Wer war in der NS-Zeit ein Held?

Maria Anna Zumholz / Michael Hirschfeld
Zwischen Seelsorge und Politik
Katholische Bischöfe in der NS-Zeit
Münster 2018

Unter Aktuelles vom 2. November 2017 – Wollte Karl Leisner ein Held werden? ist das Verhalten von Karl Leisner in der NS-Zeit dargelegt. Unter der Überschrift „Bischöfe waren keine Helden – BUCH-TIPP Spannender Blick in die Kirchengeschichte: Wie verhielten sich deutsche Bischöfe zum Nazi-Regime? Ein altes Thema, ganz neu und sehr persönlich beleuchtet.“ besprach Franz Josef Scheeben in Kirche + Leben Nr. 9 vom 4. März 2018 auf Seite 8 das Buch von Maria Anna Zumholz und Michael Hirschfeld. Die Herausgeber zeigen auf, wie schwer es damals war, ein Held zu sein.

Link zum Buch unter buecher.de

Siehe auch
katholisch.de vom 5. Dezember 2017 – Bischöfe in der Nazizeit: Gegner oder Mitläufer?,
Kirche+Leben Netz vom 14. Dezember 2017 – Buch entstand an der Universität Vechta – Sammelband über Bischöfe in der NS-Zeit erschienen,
DOMRADIO.DE vom 14. Dezember 2017 – Neuerscheinung über die katholischen Oberhirten in der NS-Zeit – Bischöfe im Dritten Reich zwischen Anpassung und Opposition
und
NWZ ONLINE vom 19.Dezember 2017 – Bischöfe zwischen Seelsorge und Politik.

Vorwort zum Buch

Vorwort

 

Die Bischöfe in der NS-Zeit haben sich nur sehr selten mit deutlichen Worten gegen das Regime geäußert. Darüber hinaus waren sie sich diesbezüglich untereinander nicht einig und verhielten sich daher sehr unterschiedlich. Zudem stellt sich bis heute die Frage, worin Widerstand damals bestehen konnte. Der gesamte Sachverhalt ist nicht schwarz-weiß zu sehen.

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In seinem kurzen Leben hat Karl Leisner zahlreiche Bischöfe kennengelernt. Vermutlich hat er nach der Befreiung aus dem KZ Dachau auch erfahren, wie sich einzelne Bischöfe ehemaligen KZ-Priestern gegenüber verhalten haben.
In den folgenden Ausführungen sind die Bischöfe, die er in seinen Tagebüchern und Briefen erwähnt in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt.

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Quelle des Fotos: Wikimedia Commons / gemeinfrei (abgerufen 03.03.2018)

Bischof Dr. theol. Nikolaus Bares (* 14.1.1871 in Idenheim bei Bitburg i. d. Eifel, † 1.3.1935 in Berlin) – Priesterweihe 30.3.1895 in Trier – Bischofsweihe zum Bischof für das Bistum Hildes­heim 25.2.1929 – Bischof von Berlin 2.2.1934

Tagebucheintrag
Münster, Dienstag, 10. Mai 1938

„Vor Gott ein Kind – vor den Menschen ein Mann“ so sagte es 1934 Niko­laus Bares, der große Berliner Bischof, seinen Buben. Das soll mein Wahl­spruch sein für immer. – Ganz kindlich will ich Gott gerne haben als meinen allerbesten Vater, treu und gehorsam will ich Ihm sein wie ein Kind, rein, schlicht, unbefangen und demütig. Spielen will ich vor Ihm alle Tage. [vgl. Spr 8,30] Sin­gen und jubeln, beten und bitten zu Ihm, dem Vater aller Güte. – Ja, das ist meine Seele, die so spricht, meine Kindes- und Buben­seele, von der ich mir doch ein gut Teil bewahrt hab’. – Abba, Vater! Vor Gott ein Kind. – Vor den Menschen ein Mann! Treu und stark Gottes Befehle und Seinen Ruf befol­gen. Entschlossen und hart gefaßten, erbeteten Plan ausfüh­ren. So und jetzt: Viriliter age! Et confortetur cor tuum. [Sei unverzagt! Sei starken Her­zens! (Ps 26/27,14)] Und du bekommst Herzensstärke.

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Quelle des Fotos: Wikimedia Commons / gemeinfrei (abgerufen 03.03.2018)

Bischof Dr. theol. Wilhelm Berning (* 26.3.1877 in Lingen, † 23.11.1955) – Priester­weihe 10.3.1900 – Bischofsweihe zum Bischof für das Bistum Osnabrück 29.9.1914 – Er be­grüßte im April 1933 mit anderen deutschen Bischöfen „freudig“ den neuen Staat, for­der­te alle Gläu­bigen zur Ehrfurcht und zum Gehorsam gegenüber dem neuen System auf und wurde im Juli 1933 zum Preußischen Staatsrat ernannt.

Für Karl Leisner war der Artikel 31 des Reichskonkordates[1] wegen der Jugendarbeit sehr wichtig. Bischof Wilhelm Berning war daran beteiligt.

Christoph Kösters aus Bonn am 21.9.2009 an Hans-Karl Seeger:
In dem am 10. September 1933 ratifizierten Reichskonkordat war der in Arti­kel 31 grundsätzlich geregelte Vereinsschutz weiteren Ausführungsver­hand­lungen anheimgestellt worden. Ende Juni 1934 lag der Entwurf einer zwi­schen den bischöflichen Verhandlungsführern Berning, [Conrad] Gröber und Bares auf der einen und Vertretern der Reichs­regie­rung sowie der Reichsjugendführung auf der anderen Seite aus­ge­handelten Liste der zu schützenden katholischen Organisationen vor. Der Heilige Stuhl als Vertragspartner und verschiedene deutsche Bischöfe lehnten im Juli 1934 die­ses Verhandlungsergebnis ebenso als unzureichend ab wie die Vertreter der katholischen Verbände in ihrem Votum. Die zunächst im September 1934 von den deutschen Bischöfen, später dann vom Heiligen Stuhl weitergeführten Verhandlungen zogen sich bis 1936 ergebnislos hin.
vgl. Schellenberger 1975: 38–56, für das Bistum Münster Kösters 1995: 298f.
In beiden Veröffentlichungen finden sich auch zahlreiche Hinweise darauf, dass den katholischen Vereinen und Verbänden der Schutz des Reichskon­kor­dates mit den 1934 zunehmenden Auseinandersetzungen um Alfred Rosen­bergs „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ vorenthalten wurde.
[1] Artikel 31
Diejenigen katholischen Organisationen und Verbände, die ausschließlich religiösen, rein kulturellen und karitativen Zwecken dienen und als solche der kirchlichen Be­hör­de unterstellt sind, werden in ihren Einrichtungen und in ihrer Tätigkeit geschützt.
Diejenigen katholischen Organisationen, die außer religiösen, kulturellen oder karita­ti­ven Zwecken auch anderen, darunter auch sozialen oder berufsständischen Aufgaben dienen, sollen, unbeschadet einer etwaigen Einordnung in staatliche Verbände, den Schutz des Artikels 31 Absatz 1 genießen, sofern sie Gewähr dafür bieten, ihre Tätig­keit außerhalb jeder politischen Partei zu entfalten.
Die Feststellung der Organisa­tionen und Verbände, die unter die Bestimmung dieses Artikels fallen, bleibt verein­barlicher Abmachung zwischen der Reichsregierung und dem deutschen Episkopat vorbehalten.
Insoweit das Reich und die Länder sportliche oder andere Jugendorganisationen be­treuen, wird Sorge getragen werden, daß deren Mitgliedern die Ausübung ihrer kirch­li­chen Verpflichtungen an Sonn- und Feiertagen regelmäßig ermöglicht wird und sie zu nichts veranlaßt werden, was mit ihren religiösen und sittlichen Überzeugungen und Pflichten nicht vereinbar wäre.

Karl Leisner war dem Saarland sehr zugetan (s. Aktuelles vom 16. März 2013 – Karl Leisner und das Saarland). Daher war er am Ausgang der Saarabstimmung vom 13. Januar 1935 sehr interessiert.

Die Bischöfe der Kölner Kirchenprovinz zur Saarab­stim­mung
Geliebte Diözesanen!
Sonntag, den 13. Januar 1935, wird im Saarge­biet die Volksabstimmung stattfinden über die Frage, ob die­ses deutsche Land und seine Be­wohner in der durch den Versailler Gewaltfrie­den aufgezwungenen Tren­nung vom Deutschen Reiche verbleiben soll oder nicht. Der für die Zu­kunft unseres Vaterlandes so fol­genschweren Ent­scheidung, die in einigen Tagen an der Saar fallen wird, kann kein wahrhaft Deutscher gleichgültig gegenü­berste­hen. Als deutsche Katholiken sind wir verpflichtet, für die Größe, die Wohlfahrt und den Frieden unseres Vaterlan­des uns einzusetzen. Un­sere wirksamste Hilfe ist das Gebet. Deshalb ver­ordnen wir, daß am ge­nannten Sonn­tag in allen Kirchen nach dem allgemeinen Gebet drei Va­terunser und Ave-Ma­ria mit den Gläubigen gebetet werden, um einen für unser deutsches Volk segensreichen Aus­gang der Saarabstimmung zu erflehen.
Köln, den 26. Dezember 1934
Die Bischöfe der Kölner Kirchenprovinz:
Karl Joseph Kardinal Schulte, Erzbischof von Köln,
Wilhelm [Berning], Bischof von Osnabrück,
Franz Rudolf [Bornewasser], Bischof von Trier,
Antonius [Hilfrich], Bischof von Limburg,
Joseph [Vogt], Bischof von Aachen,
Clemens August [Graf von Galen], Bischof von Münster.[1]
[1] KA Bistum Trier 1935: 2

46.613 Saarländer (8,87%) stimmten für den Beibehalt der Völkerbundsregierung (Status quo), 477.119 (90,73%) stimmten für die Vereinigung mit Deutschland und 2.124 (0,40%) für die Vereinigung mit Frankreich. Wahlbeteiligung: 97,88%.

