Was den Niederrheinern der hl. Martin ist den Münsterländern der hl. Lambertus

 

Heiliger Lambert von Lüttich (Maastricht) (* um 635 in Maastricht/NL, † 17.9. um 705 in Lüt­tich/B) – Bischof von Tongern-Maastricht – Martyrer – Gedenktag 17.9.

Lambertusbrunnen an der Lambertikirche

 

 

 

 

St. Lamberti in Münster

kleine Kirche der Kaufleute um 1000 – Grundsteinlegung der heutigen Stadt- und Marktkirche 1375 – Errichtung 1375–1450 – erste urkund­liche Erwähnung eines Türmers 1481 – Zurschaustellung der Leichen der drei Wiedertäufer in Münster in bis heute sichtbaren Körben am Turm 22.1.1536 – Errichtung des heutigen Turmes 1888/1889 – sog. Brandpredigt des Bischofs Clemens August Graf von Galen 13.8.1941 – Zerstörung im Zweiten Weltkrieg – Wiederaufbau bis 1959

 

 

Als Karl Leisner am 17. August 1928 in Münster war und eine Fotokarte vom Lambertusbrunnen an der St. Lamberti-Kirche in sein Tagebuch einfügte, wußte er vermutlich noch nichts von dem dort mit dem heiligen Lambert verbundenen Brauchtum am Lambertusfest.

Link zu den Westfälischen Nachrichten vom 14. September 2008 – Lambertusfest: Bei Laternenschein rund um die Pyramide

Der Brauch überlebte die beiden Weltkriege, obwohl er während des Zweiten Weltkrieges auf Grund der sich häufenden Luftangriffe auf die Stadt verboten war. 1945 wurde er wieder aufgegriffen. Waren es zuerst auch nur wenige und armselige Pyramiden, die man herstellen konnte, so bekundeten sie doch, wie sehr der Brauch noch lebendig war.

 

Seit 1949 werden die „Münsterschen Heimattage“ mit dem Lambertusspiel auf dem Domplatz, dem Prinzipalmarkt oder um den neu erstandenen Lambertusbrunnen eröffnet.

Am 18. September 1988 sprach Domchordirektor und Domkantor Heinz-Gert Freimuth (1939-2009) unter dem Titel „Guter Freund, ich frage Dir! Lambertussingen in Münster“ in der Sendung „Am Sonntagmorgen“ im Deutschlandfunk.
Folgende Auszüge daraus geben Einblick in das Brauchtum.

