Willi Leisner und die Verhaftung seines Bruders Karl am 9. November 1939

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Foto IKLK-Archiv

Willi Leisner 1939

Nach der Beschlagnahme der Tagebücher seines Bruders Karl und seiner eigenen am 29. Oktober 1937 durch die Gestapo führte Willi Leisner kein Tagebuch mehr, sondern machte Notizen in seine Kalender.

 

Am 9. November 1939 stellte er die Verhaftung seines Bruders mit einem Gitter dar:

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Vermutlich haben spätere Eintragungen ähnlicher Art mit Briefkontakten zu seinem Bruder zu tun:

November 1939

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Dezember 1939

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Karl Leisner aus dem Gefängnis in Freiburg/Br. (Johanniterstraße 8) am 15. Dezember 1939 an sei­nen Bruder Willi, den er im Studium in Bad Frankenhausen vermutete:

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Herrn Willi Leisner, cand. ing.
Bad Frankenhausen (Kyffta), Brauhausgasse 3
[1]
Kleve/Ndrh., Flandrischestraße 11
Meine brüderliche Liebe!
Dank Dir für Deine beiden Grußkarten, die Du trotz Deiner angestrengten Arbeit noch Deinem „Brüderle“ (hier schwäbelt’s) in die Gefangenschaft schriebst! – Ja, was einem nicht alles auf diesem Globus passieren kann. – Sonst kann ich mich nicht beklagen – abgesehen davon, daß man halt Git­terstäbe vor dem Blick zum freien Himmel hat. Ärztliche Versorgung: gut; Essen: ist halt „Gefangenenkost“, aber als altgedienter Am [Arbeitsmann im RAD] aus dem Emsland findet man sich auch damit ab. „Seelenlage“: Aus­geglichen und frohgemut. Körperlage: Meist horizontal (Liegekur). Ge­wicht: Einige Pfünder weniger. – Jetzt weißt Du also alles. Wann ich hier „los­komme“, weiß ich so wenig wie Du. Wenn wir uns an Weihnachten daheim träfen, wär’s ja a rechte Christkindsfreud! Wol­len’s hoffen. Si non [Wenn nicht] – na ja, dann eben nicht! – Primiz werden wir halt später feiern, wenn Gott will. – Sollte ich Weihnachten noch hier sein, werde ich’s genauso froh und glücklich begehen wie allzeit daheim. – Äußer­lich etwas bescheidener, aber auf den inneren Glanz kommt alles an! – Also auf jeden Fall Dir gute Gesundheit – bei Deinem nächtlichen Schaf­fen, über­treib’s mir nicht! – und frohe Weihnacht und guten Start ins Neu­jahr und neue Jahrzehnt.

Frater Tuus capt. [captivus] Carolus [Dein gefangener Bruder Karl]

[1] Willi Leisner war bei Ankunft des Briefes bereits von Frankenhausen nach Kleve abgereist; daher hat man ihm den Brief dorthin nachgeschickt.