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Quelle des Fotos: Wikimedia Commons / Photographer: Götz, H. / CC-BY-SA 3.0 de (abgerufen 03.03.2018)

Dr. theol. Dr. iur. can. Adolf Johannes Kardinal Bertram (* 14.3.1859 in Hildesheim, † 6.7.1945 auf Schloß Johannes­berg/Jánský Vrch bei Jauering/Jovornik/CZ) – Priesterweihe 31.7.1881 in Würz­burg – Domherr 1894 – Generalvikar des Bischofs von Hildesheim 1905 – Bischofsweihe zum Bischof für das Bistum Hildesheim 15.8.1906 – Fürst­bischof von Breslau/Wrocław/PL 28.10.1914 – Kardinal 1916 – Vor­sitzender der Fuldaer Bischofs­kon­ferenz 1919–1945

Montag, 24. April 1933
Michael Kardinal von Faulhaber an Adolf Hitler:
Der Vorsitzende der bayerischen Bischofskonferenz
München, 24. April 1933
An Se. Exzellenz, den Herrn Reichskanzler Adolf Hitler
Berlin
Exzellenz! Verehrter Herr Reichskanzler!
Der Vorsitzende der Fuldaer Bischofskonferenz, Se. Eminenz [Adolf] Kardinal Bertram, hat an Ew. Exzellenz und an die zuständigen Ressort­minister unter dem 16. April das Ersuchen gestellt, die katholischen Jugend­orga­ni­sationen als gleichberechtigt mit an­deren vaterländischen Organisatio­nen zur körperlichen und seelischen Ertüchtigung anzuer­ken­nen, ihre Ver­eins­tätigkeit und ihr Vereinsvermögen gegen unbe­rech­tigte Eingriffe zu schützen. Die auf einer Konferenz versammel­ten bayeri­schen Bi­schöfe [auf der Bayerischen Bischofskonferenz] schließen sich diesem Ersuchen voll und ganz an.
Die katholischen Jugendorganisationen, die in der „Katholischen Ju­gend Deutschlands“ zusammengeschlossen sind und deren Mitglieder­zahl sich auf rund 1½ Millionen beläuft, sind unpolitische Vereini­gun­gen, die auf­ge­baut sind auf der Grund­lage des christlichen Glaubens, der christ­lichen Sitte, der Liebe zu Heimat und Vaterland, der Ehrerbie­tung und des Ge­horsams gegen die gottgesetzte staatliche Auto­rität. Die wich­tigsten der­selben sind der Katholische Jungmännerverband Deutschlands mit rund 390.000 Mitgliedern, die Deutsche Ju­gendkraft (rund 250.000 Mit­glieder), die katholischen Gesellenvereine (rund 130.000 Mitglieder), die Katholi­schen Burschenvereine Bayerns (rund 45.000 Mitglieder), die katholi­schen Jungarbeiter (rund 30.000 Mitglie­der), die katholische Stu­den­ten­­ver­eini­gung Neudeutschland (rund 20.000 Mit­glie­der), die katholi­sche kaufmän­nische Jugend [Jung-KKV] (rund 12.000 Mitg­lie­der). Diese Ver­ei­ne wur­den von der Kirche gegründet und geför­dert, um die Jugend in den wich­tigsten und entscheidendsten Jahren des Le­bens see­lisch und körperlich zu ertüchtigen, geistig und be­ruflich fort­zu­bilden und vor Abwe­gen zu be­wahren. Katholische Geistliche und Laien haben in dieser Aufgabe un­sägliche Mühen und Opfer auf sich ge­nom­men. Die Ar­beit ist nicht um­sonst gewesen. In allen Lagen und Stürmen, in jeder Not und Gefahr des Vaterlandes haben diese Vereine sich als ab­solut verläs­sige Sturmtruppe für Recht, Ordnung und Autorität bewährt, ge­gen die Mächte der Gottlo­sigkeit und Sittenlosigkeit, gegen Marxis­mus und Kom­muni­s­mus haben sie einen Wall gebildet. Sie haben daher gewiß ein An­recht auf Anerken­nung, auf Gleichachtung und Gleichbe­rechti­gung mit anderen vaterlän­di­schen Organisationen sich erworben.
Unsere deutschen Verhältnisse können nicht mit den italie­nischen ver­gli­chen werden, denn in Italien war zur Zeit der Be­gründung der Balilla[1] die katholische Jugendorganisation noch in ihrem Anfange, wäh­rend sie bei uns seit Jahrzehnten ausge­baut ist und ein blühendes Le­ben entfal­tet; in Italien sind we­gen der Einheit des Glaubens gänzlich andere Ver­hält­nisse ge­geben als in Deutschland. Die Kirche ist in der Balilla­frage den italieni­schen Staatsbehörden nur deshalb so weit entge­genge­kom­men, weil diese Frage eine Vorfrage des Laterankonkor­da­tes [der Late­ranver­träge] vom 11. Februar 1929 war und in diesem [italienischen] Konkor­dat auch von staatlicher Seite große Zugeständ­nisse an die Kirche ge­macht wurden. Es kann Euer Ex­zellenz nicht unbe­kannt sein, daß im italieni­schen Konkordat von staat­li­cher Seite der ka­tholischen Kirche die freie Ausübung der geist­lichen Gewalt und Ge­richtsbarkeit zu­gesichert wird (Art. 1), ebenso die in­ner­kirchliche Kollek­tenfreiheit (Art. 2), daß kein abgefallener Priester ein staat­liches Amt inne haben darf (Art. 5), daß der Staat auf alle Patro­nate und auf jede Staatsaufsicht über kirch­liches Vermögen verzichtet (Art. 25 und 30), daß das staatliche Eherecht dem kirchlichen Eherecht anzuglei­chen ist (Art. 34), daß die Leiter der Balilla dafür sorgen müs­sen, daß an Sonn­- und Fei­ertagen vor den Übun­gen die religiösen Pflichten er­füllt werden können (Art. 37), daß Italien die Katholische Ak­tion aner­kennt (Art. 43). Man kann also von deutscher Seite sich nicht darauf be­rufen, daß die Kirche in Italien die Balilla als einheitliche staat­liche Ju­gendorga­nisation anerkannt oder die parteipoliti­sche Betätigung der Geist­lichen und Ordensleute ver­boten habe, wenn man nicht gleich­zeitig auf deut­scher Seite sich die Zu­geständnisse des ita­lienischen Staates im La­te­ranvertrag zu eigen macht.
Es erfüllt uns mit Trauer und Sorge, daß von örtlichen Stel­len bereits Ein­griffe in die Vereinstätigkeit und das Vereinsver­mögen unserer Ju­gendor­ganisationen vorgenommen wurden, die nur als Vergewaltigung und wider­­rechtliche Enteignung bezeichnet werden können. Dazu wer­den die­se Organisationen dadurch aufs schwerste geschädigt, daß in die Po­li­zei, in die Reichswehr, in das Reichsausbesserungswerk [der Deutschen Reichs­­­­bahn] und in den frei­willigen Arbeitsdienst künftig nur noch Jugend­­liche aufge­nom­men wer­den sollen, die Mitglieder eines sog. natio­nalen Wehrverbandes sind. Wir können nicht annehmen, daß es der Wille Ew. Exzellenz ist, auf diese Weise un­sere katholischen Jugend­organi­sa­ti­onen zu vernich­ten und den Staat selbst einer seiner besten und treuesten Stützen zu berauben. Da­her wieder­holen wir vertrauensvoll die oben ge­stellte Bitte.
Vorstehende Eingabe ist im gleichen Wortlaut seitens der bayerischen Bischofskonferenz an Herrn Staatsminister [Hans] Schemm in München ge­richtet worden.
In aufrichtiger Hochschätzung M. [Michael] Kardinal [von] Faulhaber, Vor­sit­zen­­­der der bayerischen Bischofskonferenz.[2]
[1] Die italienische Staatsjugend Balilla wurde von katholischen Prie­stern geistlich be­treut. Eine ähnliche Regelung strebte man auch von nationalsoziali­sti­scher Seite für die HJ an. Vermutlich waren sogar Bischöfe für eine derartige Ver­stän­di­gung.
[2] Müller, Hans: Katholische Kirche und Nationalsozialismus, München: dtv 1965: 111–113 (zit. Müller, H. 1965)

Tagebucheitrag
Montag, den 25.[26.]6.1933
Bis ungefähr ½11 Uhr saß ich mit Hermann Rings­dorff und dem „Lan­gen“ auf dem alten Friedhof und hab mit ihnen über die „Gleichschaltung“ und den Nationalsozialismus im neuen Deutschland ge­sprochen.[1] Sie meinten, Nationalsozialist sei heute gleich Deutscher; wer kein Nazi sei, habe in Deutschland nichts verloren. Sie meinten, die politische Einheit müsse da sein, nur eine Partei (= Volk) dürfe es geben. Alles sehr gut und fein! Den Deutschen aber, der nicht Nazi ist, muß man doch als Bruder neben sich allerwenigstens dulden, ein Christ sogar ihn lieben! Wie läßt das sich mit dem allverbin­denden Geist des Chri­stentums verbinden, wie frage ich, mit der Liebe zum „irrenden Bruder“? – Ich kann mich nicht rein äußerlich „gleich­schalten“, ohne innerlich davon überzeugt zu sein, daran zu glauben. An Dr. [Heinrich] Brüning glaubte ich und glaube ich noch und für immer. An Hitler aber glaube ich nicht, weil er mir eben nicht glaubhaft erscheint. Ich vertraue nicht auf seine Worte. Er macht ihrer eben zuviel. Brüning hat nie so viel geredet, daran aber glaubte ich, weil ich wußte, daß er ein grundsatztreuer, echter Christ und Katholik war. (Von Hitler glaube ich – letzteres wenigstens – nicht fest.) Alles ist so unklar, so ver­schwommen! Man weiß nicht, was ist sein Endziel: Vielleicht die Natio­nalkirche? – Heute gibt er noch feste Versiche­rungen in Bezug auf kirchliche Organisationen, morgen löst Herr [Dr. Ro­bert] Ley die ka­tho­lischen Arbeitervereine auf und übermorgen (?) kom­men wir dran?![2] So wird’s kommen. Aber ich will nicht schwätzen, sondern zu Gott beten um Hilfe und Rettung in dem seeli­schen Zwiespalt. Aber zwin­gen laß ich mich nicht, denn ich bin frei!!

