Wenn Lieder zu Waffen werden

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Unter obigem Titel und nebenstehender Feldpostkarte veröffentlichte die F.A.Z. am 27. März 2014 einen Artikel von Dieter Bartetzko mit dem Untertitel „Der Erste Weltkrieg brachte unzählige Kriegslieder hervor. Jetzt wird es ein Musical zu 1914 geben. Unterhaltung zum Völkersterben – ist das erlaubt?

 

 

Karl Leisner notierte kurz nach seinem Arbeitsdienst am 30. Oktober 1937 in seinem Tagebuch:
Mit Hein komme ich ins Gespräch, das sich bis 20.30 Uhr fortsetzt. De intimis. [Über Intimes, Persönliches.] Ich suche ihm Kraft zu geben zur Lebensgestaltung auf ein Ziel – die Familie – hin. „Ge­sprä­che unter der Laterne“, so oft waren sie, so schön.

Karl Leisner dachte damals sicherlich an das Lied „Lili Marleen“. Im Artikel der F.A.Z. heißt es zu diesem Lied u. a.:
So wurde der Erste Weltkrieg auch Pate jenes Lieds, das man heute mit dem Zweiten Weltkrieg assoziiert: „Lili Marleen“. Der Dichter Hans Leip hatte den Text schon im April 1915 kurz vor seiner Abfahrt an die russische Front in einer Berliner Gardefüsilierkaserne geschrieben. Als er 1937 als „Lied eines jungen Wachsoldaten“ gedruckt und von Lale Andersen auf Platte gesungen wurde, fügte Leip jene Strophe an, deren Todessucht noch heute fassungslos macht: „Aus dem stillen Raume, aus der Erde Grund, hebt mich wie im Traume dein verliebter Mund.“ So wandelte sich die Rachevision aus Tucholskys „Rote Melodie“[1] zum nekrophilen Scheinstrost.

[1] Kurt Tucholsky schrieb das Lied „Rote Melodie“ für Erich Ludendorff. Auch zu diesem Lied bringt der F.A.Z.-Artikel eine ausführliche Beschreibung.

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Lili Marleen
1. Vor der Kaserne, vor dem großen Tor, stand eine Laterne und steht sie noch davor, so wolln wir da uns wiedersehn, bei der Laterne wolln wir stehn, wie einst Lilli Marleen.
2. Unsre beiden Schatten sahn wie einer aus. Daß wir so lieb uns hatten, das sah man gleich daraus. Und alle Leute solln es sehn, wenn wir bei der Laterne stehn.
3. Schon rief der Posten, sie blasen zum Zapfenstreich, es kann drei Tage kosten. Kamerad, ich komm sogleich. Da sagten wir auf Wiedersehn. Wie gerne wollt’ ich mit dir gehen.
4. Deine Schritte kennt sie, deinen zieren Gang, alle Abend brennt sie, doch mich vergaß sie lang. Und sollte mir ein Leids geschehn, wer wird bei der Laterne stehn?
5. Aus dem stillen Raume, aus der Erde Grund hebt mich wie ein Träumer dein verliebter Mund. Wenn sich die späten Nebel drehn, werd ich bei der Laterne stehn.
(Worte: Hans Leip 1915; Weise: Norbert Schultze 1938)

„Lili Marleen“, gesungen von Zarah Leander (1907–1981), Marlene Dietrich (1901–1992) und Lale Andersen (1905–1972), war der größte Erfolgsschlager während des Zweiten Weltkrieges. Trotz Verbotes durch das Propagandaministerium der Nationalsozialisten mußte das Lied toleriert wer­den; denn es zog auch „nichtdeutsche“ Soldaten in seinen Bann. Es gab schon bald Übersetzungen in andere Sprachen.