Zum Namenstag ein Zingulum

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Elisabeth Ruby schenkte Karl Leisner zum Namentag ein selbstgewebtes Zingulum.

 

Das Zingulum sollte zum 4. November 1939, dem Fest des hl. Karl Borromaeus, in St. Blasien ankommen, wo sich Karl Leisner zur Ausheilung seiner Krankheit im Lungensanatorium Fürstabt-Gerbert-Haus befand. Auf Grund seiner Verhaftung am 9. November erhielt er das Päckchen erst im Gefängnis von Freiburg.

Mangels eines Tagebuches schrieb er in sein Missale:
Freiburg, Donnerstag, 23. November 1939
Wieder ein Prachtwetter. Paket von Für­stabt[-Gerbert-Haus] da![1] Hier zum ersten Mal wie­der selbst rasiert! – Nach dem Mittag bringt mir ein al­lerliebstes Rotkehl­chen ein Ständ­chen. Elisa­beth [Ruby] schickte mir ein Zingu­lum zum Na­menstag. Es kam mit aus St. Blasien.[2] So­viel Freude!

[1] Vermutlich hat man Karl Leisner persönliche Dinge ins Ge­fängnis nachge­schickt.
[2] Elisabeth Ruby hatte das Zingulum in Radolfzell gewebt und es Karl Leisner von dort zum Na­menstag (4.11. Karl Borro­maeus) nach St. Bla­sien ge­schickt. Das Webholz existiert noch in der Familie Becker-Flügel.
Burkard Sauer aus Nordheim/Main am 26.2.1975 an Familie Wilhelm Leisner:
Ich habe seinerzeit das Zingulum von Karl erhalten. Das schicke ich hiermit zurück, nachdem ich es heute letztmals benutzt habe. Es wird dort wohl eine bessere Erinnerung sein als hier.

Freiburg, Sonntag, 26. November 1939
Elisabeths Zingulum be­schaute und erprobte ich. Gott, wie gute Menschen hast Du mir ge­schenkt. – Von daheim kam ge­stern Post. Sie sind in Gott getrost! Das war meine ärgste Sorge.
Gott, wie erhaben, mächtig, wundertätig und groß bist Du, Du meine Liebe, ich danke Dir!

Karl Leisner am 1. November 1941 aus Dachau an Familie Ruby in Freiburg:
Verehrte, liebe Mutti Ruby und liebe Elisabeth!
Zu Euerm Namenstag [am 19. November] möchte ich Euch aus frohem Herzen Glück und allen Segen Gottes wünschen. Zwei Jahre sind’s her, daß Dein Zingulum, Elisa­beth, mir zur Johannisstraße [Johan­niterstraße ins Gefängnis nach Freiburg] nachgesandt wurde. Im Geiste des Sichgür­tens [vgl. Ex 12,11; Joh 21,18; Eph 6,14] hab’ ich die Zeit gut genützt und danke Euch immer wieder für den Trost und die Freude, die Ihr mir schenktet. Gebe der Herr Euch die Kraft, Seine Opfer zu tragen.

Es ist verständlich, daß sich zahlreiche Legenden um dieses Zingulum gebildet haben. Die Legendenbildung beginnt bereits in der von Pater Otto Pies SJ 1950 verfaßten Biographie über Karl Leisner[1]:

[1] Otto Pies: Stephanus heute – Karl Leisner, Priester und Opfer, Kevelaer 1950

Eben die Seele [Elisabeth Ruby], deretwegen er vor Jahren so heftige Kämpfe um den Beruf und den Verzicht auf irdische Liebe und Familienglück durchgefochten hatte, schickte ihm in das Gefängnis als Zeichen des Gedenkens und Verstehens ein Weihnachtsge­schenk. Nicht war darin ein Tannenzweig oder Gebäck oder Sonstiges, was man zu solcher Zeit schenkt. Nein! Karl hielt in seinen Händen ein Cingulum, einen zu den priesterlichen Gewän­dern gehörenden Gürtel, auf den die Worte gestickt waren: vinctus Christi = Gefangener Christi.[1]

[1] ebd.: 104

Pater Otto Pies SJ kannte die Begebenheit vermutlich aus Karl Leisners eigenen Erzählungen, hatte aber nicht mehr den Anlaß für das Geschenk präsent, den Namenstag Karl Leisners.

Hein­rich Tenhumberg, der Bischof von Münster und Kursgenosse von Karl Leisner, sagte in einer Ansprache im Bayrischen Rundfunk zum Sonntag, dem 19. März 1978, unter dem Titel: KATHOLISCHE WELT – Gefangener für Christus – Das Zeugnis des Diakons Karl Leisner:
Sieben Jahre später schickt sie [Elisabeth Ruby] ihm ein handgearbeitetes Zingulum ins Freiburger Gefängnis. Ein Zingu­lum, das ist ein Strick, mit dem der Priester sich für den Dienst am Altar gürtet. Darauf hatte sie die Worte gestickt „Vinctus in Domino – Gefesselter für den Herrn!“ Zwei junge Menschen opfern ihre junge Liebe dem Herrn.