[1] Laut Hermann Ringsdorff fand dieses Gespräch während einer „Beurlaubung“ von der Mathe­ma­tikstunde statt. Die Jungen sprachen über den Versailler Vertrag und dessen Außer­kraft­setzen sowie die mögliche Abziehung der französischen Besat­zungstruppen aus dem Rheinland. Karl Leisner habe gemeint, er wisse nicht, ob es bei dem Vertrag bleibe. Die ande­ren seien überzeugt gewesen: Wenn wir deutsch denken, dann kann es nicht dabei bleiben.
Hermann Ringsdorff:
Als wir drei evangelischen Schüler [Hermann Ringsdorff, Wilhelm Hommrig­hausen und ? Heinz Verleger, Otto Andrae] damals (1933) in den Jungstahl­helm ein­traten, um nicht zur Hitler-Jugend gehen zu müssen, war Karl das in seiner konsequenten Haltung schon zuviel, so daß er mich zur Rede stellte. Wir meinten damals, er hätte in seinen Äußerungen insgesamt etwas vorsich­tiger sein kön­nen. Er selbst wird es als Bekennermut angesehen haben (Selig­sprechungspro­zeß: 535).
[2] Dr. Robert Ley hatte folgenden Erlaß herausgegeben:
Es ist der Wille des Führers, daß außer der Deutschen Arbeitsfront keinerlei Or­ganisationen mehr, weder der Arbeitnehmer noch der Arbeitgeber, existie­ren. Ausgenommen sind der ständische Aufbau und Organisationen, die ein­zig und allein der Fortbildung im Berufe dienen. Alle übrigen Vereine, auch so­genannte katholische und evangelische Arbeitervereine, sind als Staats­feinde zu betrachten, weil sie den großen Aufbau hindern und hemmen. Des­halb gilt ihnen unser Kampf. Und es ist höchste Zeit, daß sie verschwin­den (Müller, H. 1965: 174).
Am 25.6.1933 beschwerte sich Adolf Kardinal Bertram als Vorsitzender der Ful­daer Bi­schofs­konferenz bei Adolf Hitler:
Der Führer der Deutschen Arbeitsfront, Herr Staatspräsident Dr. Ley, hat am 22. d. M. [dieses Monats] die katholischen Arbeitervereine den staatsfeind­li­chen Or­gani­sationen zugezählt. Diese Auffassung ist irrtümlich (Müller, H. 1965: 174f.).

Adolf Kardinal Bertram am 18. Januar 1934 in einem Rundschreiben an den deutschen Epis­ko­pat:
Ein Anrecht auf Spiel und Wanderung und Zelten, zu Heimerziehung, Körperbildung und Gesundheitserziehung muß daneben der katholischen Jugend zugestanden bleiben; […] Hierbei können wir absehen von der Orga­nisation DJK (Deutsche Jugendkraft); denn diese ist bereits sport­lich in den Reichssportverband eingegliedert; sie muß aber auch ferner reli­giös-­sittlich in den katholischen Stammvereinen, zu denen ihre Mit­glie­der ge­hören, betreut werden. Auf die Selbständigkeit in sport-­techni­scher und be­rufsfachlicher Bezie­hung wird nicht bestanden.[1]
[1] Kösters, Christoph: Katholische Verbände und moderne Gesellschaft. Organisationsgeschichte und Vereins­kultur im Bistum Münster 1918 bis 1945, Paderborn 1995: 362: Fußnote 455 (zit. Kösters 1995)

Für Karl Leisner war neben dem Abitur die amtliche Bestätigung über die Zuerkennung der Hochschulreife wichtig; denn ohne diese hätte er nicht studieren dürfen.

Theologie und Hochschulreife
Ein Schreiben des Reichsministers [Wilhelm Frick] – Voraussetzungen zur Zulassung
München, 12. April [1934]
In einem Schreiben des Reichsministers an die Unter­richtsverwaltung der Länder heißt es, daß das württembergische Kultus­ministerium, der evan­gelisch-lutherische Landes[kirchen]rat und der Vor­sitzende der katholi­schen Bi­schofskonferenz [Adolf Kardinal Bertram] überein­stimmend dar­gelegt haben, daß die Kirchen ih­ren Bedarf an Theologiestu­denten aus der Zahl der hochschulreifen Abi­tu­rienten zu decken nicht in der Lage seien. Wenn auch die Zahl der für hochschulreif erklärten Abitu­rienten nicht so hoch bemessen werden kann, daß die Kir­chen mit dieser Zahl ihren Nach­wuchsbedarf decken kön­nen, so müsse doch andererseits den Kir­chen ermöglicht werden, die nö­tige Zahl von Theologen ins Stu­dium zu brin­gen. In dem Schreiben wird darauf auf­merksam gemacht, daß die Kir­chen wohl bemüht sein müßten, ihren Nachwuchsbedarf in erster Linie aus den hochschul­reifen Abitu­rienten zu erlangen. Soweit ihnen dies nicht mög­lich ist, dürfen die Kir­chen die am Nachwuchsbedarf fehlende Zahl aus den nichtberechtig­ten Abiturienten unter folgenden Vorausset­zungen er­gän­zen:
1. Kirchen stellen bezirksweise (nach Landeskirchen, Provinzen oder Diözesen) ihren Nachwuchsbedarf zahlenmäßig fest.
2. Die Kirchen decken diesen Bedarf in erster Linie aus den Meldungen der hochschulreifen Abiturienten.
3. Nichtberechtigte Abiturienten dürfen nur innerhalb der Bedarfszahl (zu 1) unter Abrechnung der zugelassenen hochschulreifen Abiturienten (zu 2) ins Studium der Theologie eintreten.
4. Die nichtberechtigten Abiturienten haben (durch Vermittlung der Reli­gi­onslehrer) eine Bescheinigung des Leiters der Schule, an der sie die Rei­feprüfung abgelegt haben, beizubringen, wonach aus der Versagung der allgemeinen Hochschulreife keine schweren Bedenken gegen das Stu­dium der Theologie herzuleiten sind.
5. Die gemäß Ziffer 4 beurteilten und von den Kirchenbehörden in die Bedarfszahl aufgenommenen Abiturienten sind zur Einschreibung in die theologischen Fakultäten (nicht in andere Fakultäten) bzw. zur Auf­nahme in die den theologischen Fakultäten entsprechenden Anstalten als vollbe­rechtigte Studenten zugelassen. Ob sie zur Tätigkeit als Religi­onslehrer im staatlichen Amte und zur akademischen Prüfung zugelassen sein wer­den, bleibt späterer grundsätzlicher Entscheidung vorbehalten. Der Zu­gang zu anderen Studienbahnen ist ihnen verschlossen.

Sonntag, 21. März 1937, Palmsonntag
Die Enzyklika Pius XI. „Mit brennender Sorge“ wurde am Passions­sonntag, dem 14. März 1937, unterzeichnet und, nach einer streng geheimen Ver­stän­digung der Bischöfe untereinander, bereits am Palmsonntag, dem 21. März, in den meisten katholischen Kir­chen Deutschlands ganz verle­sen. Es ist die erste im Original in deut­scher Sprache verfaßte Enzyklika.[1]
Ursprünglich hatte Michael Kardinal von Faulhaber vor, die Enzy­klika an drei Sonntagen verlesen zu lassen, kam aber sehr schnell zu der Überzeu­gung, daß es nach der Verlesung des ersten Teils, wenn die Macht­haber erst einmal Kenntnis davon er­langt hätten, vermutlich keine Fortset­zung mehr gebe. Daher bat er noch am 17. März den Vorsitzenden der Ful­daer Bischofs­konferenz, Adolf Kardinal Bert­ram, den gesamten Text bereits am Palm­sonntag verlesen zu lassen.[2]
Der Entwurf war auf Bitten des Kardinalstaatssekretärs Eugenio Pacelli von Michael Kardinal von Faulhaber in den Tagen seines Romauf­enthalts im Januar 1937 verfaßt worden. Die Sache war so vertraulich, daß außer Michael Kardinal von Faul­haber, Nuntius Eugenio Pacelli, dem Papst, dem unmittel­bar mit deut­schen Angelegen­heiten befaßten Prälaten Ludwig Kaas und dem Berater Eugenio Kardinal Pacellis P. Ro­bert Leiber SJ niemand davon wußte, bis 1964 auf Veranlassung Pauls VI. Historiker aus dem Jesuitenorden die nicht ver­zeichneten und in der Regel 70 Jahre lang gesperrten Dokumente im Archiv aufstöber­ten, die Dokumente photogra­phierten und dann wieder ab­leg­ten.
Der von Dieter Albrecht zusammengestellten Synopse[3] läßt sich entneh­men, daß der Redaktor Michael Kardinal von Faulhabers Entwurf vor allem durch die umfangrei­che Hinzufügung der Nennung der Konkordatsver­letzun­gen gleich im ersten Teil wesentlich verschärft hat. Signifikant ist schon die Erweiterung der Eröffnung: Michael Kardinal von Faulhaber formulierte „Mit großer Sorge“, Eugenio Kardinal Pacelli schrieb „Mit bren­nender Sorge und steigendem Befremden“. Sowohl im Aufbau als auch in den dogmati­schen Aussagen folgt die Endfassung aber weitgehend dem Entwurf, so daß die Substanz doch von Michael Kardinal von Faulhaber stammt. Die Redak­tion lag, obwohl es diesbezüglich noch keine endgül­tige Ak­teneinsicht gibt, mit hoher Wahrscheinlichkeit feder­führend bei dem die deutsche Spra­che perfekt beherr­schenden Eugenio Kardinal Pa­celli. Selbst­verständlich war der Papst immer mit einbezogen, doch er konnte nicht annähernd so gut deutsch und war be­reits sehr krank (die deutschen Bischöfe empfing er im Januar 1937 am Krankenbett!). Man spricht in der Sekundär­literatur von vier Redak­ti­ons­schritten.
Pius XI. beklagte in der Enzyklika die bedrängte Lage der Katholiken in Deutschland. Sowohl die Rassenpolitik der Nationalsozialisten verdammte der Papst – allerdings ohne die Juden namentlich zu nennen – als auch den Führer­kult um den „Wahnpropheten“ Adolf Hitler, der es wage, sich „neben Christus zu stellen, oder gar über Ihn und gegen Ihn“.
Pius XI. hatte in seiner Enzyklika auch einen Abschnitt der Jugend gewid­met, in dem er ihre Treue würdigte und ihre konkordatären Rechte betonte. Die Nationalsozialisten hatten das Reichskonkordat von 1933 von Anfang an Schritt für Schritt gebrochen. Mit der Enzyklika gab es end­lich ein offenes Wort des Papstes. Er verurteilte die dem katholischen Glauben wi­derspre­chen­den Lehren des National­sozialismus un­ter anderem auf folgende Weise:
[41.] Wir wissen, daß viele, viele von euch um der Treue zu Glauben und Kirche, um der Zugehörigkeit zu kirchlichen, im Konkordat geschützten Vereinigun­gen willen, düstere Zeiten der Verkennung, der Bearg­wöh­nung, der Schmähung, der Verneinung euerer vaterländischen Treue, viel­facher Schädigung im beruflichen und gesellschaftlichen Leben ertragen mußten und müssen.
[1]  s. Raem, Heinz-Albert: Pius XI. und der Nationalsozialismus. Die Enzyklika „Mit bren­nender Sorge“ vom 14.3.1937, Paderborn: Schöningh 1979 und die doku­men­­­tierte Ausgabe der Enzyklika beim Bonifatius-Verlag in Paderborn, ²1989
[2] Johannes Sonnenschein aus Ahaus am 10.5.2000 an Hans-Karl Seeger:
Wegen der Länge der Enzyklika habe ich sie als Kaplan während der ganzen Messe vorgelesen und nur während der Wandlung innegehalten.
[3] Albrecht, Dieter: Der Notenwechsel zwischen dem Heiligen Stuhl und der deutschen Reichsregierung. Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte. Reihe A: Quellen, Bd. 1, Mainz 1965: 402–442

