherr von Ditfurth (1801–1880); Weise Adolf Lohmann, 1934)
Graues Singeschiff 1934: 61f., Am Schei­dewege 1934/1935: 42 (mit Noten)

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2014_06_25_Scheidewege

Die Jugendbewegung begann Anfang des 20. Jahrhunderts mit einer Nüchternheitsbewegung in Schlesien, bei der das Wandern eine wichtige Rolle spielte. Sie erreichte um 1910 mit ihrem wohl wichtigsten Träger, dem „Wander­vogel“, einen derartigen Aufschwung, daß sogar Kirchen, Parteien, Gewerkschaften und Landsmann­schaft­en sich bei der Ausrichtung ihrer eigenen Jugend zwar am äußeren Stil des Wandervogels orientierten, jedoch ihr traditionelles Autori­täts­prinzip beibehielten.

Am Bundestag des Jungkreuzbundes im August 1928 in Buldern, währenddessen sich einige Gruppen von diesem abspalteten und sich „Katholischer Wandervogel“ nannten, nahm auch Karl Leisner teil und wurde Mitglied desselben. Er schrieb in sein Tagebuch:

Buldern, Samstag, 4. August 1928
2. Tag. Wir standen um 4.30 Uhr auf. Dann gings in, beziehungsweise an den Bach, wo sich gewaschen wurde. Nach dieser Planscherei waren die Frei­übungen und dann gings nach dem Anziehen in die Messe nach Buldern [St. Pankratius]. Nach dieser gings in strammem Marsch zum Lager zu­rück. Dort wurde Speer geworfen oder Schlag­ball gespielt, bis um 10.00 Uhr zum großen Thing geblasen wurde. Jetzt war der Augenblick gekom­men, wo wir ei­nen neuen Namen bekommen soll­ten.[1] Wir [die Klever] wa­ren die einzi­gen, die gegen den [Namen] „Katholischer Wandervogel“ (ge­klaut!!![2]) waren. Aber schließlich fügten wir uns doch der Allgemeinheit. Endlich er­scholl der gemeinsame Ruf: „Katholi­scher Wandervogel, Heil!“ Diese Frage war hier­mit erledigt.

[1] Kaplan Dr. Albert Nobel hatte ein Referat mit dem Bekenntnis zur freien Jugend­bewe­gung gehalten. Danach gab es eine Aussprache über die geistigen Hinter­gründe der Spaltung und die Zielsetzung des neuen Bundes. Vermutlich sollte für den Jungkreuzbund mit dem neuen Namen auch ein neues Programm gelten. Betreiber der Trennung war Carl von Vogelsang.
[2] Die Klever empfanden den neuen Namen für den neuen Bund Katholischer Wan­dervogel als geklaut, denn die erste Gruppenbildung in der deutschen Jugend­be­wegung trug bereits den Namen Wandervogel.

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Karl Leisner mit seiner Gruppe im August 1933 in Marienthal bei Wesel