Das klingt beeindruckend, wenn man bedenkt, wie sehr Karl Leisner gerungen hat, ob er Elisabeth heiraten und mit ihr eine Familie grün­den solle. Doch statt sich an sie zu binden, blieb er dem Ruf zum Priestertum treu und band sich an Chri­stus, wurde sein „Gefangener“. Elisabeth Ruby hat Karl Leisner in seinem Wunsch, Priester zu werden, unterstützt. Das Zingulum ist noch erhalten, aber es befindet sich darauf keine Stickerei.

Pfarrer Josef Perau am 8. Mai 1974 an Dr. Emil Spath vom Informationszentrum Berufe der Kirche in Freiburg:
Ein Schwager Karl Leis­ners, Herr Rektor [Wilhelm] Haas, hat in den Osterferien in Freiburg und St. Blasien unmittelbare Zeugen der Verhaftung und Haftzeit besucht und festgestellt, daß einiges nicht genau stimmt, was Otto Pies S.J. in seiner Biographie: Stephanus heute, wahr­scheinlich nach Erzählungen K. L. berichtet. So auf Seite 104. Die beteiligte Dame [Elisabeth Ruby] weiß sicher, daß sie die Worte „vinctus Christi“ nicht auf das Zingulum gestickt hat. Wohl haben beide die Symbolik des Geschenkes so verstanden.

René Lejeune erwähnt in seiner Biogra­phie über Karl Leisner[1] zwar keine Stickerei, verwechselt aber, vermutlich gestützt auf das Buch von Otto Pies, ebenfalls den Anlaß für das Geschenk:

[1] René Lejeune: „Wie Gold im Feuer geläu­tert“, Hauteville 1991

An Weih­nachten bekam er ein Päckchen mit einem kostba­ren Geschenk, das einen großen Symbolwert hatte: Ein geflochtener Stoffgürtel für das priesterliche Gewand: das Zingulum. Elisabeth hatte dieses Zingulum angefertigt.[1]

[1] ebd.: 210

Die Legende ver­breitet sich weiter und verändert sich noch. Das „Informationszentrum Berufe der Kirche“ in Freiburg hat 1996 im Heft 34 „Berufung – Zur Pastoral der geistlichen Berufe“ auch über Karl Leisner berichtet. Dort heißt es unter anderem:
Später – Leis­ner ist Diakon – kreuzen sich die Wege [von Elisabeth Ruby und Karl Leisner] nochmals. Der Ort der Begegnung ist das Freiburger Ge­fängnis. Zu Weihnachten überreichte sie ein Zin­gulum mit den aufgestickten Worten „Vinctus Christi“. Und er ist wirklich ein „Gefangener Chri­sti“, der seine Berufung und Entscheidung bis in die letzte Konsequenz durchträgt…[1]

[1] Berufe der Kirche, Freiburg 1996, Heft 34: 50

Es ist bemerkenswert, daß die Pfingsten 1943 gegründete Schönstattgruppe im KZ Dachau in der Fa­stenzeit 1944 den Namen „Victor in vinculis“ an­nahm und diese Worte auch in den Bischofsstab geschnitzt sind, den Karl Leisners französischer Mithäftling im KZ Dachau, Bischof Gabriel Piguet von Clermont, bei dessen Prie­sterweihe verwendet hat.

Ein Zingulum ist ein Gürtel, mit dem das weiße Untergewand des Priesters, die Albe, geschürzt wird. Früher sprach der Priester Gebete beim Anlegen der Meßgewänder.

Joseph Lechner, Ludwig Eisenhofer:
Das Gebet, welches bei der Anlegung gesprochen wird, faßt das Zingulum, weil es die Lenden, den Sitz der Begierlichkeit, einschnürt, als Symbol der Keusch­heit auf.[1]

[1] Joseph Lechner / Ludwig Eisenhofer: Liturgie des römischen Ritus, Freiburg 1953: 117

Das Gebet lautet:
Praecinge me, Domine, cingulo fidei et virtute castitatis lumbos meos, et exstingue in eis humorem libidinis; ut jugiter maneat in me vi­gor totius castitatis. –
Umgürte meine Lenden, Herr, mit dem Gürtel des Glaubens und der Tugend der Keuschheit, und lösche in ihnen die Glut der Begierde, damit die Kraft der vollkommenen Keuschheit immer in mir bleibt.

Der belgische Zeichner Didgé hat im Comic „Victor in Vinculis – Sieger in Fesseln“ den Erhalt des Zingulums in folgenden Szenen dargestellt:

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