Freitag, 22. Juli 1938
Eingabe Adolf Kardinal Bertrams im Auftrag der deutschen Bischöfe an das Reichskirchenministerium unter Berufung auf das Reichskon­kordat Artikel 28, den katholischen Schutzhäftlingen eine regelmä­ßige Seelsorge zu er­mög­lichen.[1]
[1] s. Freiburger Diözesan-Archiv 1970: 9

Tagebucheintrag
Münster, Freitag, 18. Februar 1938

Dieser Spruch von R. J. [Reinhard Johannes] Sorge für heute:
(aus dem „Jugendseelsorger“ – 1
/2–1938[1])
Herr, wie Du willst, so laß mich sterben!
Herr, wie Du willst, so laß mich sein!
Gib mir Gefüge oder Scherben,
Triff mich mit Kuß, triff mich mit Stein!
Hilf mir nur zu auf meiner Stelle!
Wo Du mich hin willst, ist mir gut.
Stell mich in Feuer oder Welle,
Stell mich in Blüte oder Blut.
Das wurde mir post lection. dogm. [lectionem dogmaticam – nach der Dog­ma­tikvorlesung um 10.15 Uhr von Professor] Dr. [Michael] Schmaus be­wußt. Der Herr verlangt mich! Er soll mich haben!

[1] Jugendseelsorger 1938: 2, zum Abschluß des Artikels von Adolf Kardi­nal Bertram „Erziehung zur Gottesliebe“

Folgende Texte betreffen auch Karl Leisners KZ-Zeit.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonfe­renz Adolf Kardinal Bert­ram aus Breslau am 26. März 1940 an den Reichsminister für die kirchlichen An­gele­genheiten Hanns Kerrl:
C. A. 1925
Am 22. Juli 1938 habe ich an das Geheime Staatspolizeiamt in Berlin namens der Oberhir­ten aller Diözesen Deutschlands die Bitte ge­richtet, anzuordnen, daß in den Konzen­trations­lagern für die katholischen Schutz­häftlinge regel­mäßiger katholischer Gottesdienst und Seel­sorge eingerich­tet werde, sowie insbesondere seelsorgliche Besuche der Kran­ken und Spen­dung der Sterbesakramente auf rechtzeitige Verständigung des zu­stän­digen Geistlichen zu­gelassen werden. Dabei habe ich auf Art. 28 des Reichskonkordats Bezug genommen und noch mehr auf das seelsorg­liche Bedürfnis der Inhaf­tierten, zu dem noch besonders der ver­söh­nende Ein­fluß der Religion und ihrer Gnaden­mittel hinzutritt. Laut Schreiben des Reichskir­chenministeriums vom 30. August 1938 G. II. 4565 ist dieses Ge­such abgelehnt aus sicher­heitspolizeilichen Gründen, obwohl ich die Er­füllung der Pflicht der Bischöfe, für die Beob­achtung al­ler Ordnungs­vorschriften ihrerseits Sorge zu tragen, zugesagt habe. Da ich mir nicht denken kann, daß auf die Dauer den Schutzhäftlingen selbst jene seel­sorgliche Hilfe verweigert bleiben könne, deren selbst die schwersten Ver­brecher in Zuchthäusern – si­cher nicht zum Nachteil der staatlichen Inter­es­sen – sich erfreuen, so bitte ich das Reichskir­chenmi­ni­sterium, diese Angelegenheit erneuter Prüfung unterziehen zu wollen. Es ist mir nicht möglich, bei jenem Bescheid mich zu beruhigen. Habe ich doch von Kind­­­heit an und in der katho­lischen Volksschule und im katholi­schen Gym­nasium, dem ich meine Ausbildung verdanke, stets den Grundsatz gehört und befolgt gese­hen, daß man bei aller Treue zur eige­nen reli­giö­sen Überzeu­gung stets pietätvolle Achtung und Rücksicht dem religiösen Innenle­ben An­dersdenkender zu erweisen verpflichtet sei: ein Grundsatz, den man doch auch im Bereiche der nationalsozi­ali­stischen Weltanschau­ung nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch zu beo­bachten bestrebt sein wird. Und hat doch noch in den letzten Mo­naten das Oberkommando der Wehrmacht in verständiger Würdigung des Ein­flusses religiö­ser Übung entgegenkommende Vergünstigung ge­währt für Gottesdienst und Seelsorge der Kriegsgefangenen, insbeson­dere der in schwerer Erkran­kung befindlichen. Wenn ich den Bericht der Komman­dantur des Konzen­trationslagers Buchenwald d. d. Weimar-Bu­chenwald d. 3. Februar 1940 über die Krankheit und das Ende des früher zu meiner Diözese ge­hören­den Erzpriesters Paul Polednia lese, wirkt es ge­radezu er­schütternd zu den­ken, wie ein Greis in so entsetzlichem Krankheitszu­stande selbst alles seelsorglichen Trostes entbehren mußte.
Meine Bitte geht dahin, das Reichskirchenmi­ni­sterium wolle gütigst ver­mitteln, daß
1. wenn nicht regelmäßiger, doch periodischer Gottesdienst und Seel­sorge in Konzentrations­lagern gestattet werden möge;
2. bei lebensgefährlicher Erkrankung das zuständige Pfarramt, bezw. ein von staatlicher Seite zugelassener benachbarter Geistlicher rechtzei­tig zwecks Spendung der Sterbesakra­mente verständigt werde;
3. den inhaftierten Geistlichen die stille Per­solvierung [Verrichtung] des Brevier­ge­bets gestattet bleibe und nicht behindert werde, aus der sie ge­rade in see­lisch schweren Stun­den Kraft zu geduldiger Ausdauer und see­lisches Gleich­gewicht schöp­fen; und
4. die Erdbestattung für die Leichen derjeni­gen Inhaftierten gestattet bleibe, die vor ihrem Ende, oder in deren Vertretung die Angehörigen sol­che verlangen.
Es würde angesichts der schweren Prüfung, die das Konzentrations­la­ger jedem Inhaftierten bringt, versöhnend und für die Angehörigen be­ru­hi­gend wirken, wenn wenigstens in diesen Stücken aus Gründen huma­ner Behandlungs­weise Entgegenkommen geübt würde.
gez. A. Card. Bertram[1]
[1] Erzbischöfliches Archiv Freiburg Nr. 4288
Antwort s. Brief von Hanns Kerrl vom 9.11.1940 an Adolf Kardinal Bertram

Hanns Kerrl am 9. November 1940 an Adolf Kardinal Bertram:
Berlin W 8, den 9. November 1940, Leipziger­straße 3
II 5431/40.
An den Herrn Erzbischof von Breslau Kardinal Bertram in Breslau.
Betrifft: Behandlung der Geistlichen in Konzen­trationslagern.
Dortiges Schreiben: C. A. 1925 vom 26. März 1940.
Nach einer Entscheidung des Reichsführers-SS und Chefs der Deut­schen Poli­zei [Heinrich Himmler] werden nunmehr sämtliche bisher in ver­schie­denen Konzentrationslagern unterge­brachten Geistlichen im K. L. Dachau zusam­mengefasst werden. Dort werden sie nur mit leichten Ar­beiten be­schäftigt. Auch wird ihnen Gelegenheit gegeben, täglich die Messe zu lesen oder zu besuchen. Die erforderlichen Meß­geräte nebst Zubehör ste­hen zur Verfügung.
Wie mir der Chef der Sicherheitspolizei und des SD weiterhin mitteilt, kann jedoch von der Einäscherung der Leichen von im Konzentrations­la­ger verstor­benen Geist­lichen wie bei allen ande­ren Schutzhäftlingen aus grundsätzlichen Erwägungen nicht abgese­hen werden.
Im Auftrage, gez. [Josef] Roth.[1]
[1] Erzbischöfliches Archiv Freiburg Nr. 15154