Heinz-Gert Freimuth:
Die Münsteraner feiern das Lambertusfest. Ein Kinderfest, ein Fest, von Kindern für Kinder gestaltet.
Bei einbrechender Dunkelheit laufen sie von allen Seiten her mit Fackeln und selbstgebastelten Laternen hin zu einer großen Pyramide auf der Mitte des Platzes oder zu einer Ecke auf dem Schulhof. Nach altem Brauch ziehen sie durch die Straßen und laden singend alle anderen Kinder ein, mitzugehen und das Lambertusfest zu feiern: „Kinder, kommt runter, Lambertus ist munter!“
Lambertus, an dessen Festtag dieses Singen erklingt, wird als Sohn reicher Eltern um 625 in Maastricht geboren. In seiner Heimatstadt wird er Bischof und unternimmt von dort aus zusammen mit dem Heiligen Willibrord Missionsreisen nach Brabant und Nordholland.
Als er seinem Landesherrn, dem Grafen Dodo, Vorhaltungen macht bezüglich seines Ehe- und Liebeslebens, läßt dieser ihn aus Rache angestiftet durch seine Lebensgefährtin ermorden. Lambertus, der betend den Todesstreich empfängt, wird bald nach seinem Tod vom Volk als Märtyrer verehrt. – Seine Gebeine ruhen heute im Paulusdom zu Lüttich. Als Stadtpatron wird er dort verehrt, wie auch in Freiburg im Breisgau, wo im Dom eine Kopfreliquie bewahrt wird.
In Westfalen ist die Verehrung des Heiligen darin begründet, daß vom damaligen Bischof von Lüttich, einem Bruder des münsterischen Bischofs Erpho, im Jahre 1098 zur Wiedereinweihung des abgebrannten Domes Reliquien des Heiligen nach Münster gesandt wurden und dem Dom zum Geschenk gemacht wurden. Damit nahm die Lambertusverehrung in Westfalen und besonders in Münster ihren Anfang.
Eine Verbindung zwischen dem Leben des Heiligen und dem gewachsenen Brauchtum in Münster, dem Lambertusfest, ist schwer zu finden. Manche wollen sogar das Fest als Nachklang eines germanischen Lichterbrauches sehen. Andere, die ausdrücklich die Verbindung zum Heiligen suchen, meinen, dieser Brauch sei aus seinem Namen zu erklären. Lambertus, der auch abgekürzt „Lamb“ genannt wird, heißt übersetzt „der im Lande Glänzende“. Wegen dieses Namens sowie der klanglichen Ähnlichkeit von „Lamb“ und „Lampe“ wurde der Heilige bald als Schutzpatron der Blinden angerufen. Und eben dem Licht, dem wiedergefundenen Licht, gilt der Lambertusbrauch.
Die Volkskunde allerdings führt den Brauch des Lambertussingens auf die Jahreszeit zurück, wobei das Fest des Heiligen nur eine untergeordnete Rolle zu spielen scheint, oder aber beides, Brauchtum und Heiligenverehrung, sich sinnvoll ergänzen.
In den beginnenden Herbsttagen, um die Zeit des Lambertustages, steht die Sonne so tief, daß man in den frühen Abendstunden ohne das Licht von Kerzen und Kienspan nicht mehr arbeiten kann. Und so wird das erste Licht, das später die langen Winterabende erhellen wird, festlich begrüßt. Das Lambertusfest ist ein Lichterfest. Kerzen, Fackeln, Lichterkränze und eine lichtergeschmückte Pyramide liefern für diese Deutung gute Beweise.
Mag auch der Anfang und die Zielsetzung des Festes im Dunkeln liegen, die Münsteraner bezeugen an diesem Tag ihre Verehrung für den heiligen Lambertus. Und so schart sich denn auch um die Lambertikirche, der Stadt- und Marktkirche in Münster, eine besonders große Zahl von Kindern und Erwachsenen, um dieses Fest zu feiern.
In den Tagen und Wochen vorher haben die Kinder, – die jungen und die jüngsten, – Laternen gebastelt, die sie in den Händen halten. Dort leuchtet als Fackel ein dicker, runder Mond auf, hier ein lachendes Sonnenantlitz; – und dort trägt ein Mädchen eine buntfarbige Ampel, geziert mit kleinen, gelben Sternchen aus Goldpapier.
Als typisches Merkmal für die Lambertusfackel gilt die ausgehöhlte Runkelrübe. In die Rübenhülle ist eine Fratze geschnitten, und in den Bauch der Runkelhöhle wird ein Licht gestellt.
Blumen und Pflanzengrün, mit denen das Gesicht umrahmt ist, gelten als Ohren und Haare. Hier hat ein Rübengesicht Blumenkohlblätter als Ohren, dort Selleriegrün als Haare, dort trägt eine Fackel einen Rotkohl als Hut, hier baumelt eine kleine Kartoffelkette am Hals der Fratze. Auf einen langen, geschmückten Stab gesetzt, schwenken die Kinder ihre Laternen umher (zum Erschrecken anderer). Die Fratze leuchtet in der Dunkelheit; überdeutlich und übergroß im Schattenbild.
Mitten auf dem Platz ist aus Holz eine Pyramide aufgebaut. Sie ist zwei bis drei Meter hoch und mit Gladiolen und Dahlien geschmückt; vor allem aber auch mit Lambertusblumen. Das sind kleine lila Winterastern, die in Münster auch heute noch Lambertusblumen genannt werden.
In diese Blumenpyramide stecken die Kinder ihre Laternen. Die festlich geschmückte Pyramide, von den Lampions der Kinder in flackerndes Licht getaucht, gilt es nun zu umtanzen und zu umspielen. Man bildet einen, nicht selten zwei oder drei große Kreise und singt, tanzt und spielt.
Nachdem das Eröffnungslied, das Sammlungslied, gesungen worden ist, wird ein altes Volkslied gesungen: „Guter Freund, ich frage dir“ und die Antwort darauf heißt: „Bester Freund, was fragst Du mir“.
Die falsche Grammatik erinnert an den Ursprung des Liedes. Jüdische Familien im Münsterland sangen so, um im Zahlenspiel des Liedes – Eins – Einmaleins ist Gott allein; zwei – zwei Tafeln Moses – die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel zu erzählen. – Das hebräische Wort für „fragen“ verlangt in der Fortführung den Dativ. Diese grammatische Regel übernahm der Sänger, auch als er das Lied in die noch fremde Sprache übertrug: „Guter Freund, ich frage dir.“
Die Münsterländer, denen aufgrund ihrer Mundart der Unterschied zwischen Dativ und Akkusativ nicht besonders geläufig war, übernahmen das Lied, so wie sie es hörten. Sie änderten aber wohl die Zahlenbedeutung ab. Von der vierten Strophe an erzählen sie nun die Geschichte Christi mit seiner Kirche: vier – Evangelisten, sieben – Sakramente, zehn – Gebote, zwölf – Apostel.
Die vielen Lieder zum Lambertusfest reichen vom simplen Kinderlied über jüdische Hausgesänge und Liedern mit naivfrommen Texten bis hin zu altdeutschen Liebesballaden. Ja, selbst das derbe, deftige Lied, das manchesmal die Nähe zum Kinderfest oder zum Fest des Heiligen vermissen läßt, ist zu finden. Es gab Zeiten, in denen das Fest von den älteren Jugendlichen und den Erwachsenen bis tief in die Nacht hinein ausgedehnt wurde.