Hugo Ott:
Der Generalvikar [Dr. Adolf Rösch] informierte […] den Diözesan­kle­rus auch über den neuesten Stand der Durchführung der KZ-Haft von katho­li­schen Geistlichen. Nach einer Mitteilung des Reichs­ministers für die kirchlichen Angelegen­heiten [Hanns Kerrl] an den Vorsit­zenden der Ful­daer Bischofskonferenz, Kardinal Bertram, vom 9. November 1940 sollten gemäß Entschei­dung des Reichsführers-SS und Chefs der Deut­schen Polizei [Heinrich Himmler] alle bislang in den verschiedenen Konzentrati­onsla­gern unter­ge­brachten Geistlichen im KZ Dachau zusam­men­gefaßt werden, dort nur mit leichten Arbei­ten be­schäftigt wer­den und die Gele­genheit er­halten, täglich die Messe zu lesen bzw. zu be­su­chen. Freilich könne von einer Einäscherung der Lei­chen von im KZ Dachau verstorbe­nen Geist­li­chen aus gesundheitspolizeilichen Erwä­gun­gen nicht Abstand genommen werden. Dr. Rösch teilte zugleich mit, daß gemäß dieser Wei­sung ein Diözesangeistlicher [Richard Schneider] in der Vor­woche [am 22.11.1940] nach Dachau ver­bracht worden ist.[1]
[1] Ott, Hugo: Einleitung und Vorbemerkung zu den nachfolgenden Erlebnis­berichten und Dokumenta­tionen von KZ-Priestern der Erzdi­özese Freiburg/Br. In: Freiburger Diözesan-Archiv 1970: 9

Alexander Krahe:
Die Spitze der katholischen Kirche in Deutschland reagierte schnell auf die seit Beginn des Krieges sprunghaft ansteigende Zahl der Inhaf­tierun­gen von Geistlichen. Im Jahr 1940 führten Bertram, [Heinrich] Wienken und [Cesare] Orsenigo intensive Verhand­lungen zugunsten der in KZ inhaftierten Männer, wobei stets seelsorger­li­che Aspekte im Vordergrund standen. Das Ergebnis war die Zusammen­legung der Geistlichen im KZ Dachau. Um die Jahreswende 1940/41 wurden diese Zugeständnisse von Reichsregierung und RSHA [Reichssicherheitshauptamt] in die Tat umgesetzt.
Bei den Verhandlungen des Jahres 1940 ging es um die Durchsetzung elementarer Forderungen. Obwohl Wienken und Orsenigo erhebliche Res­sentiments gegenüber Geistlichen hegten, die mit dem NS-Regime in Konflikt geraten waren, war die Durchsetzung seelsorgerlicher Vergünsti­gungen eine klare Notwendigkeit. Anders reagierte die Kirchenleitung auf die sich im Jahr 1942 häufenden Meldungen über die katastrophalen Ver­hält­nisse im Lager Dachau: Das Ende der Arbeitsbefreiung, die rapide Zunahme der Todesfälle und die Euthanasie-Aktionen an Häft­lingen.
Bertram blieb angesichts der schwierigen Informationsbeschaffung un­schlüs­­sig und beauftragte Wienken, gesicherte Erkenntnisse zu gewin­nen. Wienken konzentrierte sich weiter auf die humanitäre Hilfe für inhaf­tierte Geistliche im Einzelfall.[1]
[1] Krahe, Alexander: Zwischen Loyalität und Wi­derstand. Die Deutsche Bi­schofskonferenz und im KZ Dachau inhaftierte Priester 1939–1945. Magisterarbeit 25.1.1994: 130

Monika Knop von der Gedenkstätte Sachsenhausen am 16. November 2010 an Hans-Karl Seeger:
[…] als das Reichskirchenministerium am 6. November 1940 Kardinal Bertram mitteilte, dass nach einer Entscheidung Himmlers alle Geist­li­chen im KZ Dachau zusammengefasst werden, wurden tatsächlich am 13.12.1940 527 Geistliche nach Dachau trans­portiert. Das war von Sach­sen­hausen der einzige Massen­transport, der Geistliche nach Dachau trans­portierte. Danach bis 1944/45 folgten fast nur noch Transporte mit weni­gen bzw. einem Geist­lichen. Nicht alle kamen nach Dachau, zwei wurden nach Neuen­gamme, einer nach Flossenbürg, Mauthausen und mindestens einer nach Bergen-Belsen gebracht. Auch wurden zwischen 1941 und 1944/45 noch Geistliche (mindestens neunzig Häftlinge) im KZ Sachsen­hausen eingeliefert, die meisten von ihnen aber einige Wochen später nach Dachau verlegt. Eine Erklärung dafür habe ich leider nicht, denn aus den bei uns vorhandenen Unterlagen geht es nicht hervor.

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 16. Mai 1942, an seine Familie in Kleve:
Daß Tante Gertrud [die Gestapo] ihm [Karl Leisner] wegen des kleinen Schnit­zers [der Äußerung zum Attentat auf Adolf Hitler am 8.11.1939] vor drei Jahren noch nachträgt, ist kaum zu verstehen. Sie hat halt „Haare auf den Zähnen“. Vater, be­sprich’s mal mit Willi an Pfingsten! Er soll sie [die Gestapo in Ber­lin] dann mal persönlich zu besänftigen su­chen. Und wenn das nicht hilft, dann müßtest Du, liebe Mutter, sie besuchen. Ich denke schon, daß sie dann den alten Zwist beilegt, der uns alle bedrückt. Ich wüßte auch nicht, daß er sich neuerdings verfehlen hätte sollen. Er hat sich doch so fein geführt in all der Zeit, wo Ihr mir von ihm schreibt.[1]
[1] Johannes Sonnenschein an Hans-Karl Seeger:
Unseren Angehörigen wurde, wenn sie bezüglich Entlassung vorstellig wur­den, oft von der Gestapo gesagt, es fehle an „guter Führung“, obwohl wir nie dieserhalb vernommen worden waren. Also: eine willkürliche Verleum­dung.
Adolf Kardinal Bertram erstellte am 20.12.1943 eine „Statistische Mitteilung, betreffend die in Konzentrationslagern befindlichen Diözesanpriester“:
Auf diese Eingaben [Bitte um Aufklärung über Gründe oder Anlaß der Inhaf­tierung, Haftentlassung oder wenigstens Erleichterung der Haft] ist seitens der staatspolizeilichen Stellen bisher gewöhnlich erklärt worden, daß eine Entlas­sung der betreffenden Geistlichen aus dem Konzentrationslager jetzt noch nicht erfolgen könne: gerade in der gegenwärtigen Kriegszeit müsse von allen deutschen Volksgenossen ein bedingungsloser Einsatz für den national­soziali­stischen Staat erwartet werden; die Gründe, die seinerzeit die Über­führung der Geistlichen in das Konzentrationslager erforderlich gemacht hätten, sowie auch ihre Führung im Lager böten noch nicht die Gewähr dafür, daß sie nach erfolgter Freilassung zu neuen Beanstandungen keinen Anlaß geben würden.
Bischof Heinrich Wienken aus Berlin am 29.3.1945 an Erzbischof Conrad Gröber in Freiburg/Br.:
Exzellenz schreiben, daß Geistliche vielfach wegen „Bagatellsa­chen“ nach Dachau gekommen sind. Es trifft das zu, wenn man bei den vorliegenden Beanstandungen den moralischen Maßstab anlegt. Die Staatspolizei aber beur­teilt Verfehlungen nach politischen Gesichtspunk­ten.

Willi Leisner aus Berlin am 18. Mai 2003 an Hans-Karl Seeger:
Zur Verlobung [am] 10. April 1944 gab’s in diesem Jahr das Buch „Konrad von Preysing – Anwalt des Rechts [Der erste Berliner Kar­di­nal und seine Zeit]“ von Wolfgang Knauft im Morus-Verlag [1998, 32003]. Die „weiche“ Haltung von Bischof Wienken kommt dort mehrfach zum Ausdruck. Das trifft auch auf Kardinal Bertram zu. Ich habe in der Nazizeit die guten Bischöfe [Clemens August Graf] von Galen und von Preysing erlebt.

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Quelle des Fotos: Wikimedia Commons / gemeinfrei (abgerufen 03.03.2018)

Dr. Michael Kardinal von Faulhaber (als bayerischer Bischof geadelt) – (* 5.3.1869 in Klo­ster­heidenfeld, † 12.6.1952 in München) – Priesterweihe 1.8.1892 in Würz­burg – Bi­schofs­weihe zum Bischof für das Bistum Speyer 19.2.1911 – Wahlspruch „Vox tempo­ris Vox Dei! – Der Ruf der Zeit ist Got­tes Ruf!“ – Erzbischof von München und Frei­sing 1917 – Kardinal 1921 – Schon früh distan­zierte er sich vom Nationalsozialismus. So wies er z. B. die Beschuldigungen, die Fritz Gerlich ins KZ brachten, klar und deutlich zurück. Später trug er entscheidend zur Durch­führung von Karl Leisners Priesterweihe im KZ Dachau bei.

Nicht alle im IKLK-Archiv vorhandenen, aber wesentliche Ausführungen zu Karl Leisner und Michael Kardinal von Faulhaber finden sich unter: Aktuelles vom 20. Januar 2014 – Kardinal Faulhabers Notizen, Aktuelles vom 25. Januar 2014 – Kardinal Faulhabers Tagebücher und seine Notizen zu Karl Leisner und Aktuelles vom 10. Dezember 2015 – Online-Edition der Tagebücher von Michael Kardinal von Faulhaber.

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Quelle des Fotos: Wikimedia Commons / Photographer: Unknown / CC-BY 4.0 (abgerufen 03.03.2018)

Joseph Kardinal Frings (* 6.2.1887 in Neuss, † 17.12.1978 in Köln) – Priesterweihe 1910 in Köln – Erzbischof von Köln 1942–1969 – Kardinal 18.2.1946

Kalr Leisner erfuhr von Joseph Kardinal Frings durch dessen Enkel Heinrich Frings, mit dem er zusammen in einer Jugendgruppe war.

Michael Heinrich Frings (* 15.10.1915 in Kalkar, katholisch getauft, † 31.10.1979 in Neuss) – Kleve, Tiergartenstr. 22 – später Gruftstr. 1 – Mitglied der Jungkreuzbundgruppe St. Werner – Er kam Ostern 1925 in die Sexta des Gymnasiums in Kleve, wechselte aus der Obertertia g ohne Versetzung am 10.4.1930 zum Collegium Augustinianum Gaesdonck und besuchte ab Ostern 1932 wieder das Klever Gymnasium. Wegen Versetzung seines Vaters wechselte er als Obersekundaner mit Ver­setzung in die Unterprima zum Gym­na­sium nach Leipzig. Er wurde Arzt, heiratete Wal­burgis Craemer aus Düsseldorf und hatte mit ihr 3 Kinder.

Liste der Gruppenmitglieder

Seite 01 (1)

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Quelle des Fotos: Wikimedia Commons / Urheber / Domkapitular Gustav Albers / CC BY 2.5 (abgerufen 20.02.2018)

Dr. theol. h. c. Kardinal Clemens August Graf von Galen (* 16.3.1878 auf Burg Dink­lage i. O., † an Blind­darmdurchbruch 22.3.1946 in Münster) – Studium der Theo­lo­gie in Freiburg/CH u. Innsbruck/A 1897–1903 – Priesterweihe 28.5.1904 in Münster – Seelsorger in Berlin 1906 – Pfarrer in Münster St. Lamberti 1933 – Bischofsweihe durch Karl Joseph Kardinal Schulte zum Bischof für das Bistum Mün­ster 28.10.1933 – Sein Leitspruch lautete „Nec laudibus nec timore (lat.) = Weder für Lob noch aus Furcht“ (will ich mich beeinflussen lassen). Die kir­chen­feindliche Politik der NSDAP verurteilte er öffent­lich und for­derte ein offensives Vor­gehen des Epi­skopats gegen das NS-Regime. 1941 hielt er drei Pre­digten, die sog. Brand­predigten, in denen er die Beschlag­nahme von Kir­chengut und die Euthana­siemaßnahmen der National­sozialisten anpran­gerte. Die Predigten wurden in Kopien in Deutschland ver­breitet und später auch von den Alli­ierten in Flug­blättern aus­zugsweise vervielfältigt. Auf Grund sei­ner mutigen Kritik am NS-Staat wurde er als „Löwe von Münster“ auch im Aus­land be­kannt. Am 18.2.1946 wurde er zum Kardinal ernannt und am 9.10.2005 in Rom se­ligge­sprochen.

Zum Begriff „Löwe von Münster“ siehe Ergänzungen zur Lebens-Chronik zu Karl Leisner XXV.

Nicht alle im IKLK-Archiv vorhandenen, aber wesentliche Ausführungen zu Karl Leisner und Kardinal Clemens August Graf von Galen, der sicherlich der Mutigste unter den deutschen Bischöfen war, finden sich unter: Aktuelles vom 22. März 2016 – Vor 70 Jahren starb Clemens August Kardinal Graf von Galen, Aktuelles vom 9. Mai 2016 – Kardinal von Galen in den Tagebüchern von Heinrich Portmann und Aktuelles vom 20. Juli 2016 – Der 20. Juli: Galen und Leisner.

Wie Bischof Clemens August Graf von Galen die KZ-Priester Reinhold Friedrichs und Johannes Sonneschein nach ihrer Befreiung empfing, ist am Ende des aktuellen Artikels unter „Martyrer der Dummheit“ dargelegt.

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Quelle des Fotos: Wikimedia Commons / gemeinfrei (abgerufen 03.03.2018)

Erzbischof Dr. theol. Conrad Gröber (* 1.4.1872 in Meßkirch, † 14.2.1948 in Frei­burg/Br.) – Priesterweihe 28.10.1897 – Rektor des erzbischöflichen Konviktes Konradi­haus in Kon­stanz 1901–1905 – anschließend dort Pfarrer bis 1925 – Bischofsweihe zum Bischof für das Bistum Meißen 1.2.1931 – Erzbi­schof von Freiburg/Br. 20.6.1932 – Teilnahme an den Konkordatsverhandlungen in Rom 1933

Tagebucheintrag
Karlsruhe-Mühlburg, Sonntag, 28. August 1932, 15. Tag
6.00 Uhr heilige Messe [in St. Peter und Paul in Karlsruhe-Mühlburg]. Ein Auf­ruf des Freiburger Erzbischofs [Conrad Gröber] wurde verlesen.[1]
[1] Der am 14.8.1932 unterzeichnete Hirtenbrief handelt von der Einfüh­rung des Kirchgeldes. Sie geschah aus der finanziellen Not der Diözese. (s. Anzeigenblatt für die Erzdiözese Freiburg 1932 – Nr. 22 vom 20.8.1932: 313–316)

Samstag, 25. März 1933
Bernd Börger
:
Der Freiburger Erzbischof Conrad Gröber spricht in ei­nem Hirten­wort an die katholische Jugend die „zuver­sichtliche Erwartung“ aus, daß sich die katholi­schen Organisationen gewissenhaft von allem ent­hielten, was irgendwie als Störung des Friedens oder der öffentli­chen Ordnung gedeu­tet werden könne.[1]
[1] Börger, Bernd / Schroer, Hans: Sie hielten stand. Sturmschar im Katholischen Jungmännerverband Deutschlands, Düsseldorf 1990: 268

Karl Leisner aus Freiburg/Br. am Freitag, 3. April 1936, an Walter Vinnenberg in Münster:
Sonst gibt’s hier [in Freiburg] noch viel zu schaun. Das „Mintschter“ [Münster] hab’ ich mir „erscht amaol“ [erst einmal] von außen in allen möglichen Blicken an­gesehn. Es gefällt mir jedesmal besser. Der Turm in seiner Gestalt und Tönung des Steins paßt [sich] so recht hier in die Stadt und die Gegend ein. Den Erzbischof [Conrad Gröber] mit seiner erzbischöflichen „Traube“ am Rö­merhut haben wir auch schon auf der Straße begrüßt. Ein recht freundlicher Mann. Letzterzeit soll er auch in seinen Hirtenworten sehr klar und scharf [gegen den Nationalsozialismus] sprechen, wie man hört.

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 4. Oktober 1941, an P. Constantin Noppel SJ in Freiburg/Br.:
Über Conrads Briefe hab’ ich mich mitgefreut.[1]
[1] Vermutlich Hirtenbriefe von Erzbischof Conrad Gröber. Es ist allerdings nicht bekannt, daß sie direkt an KZler geschickt wurden.
Erwin Keller:
Um seelsorgliche Dienste war es Erzbischof Conrad schon Ende 1939 gegan­gen, als er in vielen Tausenden von Exemplaren sein „Hirtenwort an die Sol­daten“ verschicken ließ. Er gab ihm den Titel: „Arbeite als ein guter Kriegs­mann Christi“ (2 Tim 2,3). Bei der Lektüre dieser Meditationen zu den The­men „Kameraden“, „Daheim“, „Seele“, „Gott“, „Christus“ spürt man auf jeder Seite, wie hier das Herz eines großen Seelsorgers zu Men­schen spricht, die in ganz neue, ungewohnte und lebensbedrohende Verhält­nisse gestellt waren. Nirgends auch nur die Spur eines überschäumenden Nationalismus! Gewiß, der Erzbischof sieht das Soldatentum auch in diesem Krieg noch ganz in der Tradition seiner Jugend als einen vaterländischen Opfer- und Ehren­dienst. Die Soldaten sind „Wache und Wehr“ des großen deutschen Volkes, „der macht­vollste Schutzwall, der in schwerster Bedräng­nis unser Volk und Vaterland umschirmt“. Daß der Verfasser im kurzen einleitenden Kapitel „Volk und Vaterland“ ins Hymnisch-Pathetische geriet, war freilich ein lyri­scher Aus­bruch, welcher der Situation in keiner Weise entsprach. Aber ihm deswegen vorzuwerfen, er habe hier „die nazistische Volksmystik“ übernom­men, ist falsch. Wer hat denn die Mystifizierung von Rasse, Blut und Volk mit aller Entschiedenheit abgelehnt und als neue Irr­lehre bekämpft? Wer nur ein wenig die Schriften des Erzbischofs schon aus den Jahren 1934/35 studiert hat, der kann niemals dem Oberhirten ein über­spanntes völkisches Denken zum Vor­wurf machen (Keller, Erwin: Conrad Gröber 1872–1948. Erzbischof in schwerer Zeit, Freiburg/Br. 1981: 250).

Weitere Äußerungen zu Bischof Conrad Gröber finden sich in den Ausführungen zu Bischof Heinrich Wienken.

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Quelle des Fotos: Wikimedia Commons / gemeinfrei (abgerufen 03.03.2018)

Bischof Dr. Petrus Legge (* 16.10.1882 in Brakel, † an den Folgen eines am 28.12.1950 er­littenen Autounfalls 9.3.1951) – Besuch der Rektoratsschule in Bra­kel – Besuch des Gym­nasiums Maria­num in Warburg – Studium der Theologie in Paderborn u. Würzburg – Prie­sterweihe 22.3.1907 in Paderborn – Er­nennung durch Papst Pius XI. zum Bischof von Meißen 9.9.1932 – Bischofsweihe für das Bistum Meißen 28.10.1932 – Verhaftung durch die Gestapo wegen Devisenvergehen 9.10.1935 – Prozeßbeginn 14.11.1935 – Verbot der Amts­ausübung in seinem Bistum laut Urteil vom 23.11.1935 – außerdem Geldstrafe von 100.000,00 RM, ab­züglich 40.000,00 RM Anrechnung infolge seiner Untersu­chungshaft – Ernennung von Bischof Konrad Graf von Preysing zum Administrator für das Bi­stum Meißen 15.10.1935 – Amtsenthebung von Konrad Graf von Preysing als Ad­ministrator auf Grund der Ernennung von Heinrich Wienken zum Koadjutor mit dem Recht der Nachfolge 23.2.1937 – Nach seiner Verur­teilung kehrte Bischof Legge aus Furcht vor Schwierigkeiten staatlicherseits zunächst nicht ins Bistum Meißen zu­rück, sondern ging in seine Heimat­stadt Brakel. Offenbar auf Anfrage von Bischof Legge gab Eugenio Kardinal Pacelli aus Rom das Placet für dessen Rückkehr, aber Nuntius Cesare Orsenigo sprach sich erfolgreich dagegen aus. Bischof Legge blieb in Brakel. Am 15.3.1937 gab Nuntius Orsenigo nach Verhandlungen mit der NS-Re­gierung bekannt, der bischöfli­che Stuhl sei nicht mehr be­hindert. Am 20.3.1937 kehrte Bischof Legge ins Bistum Meißen zurück, fand Hein­rich Wienken in Bautzen vor und berief ihn am 1.4.1937 zu seinem Generalvikar.