Lied

Guter Freund, ich frage dir! Bester Freund, was fragst du mir?
Sag mir was ist eine!
Einmal eins ist Gott allein, der da lebt, der da schwebt im Himmel und auf Erden.

Guter Freund, ich frage dir! Bester Freund, was fragst du mir?
Sag mir was ist zweie!
Zwei Tafeln Moses, einmal eins ist Gott allein, der da lebt, der da schwebt im Himmel und auf Erden.

Guter Freund… dreie!
Drei Patriarchen, zwei Tafeln Moses, einmal eins ist Gott allein, der da lebt, der da schwebt im Himmel und auf Erden.

Guter Freund… viere!
Vier Evangelisten, drei Patriarchen…

Guter Freund… fünfe!
Fünf Gebote der Kirche, vier Evangelisten…

Guter Freund… sechse!
Sechs Krüge roten Wein, schenkt der Herr zu Kanaa ein, Kanaa in Galiläa, Städtchen in Judäa, fünf Gebote der Kirche…

Guter Freund… sieben!
Sieben Sakramente, sechs Krüge roten Wein…

Guter Freund… achte!
Acht Seligkeiten, sieben Sakramente…

Guter Freund… neune!
Neun Chöre der Engel, acht Seligkeiten…

Guter Freund… zehne!
Zehn Gebote Gottes, neun Chöre der Engel…

Guter Freund… elfe!
Elftausend Jungfrau´n, zehn Gebote…

Guter Freund… zwölfe!
Zwölf Apostel Christi, elftausend Jungfrau´n…[1]

[1] s. Die Lambertuspyramide, Gesellige Lieder und Singspiele aus Münster und dem Münsterland, gesammelt, bearbeitet und herausgegeben von Heribert Limberg, Münster 1978: 6f.

Einen interessanten Einblick in das Lambertusfest in heutiger Zeit gibt folgender Link zu nrwision-seniorama – Lambertusspiel in Münster

Seminararbeit von Marion Petzhold „Das Lambertusfest“

Seminararbeit

 

Quelle der Fotos: Karl Leisner-Archiv und Gabriele Latzel