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Dr. theol. Konrad Graf von Preysing-Lichtenegg-Moos (* 30.8.1880 auf Schloß Kronwinkl, † 21.12.1950 in Berlin) – Priesterweihe 26.7.1912 in München – Bischofsweihe zum Bischof für das Bistum Eichstätt 9.9.1932 – Bischof von Berlin 1935 – Kardinal 18.2.1946

Willi Leisner aus Berlin am 18. Mai 2003 an Hans-Karl Seeger:
Zur Verlobung [am] 10. April 1944 gab’s in diesem Jahr das Buch „Konrad von Preysing – Anwalt des Rechts [Der erste Berliner Kar­di­nal und seine Zeit]“ von Wolfgang Knauft im Morus-Verlag [1998, 32003]. Die „weiche“ Haltung von Bischof [Heinrich] Wienken kommt dort mehrfach zum Ausdruck. Das trifft auch auf [Adolf] Kardinal Bertram zu. Ich habe in der Nazizeit die guten Bischöfe [Clemens August Graf] von Galen und von Preysing erlebt.

Rundbrief von Willi Leisner aus Berlin am Montag, 4. März 1946, an seine Lieben:
In diesen Tagen kommt der neue Kardinal [Konrad von Preysing] aus Rom zurück.[1] Das erste Pontifikalamt wird seine Eminenz in der Rosen­kranzkirche [Berlin-]Steglitz feiern (und zwar am nächsten Sonntag [10.3.]). Am 17. März will er dann unsere St. Annenkirche wieder weihen und nach­mittags in St. Kamillus die Jugend um sich sammeln. Diese Fei­ern werden gewiß die Freude der Ernennung ihres Bischofs zum Kardinal zum Ausdruck brin­gen.
[1] Konrad von Preysing war am 18.2.1946 zusammen mit Clemens August Graf von Galen und Joseph Frings zum Kardinal ernannt worden.

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Quelle des Fotos: Wikimedia Commons / gemeinfrei (abgerufen 03.03.2018)

Dr. Michael Rackl (* 31.10.1883 in Rittershof bei Pölling; † 5.5.1948 in Eichstätt) – katholischer Dogmatiker – Priesterweihe 29.6.1909 – Lehrstuhl für Dogmatik in Eichstätt 1913-1935, ab 1925 auch für Aszetik – 1933 gehörte er zu den Unterzeichnern des Bekenntnisses der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem NS-Staat. Bischofsweihe zum Bischof für das Bistum Eichstätt 21.12.1935 – Nach seiner Bischofsweihe trat er als Kritiker der Nationalsozialisten auf.

Vermutlich hat Karl Leisner in seiner Schönstattgruppe „Victor in vinculis“ im KZ Dachau erfahren, daß Bischof Rackl am 11.10.1942 seine Diözese Maria als der Drei­mal wun­derbaren Mutter geweiht hat.

Mater ter admirabilis (Mta) (lat.) = Dreimal wunderbare Mutter – Der marianische Ehren­titel Dreimal wunderbare Mutter geht zurück auf den Begrün­der der Mariani­schen Kongre­gation in Deutschland, Pater Ja­kob Rem SJ. Er sah in dieser Anru­fung aus der Lauretani­schen Litanei (s. Gotteslob 1975: Nr. 769; Gotteslob 2013: Nr. 556) eine Zusam­menfas­sung des­sen, was sich über Maria aus­sagen läßt. Als Mitglieder des Collo­quium Ma­rianum, einer von ihm ins Leben gerufenen Elitegemeinschaft der Kongrega­tion, am 6.4.1604 im Ignatius­konvikt in Ingolstadt die Lauretanische Litanei sangen, hat­te er eine Marien­er­scheinung. Davon inspiriert, ließ er den Vorsän­ger den Titel Mater admirabilis dreimal be­ten. Seit dieser Zeit wird Maria im Ingolstädter Col­lo­quium Marianum und in den Diöze­sen, in denen Mitglieder dieser Vereinigung tä­tig wa­ren, unter dem Titel Dreimal wunder­bare Mutter verehrt, u. a. Wei­he der Di­özese Konstanz an die Ma­ter ter admirabilis 1683. Das Ingol­städter Gnadenbild, eine Kopie des Bildes „Salus Populi Romani (lat.) = Heil des römi­schen Volkes“ aus Santa Ma­ria Maggiore in Rom, erhielt diese Bezeichnung. Es be­findet sich heute in ei­ner Sei­tenka­pelle des Münsters Zur Schö­nen Unserer Lieben Frau in Ingol­stadt. In der Diözese Eich­stätt wird Maria auch heute noch unter dem Titel Drei­mal wun­derbare Mutter verehrt.
Seit 1915 wird Maria auch in der Schönstatt-Bewegung als Dreimal wunderbare Mut­ter verehrt. Der Marianischen Kongregation des Pallotti­ner-Studien­heims in Vallendar wurde ein Marienbild (Refugium Peccatorum – Zuflucht der Sünder von Lui­gi Crosio) geschenkt. Die Übernahme des Titels Dreimal wun­derbare Mutter in dieser Kongre­gation ist eine der frühen Ausdrucksformen der apostolischen Dimen­sion der Schönstatt-Bewe­gung. Anregun­gen bekam P. Joseph Kentenich SAC durch die Lektüre der Bio­graphie über P. Jakob Rem SJ von P. Franz Hattler SJ (1829–1907). Wie die Studenten des Collo­quium Marianum im 17. Jh. wesentli­chen Anteil an der Rekatholisierung und katholischen Reform Süd­deutsch­lands hatten, so strebte P. Joseph Kentenich SAC im Sinn einer Parallele Ingolstadt–Schön­statt das Ziel einer inneren Erneuerung von Kirche und Gesellschaft unserer Zeit an.
Heute hat sich der Titel für die Gottesmutter erweitert in MRTta: Mater, Regina, Tri­um­ph­atrix ter admira­bilis – Dreimal wunderbare Mutter, Königin und Sie­gerin; seit 1939 er­gänzt durch den Titel Kö­nigin und seit den 1960er Jahren durch die Beifü­gung Siege­rin.

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Quelle des Fotos: Wikimedia Commons / gemeinfrei (abgerufen 03.03.2018)

Karl Joseph Kardinal Schulte (* 14.9.1871 auf Haus Valbert bei Oedingen, † 10.3.1941 in Köln) – Priesterweihe 22.3.1895 in Paderborn – Bischofsweihe zum Bischof für das Bistum Paderborn 19.3.1910 – Bischof von Paderborn 1910–1920 – Erzbischof von Köln 1920–1941 – Kardinal 7.3.1921

Obwohl Karl Leisner Karl Joseph Kardinal Schulte nicht expressis verbis in seinen Tagebüchern und Briefen erwähnt, hat er gewiß erfahren, daß dieser Clemens August Graf von Galen als Nachfolger von Erzbischof Dr. theol. Johannes Poggenburg († 5.1.1933) am 28. Oktober 1933 zum Bischof weihte.
Mit Sicherheit hat Karl Leisner als Diözesanjungscharführer den Kardinal wahrgenommen, als Bischof Clemens August Graf von Galen diesen im Einsatz für die katholische Jugend zitierte.

Bischof Clemens August Graf von Galen:
An der Grenze unseres Bistums, in der Industriestadt Essen, ist am 31. März 1935 in öffentlicher Versammlung behauptet worden, daß die Füh­rer der katholischen Jugendvereinigungen diejenigen seien, „die immer gegen Deutschland sind“. Es ist die ungeheuerliche Anklage hinzu­gefügt worden: „Es geht ihnen nicht um Religion, es geht ihnen um ihren Posten. Sie behaupten, sie dienen der religiösen Erziehung, aber sie dienen kei­nem anderen Gott, als ihrem Bauch.“ Die in den Diözesan­ver­bänden der Diözese Münster zusammengeschlossenen katholischen Jugendver­eini­gungen stehen unter der Führung des Bischofs und der von ihm bestell­ten Diözesanpräsides. Der Bischof ernennt die geistlichen Präsides und be­auftragt sie mit der Führung der einzelnen Vereine. Diesen zur Seite ste­hen bewährte, opferwillige Vereinsvorstände aus dem Laien­stande.
Jene Behauptung und Anklage richtet sich also gegen die deutschen Bischöfe, gegen die von ihnen beauftragten Priester und deren treue Laien­helfer. Diese Feststellung genügt, um sie zu widerlegen und vor der Öffentlichkeit zurückzuweisen. Denn das katholische Volk weiß, daß seine Bischöfe und Priester die treuesten Söhne des deutschen Vaterlandes sind, welche sich vor Gott verpflichtet wissen, unablässig sich zu bemü­hen, die ihnen anvertraute Jugend zu glaubensfrohen und darum grund­satzfesten Christen und damit auch zu zuverlässig treuen und opferberei­ten Gliedern der deutschen Volksgemeinschaft heranzubilden. Das katho­lische Volk weiß, daß die Priester und ihre Laienhelfer fast ausnahmslos die mühevolle Leitung der katholischen Vereine ehren­amtlich, unentgelt­lich und unter freiwilliger Aufopferung ihrer Freizeit leisten, und daß nur an den zentralen Geschäftsstellen wenige sorgfältig ausgewählte und in selbstloser Arbeit erprobte Personen hauptamtlich und gegen Entgelt zur Unterstützung der Vereinsarbeit und Herausgabe des Schrifttums beschäf­tigt sind. Deutsche Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit verlangen, daß leicht­­­fertig öffentlich ausgesprochene Ehrabschneidung und Beleidi­gung ebenfalls öffentlich widerrufen und gesühnt wird.
Den Führern und Mitgliedern der unter Leitung des Bischofs stehenden Jugendvereinigungen sagen wir mit den Worten unseres Metropoliten, des Kardinals Schulte, Erzbischof von Köln:
„Das Wort des Heiligen Vaters in seiner Osterbotschaft an unsere deut­sche katholische Jugend mache ich mir zu eigen: ‚Euere Sache ist unsere Sache.‘ Ich tue es als katholischer und deutscher Bischof; denn ich weiß, daß eine in katholischen Jugendvereinen religiös gefestigte, kirchlich treue Jugend zugleich wertvolles Glied im deutschen Volke und zuverläs­siger Schutz des deutschen Vaterlandes in guten und in bösen Zeiten ist. Darum verdienen auch die geistlichen und weltlichen Leiter unserer Ver­eine, die sich so opferwillig um die von der Kirche ihnen anvertraute Jugend bemühen, den Dank nicht nur der Kirche, sondern auch des Vater­landes. Sie haben wahrhaftig nicht nötig, gegen den Vorwurf vertei­digt zu werden, ihr Eintreten für die katholischen Jugendvereinigungen gehe aus niedrigen eigennützigen Beweggründen hervor“.
Gottes Segen und der katholischen Eltern begründetes Vertrauen möge auch ferner den Bestand und das segensreiche Wirken unserer bewährten katholischen Jugendvereine sicherstellen.
Vorstehendes Schreiben ist am Palmsonntag, dem 14. April [1935], beim Gottes­dienst zu verlesen.[1]
[1] s. Löffler, Peter: Bischof Clemens August Graf von Galen. Akten, Briefe und Predigten 1933–1946, 2 Bde., Paderborn 21996 Bd. I: 189–191

Karl Joseph Kardinal Schultes Einsatz für das Saarland ist bereits in den Ausführungen zu Bischof Wilhelm Berning erwähnt.

Tagebucheintrag
Münster, Freitag, 27. Januar 1939

Altslawische Liturgie von P. Prior [Dom Théodore Belpaire OSB] von Amay [-sur-Meuse] in der Seminarkapelle [des Priesterseminars in Mün­ster]. Abends Vortrag von Kaplan Julius Tyciak: „Ostkirchliche Frömmig­keit“.[1] Sehr tief! – Sehr hohes Stimmchen![2] – Lichtbildervortrag vom Athos vor uns Theologen. 24.00 Uhr zu Bett.
[1] s. Tyciak, Julius: Östliches Christentum, Warendorf 1934, u. Der christliche Osten, Geist und Gestalt, Regensburg 1939
[2] Julius Tyciak hatte eine Stimmbandlähmung. Karl Joseph Kardinal Schulte von Köln hat ihn auf seinen Sprachfehler angesprochen: „Wenn ich Sie weihe, Herr Tyciak, wozu kann ich Sie dann brauchen?“ Tyciak antwortete: „Das weiß der liebe Gott.“

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Quelle des Fotos: Wikimedia Commons / gemeinfrei (abgerufen 03.03.2018)

Bischof Dr. phil. Johannes Baptist Sproll (* 2.10.1870 in Schweinhausen, † 4.3.1949 in Rot­ten­burg am Neckar) – Priesterweihe 16.7.1895 – Bischofsweihe zum Weihbischof für das Bistum Rottenburg 18.6.1916 – Bischof von Rottenburg 1927–1949 – wegen seiner öf­fentlichen Stellungnahme gegen das NS-Regime Verbannung ins Exil nach Krumbach (Diözese Augsburg) 1938–1945 – Eröffnung des Selig­spre­chungsprozesses 9.5.2011

Zu Bischof Johannes Sprolls Bedeutung aufgrund seines Widerstandes gegen Adolf Hitler für Karl Leisner siehe Aktuelles vom 11. Februar 2017 – Karl Leisner und Bischof Johannes Baptista Sproll.

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Quelle des Fotos: Wikimedia Commons / Author: Leonhard Veith / CC-BY-SA 3.0 (abgerufen 03.03.2018)

Bischof Dr. Albert Stohr (* 13.11.1890 in Friedberg, † 4.6.1961 in Seligenstadt) – Prie­sterweihe 19.10.1913 in Mainz – Bischofsweihe zum Bischof für das Bistum Mainz 24.8.1935 – Bischof von Mainz 1935–1961 – Jugendbischof 1937–1961

Die von Bernd Börger und Hans Schroer in ihrem Buch „Sie hielten stand. Sturmschar im Katholischen Jungmännerverband Deutschlands, Düsseldorf 1990″ (zit. Börger 1990) dargestellten Ereignisse haben Karl Leisner vermutlich sehr beeindruckt.

Sonntag, 22. September 1935
Bernd Börger:
Der neue Bischof von Mainz, Dr. Albert Stohr, wird Referent für Ju­gend­fragen des deutschen Episkopats.[1]

18./20. August [1936]
Bernd Börger:

Konferenz des deutschen Episkopats beauftragt den Bischof von Mainz, Albert Stohr, mit der weiteren Durchführung der Richtlinien Katho­lischer Jugendseel­sorge.[2]

Montag, 4. bis Dienstag, 12. Oktober 1937
Bernd Börger:
Schulungskurs über die Durchführung der bischöflichen „Richtlinien für die katholische Jugendseelsorge“[3] in Soden-Salmünster. […] Bei dieser Gelegenheit ein Generalpräsidium des Jungmännerverbandes; Vorarbeiten für den Aufbau einer amtlichen Reichsstelle für Jugendseelsorge; Dr. Albert Stohr, Bischof von Mainz, Ju­gendreferent des Episkopats.[4]

Dezember 1937
Bernd Börger:
Einrichtung einer Reichsstelle zur Förderung der ge­samten Jugendseel­sorge unter Leitung des Bischofs von Mainz, Albert Stohr, Bildung eines
Beirats: Weihbi­schof [Albert Maria] Fuchs [aus Trier], [Hermann] Klens, [Ludwig] Wolker, [P. Ludwig] Esch [SJ].[5]

10.– 13. Mai [1938]
Bernd Börger:

Jugendseelsorge-Konferenz unter dem Vorsitz des Bi­schofs von Mainz [Al­bert Stohr] in Neusatzeck bei Brühl in Baden: – Leitsätze zur Glau­bens­­­ver­kündigung an die heran­wachsende Jugend. – Die Jugend­predigt.[6]
[1] Börger 1990: 274
[2] Börger 1990: 275; Wortlaut s. 8. u. 9.1.1936
[3] s. 8./9.1.1936 Richtlinien
[4] Börger 1990: 276
[5] Börger 1990: 276
[6] Börger 1990: 277

Es wird Karl Leisner als Liebhaber der Gemeinschaftsmesse, die er auch als Guardinimesse bezeichnet, nicht entgangen sein, was Karl Kardinal Lehmann in seinem Aufsatz „’Dominus fortitudo – Der Herr ist meine Stärke.“ – Bischof Dr. Albert Stohr (1890–1961) – Hirte in schwieriger Zeit“’ wie folgt beschreibt:
„[Es] wird verständlich, warum die Fuldaer Bischofskonferenz im Jahr 1940 den Mainzer Bischof [Albert Stohr] zum Jugendreferat hinzu mit der Leitung einer ständigen „Liturgischen Kommission“ betraute, eng verbunden mit dem Passauer Bischof Simon Konrad Landersdorfer OSB (1936–1968). Dabei ging es vor allem um die „Richtlinien“ für die „Gemeinschaftsmesse“. So hat Bischof Stohr – was hier nicht näher aufgezeigt werden muss – an den „Richtli­nien der deutschen Bischöfe zur liturgischen Gestaltung des pfarr­li­chen Gottes­dien­stes“ (1942), am deutschen Psalterium von 1949/50 (durch Romano Guardini übersetzt), an der Neuordnung der Heiligen Woche und an den Vor­arbeiten der Brevierreform einen wichtigen Anteil gehabt.“ (URL http://www. regio­nalgeschichte.net/bibliothek/texte/aufsaetze/lehmann-dominus.html – 3.1.2012)

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Quelle des Fotos: privat

Bischof Heinrich Wienken (* 14.2.1883 in Cloppenburg, † 21.1.1961 in Berlin, beigesetzt auf dem Friedhof von Cloppenburg) – Abitur in Vechta 1904 – Theologiestudium in Innsbruck/A 1904–1908 – Eintritt ins Priesterseminar in Münster 1908 – Priester­weihe 5.6.1909 in Münster – Ernennung zum Koadjutorbischof des Bi­stums Meißen mit Sitz in Bautzen 23.2.1937 – Bischofs­weihe am 11.4.1937 in Mün­ster durch die Bischöfe Clemens August Graf von Galen u. Konrad von Prey­sing – Tätig­keit in Bautzen bis November 1937 – Durch die Rückkehr des von den Nationalsozialisten verhaf­te­ten und verurteilten Bischofs Petrus Legge fühlte er sich über­flüs­sig in Bautzen. Am 15.10.1937 wurde er von seinen Pflichten als Koad­jutor entbunden. Er leitete von Dezem­ber 1937 (vorgesehen war schon der 13.1.1937) bis zum 9.3.1951 in Berlin das Kom­missa­riat der Fuldaer Bischofs­konferenz, Wichmannstr. 14, und hielt dort die Kon­takte zum Reichs­­­sicherheits­hauptamt. An­schlie­ßend übernahm er bis zum 21.8.1957 das Amt als Bischof von Meißen.

Zu Bischof Heinrich Wienkens Bedeutung für Karl Leisner siehe Aktuelles vom 14. Februar 2018 – Vor 135 Jahren wurde Bischof Heinrich Wienken geboren.

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Jürgen Moltmann:
Karl Rahner hat gesagt, es habe immer Helden in der Kirche gegeben, aber nie eine heldische Kirche.[1]
[1] CHRIST IN DER GEGENWART vom 29. Oktober 2017, Nr. 44: 486

Es hat die KZ-Priester tief gekränkt, daß Nuntius Cesare Orsenigo und manche deutsche Bischöfe sie als „Martyrer der Dummheit“ bezeichnet haben.

Siehe Aktuelles vom 10. Dezember 2013 – Sind die KZ-Priester „Martyrer der Dummheit“?